Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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.Me 140 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 11 ihnen macht. Hat das „Vaterland" denn schon vergessen, daß .. die sogenannten „jüdischen Literaten" — es sind ganz gute, echte Katholiken darunter — zu einer Zeit als die antisemitische Bewegung in Oesterreich wie ein verzehrendes Feuer um sich griff, zu einer Zeit, als Schönerer bereits der gefeierte, mächtige Heros war, in dem falschen Wahne sich einlullten: man könne und müsse den Antisemitismus todtschweigen? So verhielten sich die „jüdischen Literaten" dem Antisemitismus gegenüber in Oesterreich wie nicht minder in Deutschland. Jgnoriren, verschweigen, das war lange, viel zu lange die Losung, welcher die Liberalen — ohne Unterschied der Consession — dieser fluchwürdigen Bewegung gegenüber, huldigten, die zu ihrem Beginne wohl viel leichter und erfolgreicher zu bekämpfen war, als zu einer Zeit, wo sie bereüs mächtig um sich gegriffen hatte. Wenn das „Vaterland" aufrichtig und ehrlich zu der Ueberzeugung gelangt ist, daß der Antisemitismus eine „nichtswürdige Speculation" sei, so habe es auch den Muth, die Schuld, die es selbst trifft, auch selbst zu gestehen. Herr Vergani, der freudig sich zu dm Schöpfern und Förderern des Antisemitismus bekennt, rast gegen das „Vaterland", dessen Ausführungen er als bcn „verworrensten Unsinn" bezeichnet, der „Israel zu Vertrauenskundgebungen für das „Vaterland" veranlassen wird." Wir können uns diesen keineswegs anschließen, wir können vorläufig nur in unserem Skeptizismus verharren. Ein Reuiger, welcher die Sünde erkennt, aber dabei wünscht, ein anderer möge dafür büßen, ist zwar auch ein merkwürdiger Spcculant, aber er — imponnk uns nicht. Ego. Richard Wagner ist — antideutsch und vrrjudek! So zu lesen in einem Artikel von Dr. Heinrich Pudor über deutsche Musik in der antisemitischen Zeitschrift: „Das zwanzigste Jahrhundert". Die bezüglichen Ausführungen lauten: „Richard Wagner darf man nicht etwa um dessentwillen zu den wahrhaft deutschen Musikern richnen, weil er deutsche Sagen bearbeitet hat. Seine Musik ist im Allgemeinen durchaus nicht deutsch. Der keltische Volkscharakrcr scheint es zu sein, der in ihm erklingt. Dahin rechne ich die ftagnirende Sinnlichkeit, das kokette Zur-Schau-Tragen der Gefühle uird Ernpfindungen, die Maßlosigkeit in der Entäußerung dcr Leidenschaften, die Verwerthung des sinnlichen Ktangrerzcs zur Erregung und Aufregung. — Man hat die Wagnerische Musik ja geradezu „Erregungsmusik" genannt. Alle diese Züge sind nicht rein deutsch, sondern scheinen mir. keltisch zu sein. Und wenn man mit dem Wort „keltisch" nichts anzufangen weiß, so sage ich: diese erwähnten Eigenschaften scheinen mir mehr französisch als deutsch, mehr semitisch als germanisch zu sein; — das Spiel des Zufalls wollte es, daß Wagner aus der Judenstraße „Brühl" in Leipzig geboren wurde, mit Hilfe des Juden Meyerbeer das erste Fortkommen fand, für die Pariser Juden den „Tannhäuser" bearbeitete, und in der Nähe des Judenviertels in Venedig seine Augen schloß. Dabei kann gar nicht geleugnet werden, daß die Wagnerische Musik der Aeußerllchkeit und Veräußerlichung zum Mindesten Thor und Riegel öffnete, denn die Entäußerung der Leidenschaft, wie sie bei ihm stattfand, verhindert naturgemäß eine Verinnerlichung und befördert eine Veräußerlichung. Die Verinnerlichung ist aber gerade ein Grundzug deutschen Wesens; Innigkeit hängt zusammen mit Innerlichkeit. Auch die Raffinittheit kann man der Wagnerischen Kunst nicht durchaus absprechen. Ganz raffinirt ist jedenfalls der „Rienzi". Und gegen die Bezeichnung von „Tristan und Isolde", „den Nibelungen" und „Parsifal" als „raffinirte Erregungsmusik" wiid man nicht viel einzuwenden haben. Diese Raffinirtheit aber ist deutschem Wesen völlig fremd, wohl aber semitischvhönicischcm Geschäftsgeiste zu eigen. So bleibt bei Wagner wenig deutsches. Auch die Einfachheit des deutschen Wesens ist bei ihm nicht zu finden: er mußte alle Künste verbinden, um ein Kunstwerk zu schaffen! Auch äußerlich hat er nichts Deutsches, sondern etwas Fremdes an sich: es möge spezielleren Studien, die in Irland und in der Bretagne, wo keltisches Blut noch unvermischt zu finden ist,vorzunehmen sind, überlassen bleiben, ob auch sein Aeußeres auf keltische Rechnung kommt. Damit stimmen würde der Umstand, daß die Kelten ein älteres und dabei schneller sich verflüchtendes Volk sind als die Deutschen, und Wagner sich durchgängig als Decadent, als Abkömmling, als Epigone, nicht aber als Progone zeigt. Seine Wangen sind hohl und blaß; die Deutschen aber sollen volle rothe Wangen haben". Nntijüdifche Philosophie. In einem französischen religiösen Schauspiel aus dem fünfzehnten Jahrhundert, „Le mist&re de la passion de Nostre Seigneur J6sus Christ“, welches in Angers und Paris mir großem Beifall ausgeführt wurde, findet sich eine Scene, in welcher der Teufel sich über die bösen Juden beklagt, weil sie alle seine Bemühungen, das Leben Christi zu retten, vereitelten und von Pilatus das Todesurtheil erzwangen. Nach der Anschauung dieses sranzösischen Dramatikers raisonnirt der Teufel ganz richtig. Denn ohne Kreuzestod gibt es keine Erlösung und die ganze sündige Menschheit ist den höllischen Mächten verfallen. Mit Recht ist der Satan daher auf die Juden aufgebracht, welche zur Herbeiführung des Todesurtheils mitwirkten. Um so sonderbarer ist es, daß die Christen des Mittelalters, welche doch auch an diese Theilnahme der Juden (die für uns nicht erwiesen ist) glaubten, sie gerade deshalb verfolgten, ohne ihnen zu gute zu halten, daß sie dadurch zu mittelbaren Werkzeugen der Erlösung wurden und das Streben des Teufels vereitelten. So wurden denn die Juden durch das ganze Mittelalter hindurch zur Strafe für ihre angebliche Verfolgung Christi verfolgt und bedrückt, oder diese Verfolgung wurde wenigstens als Vorwand zu ihrer Beraubung und Mißhandlung gebraucht. Selbst die Juden sollen die Berechtigung dieser Strafe gewisser-, maßen anerkannt haben und manche Gemeinden eine Ausnahmsstellung verlangt haben mit der Begründung, daß ihre Vorfahren zur Zeit Christi nicht in Jerusalem gewohnt hätten. So gab sich der Judenhaß im Mittelalter, ja bis gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts für einen rein religiösen aus. Von Racenhaß findet sich keine Spur. Im Gegentheil: Die Juden wurden stets als die ältesten Bewahrer der reinen Lehre Gottes bettachtet, die im neuen Testament erzählten Ereignisse als Erfüllung der Prophezeiungen des alten dargestcllt. In der Nobla leygon der Waldenser, die zwar nach orthodoxer Auffassung Ketzer waren, aber in religiöser Beziehung noch weiter als die Katholiken von den Juden entfernt waren, werden diese doch „ein vornehmes gottcsfürchtiges Volk" genannt: , Nobla gent foron aquilh en la temor de Dio.“ Und im sechzehnten Jahrhundert spricht der französische Historiker Brantome von der „sehr noblen Familie der Cursol und Levy, welche von den Kindern Israels abstammt." *) In dem Maße als der christliche Eifer abnahur und richtigere historische Kenntnisse sich verbreiteten, mußte die Anfeindung der Juden wegen des vor achtzehn Jahrhunderten in Jerusalem Vorgegangenen an Berechtigung verlieren. Aber da ereignete sich etwas Sonderbares, das freilich in der langen Leidensgeschichte der Juden seine Analogie findet. Der Jude kann es seinen Gegnern nie recht machen: Im antiken Rom wurden die Juden wegen ihrer Armuth verspottet und gehänselt, in neuerer Zeit werden sie ob ihres Reichthums angefeindet. Im Mittelalter wurden sie als Gegner und Feinde des Christenthums verfolgt, in neuerer Zeit geht es ihnen wie in dem eingangs erwähnten sranzösischen Passionsspiel: Fanatische ') Ho mmes ilhifitrfs et granda capitains frangois, II 16, Le due de Nemours.