Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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j-yfies*imv^i3anrKSB^mesaamaBmm‘'iSK «»«kdsENMMMSMS e*ot 194 OeNerrelrtzt^L ÜDonicnlüittu. 'Jlx. 11 verursacht, die bösartigsten Krankheiten in ihrem Heim auszusuchen. und zu diesem Werk: bedarf es wahrhaftig einer nicht geringen Selbstlosigkeit. Mit vollein Rechte führt daher unsere Vereinigung den Namen „Chewrah Kadischi", den Namen der „heiligen Brüderschaft". Der schwere Beruf, den dieser Verein sich erwählt, ist in Wahrheit ein heiliger Beruf! Ich kann nicht umhin, bei diesem festlichen Anlässe mit Bedauern eines Umstandes zu erwähnen, den ich selbst seit fünfundzwanzig Jahreil bekämpfe. Es ist dies die Classeneintheilung, welche noch immer bei der Beerdigung als Norm vorherrscht. Nicht genug daran, daß eine arme Familie, um ihr! Dasein zu fristen, die größten Kämpfe dllrchzumachen hat, daß sie schon unter den Ungleichheiten des Lebens schwer zu leiden hat, so muß sie auch bei dem Tode eines geliebten Angehörigen den Schmerz erfahren, daß diese Ungleichheit auch noch über das Grab sorlbcsithet, daß manche Formen, welche bestimmt sind, den Schmerz der Ueberlebenden zu mildern, dem armen Manne versagt bleiben. Ich nehme keinen Anstand, zu erklären, daß eine solche Classifizi-ung unjüdisch ist, dem Geiste des Mosaismus widersprich: und gegen alle unsere heiligsten Traditionen verstößt! Bedenken Sie, daß gerade in dem weniger wohlhabenden Theile unserer jüdischen Bevölkerung ein ungleich geschärfterer Familiensinn, eine größere Familienanhänglichkeit und Familienlieöe vorherrscht, daß demnach besonders in diesen Kreisen eine formlosere Beerdigung eines verstorbenen theueren Angehörigen um so verletzender empfunden wird. Seil 25 Jahren kämpfe ich gegen diesen Uebelstand an und die Beseitigung desselben war bis nun unmöglich, weil die sinanciellen Verhältnisse der Gemeinde es nicht gestatteten, ans die mit der. Classen-Emtheilung unlöslich verbundenen Einkünfte aus dem B ecrdigungswesen zu verzichten, nachdem das alte Gemeindestatut einer Erhöhung der directen Steuerquellen eine unbillige Schranke gesetzt hat. Ich darf aber auch mit Befriedigung hinzufügen, daß das neue Gemeindestatut die Möglichkeit bieten wird, den Todten nicht mehr als ein Speculationsobject betrachten zu müssen. Ich kann Ihnen hiebei gleichzeitig die erfreuliche Mittheilung machen, daß das neue Gemeindestatut von der Statthalterci bereits genehmigt ist und nunmehr dem k. k. Ministerium vorliegt. Die von gegnerischer Seite ausgegangenen Angriffe gegen das Judenthum haben innerhalb des Vorstandes naturgemäß auch zu Erwägungen über die Fortschritte des Antisemitismus Anlaß gegeben. Bis zum vorigen Fahre hat der Vorstand ans die Bestrebungen der Antisemiten vornehm herabgesehen. Erst Heuer hat derselbe Schritte unternommen, um jene Bestrebungen kräftig und mit Erfolg zu bekämpfen. Der Vorstand ist sich seiner Pflichten voll bewußt und wird sie nicht mehr außer Acht lassen. . Allein nicht blos dem Vorstande, sondem jedem Angehörigen unseres Bekenntnisses legen diese Rücksichten auf die Außenwelt moralische Verpflichtungen auf. Jeder muß sich stets vor Augen hatten, daß von seinem sozialen und geschäftlichen Bettagen nicht die Beurtheilung seiner eigenen Person allein, sondern der ganzen Glaubensgemeinschaft bedingt ist. Das Lol jisroel arewim se bse ist fjeute noch eine Wahrheit, an welche wir nie vergessen dürfen. Unsere Feinde legen an uns den strengsten sittlichen Maßstab an und wir müssen diese Prüfung bestehen. Unsere vier-tausendjährige Civilisation, die Familientugenden unseres Volkes geben ein Anrecht darauf, daß wir diesen höheren sittlichen Ansprüchen entsprechen. Meine Herren! Immer und immer wieder wird sich aus allen: Jrrthum, aus allem Haffe und aller Mißachtung unter unseren andersgläubigen Mitbürgern die Erkennmiß hindnrchdrängcn, daß das jüdische Volk sich das größte Verdienst um die zivilistrte Menschheit erworben hat, indem es den Völkern die Religion gab. Und ist es nicht merkwürdig, daß ein Volk, welches durch 2000 Jahre verfolgt, unterdrückt und geknebelt wurde, in dem kurzen Zeiträume von 40 Jahren eine so hervorragende sociale Stellung errungen und so glänzende Leistungen auf allen Gebieten des geistigen Lebens in der Wissenschaft Literatur, Kunst und Industrie hervorgebracht hat? Indessen genügt es nicht dem Judenthume anzug'hören durch das Bekenntniß, wir müssen im Leben selber die moralischen J)een des Judenthums in uns und durch uns der Well vor Augen führen, wir müssen ttachten, auch in jeder anderen Hinsicht treue und nützliche Glieder des Staates zu sein. Der Patriotismus ist dem Charakter der Juden tief eingeprägt. Blicken wir nach Frankreich, nach Deutschland: die jüdischen Bewohner sind gute Franzosen, gute Deutsche. Ich erinnere mich aus meiner Feselliwe-Zeit, mit welchem Stolz wir Jünger aus Mähren uns von den ungarländischen abgeschlossen haben, ob es diesen gleich viel besser erging. Wir waren stolz auf unsere Heimat und wenn diese patriotische Treue im Allgemeinen und selbst dort zu finden ist, wo die Juden unter dem Drucke harter Ausnahms-Gesetze seufzen und keinen Anlaß haben, dem Gouvernement besonders dankbar zu sein — um wie viel mehr ist dieses Gefühl in uns Juden der habsburgischen Monarchie lebendig gegenüber einem Kaiser, der uns die Emancipation gebracht hat, dessen Pflichttteue uns Alle mit Bewunderung erfüllt. Wie viel Schmer; nnd Trauer ist auf das edle Herz unseres geliebten Monarchen eingestürmt, und dennoch sehen wir ihn aufrecht stehen, uns voranleuchtend in der treuesten Erfüllung seiner hohen Pflichten! Was ist es, das diesen edlen Herrscher aufrecht hält in Erfüllung seiner großen schweren Aufgaben? Es ist die grenzenlose, aus der Tiefe des Herzens quellende Pflichttteue, welche das Bindemittel ist, zwischen Gott und dem Menschen, die Stufenleiter, die zu Gott cmporführt. Redner erinnert an das Verhalten des Kaisers gegen Italien und gegen die Hohenzollern und bemerkt schließlich: „Nicht durch das Predigen guter Lehren werden die Menschen gebessert, sondern durch ein vorbildliches Leben, auf welches Alle wie aus ein ideales Bild ausschauen, dem sie nachstreben und nacheifern. So übt vor Allem das edle Beispiel unseres Landesvaters eine segensreiche, ausftamnlende Wirkung auf alle Kreise der Bevölkerung. Uns aber muß das zur innigsten Dankbarkeit und zur vollsten Hingebung für unseren erhabenen Kaiser anregen. Ich entspreche gewiß den freudigen Gefühlen, die Sie Alle in diesem Augenblicke beseelen, wenn ich mein Glas erhebe und Sie auffordere, mit mir anzustoßen auf das Wohl unseres geliebten Monarchen. Kaiser Franz Josef lebe hoch! hoch! hoch!" Die beiden Obercantoren der Wiener isr. Kultusgemeinde intonirten btc österreichische Volkshymne, welche die ganze Versammlung stehend begeistert mitgesungen. „Das heilige Lachen." Ansprache gehalten bei dem Brndermahl der Chewra-Kadischa ain 6. Märj 1892 (7. Adar 5652) von Oberrabbiner Dr. At. Güdemann. Indem ich das Wort ergreife, muß ich zunächst mein Bedauern darüber ausdrücken, daß mein verehrter College Dr. Jellinek, dem an meiner Stelle das Wort gebühren würde, nicht anwesend ist, sondem krank in der Ferne weilt, und ich bin überzeugt, daß Sie dieses Bedauern theilen. Ich fteue nlich aber, hinzufügen zu können, daß es ihm besser geht, und wir wollen hoffen, daß er bei der nächsten Chewra-Sßuda seinen Platz an dieser Tafel und in der Reihenfolge der Redner wieder einnehmen wird. Ich wende mich jetzt meinem Gegmstande zu, und das sind Sie selbst, meine Herren, Sie und die abwesenden Mitglieder, um mit der Bibel zu sprechen, „die heute hier mit uns versammelt sind und die heute nicht unter uns weilen", welche letztere zu meinem Bedauem die Mehrzahl bilden. Vielleicht kann ich dazu beittagen, daß unsere Mitglieder ein anderes Mal auch sämmtlich Mitgaste an dieser Tafel sind. Darum will ich mir erlauben, einige Worte über die Bedeutung der Chewra-Kadischa und auch der Chewra-Sßuda zu sagen.