Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 10 (4.3.1892)
- Date
- 1892-03-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3020900-3020910--01169-3025195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sek 168 Vrflrrrrichi^chr Wochenschrift. 'irr. 10 Vaschatp, Hauck und Brzorad, Kaiser und Krumbholz, Prade und Purghardt einem Lueger zujubelten! Ja, unsere Herren Deutschnationalen aus dem Böhmerlande, das sind gar merkwürdige Käuze. In Reichenberg wird auf die Czechen losgedroschen, gilt es aber die Juden zu dreschen, da reichen sie sich fein brüderlich die Hände zu gemeinsamem „löblichem Thun". Von dem berühmten Freisinn der Jung czechen gibt übrigens auch die Thatsache Kunde, daß sie dem jüngst neugewählten Abgeordneten Dr. Zucker um keinen Preis einen Platz im Strafgesetzausschuße abtreten wollten, während der feudale Cavalier Abg. Graf Belcredi dies freiwillig that. Herr Baschaty redet im Parlament von „verschmitzten Hebräern", ohne daß seine Clubgenossen irgendwie dagegen Verwahrung einlegen. Kein Mitglied des Polenclubs, mag seine innere Gesinnung wie immer sein, dürfte derlei Dinge auf eigene Faust wagen, ohne sofort aus der Partei ausgeschloffen zu werden. Zur Reeexkionsfrsge in Ungarn. In meinen Bemerkungen zu obiger Frage in der letzten Nummer dieses Blattes glaube ich den Beweis erbracht zu haben, die Action wegen gesetzlicher Reception der jüdischen Confessio» in Ungarn zeige kein greifbares Ziel und sei demnach vollkommen überflüssig. Leider muß ich nun hinzufügen, daß dieselbe sogar schädlich wirke und den schlummernden Antisemitismus zu erwecken scheine. Vor mir liegt die achte Nummer des in Budapest erscheinenden „Magyar Neplap“, dessen Leitartikel sich mit dieser Frage beschäftigt, und von Jnvectiven und gehässigen Ausfällen gegen unsere Confeffion strotzt. Der Artikel trägt die Unterschrift „Johann Kudlik, Pfarrer zu Püspöki", und ist der Anfang einer der jüdischen Receptionsbewegung gewidmeten Artikelserie. Ich will niemand zumuthen, das ganze Sammelsurium von Bosheit, Lüge und Bornirtheit zu lesen und veröffentliche hier nur eine kleine Blüthenlese der Liebenswürdigkeiten, die der geistliche Herr uns zuruft: „Das hat uns noch gefehlt, daß Ungarn für die Juden ein Kanaan voll Milch und Honig wwde. Die Emancipation befriedigt unsere Juden nicht mehr; zu wenig ist ihnen die bürgerliche Gleichberechtigung, die den Unterschied zwischen ihnen und den alten christlichen Familien aufhebt, so daß die Pin keles, Jeiteles und z. Beispiel Moritz Jokai vor dem Gesetz vollkommen gleich sind; jetzt verlangen sic schon, daß die ungarische Gesetzgebung des apostolischen ungarischen Königs den Talmud dem Evangelium, und die. jüdischen. Rabbiner und Schächter den katholischen Bischöfen gleichstelle rc. rc. " „Wie ein hungriger Heuschreckenschwarm fielen die Juden über die einträglichsten Stellen; aus den alten armen. Juden wurden Aerzte und Advocaten; in den Städten bemächtigten sie sich des Klein- und Großhandels: bei der Armee find sie die Pferde- Hafer- und Heulieferanten, wobei sie Millionen einsacken; die jüdischen Unternehmer genießen überall Vorrechte rc. rc." Folgen die sattsam bekannten Ergüsse über die Talmud Moral, worauf der Artikelschreiber in heiliger Entrüstung ausruft: „Die Katholiken kennen nur die Freiheit, aber sie sind nicht freisinnig. Das Work „liberal" haben jüdische Scribler erfunden, und das ist ein entsetzlich weiter und dehnbarer Begriff, in deffen Rahmen Unsinn, Principienlosigkeit, Ungerechtigkeit, politischer Wahnsinn und Laune neben einander Platz haben." rc. rc. Doch genug; es widerstrebt mir, den Unflath weiter zu rühren, den der Herr Pfarrer im oberwähnten Blatte den frommen Lesern vorgetischt hat; auch fallt es mir nicht ein, hierüber irgendwelche Kritik zu üben. Die Leiter der ungarisch« Receptionsbewegung jedoch mögen nun sehen, wohin ihr Eifer geführt, und was ihr mit so groteskem Aufputz versehenes Welk heroorgei-ufen. Der in Ungarn seit Jahren lahmgelegte Antisemitismus beginnt wieder sich zu regen, der Giftstoff wird unter dem Volke wieder ausgestreut und wir alle wissen es ja ans der Vergangenheit, wessen dieses Ungeheuer fähig ist. Wahrlich es ist nicht der Mühe werth, einem hohlen Titel zu Liebe die Lärmtrommel zu rühren und hiedurch das scheußliche Reptilienheer zu neuem Unfug aufzutreiben. Dr. Ferdinand Mittelmann. ModeUiyen und Zeichnen in der Blindenschule Bon Louise Frcyhan. Seit langer Zeit folgt die gebildete Welt der Entwickelung der Blinden-Pädagogik mit regem Interesse. Jeder Fortschritt auf diesem Gebiete wird mit freudiger Antheilnahme begrüßt. Mit großer Genugthuung werden die glänzenden Resultate der alljährlichen Prüfungen anerkannt. Wir haben uns längst gewöhnt auch Blinde als Mitbewerber auf bem Gebiete der spekulativen Wissenschaften zu sehen. Blinde Handwerker brauchen schon lange nicht mehr die Concurrenz ihrer s-henden Genossen zu fürchten, ihre handliche Geschicklichkeit und Tüchtigkeit stellt sie diesen würdig zur Seite. Es ist kauni nöthig uuf dem Gebiete der redenden Künste es noch zu erwähnen mit welchem Erfolge auch die Blinden thätig warell. Von Honler bis Hyronimus Lorm haben sie mit ihren glücklich organisirten Genossen den Lorbeer getheilt. Aber diese eben erwähnten Gebiete, nämlich das der spekulativen Wissenschaft, der mechanischen Handfertigkeit und der redenden Künste bezeichnen zugleich auch die Grenze die man. der Leistungsfähigkeit der Blinden gesteckt hatte. Der Vorzug des Genies ist es, Grenzen nicht zu achten, sondern sie zu überschreiten um neue Wege zu finden und zu bahnen und es anderen Ansiedlern zu überlassen neue Grenzen zu stecken. Und eine neue Bahn hat der Verfasser der Broschüre: „Modeüiren und Zeichnen in der Blindenschule" Herr Direktor S. Heller, Leiter der israelitischen Blindenanstalt in Wien, gefunden und eingeschlagen. Die Wichtigkeit des Zeichnens für Erziehung und Unter-' richt ist längst anerkannt. Das Zeichnen stützt sich auf Anschauung, die Anschauung aber ist dem Blinden gar nicht oder doch nur sehr unvollkommen zu geben, und deshalb so glaubte man bisher, wäre das Zeichnen in der Blindenschule durchaus nutzlos und überflüssig. Richtig ist, daß ein Unterricht bei den Blinden, der mit Zeichnen beginnen würde, durchaus nicht geeignet wäre die Anschaung zu vermitteln. Zeichnen ist ja nur das abstrakte Bild einer Gestalt und Flächen, Linien und Punkte gewinnen für den tastenden Sinn des Blinden nur dann Bedeutung, wenn ihm die Kenntniß der Gestalt vorausgegangen ist. Die Kenntniß der Gestalt gewinnt aber der Blinde durch das Modelliren. Es scheint freilich, als ob ein Betasten des Modells und eine Besprechung desselben durch den Lehrer für die Erkenntniß des Schülers genüge; wenigstens hat es bisher genügen müssen. Der Verfasser aber beweist, wie leicht bei der Beschreibung von Gegenständen für den Lehrer und Schüler eine ungewollte Täuschung entstehen kann. Der Blinve, so führt der Verfasser aus, bedient sich beim Sprechen natürlich stets der Ausdrucksweise der Sehenden, er hat keine eigene Sprache, und so kommt es,' daß er die Worte des Lehrers braucht, ohne daß derselbe kontrollüen kann, ob der Schüler auch dieselben Begriffe damit verbindet. Ohnehin ist die Phantasie des Blinden lebhafter, sein spekulativer Sinn erfinderischer als bei normalen Menschen. So kann es sein, daß er den Schein des Wissens erweckt, das er doch nicht hat. Wie soll aber der Lehrer erfahren, ob der blinde Schüler eine klare Vorstellung von dem Gegenstände gewonnen hat? Wie kann er überhaupt dem Schüler eine wahrhaft plastische Vorstellung nur vermittelst des Tastsinnes zuführcn? Die Antwort ist; durch das Modelliren. Es ist eine unbestrittene Thatsache, das unser Verftändniß für die Musik in dem Grade wächst, als wir uns auf