Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 10 (4.3.1892)
- Date
- 1892-03-04
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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M. 10 Orslrrrrichisrtzr Wochrnfchrisk. >Leite 175 theil, daß er sie liebe." Was die Anhänger Stöckels und was insbesondere die Wiener Antisemiten zu dieser Aufklärung sagen werden, bleibt abzuwarten. So viel ist an der Erklärung gewiß wahr: Der Antisemitismus ist eine nichtswürdige Spekulation. Wien. Löbliche Redaction! Die heutige Nummer vom 1. März des „Deutschen Volksblattes" zufällig zur Hand nehmend finde ich das Wäschegeschäft des Derbohlaw IX., P r a m e r gas s e, E ck e H a h n g a s s e im sogenannten „redactionellen Theile" angepriesen. In derselben Nummer befindet sich auch ein Inserat der genannten Firma. Saplenti sat! Wien. (Professor Dr. Jacob Levy in Breslau.) Wiederum dringt eine ergreifende Trauerkunde aus Breslau zu uns herüber. Es hat die jüdische Wissenschaft einen ihrer besten Männer verloren und es ist der jüdischen Lexicographie der hervorragendste Vertreter der Jetztzeit für immer entzogen worden. Professor Dr. Jacob Levy, der Verfasser des chaldäischen und neuhebräischen Wörterbuches ist in seinem 72. Lebensjahre von hinnen geschieden und trauernd steht das Judenthum an der Bahre seines als Gelehrten wie als Menschen gleich ausgezeichneten Sohnes. Es hat den bis dahin geltenden Glauben, daß die Bibel allein den ganzen hebräischen Sprachsatz für uns enthalte, für immer zerstört und mittelst seines großartig angelegten neuhebräischen Wörterbuchs uns eine neue, lebendige durch ihren Wortreichthum überraschende Sprache aus dem Schachte der Vergangenheit hervorgeholt. Er hat der nichtjüdischen Theologie die dunklen Pfade in das weite Gebiet des Talmud erhellt und seiner jahrelangen, rastlosen Arbeit werden, wie er selbst sagte, auch manche jüdische Theologen einer späteren Zukunft es vielleicht zu verdanken haben, daß der Talmud nicht einstmals eine terra incognita für sie bleibe. . Wahrlich, wenn wir sein letztes Riesenwerk betrachten, wir müssen staunen, wie eines Mannes Kraft es vermochte, diesen Ungeheuren Bau zu Stande zu bringen. Und dieses monumentale Schriftwerk, e8 war nahe daran ein Torso für -uns zu bleiben, wenn die gütige Hand des Schicksals nicht darüber gewacht hätte, denn nur wenige Tage nach seiner Vollendung traf den Ver-fasser das Unglück in seiner geistigen Thätigkeit dauernd gestört zu werden. Allein Levy war nicht blos ein wegen seines immensen Wissens und seiner unermeßlichen Arbeitskraft hervorragender Gelehrter, er war auch ein edler Mensch, welcher das domo 8um, nihil humani a me alienüm puto mit vollem Rechte von sich sagen konnte. Die Milde und Selbstlosigkeit seines Wesens, die, fast rührende Bescheidenheit seines Auftretens, der Adel seiner Gesinnung und der Edelmuth seines Herzens, sie werden jedem, welcher in Berührung mit ihm kam, oder seiner näheren Bekanntschaft sich erfreute, stets unvergeßlich bleiben. Fern war ihm der unter Gelehrten vorkommende Neid auf die wissenschaftlichen Erfolge eines Anderen und stets stellte er der Sache willen seine Person in den Hintergrund. Er war der hingehendste Freund seiner Freunde, lang und ties nagte an seinem Herzen der Schmerz um den Verlust seines vieljährigen Freundes Fleischer in Leipzig und als in kurzer Aufeinanderfolge drei seiner innigsten Freunde Joel, Graetz und Zuckermann aus dem zeitlichen Leben schieden; da litt es ihn nicht länger hier und er folgte ihnen in ein besseres Jenseits. 8 T.. * * Eine zweite Trauermeldung kommt uns in letzter Stunde aus Breslau zu. Gestern Nacht verschied hier der allseitig verehrte Obercantor der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr M. Deutsch im 74. Lebensjahre. Fast 50 Jahre hat er hier gewirkt und das große reformatorische Werk Geigers, den jüdischen Gottesdienst zu einem erhebenden und weihevollen zu gestalten, an seinem Theil unterstützt und gefördert. Aus Sulzers Schule hervorgegangen, begabt mit einem herrlichen, bis in's Alter kraftvollen Organ und ausgestattet mit feinem musikalischen Sinn und Ernpfinden, hat der Verstorbene Anerkennung und Ansehen weit über die Grenzen seines lokalen Wirkens gefunden. Die von ihm geschaffene Gestaltung des Gottesdienstes galt vielen großen und kleinen Gemeinden als Vorbild und seine Compositionen für die Orgel, wie seine „Schule ft"ir Vorbeter" sind werthvolle und hochgeschätzte Werk». Der Heimgang dieses Mannes wird nicht nur in der Breslauer Gemeinde, in der er auch als Mensch reiche Liebe und Verehrung genoß, sondern auch in vielen und weiten Kreisen auf das Schmerzlichste empfunden werden. Jnngbuuzlau, den 1. März 1892. Sonntag den 28. Februar wurde der stellvertretende Vorsteher der Chewra Kadischa Herr Simon Schiller unter allgemeiner Betheiligung der gesummten Bevölkerung der Stadt Jungbunzlau zu Grabe getragen. Montag den 29. Februar fand das Leichenbegängniß des unl die hiesige Gemeinde hochverdienten Herrn Jacob Gloge s. A. statt. An beiden Tagen hielt Herr Dr. M. Grünwald ergreifende Trauerreden. Herr Jacob Gloge hinterließ sein stattliches einstöckiges Haus um 10.000 fl. ö. W., der Gemeinde und soll nachdem das Capital bis zu 20.000 fl. angewachsen sein wird, ein Altersversorgungshaus errichtet werden. Sämmtliche wohlthätige Vereine der Stadt und der Cultusgemeinde wurden reichlich bedacht. Petersburg, 18. Februar. Im Gouverrement Omsk ist der Flecktyphus ausgebrochen und fordert fast noch mehr Opfer, als der Hungertyphus. Auf Befehl des Ezaren ist eine große Anzahl von Petersburger Aerzten dorthin abgereist. In Kasan wurde der Typhus in 66 Straßen und 402 Häusern festgeftellt. In Jekaterinenburg mußten wegen des Flecktyphus die Straßen für den Verkehr abgestrerrt werden. Im Hungergebiete macht sich der Aerztemangel fühlbar. Wie man aus Lublin meldet, wird jetzt neuerdings mit Massenausweisungen von Juden ans den Gemeinden des dortigen Gouvernements begonnen. Aus Riga wird geschrieben: An dem Orte, wo die Holzhändler fich jeden Morgen zu geschäftlichen Zwecken versammeln, entstand plötzlich eine gewaltige Aufregung. Auf jedem Gesichte malte sich Angst und Schrecken.; die Leute liefen nach allen Richtungen auseinander und in weniger als zwei Minuten war der Platz gesäubert. Was war der Grund zu dieser Erscheinung? Eine Anzahl Polizisten und Detectives war plötzlich erschienen um von den Juden Geld zu erpressen und diejenigen festzunehmen, bei denen sie keines fanden. — Aehnliches trug sich jüngst während des Mittageffens im Hause des Holzhändler S ch a l i t, gegenüber der Börse, zu. Eine Anzahl Polizisten und Spione überfielen plötzlich die Anwesenden, um unter dem Vorwände, ihre Papiere revidiren zu müffen Geld von denselben zu erpreffen. An ein Entkommen war nicht zu denken; alle geriethen in Verzweiflung und nur dem Einflüsse einer herzugekommenen einflußreichen Person war es zu verdanken, daß nicht alle ihres Geldes beraubt oder unter allerlei Vorwänden in's Gefängniß geworfen wurden. Der Polizeichef von Riga ist vor Kurzem nach Moskau versetzt worden. Dieser Beamte gehörte zu den Führern der antisemitischen Partei und man sagt, daß er sich in dieser seiner Stellung so hervorgethan hatte, daß er ihr seine Ernennung zum Polizeichef verdankte, was für die jüdische Gemeinde sehr verhängnisvoll war. Während seiner sechsjährigen Amtsführung hat er die jüdische Gemeinde mit einer nicht zu beschreibenden Tyrannei behandelt. Die Rigaer Juden haben allen Grund sich über seine Versetzung zu freuen; aber weffen werden sich die wenigen in Moskau zurückgebliebenen Juden von ihm zu versehen haben. Zu den angesehensten Mitgliedern der hiesigen jüdischen Gemeinde gehört der Besitzer einer kleinen Gastwirthschaft, welcher bereits 35 Jahre am hiesigen Platze wohnt. Während der jüngsten Herbftfe'ertage hatte er für die bei ihm wohnenden Gäste einen Privat gottesdienst in seinem Hause arrangirt. Die Polizei erfuhr dieses und besetzte das Haus. Die furchtbare Verwirrung und Aufregung, welche dieser unerwartete polizeiliche Ueberfall hervorrief. spottet jeder Beschreibung. Die Andächtigen, denen es nicht unbekannt, welches Loos ihrer wartete, wenn sie in die Hände der herzlosen Beamten fielen,