Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020911--01194-3025221- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 186 Vrstrrretchischr Wochenschrift. Seite 11 führndm Industriezweigen, die auf den Vertrieb ihrer Erzeugnisse durch den Hausierer nahezu einzig und allein angewiesen sind, die ihre Fabrikation ohne den Detailverschleiß der Hausierer cinzustellen oder wesentlich zu reduciren bemüßigt wären. Wir erinnern nur an die Spitzmindustrie des böhmischen Erzgebirges, dessen Bewohner ohnehin am Hungertuche nagen, an viele Branchen der Glas-, Kurz-, Wirk-, Galanterie- und Metallwaaren-Jndustrie, deren Erzeugnisse ohne Hausierer nicht in den Cvnsum gelangen könnten. Die antisemitische Clique ist im Glauben, daß jeder und alle Hausierer Juden sind, weil sich in Wien, Prag, Brünn jüdische Hausierer herumtummeln. Dies entspricht jedoch nicht den Thatsachen. Statistischer Daten zufolge sind nur zweisiebentel der Hausierer Juden, während fünfsiebentel, also die große Mehrzahl, dem christlichen Glauben angchörert. Es ist demnach kein Ausfluß christlichsocialer Politik, die Hausier- und Wandergewerbe von dem Beneficium der Steuernachlässe grundsätzlich auszuschließen. Die Hausierer, die sich in Folge der geschäftlichen Stagnation in großer Nothlage befinden, dürfen mit vollem Rechte Anspruch machen, daß auch ihnen der Mehrertrag aus der Steuerreform in Form von Steuernachlässen zugute kommen, wenn auch oder twtzdem sich unter ihnen Juden befinden. Man darf daher der Erwartung wohl Raum geben, daß das Abgeordnetenhaus der odiosen Exemption der Hausier- und Wandergewerbe von der Wohlchat der Steuernachläsie seine Zustimmung nicht ercheilen werde. Wie«. Ein Skandalproceß, über welchen das „Deutsche Volksblatt" nicht berichten wird, spielte sich soeben ab in der Anhalt'schen Residenzstadt Dessau. Auf der Anklagebank saßen die bei der in der Tuch- Branche arbeitenden Firma F. A. Seiler, Hoflieferant, Inhaber Josef Seiler, beschäftigten Arbeiter Dettinger und Hut, die beide ursprünglich im Steinborn'schen Geschäfte, einem Concurrenten Seiler's, beschäftigt waren, später aber bei Seiler Unterkunft gefunden hatten; drittens der Aufseher Nickel, der, fmher in einer Spinnerei angestellt, ebenfalls für das Seilerffche Geschäft. engagirk wurde, ferner der Buchbindermeister Koch, fermer der Geschäftsführer Ganzer, der, früher Lehrer, wegen Unzucht mit Kindern mit 1V2 Jahren Zuchthaus bestraft, auf die Empfehlung des Zuchthausdirectors hin von Seiler in dessen Geschäft angestellt wurde und sich zu einer allmähligen Vertrauensstellung aufschwang, in der er frei über die Geschäftskaffe verfügte, die Löhne festsetzte, Arbeiter entließ ruck engagir-te, kurz die ganze Geschäftsleitung selbstständig in Händen hatte; und endlich der Chef der Firma, Josef Seiler und dcffen Reffe Paul Seiler. Die Anklage lautet gegen Dettinger und Hut auf Diebstahl, gegen Nickel und Koch auf Anstiftung zum Diebstahl, gegen Ganzer auf Anstiftung zum Diebstahl und Beihilfe zu gewerbsmäßiger Hehlerei, gegen Paul Seiler auf Anstiftung und gegen Josef Seiler auf Anstiftung zum Diebstahl und gewerbs- und gewohnheismäßige Hehlerei. Der Hauptangeklagte, Herr Hoflieferant Seiler, ist in Dessau eine Säule der Stöckerei und Muckerei; er ist Begründer von Jünglings- und ähnlichen christlichen Vereinen. Der Proceß hat nicht blos in Dessau, sondern in der ganzen deutschen Geschäftswelt enormes Aufsehen gemacht, schon als er ringeleitet wurde. Berlin. (Zur M o r a l - S t a t i st i k.) Der berüchtigte Antisemiten - Katechismus des Herrn Fritsch, (17. Aufl. 1892 S. 16) wirft den Juden vor, sie richteten besonders in der weiblichen Jugend unseres Volkes eine unerhörte sittliche Verwüstung an. Das niedrige sinnliche Naturell der Juden und ihr Mangel an Scham und Gewissen mache sie zu den verwegensten Verführern. Dieser hübsche Satz erfährt durch die Kriminalstatistik eine seltsame Fackelbeleuchtung. Durch die darauf erfolgte Berechnung des Herrn Dr. Jakobowsky, wonach in den Jahren 1883 bis 1889 durchschnittlich unter 100.000 strafmündigen Juden 8,4 Unzucht mit Gewaltj an Bewußtlosen begangen haben, unter 100.000 strafmündigen Christen dagegen 9,1, d. h. unter 100 Unzuchtsfällen fallen 48 auf die Juden 52 auf die Christen. Damit ist die Läge, daß der prozentuale Antheil der Juden an Unzuchtsverbrechen erheblich größer sei, als unter den Christen, in ihrer Hohlheit aufgedeckt. Die patriotische Heuchelei erfährt eine noch seltsamere Beleuchtung. Von 1000 Geborenen waren unehelich: in Deutschland 90,3 in England 49,2 in Frankreich 80,4 in Italien 61,6 in Rußland 25,6 in Spanien 55,8 iu Oesterreich 130,4 Wenn der berühmte antisemitisch angehauchte Moralstatistiker Oettinger über die unehelichen Geburten schreibt, (D. Moralstatistik in ihrer Voraussetz. f. e. Socialethik. 3. Aufl. Erlangen 1882, S. 292). „Selbst unter Voraussetzung mildernder Umstände ist die hohe Anzahl unehelicher Geburten immer ein Beweis nicht blos korrumpirter Sitten, sondern des abgest u m p f t e n öffentlichen Gewissen s", so gibt es zu denken, daß unter 1000 deutschen Geborenen 90 uneheliche, unter 1000 jüdischen dagegen nur 35 (im Jahre 1862), sogar nur 27 (im Jahre 1878 s. Oettinger S. 324) uneheliche waren. Berlin, 1. 'März. Ein von Begeisterung getragenes Fest feierte der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur" am Dienstag den 23. Februar in dem Festsaal dds Augustgartens. Hatte der Verein auch beschlossen, sein IX. Stiftungsfest mit Rücksicht auf die nächstjährige Jubelfeier nur im engsten Rahmen git begehen, so hatten sich doch neben zahlreichen Männern der Wissenschaft eine größere Zahl von Studenten eingefunden, die im Verein mit den Damen der Vereinsangchörigen den Saal fast vollends füllten. Der Vorsitzende des Vereins Herr cand. med. Finkenstein eröffnete die Feier durch einen Kaiser-Salamander, worauf das Ehrenmitglied des Vereins, Herr Dozent Dr. D. Cassel, der in liebenswürdiger Weise für diesen Abend übernommenen Festvortrag hielt, der von den Anwesenden mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde. Nachdem der Vorsitzende Herrn Dr. Cassel gedankt hatte, b'grüßte er die Gäste, indem er zugleich ein Bild von der Thätigkeit des Vereins im verflossenen Jahre gab. Im Namen der Gäste ergriff zunächst Herr Professor Dr. Philippson das Wort, um für die Ehre der Einladung zu danken. Hierauf zollte Hen- Dozent Dr.' I. Müller den Erschienenen warme Anerkennung dafür, daß sie so wacker an den Bestrebungen des Vereins Theil nähmen. Nach ihm sprach Herr Rabbiner Dr. A. Rosenzweig. Er trat warm für die Verbreitung der Geschichte des Judenthums ein, da sie das Einzige sei, was das Judenthum, unbekümmert um die äußeren Formen, so lebenskräftig erhalten habe und auch in Zukunft erhalten werde. Nach einem allgemeinen Liede erhielt Herr stud. phil. Warschauer das - Wort zu einer Rede auf die „alten Herren" und gedachte besonders des vorn „alten Herrn,, Zahnarzt Lipschktz im letzten Jahre begründeten Verbandes „alter Herren" des akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur, der sich voll idealen Strcbens zur Pflege der Geselligkeit und Förderung der Vereinsbestrebungen konstituirt hätte. Im Namen der zahlreich erschienenen „alten Herren" und des Verbandes „alter Herren" dankte Herr Direktor I. Steinschneider. Redner suchte besonders auf die Grundprinzipien des Vereines hinzuweisen, welcher unbekümmert um die religiösen Meinungsanschauungen seiner Mitglieder, stets als seine Aufgabe betrachtet habe, die Wissenschaft des Judenthums zu pflegen. Dem hierauf von dem dritten Chargirten Herm stad. med. Lipfch tz in poetischer Form auf die anwesenden Damen gehaltenen Toast folgte am Schluß des offiziellen Theiles ein von den Mitgliedern aus-