Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 11 Oestrrrrlchisthe Wochenschrift Seite 185 viel zu wünschen übrig läßt, lassen es die Kleider-Jndustriellen an Opfer nicht fehlen, um ihre Stückmeister mit Arbeit reichlich zu versorgen und daß die Lohnverhältnisse weit besser sind, als von antisemitischer Seite in lügnerischer Weise behauptet wird, beweist wohl der Umstand, daß seitens der Arbeitnehmer selbst Klagen in dieser Richtung nicht laut werden. Dies möge der prinzliche antisemitische Agitator eingedenk sein, wenn ihn wieder einmal die Lust anwandeln sollte, die Sch beider gegen die Kleiderconfectionäre aufzuhetzen, einzig und allein nur deßhalb, weil die Letzteren zum großen Theile Juden sind. Wien. (Trauerfeier für den verewigten Baron Stephan von Schey.) Im israel. Blinden-Jnstitute auf der Hohen Warte in Wien wurde am 28. Februar eine Trauerfeier veranstaltet, um das Andenken des allzufrüh dahingeschiedenen Freiherrn Stefan von Sch e y, der diesem Institute seit dessen Begründung als Curator angehörte, zu ehren. Es waren zahlreiche Trauergäste, unter ihnen die Söhne des Verewigten, die Brüder desselben, die Freiherren Paul, Vincenz und Moritz von Schey, der Präsident des Reichsgerichtes, Excellenz Dr. Unger, die Vorsteher der Cultusgemeinde Josef Ritter von Pfeiffer, Jaques Brandeis und Salo Cohn,' die Euratorinnen des Blinden-Jnstitutes Frau Cäcilie Adler und Frau Fanny Bücher, die Curatoren Gemeinderath Gustav Simon, Dr. Adolf Stein, Wilhelm Engel und Rudolf Ellissen erschienen. Die blinden Kinder sangen unter Leitung des Ober- Cantors Singer, der die gottesdienstlichen Functionen versah, Trauer-Chöre, durch welche die schmerzliche Bewegung ihrer jungen Herzen zitterte. Director Heller, sichtlich ergriffen, schilderte in einer Gedenkrede die unvergänglichen Verdienste, welche der seiner edlen Familie so früh Entrissene sich um die Anstalt erworben hat, in welcher ein Erlösungswerk von höchster Bedeutung vollbracht wird. In jugendlicher Begeisterung wirkte er mit, die Anstalt zu begründen und zu gestalten, und unentwegt, zwei Jahrzehnte hindurch, bis in seine letzten Lebenstage widmete er sich mit der ganzen Menschenliebe, deren sein gutes Herz fähig war, mit dem hohen Ernst, nüt welchem er auch die kleinste Pflicht erfaßte und erfüllte, dem Wohle der blinden Kinder, stets in rührender Bescheidenheit zurücktretend und als seinen einzigen und höchsten Lohn das Gedeihen des Werkes betrachtend, das ihm so theuer war. Immerdar wird er als eine Lichtgestalt aufragen in der Geschichte des israel. Blinden-Jnstitutes, immerdar wird sein Andenken gesegnet sein. Am Schlüße der Feierlichkeit sprach ein blinder Knabe das Kadisch-Gebet uud bewegt verließen die Trauergäste die Stätte, welche in dieser Stunde in zweifaches Dunkel gehüllt war. — Möge in die Herzen der betrübten Familie und Freunde der Lichtstrahl des himmlischen Dostes sich ergießen, wie der Verewigte bestrebt war, in der umnachteten Seele der Blinden ein unvergängliches Licht zu entzünden! —o— Wien. (Krieger Sitte.) ' Vor Kurzem erschien ein Buch unter obbezeichnetem Titel, herausgegeben von k. u. k. Major des Geniestabes Herrn Franz R i e g e r, welches in allen militärischen Kreisen den größten Beifall gefunden hat. — Dieser ausgezeichnete Stabsoffizier gibt in seinem Bache den Kameraden die besten Rathschläge, wie sie sich in allen Lebenslagen und in allen Verhältnissen, angemessen dem ehrenhaften Stande, dem sie angehören, zu verhalten haben. — Obwohl unseren, aus den Cadetenschulen und der musterhaften k. u. k. Wr. Neustädter Akademie hervorgegangenen Osficiereu schon in' diesen Instituten eine vorzügliche Erziehung zu theil wurde, haben doch alle dieses Buch freudigst begrüßt und werden den Inhalt desselben zweifellos beherzigen. — Wie überall,' so gibt es auch hier leider keine Regel ohne Ausnahme.- „Kurjer Stanislawowski berichtet in Nr. 310 vom 6. d. M' folgende nette Affaire: „Laut Polizeirapport sind in der Nacht zum 1. d. M. eine Gesellschaft von 5 Personen, u. zw. zwei Officiere und 3 Civilpersonen, welche durch die Gasse „sosina wola“ fuhren, beim Hause Nr. 24 des Herrn Alter Popik abgestiegen haben hier ein Fenster eingeworfen. Herr Popik und dessen Sohn Gerson eiüen hinaus und verlangten Ersatz für den angerichteten Schaden, worauf einer der Officiere „vom Leder zog" und den jungen^Popik, mit „Durchbohren" drohend, verfolgte bis in die Wohnung, wo es dem Vater gelang, mit einem massiven Sessel die Attaque mit Erfolg abzuwehren; doch nur für kurze Zeit, denn gleich stürmte der andere Ofsicier zur Thüre herein und verwundete mit einem Säbelhiebe den alten Popik im Gesichte und an der Nase. — Ein zweiter ihm zugedachter Hieb traf die brennende Petroleumlampe, welche zerschmetterte und die Wohnungseinrichtung in Brand steckte. — Auf die Hilferufe der Familie Popik eilten Nachbarn zur Rettung herbei und die Brandstifter benützten die Verwirrung zum — Verschwinden. Von Seite des Magistrats wurde die Untersuchung angeordnet." Wir wollen annehmen, daß dieser bedauerliche Vorfall von den betreffenden Ofsicieren in etwas angeheitertem Zustande herbeigeführt wurde, müffen uns aber fragen, ob friedliche Bürger selbst innerhalb der eigenen Wände nicht mehr des Lebens sicher sind. Umsomehr bietet sich Veranlassung zum Nachdenken, da es nicht etwa beschäftigungslose Arbeiter waren. — Was läßt sich erst von solchen erwarten? — Daß das Loos unserer unter solchen Ofsicieren dienenden Glaubensgenoffen keineswegs beneidenswerth ist, wird niemand bezweifeln. Ebenso zweifellos ist es, daß ein Ofsicier israelitischer Confessio» seinen ritterlichen Stand niemals und am allerwenigsten in dieser Weife verunglimpfen würde. Ob die Untersuchung durch die politische Behörde mit aller Energie betrieben, oder die ganze Sache, zumal es sich blos um einen Juden handelt, nicht in den Sand verlaufen wird, bleibt erst abzuwarten. — Sache der Militärbehörde ist es nun, die Schuldigen zu eruiren und solche unwürdige Elemente aus dem Chor unserer braven, hochachtbaren Officiere auszuscheiden. Dmuchalski. E. B. Wien. (Der Steuerreform-Gesetzentwurf und die Hausierer). Der vom Finanzminister Dr. Steinbach der parlamentarischen Behandlung unterbreitete Steuerreform-Gesetzentwurf ist nicht nur seitens der Legislative, sondern auch in Kreisen der Industrie und des Handels sympathisch begrüßt worden. Man billigt allgemein das Princip, die nothleidenden Kleingewerbe zu entlasten ans Kosten der steuerkräftigen begüterten Klassen. Das gesammte zu gewärtigende Mehrerträgniß soll zu Nachlässen an der Grund-Gebäude- und der allgemeinen Erwerbsteuer verwendet werden. Mit der Steuerreform hat Dr. Steinbach den ersten Schritt zur Durchführung seiner social-politischen Grundsätze gethan. Insbesondere wird es beifällig ausgenommen, daß der Nothlage der Kleingewerbe durch ausgiebige Steuerreduction, eventuell gänzlich: Steuerfreiheit begegnet werden soll. Was jedoch allseits das größte Befremden en-egt, ist der Umstand, daß der Gesetzentwurf des Dr. Steinbach das Hausier- und Wandergewerbe von der Wohlthat des Steuernachlasses ausdrücklich ausschließt. Man erinnert sich da unwillkürlich an die Hetze, welche antisemitischerseits gegen die Hausierer im Parlamente, auf der Tribüne, in Volksversammlungen und Journalen getrieben wird. Wir haben eine zu hohe Meinung vom Finanzminister Dr. Steinbach, daß wir der Anschauung Raum geben könnten, er könnte sich so tief erniedrigen, vor den antisemitischen Phrasendreschern durch Concessionen zu capituliren, allein die Eremption der Hausiergewerbe von der Steuernachlässen sieht einem Tribut an die herrschende Strömung so ähnlich wie ein Ei dem andern. Sind etwa die Hausierer nicht Kleingewerbe, die unter Druck der Zeitläufe leiden wie die Schuster und Schneider! Ist das Hausiergewerbe thatjächlich so lucratio, daß es einer Berücksichtigung nicht würdig ist! Wir haben wiederholt die Hausiererfrage an dieser Stelle besprochen und die triste Lage geschildert, in welcher sich die Hausierer zum allergrößten Theile befinden. Der Hausierer ist ein unentbehrliches Requisit für eine große Zahl von dem Großnoch mehr aber den Kleinbetrieb