Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 184 Vesterreichifche Wochenschrift. Nr. 11 dann noch die Steine und Pflanzen, die ja nach seiner Philosophie auch Objectivationen des Willens sind, und was könnte diesen selbst hindern, sich wieder in Thier- und M'nschenerscheinung zu „objectiviren?" Aber nicht blos die Thiere, auch die Menschen haben sich sehr schwer bewegen lasten, die Schopenhauer'sche Philosophie zu studiren Dreißig Jahre wartete er auf Leser seines Hauptwerks, und nachdem drei Buchhändler den Verlag seiner Parerga abgelehnt hatten, gelang es endlich im Jahre 1850 seinem Verehrer Julius Frauenstädt eine Berliner Buchhandlung zu bewegen den Verlag zu übernehmen. Schopenhauer sah die Ursache dieser Geringschätzung seiner Schuften nur in der Dummheit der Deutschen und in der Bosheit der Philosophieprofessoren; wir aber finden sie in. dem frischen aufstrebenden Leben des damaligen Deutschlands in Literatur, Kunst und Wissenschaft. Ein gesundes hoffnungsvolles Volk kann eine Philosophie wie die Schopenhauer'sche nicht brauchen. Erst nach den Enttäuschungen der Revolutionsjahre, beim Beginn der Reactionszeit konnte es den Bemühungen Frauenstädt's und noch einiger Jünger gelingen für Schopenhauer, der ja in Politik eifriger Reactionär war, und seine Lehre erfolgreich Propaganda zu machen. Und das gleiche geschah in Frankreich, wo seine Philosophie erst nach dem Unglücksahre 1670—71 rechten Eingang fand, gleichzeitig mit dem Wiedererftarken des katholischen Glaubens. Die große Mehrzahl der Menschen findet im Unglück nur Trost in der Religion oder verzweifelt im Pessimismus. Dazu kamen noch die unterhaltende Manier in der Schopenhauers Werke geschrieben sind, die eingestreuten boshaften Ausfälle, die pikanten Bemerkungen über die Frauen, über Liebe und Geschlechtsleben, manche gute Witze, geistreiche Urtheile und treffende Bemerkungen. So kam es, daß gar Viele, die sich wenig um Philosophie kümmern, seine Schriften lasen oder wenigstens das lasen, was Andere über sie geschrieben haben. Es war Mode Pessimist zu sein und Schlagworte und Redensarten aus Schopenhauer, die man häufig nicht einmal direkt aus feinen Werken entnommen hatte, im Munde zu führen. Mit dem eigentlichen Hauptwerk seines Lebens, der „Wett als Wille und Vorstellung", das nur von Wenigen ganz verstanden und bewundert wurde, wäre er nie der Modcphilosoph geworden. Die Antisemiten wieder kümmerten sich nicht um seine Ethik und folgten mehr seinem Beispiel als seiner Lehre. In intellectueller, ja selbst in moralischer Beziehung tief unter ihm stehend, haben sie im Gegensatz zur Biene aus seinen Schriften das Gift der Judenfeindschaft gezogen und was bei ihm nur Theorie war — hielt er doch lange gute Freundschaft mit dem Juden Dr. Emden — in rohe Praxis verwandelt. Wenn nun die extrem-deutschen Antisemiten Ehristenthum und Judenthum als semitische Religionen nicht im Namen des atheistischen Buddhismus, sondern im Namen der alten germanischen Götter bekämpfen, der Götter denen auch Menschenopfer dargebracht wurden, dann sind sic keine würdigen Schüler Schopenhauers mehr. Den clericalen Antisemiten aber können wir zu solchen Bundesgenossen nur das verdiente Glück wünschen. M. L. thorresMämLm. Wien. Herr Schönerer nagelt nachstehende Inserate des „Deutschen Volksblatt" gebührend an: „In der Nummer vom 31. Jänner d. I. fand sich im Anzeigetheil dieses „christlichen" Tagblattes des von wahrer Nächstenliebe beseelten antisemitischen Geschäftsmannes Vergani nachfolgende Ankündigung: Ein Vermögen kann Jedermann . sowohl in Wien wie auch in der Provinz in einigen Jahren erwerben, der über 100 fl. verfügt, welche in eigener Verwahrung bleiben. Auskünfte spesenfrei, jedoch nnfrankirt. Unter „Statistik" an die Expedition. Wir beauftragten eine Person unter „Statistik" einen Brief an die Expedition des „Deutschen Volksblattes" zu richten, um zu erfahren, welcher Schwindel sich hinter dieser in echt jüdischer Art gehaltenen Anzeige versteckt. Und was war die Antwort auf die Anftage unseres Beauftragten? Der Mann erhielt von dem Inserenten eine Spieltabelle für die kleine Zahlenlo tterie zugeschickt. Es werden jenen Gimpeln, welche an dem Leim dieses Inserates des Verganiblattes hängen bleiben, auf einem speciell für diesen Schwindel hergerichteten „Geschäftsformular" Zahlenserien für die Ziehungen des Zahlen-Lottos empfohlen. Vor uns liegt die „Tabelle" 11. Weiters fand sich im Morgenblatt des „Deutschen Volksblattes" vom 14. Februar 1692 folgende Anzeige: Schöne Existenz und Selbstständigkeit kann ich bieten, besonders für Jene, die nicht für's Studium und schwere Arbeit sind. Briese unter „Fortuna" 4724. Expedition: Schulerstraße 13. Bei den Lotterieschwindel-Jnseraten wäre also Herr Vergant auch glücklich angelangt. Einerseils bringt man Gerichtssaalberichte, in welchem die Opfer des Lotterie-Teufels geschildert werden, Berichte, die erzählen, wie ehrliche Männer durch Lottospiel zu Dieben und Defraudanten wurden und anderseits hilft man dem Lotterieschwindel auf die Füße. Kann dieser Herr Vergani, der die Frechheit besaß, sich in seinem „Geschäft" den „Führer der Deutschnationalen in Oesterreich" nennen zu lasten, noch tiefer fallen? Wir haben schon wiederholt gesagt: Aus der linken Bahngasse wird es einmal noch fürchterlich zum Himmel stinken!" Soweit das Organ des Herrn Schönerer. Herr Vergani antwortet darauf mit nachstehender Enthüllung in der Nummer vom 6. März 1892: „Bereits vor drei Monaten erhielten wir das vom Intimus Schönerer's, G. Schamberger, herausgegebene Bauernblatt „Der Bauernführer" zugeschickt, das auch hier bei uns zu J'dermanns Einsicht aufliegt, und dies „unverfälschte nationale", für den kleinen Mann und den Bauern eintretende Blatt enthält eine Ankündigung schwindelhaftester Art — man staune— derMödlingerSchnhfabrik. Das ist nationale Geschäftsreclame!" Man sieht, daß die Herren in ihrem Judenhaß auch einige Ausnahmen zulassen. Es sind zwar nicht die ehrlichsten und redlichsten, nicht die anständigsten Juden, welche sie mit ihrer Gunst auszeichnen, aber doch solche, bei welchen sich etwas verdienen läßt. Der Urheber des „non ölet” war kein Semite, sondern ein rassenreiner Arier. 8. ö. Wien. (Das Arbeiterelend und die Kleider -Confections - Industrie.) Ein beliebtes Thema des Prinzen Li ch te nste in und seiner antisemitischen G enassen ist die Hetze der Schneiderstückmeister gegen die Kleider- Confectionare. Auch die antisemitisch durchseuchte Schneider- Genossenschaft läßt es an Bemühungen nicht fehlen, die Schneider gegen die den letzteren Arbeit gewährenden Eonfectionäre zu hetzen und Haß und Zwietracht zwischen Beiden zu tragen. Wie wenig berechtigt, ja ververderblich diese Hetze ist, geht wohl genügend aus der Thatsache hervor, daß, wahrend auf den meisten Gebieten der Gewerbe und der Industrie ein Arbeiterelend herrscht, das die Mildthätigkeit der weitesten Bevölkerungskreise wachruft, in der Kleiderconfections-Jndustrie kein Meister ohne Arbeit und verhältnismäßig reichlichen Verdienst ist. Trotzdem der Kleider-Judustrie in letzterer Zeit bekanntlich namhafte Exportgebiete entgangen sind und auch der Binnenverkehr