Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11 Vrsterrrichischr Wochenschrift. Sette 183 Schopenhauer vergißt hier leider die Völker zu nennen, bei denen die Juden den „tröstlichen Urglauben" mit Feuer und Schwert verdrängt haben. Sollte er sich vielleicht verschrieben haben und an die Juden gedacht haben, deren Glauben man so oft mit Feuer und Schwert auszurotten suchte? Aber dieser Urglauben ist nicht auf immer verdrängt, und unser Philosoph spricht die Hoffnung aus, „daß einst auch Europa von aller jüdischen Mythologie gereinigt sein wird. Das Jahrhundert ist vielleicht herangerückt, in welchem die aus Asien stammenden Völker Japhetischen Sprachstammes auch die heiligen Religionen der Heimat wieder erhalten werden/") Wir dürfen also hoffen, den Buddhismus mit skiner Lehre von der Seclenwanderuna, mit seinen heiligen Kühen und Gebetmaschinen, mit seinen Witwenverbrennungen unb Kindermorden * 2) in nicht ferner Zukunft die Religion der Eitropäer werden zu sehen. Ja vielleicht kehren wir noch zur Urreligion jener indischen Seher zurück, von denen Schopenhauer sagt: „Wir müssen diese unmittelbare Erleuchtung ihres Geistes Dem zuschreiben, daß diese Weisen als dem Ursprünge unseres Geschlechts der Zeit nach näher stehend, das Wesen der Dinge klarer und tiefer aufsaßten als das schon abgeschwächte Geschlecht der Gegenwart." Aber dann wäre es besser, einen Schritt weiter zu den Bewohnern der Pfahlbauten und den Wiloen der Steinz-it zu thun, die ja den „Ursprüngen unseres Geschlechts" noch näher standen, und also noch tiefsinnigere Philosoph n waren. Mit einer solchen Culturstufe vertrüge sich auch am besten Schopenhauers Glaube an Geister und Gespenster, au Provhezeihung'n von Somnambulen, an das zweite Gesicht, an Vorausveckündigungen durch Träume, wie z. B. an dem Traum vom umgestürzten Tintenfaße, von dem er in der Parerga's erzählt und an den in der Neujahrsnacht von 1831, der ihn zur Flucht aus Berlin vor der Cjol ra vcranlaßte. Diestr Pessimist wollte ja so lange als möglich in dieser schlechtestm aller Welten leben. Als ertrotz des bösen Traums am Leben blieb, notirt", er einige Jahre später in seinem Tagebuch: „Dieser Traum mag von hypothetischer Wahrheit, also eine Warnung gewesen sein, das heißt wenn ich geblieben wäre, wäre ich an der Chol ra gestorben. Und dieser Philosoph schmäht auf Judenthum und Christenthum. Mitunter rvird aber der atheistische Philosoph ganz zärtlich gegen das Christenthum, nennt cs eine vortreffliche und heilbringende Religion und — hier erscheint der Pferdefuß — bedauert nur, daß dessen erhabener Stifter „sich nothwendig theils bewußt, theils vielleicht selbst unbewußt bequemen mußte" der Ethik der Hindus den jüdischen Dogmatismus anzufügen?) Was vom Christenthum nach Entfernung seiner Dogmen bleiben würde, das haben wir hier nicht zu untersuchen, daß aber der größte Theil der christlichen Ethik mit der jüdischen identisch ist und daß gerade die christlichen Dogmen durchaus nicht jüdisch sind, das hätte Herr Arthur Schopenhauer wissen oder — nicht verschweigen sollen. Freilich spricht er auch gern von der Thierfeindlichkeit der Juden ohne die Stelle der Sprüche Solomons (XII 10) „Der Gerechte erbarmet sich seines Viehes" und der Vorschriften des alten Testaments für die Sabbatruhe der Hausthiere zu erwähnen. Nur eins gefallt ihm im Alten Testament, weil es inseinen Kram paßt, das ist die Erzählung vom Sündenfall „ja er ist es allein, was mich mit dem A. T. aussöhnt," sagt er, corrigirt sich aber gleich und setzt hinzu, daß „dieser Mythos, wahrscheinlich, wie das ganze Judenthum dem Zendavesta entlehnt" ist?) *) Parerga unb Paral. Kap. 8 Zur Ethik. 2) Die B.'mi'ihmlgeu der englischeu Regierung zur Abschaffung der Witwenverbrennungen find bekannt. Lord Wellesley v rbot die bei jedem Neumond üblichen Kinderopfer und -Oberst Walker bat den Kindermor) in Gnzerat aogeschafft. (EL Wilson, Tlie Instory ot‘ british Inrtia I. B. 8.) Freilich sind die Engländer, nach Schopenhauer, die verstocktesten Christen, das intoleranteste unphilosophischeste Volk. s) Welt als Wille und Vorstellung, Buch 4 § 68. *1 Ergänzungen zu Welt als W. und B. Buch 4, Kapitel 46. Wie Schopenhauer was ihm im A. T. gefällt, dem Judenthum abspricht, so schreibt er ihm wieder höchst unkritisch das zu, was ihm an seinem Plato mißfällt: „Was den Platon betrifft, so bin ich der Meinung, daß er seinen ihn periodisch anwandelnden Theismus den Juden verdankt" und beruft sich dafür aus Clemens von Alexandrien?) Was ist es nun was Schopenhauer uns anstatt des „jüdisch-christlich-mohamedanischen Aberglaubens" geben will, was er so emphatisch die Wahrheit, die nur von ihm ehrlich gesuchte und gefundene Wahrheit nennt? — Daß das kantische Ding an sich der Wille sei, der eigentlich allein alles erschaffen unb in die Erscheinung gebracht hat. Uns will bedünken, daß dies kein großer Fortschritt ist, wenn ein Wort statt eines andern gesetzt wird; denn wer dieser Herr Wille ist, der so Großartiges zu Stande gebracht hat und warum er es gethan hat, weiß uns Schopenhauer auch nicht zu sagen: „Diese Frage ist nie zu beantworten" gesteht er ein?) Beifällig citirt er aber auch den Ausspruch eines buddhistischen Oberpnesters, „die Welt sei von Niemanden gemacht, sie sei selbst geschaffen" und lviederholt gebraucht er das Wort Natur (Schooß der Natur, Allmutter u. s. w.) ohne uns recht zu sagen was er darunter versteht und wie die Welt oder Natur sich selbst geschaffen habe. Doch es ist hier nicht der Ort die metaphysischen Specnlationen Schopenhaner's ernsthaft und gründlich zu krilisiren- Wichtiger sind für uns seine Ethik und sein Pessimismus, die allein ihn populär gemacht haben. Er weiß wirklich sehr schön von Enthaltsamkeit, Mitleid mit dem Nebenmenschen, Selbstau'opfernng u. dgl. zu predigen; aber er selbst hat durchaus nicht nach diesen Lehren gelebt. Er hat stets Wasser gepredigt unb Wein getrunken, wie ein echter Antisemit, der g^gen die Eorruption donnernde Reden hält und dabei Untcrschleife und Betrügereien verübt. So hat er sich auch keine Tafclfreuden und sonstige Genüsse versagt und den W llen zum Leben, nach seiner Terminologie, in der materiellstm Weise bejaht. Seinen Schuldnern gegenüber erwies er sich als der geriebenste Geschäftsmann und rücksichtsloseste Gläubiger, seinem Verleger Blockhaus, der sein Buch nicht schnell genug druckte, hat er in der gemeinsten Weise beschimpft und verdächtigt. Als er gleichzeitig mit Byron sich in Venedig aufhieli, wollte er dessen Bekanntschaft nicht machen ans Furcht, der Dichter möchte ihm sein Liebchen abspänstig machen. Dies beweist indessen, daß er in Bezug auf persönliche Liebenswürdigkeit genug Selbstkenntniß besaß. Wenn er aber selbstgefällig bemerkt, daß damals die drei größten Pessimisten gleichzeitig in Italien waren, so muß doch bemerkt werden, daß zwischen ihnen ein großer Unterschied obwaltete. Der unglückliche Leopardi hat eine traurige Jugend verlebt und war stets krank und leidend, Byron hat für die Befreiung Griechenlands sein Leben geopfert, von dem stets in Wohlsein lebenden Schopenhauer, der an dem Befreiungskämpfe seines Vaterlandes sich nicht betheiligte, weiß der Biograph keine edle That zu berichten. Und die traurige herztödlende pessimistische Philosophie, die er vorträgt ist auch gar nicht geeignet zu edlen, uneigennützigen Thaten zu begeistern. Es ist ja alles so grundschlecht in dieser Welt, daß nichts übrig bleibt als die Conscquenz von Schopenhauers Lehre zu ziehen, dtlrch vollkommme Askese und Verneinung des Willens zum Leben, das Aussterben des Menschengeschlechts herbeizuführen und, setzt er hinzu, „nach dem was im zweiten Buche über den Zusammenhang aller Willenserscheinungen gesagt ist, glaube ich annehmen zu können, daß mit der höchsten Willenserfcheinung auch der schwächere Widerschein derselben, die Thierheit wegsallen mürbe."3) Gewiß, fügen wir hinzu, wenn man nur die Thiere bewegen könnte die Werke Schopenhauer's zu studiren. Freilich blieben *) Ebenda, Kritik der Kantischen Philosophie S. 577. 2) Ebenda zu Buch 3, Kap. 18, S. 231 u») Buch IV Kap. 43 aul Ende. 3) Welt als. Wille und Borst llung Buch 4, 8 68.