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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-03-04 · 10 (4.3.1892) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
10 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 170 Vrstrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 10 Ein Gebet — was ist es? Ein unverständlich Lallen der Zunge, ein krampfhaftes Ringen der Hände, ein angstvolles Pechen des Herzens, ein Seufzer, ein Gedanke, ein Blick,, rin Lächeln, ein werthlosrs Nichts, ein Moment seelischer Erregung, der kaum entstanden, verweht, ausklingt wie die tönende Seite einer Harfe, die ein leiser Windhauch gestreift. Es entsteht und vergeht zu allen Zeiten, an allen Orten. Der Mensch betet, auf welcher Alters- und Bildungsstufe er stehen mag. Oft freilich ist er sich.selber dessen nicht bewußt. In Stunden heißesten Schmelzes, bittern Unglücks nnd jauchzender Freude sucht er jenen geheimen Halt, jene feste Stütze, den Trost und Frieden im Gebet. Gebet — von Gott gegeben als feste Vermittlung zwischen Ihm und seinen Geschöpfen. Von ihm geht es aus, zu ihm kehrt cs zurück- Es ist die Sprache, welche wir mit dem höchsten Wesen führen, es ist der Ausdruck ui seres Denkens, Fühlens und Wollens, das wir Ihm darlegen in Anerkennung und Verehrung seiner Allmacht und Größe, seiner unendlichen Liebe und Langmuth. Das ist das Gebet, wie es aus dem Herzen, ans der Seele quillt, formlos, schlicht und einfach, nur dem verständlich, an den es gerichtet, zu dem es aufsteigt. Ein solches Gebet ist Gott wohlgefällig. Kennt er doch als liebender Vater die Herzen feiner Kinder, weiß er doch, wie schwach und hilfsbedürftig sie sind, wie sie von tausend Hoffnungen und Wünschen belebt, von Enttäuschungen, Kummer und Noch gemartert worden, wie sie weder Ruhe noch Rast keimen, bald freudig pochen, bald still zu stehen drohen vor Leid und Weh, liegen sie doch klar vor ihm mit ihren ungestillten Sehnen und Verlangen, mit den heißen Gluthen die in ihnen lodern, genährt durch die wildgährenden Gedanken, die das nimmer müde Hirn kreuzen und die Seele erregen. Nach einem solchen Gebet kehren Ruhe und Frieden in unser Inneres ein und der Hofstmng verklärender Schein breitet sich über all' unser Empfinden. Wozu also noch weiter über etwas grübeln, was klar und jedem eigen ist, von jedem verstanden wird. - Und dennoch sage ich lernet und lehret beten. — Das Gebet soll nicht erst plötzlich in uns äufsteigen, wenn des Schicksals herbe Hand uns berührt, wenn wir uns unter dessen Macht beugen müssen, wenn w'r in Freude oder Schmerz, den mächtigen Willen, der über uns waltet, anerkennen, und durchschauen von der Größe und Gewalt der aus uns einwirkenden Ereignisse uns demüthig beugen und zu dem Höchsten flchep.. Wir sollen Gott suchen, auch wenn unser Lebensschifslein ruhig auf klarer Fläche dahingleitet, auch wenn wir noch nicht die Stürme des Lebens kennen gelernt. Das Gebet ist ein Schatz, der mit den Jahren größer wird, der unser ganzes Sein und Wesen adelt, es ist ein Leitstrom in unserem Leben ein steter Mahnruf, an unser Gewissen, es ist die Weihe, die sich über unser Inneres ergießt, der Oüell des Trostes, der heilende Balsam. Wer lehrt zuerst das Kind beten, wer lehrt sein unbestimmtes Denken, sein traumhaft Empfinden in Worte kleiden? Es ist die Mutter. Mutter! Beim Klange dieses Namens schwebt der Erinnerung holde Gestalt, gleichsam aus himmlischen Höhen hernieder und führt längst vergangene »heure Bilder vor die Seele. Vor uns liegt ein kleiner schmuckloser Raum, die Kinderstube, in der sie schaltet und waltet. Auf ihren Knien hält sie ihr Kind, sie fügt die kleinen ungelenken Finger der rosigea Hältdchen mit liebevoller Geduld ineinander und spricht ein kleines Gebet. Es ist,, als ob die engen Mauern sich weiten, als ob auf Engelsjchwingen ihre Worte die Seele des Kindes zu Gott emportragen. Sie gibt' sie in solchen Augenblicken ihrem Schöpfer wieder, sie stählt und düftigt sie für den spätem Kampf im Leben. Sie lehrt ihr Kind beten, weyn das Herz desselben noch ganz mit kindlichem Frohsinn erfüllt ist, wen» die Seele noch unberührt, klar und rein vor ihr liegt. Sie legt durch das Gebet den Keim zu allem Guten in die für alles empfängliche Kinderseele, sie lehrt sie früh die Tugend der Dankbarkeit üben, sie haucht ihnen das mächtige Gefühl der Liebe zu Gott, zu den Menschen ein, sie macht sie aufmerksam auf ihr Thun und Handeln, sie lehrt sie denken, gut, edel und recht denken. Wie oft schlingen sich weiche, warme Kinderarme nach solch einem Gebet um den Hals der treuen Hüterin, wie oft flüstern heiße rothe Lippen liebliche ungereimte Worte ihr ins Ohr, die nur sie versteht. Sie enthalten dann wohl noch eine besondere Bitte an den lieben Gott, der ja alles .hört und weiß. Solche Momente, sie graben sich fest in die Herzen der durch die Natur so innig Vereinten, sie schlingen fester und fester das Band, das sie unlöslich aneinander fesselt und mächtiger flammt in ihnen die Liebe auf, die alles leidet, duldet und trägt, der kein Opfer zu groß ist, die nie aushört und selbst den Tod überdauert. Der Mutter hilft die Allmutter Natur. Gibt sie nicht in ihrem ewigen rastlosem Wirken und Walten deutlich Zeugniß von der Gottes Liebe, von seiner Größe und Macht. Ist sie nicht die Verkörperung einer Hymne, zu feinem Preise ms Dasein gerufen. In ihr zeigt sich Gott in seiner Größe, Güte und Gewalt, sie mahnt den Menschen zu allen Zeiten den Schöpfer nicht zu vergessen. Wer früh beten gelernt, nicht nur mit den Lippen, sondern mit Herz und Gedanken, der kann nie einsam, nie ganz unglücklich sein. Wmn Trübsal und Unglück über ihn hereinbrechen, wenn seine Lieben von «hur gehyr, wenn er allein in der Welt steht, ein entlaubter Baum, freud- und heimatlos, dann wird sein Auge - sich gen Himmel richten lind. der Trost von oben wird ihm werden. Die Liebe, das Vertrauen zum Allvater werden ihn festigen, die Hoffnung auf Gottes unendliche Güte wird ihn stets neu beleben und ihm Kraft zum Ertragen geben, der Gottesglanbe, der von seiner frühesten Kindheit ihm ins Herz gepflanzr, in ihm mit der Zeit erstarkt und groß geworden, er wird ihn halten und ihn vor Verzweiflung und Pein bewahren. Wer lehrt heute die Kinder beten? Wie viele der kleinen holden Geschöpfe empfangen nicht von der Mutter die erste Anleitung, den ersten Impuls dazu. Die Zeit, die so vielerlei Anforderungen stellt, gibt den Müttern so wenig Gelegenheit ihren Kleinen jenen Schatz ins Herz zu legen, der erst in späteren Jahren an Werth und Bedeutung gewinnt. Sie beten selbst nicht mehr; wie sollen sie da beten lehren. Der alte Kindcrglaube, er wird b>lächelt. Es ist nicht modern zu glauben. Man hört oft von frischen jungen Lippen kalt und lieblos urtheilen über Althergebrachtes und lieber liefertes. Der Verstand tritt in seine Rechte, man versucht Probleme zu lösen, zersetzt, reißt nieder, baut wieder auf. Jedoch das Kartengebäude, das der 'Verstand eines Menschen errichtet, stürzt, denn das Fundament ist wankend, weil menschlichem Denken und Streben ein Ziel gesetzt. Das Streben nach Wahrheit nnd Erkennlniß bleibt uns ossen, die Erken n tu iß selbst gehört dem Einem, der über uns waltet. Verstand und Gemüch sind die Triebfedern menschlichen Handelns und Denkens. Beide gleichmäßig zu bilden ist die Aufgabe der Eltern und Erzieher. Der Verstand wird gebildet durch systematischen Unterricht, dessen Streben und Ziel es ist, alle Theile der Verstandesthätigkeit gleichmäßig zu entwickeln und in Kraft treten zu lassen. Das Gemüth wird geweckt durch fortwäl rendes Einwirken. Es formt und bildet sich langsam, einer zarten Knospe gleich, die ein Sonnenstrahl ins Dasein gerufen. Es verlangt täglich, stündlich neue Nahrung. Sorglich muß cs gehütet weiden, ein rauher Wind erschüttert cs, ein hartes, liebloses Wort läßt alle edlen Keime ersterben, die im Entfalten sind. Segen über die zärtlichen Lippen und die lieben sanften Hände der Mutter, die da fort und fort bemüht sind, das Gemüth ihrer Lieblinge zu pflegen. Welch unerschöpflichen Freudenquell schaffen sie den Kleinen und sich selbst dadurch. Wo eine Mutter mit ihrem Kinde betet, da ist ein Tempel dem Ewigen errichtet, eine Stätte an der sein rcincs Odem weht, die geheiligt ist. Sind die ersten Jahre einem Kinde unter solcher Anleitung verflössen, dann öffnet sich ihm das Gotteshaus. Die erstaunten Kinderangen schauen zum eisten Male den Raum, in dem sich so viele vereinen, um zum Vater im Himmel zu beten. Ein stolzes, freudig erhebendes Bewußtsein erfüllt das Kinderherz, inmitten der großen Gemeinschaft, sein einfaches Gebet hersagen zu dürfen. Allmälig gewinnt es den Raum lieb und fühlt sich zu denen hingezogen, die mit ihm andächtig sind. Sein reisender Verstand, gestützt und gepflegt durch Unterricht, läßt ihn nach und nach die Gebete verstehen und gibt ihm Gelegeltheit sich klar zu werden über die Bedeutung der einzelnen Gebräuche und Formen des Gottesdienstes. Im Hause, in der Schule wird es darauf vorbereitet. Der Zauber und der Vaiin, in dem das Gemüth durch die heiligen Empfindungen steht, zeigt dem Verstände alles im idealsten Lichte, es gewinnt selbst das Kleinste Werth. Ein Gottesdienst, so aufgesaßt, wird stets erhebend und veredelnd wirken. Ein Gebet, das ans den Tiefen des Herzens quillt, wird nie eines heilsamen Einslnsscs entbehreit, es wird in Leid und Freud der Anker der Hoffnung und Ruhe sein, den das Herz im Lebenskampf braucht um Ruhe, Mnth und Kraft zu finden. Literatur. Die wichtigsten Institutionen des Judenthums nach der Bibel, dem Talmud und den Aussprüchen der Weisen in Israel. Targestrllt von Tr. M. H. Jriedländer, Rabbiner in Pisek, Wien 1892. Im Selbstverlag des Verfassers. Druck von Moritz Knöpfelmacher. Sagen wir nur gleich heraus: die vorliegende Schrift reiht sich aus das würdigste den übrigen zahlreichen Geisteswerken dieses unermüdlichen Gelehrten an, der dem Zeitrufe folgend, die Höhen rein wissenschaftlicher Forschungen verließ, in die Masse niederflieg, um ihr mit warmsühlendem Herzen das ganze Füllhorn seines reichen geistigen Schatzes darzureichen und sie zu erheben. Ja, es ist an der Zeit, daß diese selbstlose Hingebung eines sonst neben seiner Amlsthätigkeit nur der Wissenschaft lebenden Rabbiners an die breiten, Belehrung und Ausklärung gar sehr bedürftigen Volksschichten, dieser eindringliche Appell von berufener Seite an die jüdische Jugend, der in vorliegender Schrift so herzinniglich, so überzeugungsvoll zum Ausdruck gelangt, allenthalben Nachahmung finden. Diese Herz und Gemüth gleichmächtig anregenden Wahrheiten, können, zumal in unserer Zeit, nicht oft genug ausgesprochen werden. Die Schrift baut vor unseren Augen mit plastisch greifbarer Anschaulichkeit die Säulen aur, welche das Judenthum tragen: Gotteslehre, Gottesdienst und Wohlthätigkeit! u. zw. an der Hand eines aus der biblischen und talmudischen Literatur mit großer Sachkenntniß und ausgesuchtem Geschmacke geschöpften Materials, gewährt uns, um nicht blos theoretisch zu dociren, einen überaus erhebenden Einblick in Schule und Gotteshaus, wie das Judenthum sie gedacht und wie sie wieder erstehen müssen, wenn sie belebend und befruchtend wirken sollen. Wir begreifen bei der Lectüre dieser Schrift die folgenden vom Verfasser aus deni Talmud citirtcn Worte eines griechischeil Philosophen: „Wenn ihr die Juden vernichten wollt, so müßt ihr vor allem ihre Schulen zerstören; denn solange ihre Kinder in denselben für die Religion und die höheren Ideale begeistert werden, ist keine Macht der Erde im Stande, sie zu erschüttern".

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