Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 11 (11.3.1892)
- Date
- 1892-03-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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iW LL°??«v»r'^i2V»HS Tifflga Seite 178 Oryrrrrichischr Wochenschrift. * Nr. 11 Wir haben es doch hier mit einem „Christlich-Germanen" besonderer Sorte zu thun, mit einem Pastor, welcher berufen ist, über die Heiligkeit der Ehe und über die Heiligkeit des Eides zu wachen. Es ist also höchst unvorsichtig und höchst unaufrichtig von Herrn Schönerer, wenn er einen einzelnen Fall zum Anlaß nimmt, um, den Meineid als eine specifische Nationaleigenschaft der Juden ^scheinen zu lassen. Was würde er, der große TeuLone, der gefeierte ' Führer der Deutschnationalen,wohl sagen, wenn wir aus seinem sattsam bekannten Verhalten gegen seine Mutter folgern wollten, die Pietätlosigkeit gegen die eigene Familie sei ein bezeichnendes Charaktermerkmal aller Deutschen, die Verletzung der kindlichen Pflichten und Rücksichten gegen die Mutter gehöre zu den Natronaltugenden des deutschen Volkes? Gewiß würde sich Herr Schönerer mit der ganzen Gewalt seiner imponirendcn Persönlichkeit erheben und mit dem Zorn eines in seinen heiligsten Empfindungen gekränkten Mannes gegen eine solche Verdächtigung Einsprache erheben. Und doch hätten wir unsere Behauptung nicht aus einen vereinzelten Fall, nicht auf irgend einen namenlosen kleinen Juden in den böhmischen Wäldern gebaut, sondem wir wüßten außer Herrn Schönerer noch einen anderen, in antisemitischen Kreisen wohlangrschencn Namen, jenen des jungen Baron Vogelfang, auzuführen, der sich an der zärtlichen Liebe des Herrn Schönerer gegen seine Mutter ein lcuchteirdes Beispiel genommen hat. Trotz alledem aber sind wir ehrlicher und gerechter als Herr Schönerer und wir glauben doch daran, daß es unter den arische r Deutschen li brvolle Söhne und Töchter gibt. Nur an Eines glauben wir längst nicht mehr: daran, daß Herr Schönerer selbst aus innerer Uebcrz-uguug und ehrlicher Gesinnung seine vcrgifteten Pfeile gegen die Juden schleudert. Wir sehen ihn in Ges-llschaft der größten Spitzbuben an der Spitze der antisemitischen Partei. Wohl donnert er gegen Bergani, aber er hätschelt Herrn Lueger, den Freund eines Schneider. „Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir, wer du bist!" Nein, Herr Schönerer hat wahrhaftig keine Ursache, den Meineid eines klei'.'.en böhmischen Juden in seinem Blatte anzunageln und daran Verleumdungen gegen die Juden im Allgemeinen zu richten. Wenn er Umschau hält im Kreise seiner Gcnnnun sgenossen, dann wird er eine Welt von Gaunerei, einen Dcean von Spitzbubenthum, einen Chimborasso von Niedertracht und Verbrcchetlhum entdecken, und wenn noch ein Funken von Ehrlichkeit in ihm ist, dann wird er sich sagen müssen, daß er der Führer oder doch der gleichgestellte Genosse des Abschaums der Gesellschaft ist. Nrtion für diq Arbeitslosen. (E i n e P r e i s a u f g a b e.) Ein angesehener Wiener Kaufmann von arischer Abstamwung, welcher niemals aus seiner religiösen christlichen Gesinnung ein Hehl macht, legte dieser Tage im Casöhause eine Nummer des „Deutschen Dolksblattes" in welcher er einen Artikel kopfschüttelnd gelesen mit folgenden Worten aus der Hand: „Ich wäre im Stande einen Preis auszuschreiben, den derjenige gewinnen soll, der die Frage beantwortet: „Wie groß muß eine Nichtswürdigkeit sein, daß das „Deutsche Volksblatt" sich schämen würde — sie zu begehen?". Der arisch christliche Kaufmann hatte diese Bemerkung einem ihm befreundeten jüdischen Geschäftsfreunde gegenübergemacht, denn er verleugnet ebensowenig seine christliche Gesinnung als seinen Widerwillen gegen die antisemitische Hetze. Diese Preisaufgabe dürfte nun allerdings kaum ausgeschiicben werden . . . aus verschiedenen Gründen nicht. Sie würde übrigens auch nicht gewonnen werden können, denn wer ist so erfinderisch eine Nichtswürdigkeit auszuhecken, vor der das „Deutsche Volksblatt" erröthend seine Unzulänglichkeit bekennen würde? ... Doch wir vergessen fast die jedem Leser sich aufdrängende Frage, welcher Artikel cs gewesen, der das harte — wir wollen aber damit nicht sagen: ungerechte — Unheil eines christlichen Lesers provocirte, zu beantworten. Nun der fragliche Artikel, welcher sich mit dem Schicksale der gegenwärtig nach vielen, vielen Tausenden zählenden Arbeiter beschäftigt, die am Hungertuche nagen, erschien am Freitag den 4. März unter der Aufschrift: „Action für die Arbeitslosen" und es lohnt sich in der That, daß wir aus demselben eine kleine Blumenlese veranstalten: Herr Vergani schreibt; „Es tritt immer klarer hervor, daß der Lärm, der sich wegen der „Atbeitslosen" allerorten erhebt, hauptsächlich die reine Judenmache ist." Nun, aufrichtig gestanden, wir würden darin nur ein Complimcnt für die Juden erblicken, wenn sie es allein sind, denen das Verdienst zugeschrieben werden muß, daß man wegen der Arbeitslosen „Lärm erhebt." Unseres Erachtens wäre es nämlich noch unsäglich trauriger, wenn man die Arbeitslosen ruh'g und still hungern ließe, ohne daß Jemand sich drum kümmerte. Aber Herr Vergani rvill den Juden kein Compliment machen; was liegt ihm an dem Schicksale der zahllosen Unglücklichen, die mit W>tb und Kind hungern und mit der Verzweiflung im Herzen dem kommenden Tag entgegcrblicken . . . Der Anblick dieses herzzerreißenden Elends läßt Herrn Vergant kühl; was sollen ihm diese Armen, die selbst aus Mangel an Arbeit betteln müssen . . . Diese kann ja nicht einmal er „anschnorren" um eine Unterstützung für sein nothleidendes Blatt . . . Sie sollen nur hungern, diese Unglücklichen, dei'n „die Action für die Arbeitslosen" meint der Philantrop Vergani „wird ans denselben politischen Beweggründen gemacht, wie seinerzeit der „Run" für die hungernden Schulkind, r!" Herr Vergani tadelt, verhöhnt die Action für den hungernden Beschäftigungslosen, gleichwie er für die hungernden Schulkinder nur Gefühle der Böswilligkeit, der Erbarmungslosigkeit kennt. Aber der biedere Urlentone läßt uns nicht im Unklaren über die Gründe seiner Erbitterung. Er schreibt cs ja deutlich heraus: „Der Mehrzahl der Geber (den Juden) ist es aber durchaus nicht um die Hungerstillung der Aermsten zu thun, sondern nur darum, dem Volke vorzuspiegeln, daß sie allein es sind, die in „Humanität" machen u. s. w." O, diese elenderr Juden, nur das dem Volke vorzuspicgeln, greifen sie also sogar schändlicher Weise in ihre Taschen und geben Geld her für die Armen! Das ist elend, infam, unerhört! Wenn man dem Volke nichts „vorspiegeln" will, dann muß man es thun, wie Herx Vergani . . . Der gibt nichts her ... er samme lt, schnorrt vielmehr auch in diesen Tagen rüstig für sein Blatt und „bestätigt dankend" die Beträge von 1 fl. aufwärts, die man seinem Blatte schenkt! Das ist wahre Humanität! Da wird dem Volke wirklich nichts „vorgespiegelt." Herr Vergani scheint aber, so unglaublich auch eine Regung des Tactgefühles bei ihm auch erscheinen mag, die Empfindung gehabt zu haben, daß es noch nicht genug schrecklich ist wenn er den Juden vorwirft, daß sie — sei's aus welchen Beweggründen immer — für die Armen Geld geben, er mußte noch etwas Anderes gegen sie ausspielen. Schließlich haben ja nicht, wie Herr Vergani dumm-dreist lügt, nur die Juden Geld für die Armen gegeben, unter den Spendern waren die Namen der Edelsten und Besten des Landes ohne Unterschied der Confession zu lesen. Richtig ist ' uv, daß die Spenden der Juden zahlreicher und nahmhafter sind, der ärmste Jude hat gelernt, von seinem Verdienste denen einen Theil zu spenden, die in größerer Noch schmachten als rr, und zu einer Gabe von 25.000 fl. wie cs Baron Hirsch für die Wiener Armen telegraphisch angewiesen, hat sich keiner der arischen Fürsten aufgeschwungcn. Da die bewährten Antisemiten und ihre großen Führer von dieser wie von jeder anderen edlen Action principiell —