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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-03-11 · 11 (11.3.1892) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
11 (11.3.1892)
Date
1892-03-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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pjeßftiBS-.' IWWiiL —.-IXl-lli-'..-J.- .. .; . Nr. 11. Wien, 111. Mark. 1892. IX.^Iahrgaag. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthnms. l K. K. Postsparrastenamt ClraringvrrKrtzr Nr. 910.976. Ardsrtion u. Administration: Wien I. Rothenthurmstraste 39. Eigenthümer: Rerchsraths-Airgeordneter Dr. -- Erscheint jeden Freitag. Man abonniri bei allen pvfianstallen des ln- und Auslände». Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 2S kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: „Was von dem Eide eines Inden zu halten ist!" — Action für die Arbeitslosen. — Ein pater peeeavi des — „Vaterland". — Richard Wagner ist — antideutsch und verjudet! — Antijüdifche Philosophie. — Correspondenzen: Wien, Berlin. — Vermischtes: Wien, Floridsdorf, Waidhofen a. d. Thaya, Auspitz, Pöstyen, Groß-Kanischa, Csakathurn, Lemberg, Breslau, Elisenthal bei Brusau, Kattowitz, Stuttgart, Berlin, Paris, Lllxemburg, London, Petersburg, Belgrad, Braila, Eonstantinopel, Adrkanopel, Algier, New-Uork. — Feuilleton: Der alte Baruch. — Briefkasten. — Wochenkalender. —Inserate. — Inhalt der Beilage: Das Brudermahl der Wiener Chewra-Kadischa. — Publicationen der israelitischen Eultusgemeinde in Wien. „Was von dem Eide eines Juden;u halten ist!" Unter diesem vielumsassenden Titel erzählt das bekanntlich „unverfälschte" Leiborgan des Herrn Schönerer in seiner letzten Nummer die Verurtheilung eines kleinen jüdischen Geschäftsmannes in Böhmen wegen Meineides. Der Fall an sich ist höchst uninteressant, aber Herr Schönerer versieht es, ihm eine höhere Bedeutung zu geben. Während der Text uns mit der Thatsache bekannt macht, daß es irgendwo in den böhmischen Wäldern auch einen jüdischen Spitzbuben gibt, behauptet die Ueberschrift mit aller nur denkbaren Deutlichkeit, daß in Hinsicht auf den Eid alle Juden Spitzbuben seien. Die Ueberschrift ist ein Artikel für sich allein, der nachfolgende Text ist nur eine Illustration zu diesem Artikel. Es ist überflüffig, zu sagen, daß das angeblich „unverfälschte" Organ des Herrn Schönerer hier in der brutalsten und zugleich perfidesten Weise fälscht. Bewiesen wird nur, daß der kleine jüdische Kaufmann in Böhmen falsch geschworen hat. Mit diesem Beweise in der Tasche erhebt der Mann, den die Antisemiten als ein Muster von Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe preisen, die beweislose Anklage des Meineides gegen sämmtliche Juden der Welt. Der einzelne Fall soll als Beleg dienen für die allgemeine Verdächtigung. Die Methode ist nicht neu, aber sie ist dafür herzlich schlecht. Sie ist umso schlechter, als die Verbrecherstatistik auch das confessionelle Moment längst berücksichtigt hat und uns genaue Daten über das Verhältnis von Juden und Christen zu den einzelnen Verbrechen und somit auch zum Meineide liefert. Diese amtlichen Feststellungen ergeben nun, daß unter tausend Christen die Zahl der Meineidigen eine größere ist, als unter tausend Juden. Das ist eine klare, unumstößliche Thatsache, welche die tiefsinnige Ueberschrift des Herrn Schönerer ohne Weiteres über den Haufen wirft. Aber man darf hier nicht blos mit den trockenen Ziffern rechnen, es kommt noch eine Reihe von Faktoren in Betracht, an die Herr Schönerer seltsamer Weise vergessen hat. Vor zwei Jahren erst hat der Fürstbischof von Breslau, Dr. Ko pp, einen Hirtenbrief erlassen, in welchem er über die erschreckende Zunahme der Meineidssälle unter seinen Gläubigen klagt. Wie tief muß ein Uebel bereits eingefressen sein, wenn ein Würdenträger der Kirche sich zu solch' öffentlicher Warnung und Mahnung veranlaßt sieht! Es ist kein verbissener Ultramontaner, der diese Anklage gegen einen großen Bruchtheil des deutschen Volkes, schleudert, es ist ein deutscher Bischof, der dem Kaiserchum der Hohenzollern, der dem Fürsten Bismarck selbst durch seine Vermittlung ein der Curie die wesentlichsten Dienste geleistet hat, bei Man also, den selbst ein Schönerer als vollwichtigen unantastbaren Zeugen anerkennen muß. Keinem sogenannten „Judenblatte" aber ist es seinerzeit eingefallen, über den Hirtenbrief des Dr. Kopp den Titel zu setzen: „Was von dem Eide eines Deutschen zu halten ist!", keinem „Judenblatte" ist es in den Sinn gekommen, den Meineid als eine Nationaleigenschaft des deutschen Volkes hinzustellen. Und doch hätte hiezu die deutschnationale und antisemitische Partei Grund und Anlaß genug gegeben. Denn wenn ein Jude falsch schwört, so wird er auch von Juden als Lump behandelt. Zwischen einem jüdischen und einem christlichen Lumpen besteht aber ein großer Unterschied. Der jüdische Lump wird erdrückt von der Mißachtung seiner Glaubensgenossen, der christliche Lump aber avancirt zum Führer der Antisemiten und. zum deutschen Nationalhelden. Der Meineid ist geradezu der Befähigungsnachweis für jeden echtfärbigen Antisemiten und die großen Verdienste, welche sich der Hofderwisch Stöcker, der Profesior Rohling und andere berü—hmte Männer um den Antisemitismus erworben haben, wurden zunächst durch falsche Eide eingeleitet. Man sieht, die Meineidigen unter Juden und Christen dürfen nicht nur gezählt, sie müssen auch gewogen werden, gewogen nach ihrer öffentlichen Stellung, ihrem amtlichen Ansehen und nach dem gefährlichen Beispiel, das sie an der Spitze einer großen Partei oder gar in einer verantwortungsvollen Funktion als Lehrer oder Priester zu geben vermögen. Tausend jüdische Spitzbuben aus den böhmischen Wäldern, die falsch geschworen haben, wiegen einen Stöcker und einen Rohling nicht aus! Herrn Georg Schönerer dürfte aber die Mittheilung interessiren, welche wir am letzten Sonntage in verschiedenen Berliner Tagesblättern gelesen haben. Unter dem Schlagworte „Wieder Einer" wird mitgetheilt: „Das Schwurgericht in Meiningen verbandeite gestern gegen eine Magd wegen Meineids und gegen den Pfarrer F e r d. Rüge aus Tüngeda > Herzogth. Gothas wegen Verleitung zu dem Meineide. Tie Magd wurde unter Annahme mildernder Umstände zu 9 Monaten Gefängnis;, der genannte Pfarrer zu d r e i j ä h r i g e m Z u ch t h a u s : »d Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die gleiche Tauer verurtheilt." Wie würde die antisemitische Preßmeute bellen und kläffen, wenn ein Rabbiner irgendwo auf dem weiten Erdenrunde wegen solcher Delikte eine Verurtheilung erfahren würde mm

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