Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Krstrrrrichifchr Wochenschrift. Sette m das liegt ja in der Natur der Sache — sich ausschließen, stellt sich Herr Vergant natürlich, als ob auch Alle, für die Arbeitslosen Geld gespendet, Juden oder mindest Judenknechte seien. Jndeß mit dem Vorwurf, daß die Juden die Noth durch ihre Spenden zu lindern trachten, begnügt sich Herr Vergani nicht, er schleudert den Liberalen die Anklage ins Antlitz: „Den Arbeitslosen rasch Arbeit zu geben, daran wird nicht gedacht." Das wagt das Organ jener Partei zu schreiben, die bei jeder Gelegenheit mit allen Mitteln dagegen sich stemmte, daß Unternehmungen in Angriff genommen werden, die Arb eit und Erwerb schaffen! Die Antisemiten-Führer wissen es zwar wohl, daß die Armuth und das Elend des Volkes es seien, welche die Unzufriedenheit und Erbitterung nähren und damit den Boden schaffen, in welchem die Kraft gewissenloser Volksverhetzer wurzelt. Sie wollen daher nicht, daß das Volk Arbeit und Erwerb finde, mit denen der Spuck des Antisemitismus gebannt werden kann — un d haben dies nur zu oft zur Genüge docurnentirt. Und jetzt wagt das „Deutsche Volksblatt" zu sagen: „Man denkt nicht daran, daß das Volk Arbeit erhält?" Wahrlich, man weiß nicht, soll man mehr über die Dummheit oder die Frechheit staunen, die nöthig sind zu derlei Attentaten auf den gesunden Menschenverstand des Lesers. Aber eines wissen wir gewiß daß: Der christliche Kaufmann der nach der Lectüre des Vergani'schen Artikels das „Deutsche Volksblatt" empört wegwarf, gute Gründe zu der Frage hatte: „Wie groß muß eine Nichtswürdigkeit sein, daß das „Deutsche Volksblatt sich schämen würde — sie zu begehn?"??? Ein pater peccavi des — „Vaterland". Im Himmel herrscht bekanntlich mehr Freude über einen Reuigen als über zehn Gerechte. Man würde vielleicht schon auf Erden diese Empfindung für den Reuigen theilen, wenn es den Staubgeborenen möglich wäre, einen Einblick in die Seele des angeblich von Reue Erfaßten zu werfen, der keinen Zweifel an die Aufrichtigkeit derselben übrig ließe. Sollen wir so ganz und gar ohne jede skeptische Regung annehmen, daß es nur ein Dictat aufrichtigen, brennenden Neuegefühls ist, welches das „Vaterland" in der Nummer vom 2. März an leitender Stelle die Worte schreiben ließ: „Der Antisemitismus ist überhaupt eine Erfindung" u. s. w. „Diese Erfindung ist eine nichtswürdige Speculation". Versuchen wir cs an das Wunder dieser Bekehrung zu glauben, dann können wir nur Bravo! Bravo! dem „Vaterland" zurufen. Das wäre einmal ein wahres, ehrliches, christliches Wort, welches sich endlich nach langer, langer Zeit aus der Seele dieses Blattes emporgerungen und wohl auch von der Qual peinigender, aber auch reinigender Reue eingegeben werden konnte. Ja, das ist cs, was auch wir so oft behauptet, was wir mir mit allem Nachdrucke immer wiederholten: Der Alltisemitismus ist eine nichtswürdige Erfindung, eine schurkische Speculation auf die niedrigen Jnstincte der Menge, um sie zum Hasse, zur Verfolgung einer Minderheit zu stacheln, die kein anderes Verbrechen begangen, als daß sie den — Zufall der Geburt nicht nach eigenem Belieben gelenkt. Ja, der Antisemitismus ist eine „nichtswürdige Speculation", hervorgegangen aus den egoistischen Trieben niedriger, gehässiger, verfolgungssüchtiger Menschen, die in dem Juden stets das Opfer erkannten, das am leichtesten erreicht werden kann; er ist eine „nichtswürdige Speculation" jener elenden, gewissenlosen Volksverhetzer, die vor keiner Schändlichkeit zurückschrecken, um eine Rolle zu spielen, die ihrem hcrostratischen Ehrgeiz entspricht. Ja, der Antisemitisnuls ist eine nichtswürdige Speculation jener Unseligen, die selbst unter dem Vorwände und unter dem Deckmantel der Religion der Nächstenliebe den Tendenzen des Hasses und der Böswilligkeit dienen. Spät, sehr spät ist das „Vaterland" zu dieser Erkenntniß gelangt! Aber selbst wenn wir an seine ehrliche Rette zu glauben im Stande wären, könnten wir cs nicht hindern, daß in diesem Momente die Erinnerung an all' das auftauchte, was dieses Blatt im Laufe der letzten Jahre Böses und Gehässiges im ausschließlichen Dienste des Antisemitismus geleistet hat. Keine Lüge, keine Verdächtigung, welche die Juden — nicht etwa den einen oder anderen unter ihnen — nein, allesammt traf, war zu infam, um sie nicht ihnen ins Antlitz zu schleudern. Die schändlichste, dem Wahnwitze und der Bosheit entstammende Lüge des „rituellen Blutmordes" wurde in dem katholischen „Vaterland" immer wieder aufs Neue aufgewärmt, danrit Vorurtheil und Feindseligkeit gegen die Juden ja nicht einschlummern. Das Blatt wußte wohl, daß die vornehmsten, edelsten Kirchenfürstcn, Bischöfe und Papste den „rituellen Mord" als elende Lüge und verbrecherische Verlärrmdung gebrandmarkt hatten, aber wann hat man je etwas davon in diesem Blatte gelesen? Das Votum eines Haynald, eines Manning wurde unterschlagen, um der Stimme des erstbesten antisemitischen Ltimpen Raum zu geben, welcher eine neue Schändlichkeit gegen die Juden erdichtet hatte. Es waren wahre Orgien des Antisemitismus, welche das fromme „Vaterland" Jahr um Jahr feierte und die ihm wiederholt den Vorwurf etniritgeit, es verleugne seine christliche Gesinnung „zum Abonnentenfange", um Eoncurrenz dem „Deutschen Volksblatt" zu machen. Lange, lange wandelte das „Vaterland" die Wege Bergan i's, bis es am 2. März d. I. das „reuevolle Bekennt niß ablegte: „Der Antisemitismus ist eine nichtswürdige Speculation". Gerne ließen wir die bitteren Reminisccnzen, um uns ganz der Freude über die, wenn auch spät erwachte Wahrheitsliebe des „Vaterland" hinzugeben, wenn uns hierin nicht ein peinlicher Gedanke störte. Das „Vaterland" vermag nämlich auch in dem Momente, wo es ansängt der Wahrheit die Ehre zu geben, sich nicht zu dem kühnen Entschluß emporzuraffen, die ganze Wahrheit zu sagen. Es ist dies freilich menschlich erklärlich: wer lange im Finstern gewandelt, kann nicht plötzlich das volle Licht ertragen. Wir würden aber dem „Vaterland" einen schlechten Dienst leisten, wenn wir es auf seinem schweren, mühseligen Versuche, den Weg der Wahrheit zu betreten, durch falsche Eomplimente beirren würden. Darrtm wollen wir diesem Blatte ermunternd, aneiferrrd zurtlfen, daß es den MuH sinden möge, die ganze Wahrheit zu erkennen. Das Geftändniß, der Antisemitismus sei eine nichtswürdige Specrtlation, ist gewiß in den Augen aller Währheitssreunde werthvoll, aber verfällt das „Vaterland" nicht sofort in seine alten sündigen Jrrthümer, wenn es in sträflichem Leichtsinn die Urheberschaft der vielerwähnten nichtswürdigen Erfindung in einer Weise fälschen will, als ob es noch immer lediglich in dem Geiste des großen Fälschers Schneider arbeiten würde? Was soll denn der zarte Versuch, denAntisemitismus als Erfindung der Berliner „jüdischen Literaten" zu stempeln? Wir wissen es zwar ganz gut, daß das „Vaterland" wie seine einstigen gesinnungsverwandtetr Organe cs niemals verschmähten, die Mitarbeiterschaft jener Atlswürflinge des jüdischen Volkes zu benützen, die elend und verkommen genug waren, den Todfeinden ihrer gewesenen Glaubensbrüder für einen schmählichen Judaslohn zu dienen. Darin haben sich die Dinge nicht sonderlich geändert, von den Zeiten des unseligen Pfefferkorn angefangen bis auf den braven Brimanus herab, welch letzterer bekanntlich zu den gefeierten Autoritäten des frommen „Vaterland" zählte. Aber diese paar gewonnenen Hilfssklaven waren es doch nicht, welche einer Bewegung zum Leben und zur Ausbreitung verhalfen, an deren Spitze Schriftgelehrte wie Zerboni, Rohling, Verhovay, Schönerer, Bergani, Schneider, Geßmann,Liechtenstein, Lueger, Ahlwardt, Stöcker, Böckel, Treitschke — wer zählt sie alle, die leuchtenden Sterne am Himmel des Antisemitismus? — standen. Das „Vaterland" verkleinert da ganz ungerecht seine eigenen Bemühungen und Leistungen, wie die seiner nächsten Freunde, wenn es plötzlich so bescheiden und klein thut, als ob es nie gewußt hätte, wie man in Antisemitismus macht. Die „jüdischen Literaten", die träfe, wenn das „Vaterland" schon so ganz von dem Geiste der Wahrheit erleuchtet wäre, um rückhaltslos und unumwunden Alles zu gestehen, ein ganz anderer Vorwurf, als der, den es