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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-03-04 · 10 (4.3.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
10 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 10 VesterrTichifchr Wochenschrift Seite 163 einem Instrumente oder im Gesänge ausbilden. Uebertragen wir diese Wahrheit auch aus die bildende Kunst, so ist es klar, daß bei den Blinden das Erkenntnißvermögen und das Verständniß in dem Grade wachsen wird, als die tastende Hand durch die bildende Hand unterstützt werden wird. Die Möglichkeit, daß die Blinden modelliren können, wird von dem Verfasser einfach und überzeugend, schlagend bewiesen. Die Blinden erlangen durch das sogenannte Handturnen eine gewisse Uebung und Fertigkeit, die sie zu einer ganzen Reihe von Handarbeiten befähigt. Freilich werden diese Handarbeiten nur ganz mechanisch angefertigt; denn es fehlt den Blinden die Vergeistigung des Stoffes und umgekehrt die Verkörperung der Idee. Um den Stoff zu vergeistigen muß der Formensinn geweckt sein, um die Idee zu verkörpern muß eine klare plastische Vorstellung von derselben in der Seele leben. Die Phantasie muß durch die Wirksamkeit korrigirt, die Spekulation, Vorstellung durch die exakte Untersuchung auf ihr richtiges Maß zurückgeführt werden. Diese Aufgabe erfüllt das Modelliren. Wenn die Kinder auf der untersten Stufe das Handtiprnen geübt haben, so muß die mittlere Stufe dem Modelliren mit der Hand, und die letzte Stufe den Handarbeiten gewidmet sein. Das Modelliren erhöht nicht nur das Erkenntnisvermögen durch eine richtige plastische Vorstellung eines Gegenstandes, sondern es erleichtert auch die Nachahmung und ist aus diesem letzterem Grunde eine werthvolle Vorbereitung zur Erlernung eines Handwerks. Das sehende Kind schaut zu, wie ein Anderer ein Werk hervorbringt. Die tausend Veränderungen, die es an der arbeitenden Hand wahrnimmt, werden spielend von ihm nachgeahmt, so lernt es durch Zuschauen. Das blinde Kind hat diesen kürzesten und leichtesten Weg nicht offen. Unsäglich wäre die Mühe, ihm eine Menge von Handgriffen beizubringen, die es zur Anfertigung einer Handarbeit nöthig hat. Darum eben mußte man sich ia bisher auf eine blos mechanische Handgeschicklichkeit beschränken. Das Modelliren allein befähigt den Blinden, richtige Schlüsse über die Anfertigung des Gegenstandes zu ziehen und durch diese Schlüsse selbst den leichtesten und kürzesten Weg der Ausführung zu finden. — Ja er lernt endlich jeder Vorstellung eine sichtbare, entsprechende Form zu geben. Diese Production regt die Selbstthätigkeit des Blinden an, festigt sein Selbstvertrauen und ist die sicherste Basis seiner Selbstständigkeit. Denn auch die Handarbeit wird geadelt werden durch den entwickelten Formensinn des Blinden Er wird sich selbst seine Modelle für Körbe z. B. Herstellen können und aus dem mechanischen einen ästhetischen Zeitvertreib machen. Bei dem Blinden muß also das Modelliren dem Zeichnen vorangehen; denn für ihn existirt nur die Gestalt. Erst wenn er durch sie Flächen, Linien und Punkte erkennen gelernt hat, wird auch das Zeichnen- Bedeutung und Werth für Unterricht und Erziehung haben. Wie aber Modelliren und Zeichnen gelemt, geübt und angewendet werden soll, erzählt uns der Verfasser in dem zweiten Abschnitt dieser Broschüre. Wir finden das blinde Kind am Modellirtisch, es hat durch das sogenannte Handturnen Gelenkigkeit in der Uebung der Finger bekommen. Jetzt legt ihm der Lehrer eine Thonkugel in die eine Hand und läßt es, um in unserer Sprache zu reden, zum erstenmal das Augenmaß prüfen. Nachdem nämlich das Kind die Kugel auf das Sorgfältigste betasten durfte, fordert es der Lehrer auf, von einem sorgfältig präparirten Thonklumpen mit einem Griff so viel zu nehmen, als zum Drehen einer gleich großen Kugel, wie sie das Modell aufwüst, nothwendig ist. Die Thonmasse wird zwischen den beiden Handflächen so lange hin- und hergeschoben, bis die Kugelform zur vollen Zufriedenheit von Lehrer und Schüler hervorgebracht ist. So ist die erste geometrische Figur entstanden. Nicht nur als solche wird sie beim Unterricht verwendet, sie'dient zu gleicher Zeit auch für Gegenstände der organischen Welt. Hier muß daran erinnert werden, daß bei dem Blinden Bild und Wirklichkeit nicht unterscheidbar sind. Für ihn sind alle Gegenstände der Natur genau wie die künstlich heryor-! gebrachten, nur Modelle. Dieser Umstand erleichtert die An-! Wendung der geometrischen Figuren für Lebensformen. In der Gestalt der Kugel sieht das Kind Apfel, Kirsche u. s. w. Die nächste geometrische Form wird dadurch hervorgebracht, daß das Kind die Kugel durch vorsichtiges Aufklopfen auf ein Modellirbrett abplattet und zur Halbkugel macht. Auch hier bieten sich wieder viele Lebensformen zum Vergleiche der Hügel, der Pilz u. s. f. - So wird das Kind angeleitet, aus der Kugel die Eiform, den Würfel, die Pyramide, den Kegel, das Prisma u. s. f. aus Thon zu bilden. Bei jeder dieser Formen wird, wie schon vorhin erwähnt, neben der mechanischen auch die geistige Tätigkeit des Kindes durch Auffindung von Lebensformen erregt. Auf dieser ersten Stufe, der der Uebung werden diese Lebensformen immer der nächsten Umgebung des Kindes entlehnt: aber nicht lange begnügt sich der Lehrer mit der einfachen Form und den einfachen Gegenständen. Die Halbkugel z. B. wird innen ausgehöhlt und zur Schale; diese, mit einem zierlichen Henkel versehen, zum Körbchen gemacht. Die feine, dünne Rolle, die das Kind zum Henkel benützt, gibt ihm den Begriff der Linie, und wenn das Körbchen mit seiner Größe entsprechenden Früchten gefüllt werden soll, so werden dem blinden Kinde diese ganz kleinen Kügelchen als Punkte bezeichnet. Diese Punkte können von dem Lehrer noch auf eine andere Weise verwerthet werden. Ihre Anordnung und Gruppirung führt das Kind spielend in die Brail'fche Blindenschrift ein. Hat das Kind die geometrischen Figuren sich so zu eigen gemacht, daß es ohne Modell die eine oder andere frei modelliren kann, so wird es mit zusammengesetzten Figuren versucht. Der Lehrer gewöhnt nämlich das Kind, jeden Gegenstand, der ihm in die Hände kommt, auf eine geometrische Figur zurückzuführen, die anfänglich einfach, später auch zusammengesetzt sein kann. So wird das Kind die Kaffeemühle als eine aus ' einem Würfel und einer ausgehöhlten Halbkugel zusammengesetzte Form erkennen, der es zur Vervollkommnung die Kurbel aufsetzen wird, um die geometrischen Figuren in die Lebensform zu verwandeln. Hat das Kind diese erste Stufe des Modellirens glücklich erreicht, so öffnet sich ihm das weite Gebiet der Naturkunde zu einer neuen, reichen Fülle der Darstellung. Wir haben schon erwähnt, daß das Kind einzelne Früchte in den einfachen Formen darstellen kann. Jetzt aber handelt es sich darum, Thiere und Fnlchtstücke darzustellen. Ein Gang durch den Modellirsaal der Blindenanstalt auf der Hohen Warte ist in der That überraschender und reichhaltiger, als die längste Beschreibung es schildern kann. Thierköpfe jeder Art, Hausthiere, Schildkröteist Eichhörnchen in jeder Stellung, und über die einzelnen Thiere' hinaus niedliche Thiergruppen geben Zeugniß von der Leistungsfähigkeit der Zöglinge der Blindenschule. Da ist eine Kuh, an deren Euter ein Kälbchen saugt, dort eine Katze mit der gefangenen Maus. Aber auch damit ist das Maß der Leistungen der Blinden noch nicht erreicht. Auch die menschliche Gestalt ist in den Bereich des Modellirens gezogen worden und auch hier mit dem größten Erfolge. Hand und Fuß, die Erstere in den verschiedensten Stellungen, zeigen die erstaunlichste Naturtreue und der geniale Lehrer hat selbst vor der Darstellung des menschlichen Antlitzes nicht Halt gemacht, und seine Schüler haben auch auf diesem schwersten Gebiete das Vertrauen des Meisters gerechtfertigt. Alle bisher erwähnten Gegenstände könnte man aber doch in den Bereich des Tastsinnes der Blinden bringen; wie aber sollte es mit jenen anderen Objecten gehalten werden, die doch immer nur neben- oder nacheinander der Auffassung der Bl in-, den übermittelt werden können. Aber auch hier bewährte sich die geniale Methode, die jeden Gegenstand auf eine geometrische Figur zurückführt. Die blinden Kinder entwerfen ganz selbständig den Plan ihres . Schulzimmers, des Gartens, den Grundriß der Anstalt und nach der Angabe des Lehrers jedes anderen beliebigen Gebäudesi - Das Modelliren hat die Blinden an eine richtige Schätzung der Vergrößerung und Verkleinerung der Gegenstände gewöhnst

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