Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite IdO Oestrrreichlfche Wochenschrift Nr. 11 affarre zu machen. Bekanntlich wurde auch der Charkower Buchhalter T o nra d von M a n ns ch a f t e n des g e u a n n 1 e n Re g i in e n 1 s ermordelundberaubt. Petersburg, 29. Februar. Der Reichsrath hat den Gesetzentwurs, wonach die jüdischen Stadtverordneten in keiner Stadt Rußlands mehr als den fünften Theil des ganzen Collegiums bilden dürfen, angenommen, lieber Ausnahmefälle hat nur der Minister des Innern zu bestimmen. Belarad. Unter den zwölf Handelsrichtenr Serbiens befinden sich zwei Israeliten. Im höheren Staatsdienstsind gegenwärtig drei Israeliten: Herr Davidsohn, Staatssekretär im Ministerium des Aeußern, Herr Baruchitsch, Beamter im Ministerium des Innern, Herr Coen, Abtheilungschef in der Verwaltung der Residenz. — Tie Polenblälter melden ans Lublin, es werde neuerdings mit Masfeiiausweisungen von Juden aus den Gemeinden der dortigen Gouvernements begonnen. Braila. Die hiesige jüdische Cultusgemeinde unter dcm Vorsitz des hochgeehrten Herrn M. Wechsler veranstaltete am 16/30. Zänner einen Ball zu Gunsten der jüdischen schwarzmännischen Schule, welche 335 arme jüdische Kinder auf dem Pfade der Religion, Wissenschaft und Sittlichkeit heranwachsvr läßt. Der Reingewinn dieses Balles war^5490 Fr. Das Verdienst, daß der Ball solchen Etlrag brachte, gebührt den ehrenwerrhen Herren G. Rosenzweig sammt seiner edlen Gemahlin, B. Weintraub, Herren Leon Halpern, Sommer undIaneuSchwarzmann. Auch unser Präscct Herr G. Mowile wohnte dem Ball bei und zeigte der antisemitischen Welt, daß er über Zud.n anders denkt. J. P. Coustantinovcl, 25. Februar. Dr. Mentes ch B ey ist zum Ober st und Major Moise D a t m e d i g o zum O b e r st l i e u 1 e n a n t d.r k aiscrl i ch en Marine befördert worden. Adriauopel. Die jüdisch-historische Gesellschaft in unserer Stadt hat den ehrwürdigen Ob.-Rabbincr Abraham Danon, der gelehrteste Rabbiner der Türkei, zu ihren Präsidenten ernannt. Algier, Februar. Das Consistorium mußte eine Nachtherberge für die Flüchtlinge errichten die rinsere Stadt überschwammen, da diese Armen bisher gezwungen waren in der Syragoge, namentlich im Tempel Sugenheinr, Unterkommen z,« stnden. Ren B> k. 20. Februar. Der Baron de Hirsch-Fonds in Philadelphia hat 33 russisch-jüdische Fantilien als F a r m e r an der Woodbine-Bahn bei Cap May engesiedelt aus einem 5000 Acres umfassenden Areal, von denen 800 bereits iheilweise bepflanzt sind. Feuilleton. Dqp alkq Baruch. i. ES war an einem heißen Julitagc. Der Himmel schaute in wolkenloser Bläue auf die frommen B wohner von Madrid herab, von welchen diesmal wohl jeder seinen Schutzheiligen um labenden Regen anflehen mochte, welcher der unerträglichen Hitze ein Ende machen sollte. Auf den Straßen bewegte sich fast fein Mensch; nur äußerst se.ten sah man irgend ein zerlumptes Weib oder einen alten Bettler cuf dem glühenden Pflaster stehen! Desto auffälliger mußte es sein, gerade um die Mittagsstunde zwei Männer auf demselben gehen zu sehen, welche ihrer Kleidung nach zu den wohlhabenden Handwerkern zu gehören schienen. Der ältere von ihnen mochte wohl fünfzig Jahre zurückgelegt haben; doch schien seilt austechter, rascher Gang, seine gerade Haltung und die Lebhaftigkeit seiner Bewegungen diese Ziffer Lügen zu strafen. Der Jüngere mochte wohl nicht halb so alt als sein Begleiter sein ui'.d die geraden Linien seines regelmäßigen Gepchtes zeigten keinen selbstständigen Ausdrttck; nur war es auffallend, daß er beim Lachen zwei Reihen blendend weißer, raubthierartlger Zähne sehen ließ. Sie waren so sehr in ein lebhaft geführtes Gespräch vertieft, daß sie der Sonne kaum zu achten schienen, welche sich gleichsatti aus Rache dafür durch verdoppelte Hitze zu entschädigen schien. „Höret. Meister Antonio", begann der Jüngere mit klarer, vernehmlicher Stimme, welche er sich zu dämpfen bemühte, damit Niemand etwas vom Gespräche vernähme. „Ihr möget sagen was Ihr wollt, es war nicht klug von Euch die Waffen anzukaufen. So klein auch der Preis war, welchen ihr dafür bezahltet und so verlockend die Gelegenheit, Ihr hättet bedenken sollen, daß Ihr es einem Ketzer abgekaust, Ihm durch Euer Geld den Weg zur Flucht bahnt. Und — heilige Jungfrau! — wenn es die Inquisition erführe. Nicht ein Maß Wein möchte ich für Euer Leben dann bezahle»;!" „So bist auch Du so feig, wie die Anderen?" rief der al' Meister Aiitonio angerede'.e Mann aus. „Hast auch Du keinen Muth? Oder achtest Du sie gar so sehr, die heilige Inquisition? Oder glaubst Du, daß die Waffen schlechter sind, weil sie ein Ketzer verfertigt? Unsinn! Geld ist Geld; und das Gold aus der Tasche eines Pfaffen glänzt nicht mehr als das (er bekreuzte sich unwillkürlich) eines Lutheraners!" Der Jüngere lachte. „Nicht doch, allein ich fürchte die Inquisition und ihre Spürhunde. Das ist eine triftige Ursache. Im klebrigen sind es die paar Goldstücke, welche ihr dafür bekommen möget, wohl nicht werth, daß Ihr Euer Leben und den guten Ruf Eurer Familie wagt!" „Und an dem letzteren liegt Dir besonders", rief Antonio lächelnd, „da Tu meine Tochter Anna, das schweigsame Kind, zu deinem Weibe machen willst. Vltcr erfahre, daß ich dieses Geld nicht etwa aus Geiz oder Habsucht für mich erwerben will, sondern es aehört Euch. Es soll die Summe vollmachen, »velche ich Anna als Erbe bestimmt und gelingt es mir, die Waffen gut zu verkaufen, so feiert Ihr nächste Ostern Eure Hochze.t!" Sie waren inzwischen bis zur Werkstatt Antonio's gekommen, welche zugleich der ganzen Familie als Wohnung diente. Sie b,stand aus drei geräumigen Zimmern, deren Wände mit Märtyrernnub Heiligenbildern bedeckt waren. Verschiedene Stoffe aus der Bibel hatten den Malern Gelegenheit gegeben Lust und Liebe für den Gegenstand, aber auch entschiedenen Mangel an Schönheitssinn zu zeigen. Oberhalb Antonio's Schlaistätte war ein großes, roh ausgearbeitetes Cruzisix, welches jedem Eintretenden sofort in die Augen fallen mußte, die Räume waren reinlich gehalten, alles sorgfältig abgeputzt, so das; nicht ein Stäubchen zu sehen war. Ueberall erkannte man, daß diesem Hausstande ein Weib Vorstand. Sie traten ein II. Man hörte die Glocken von der hohen Cathedrale herab einmal mit ihrer ehernen Stimme rufen, als Anna ihrem Vater melden korurte, daß das Essen bereit stünde. Freundlich folgte er mit ihrem Bräutigam Fernando dem jungen Mädchen. Während des Mahles wendete sich das Gespräch sehr bald auf eine Frage, tvelche damals die Gcmüther der ehrbaren Madrider Bürger gar gewaltig beschäftigte: auf das Treiben der Inquisition, auf die zahllosen Opfer, welche sie foroerte und Anna sagte: „Es hat den Anschein, als ob die Inquisition die größten Anstrengungen mache, uni Ketzer und Juden vollständig zu vernichten. Die Söhne der Inden sollen in das Heer, um für den König und den Sta7t, der ihnen doch nur Uebles zugefügt, ihr Blut zu vergießen. Mich dauern die armen Leute sehr. Kämpfen sie tapfer, so weiß man ihnen teuren Tank; kämpfen sie feige, so verhöhnt man sie. Insbesondere aber bedauere ich den alten Baruch — ihr kennt ihn ja, unseren Nachbarn — dem es geglückt ist, den Spürern und Häschern der Inquisition mit unbegreiflichem Glücke zu entkommen. Beim heiligen Thomas! wenn er ein Christ wäre, sr könnte man ihn einen edlen Menschen nennen. Der arme Marrn liebt seirren Sohn so sehr urld muß ihn nun verlieren!" „Doch ist es ihm ja erlaubt ihn loszukauseit", entgegnete Fernando. „Du spottest seiner! Der alte Mann verdient sich durch der« Zwischenhandel mit Waffen und anderen Geräthschaften kaum so viel, nm nicht verhungern zu müssen und Du.?" Sie sprach nicht zu Ende, denn sie hörte von der Straße her Schritte näher und näher kommen. Ihre Frage: „Wer kommt?" v.-rhallte in dem Aufschrei ihres Vaters und Fernando's, als diese in den Neuangekommenen Soldaten der Inquisition erkannten. „Antonio Be'quilos, ich verhafte Dich im Namen des Königs als einen Hochverräther, da Du wissentlich von einem Ketzer Waffen gekauft hast". Der Ossicier sagte dies laut und deutlich und winkte oen ibm folgenden Soldaten, welche Antonio sofort banden und sich zum Weggehen anschickten. Vergeblich lvaren die Bitten und Beschwörungen Anna's, die der Officier mit höhnischem Lachen zurückwies. Er verließ, nachdem Antonio gefesselt worden war, das Gemach. Anna trat schweigend aus dem Zimmer. Ihr Schmerz war so groß, daß sie denselben nicht einmal durch Thränen erleichtern konnte. Rathlos blickte Fernando ihr nach. Blitzschnell musterte er in ftinem Geiste alle Möglichkeiten Antonio zu befreien und alle verwarf er wieder als unmöglich oder unsicher. Da war es plötzlich, als ob ein Gedanke in ihm auftauchte, der besser war als die anceren. Er murntelte entschlossen: „So ist es vielleicht möglich ihn zu retten". Mit wenigen Schritten gelangte er vor eine rußgeschwärzte Thüre, an welcher er mehrmals heftig klopfte. Nach kurzer Zeit öffnete ihm ein Mann. Erstand vor dem alten Baruch. „Was wünscht Ihr von mir?" fragte erstaunt der Greis, indem er das aufgeregte Gesicht Fernando's betrachtete. „Nichts Geringes kantr Euch herführen!?" Rasch erzählte Fernando von der Verhaftung Antonio's, deren Ursache und sagte hierauf, ganz nahe zu Baruch tretend: „Ihr sollt ram auch wissen, weshalb ich mich an Euch gewendet. Ich bin bereit das Lösegeld zu bezahlen — hier, nehmt es! — welches euren Sohn vom Kriegsdienste besreit. — Doch verlange ich, daß Ihr die Schuld Antonio's aus Euch nehmt, daß Ihr sagt: Ihr hättet die Waffen selbst von dem entflohenen Ketzer gekauft, sie heimlich im Keller dieses Hauses,