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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-03-04 · 10 (4.3.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
10 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 160 Vrprrrrlchischr Wochenschrift. Nr. 10 zuschütteln. Und weshalb sollte auch Herr Lueger seine innige Gemeinschaft mit einem Ahlwardt leugnen, nachdem er sich nicht gescheut hat, sich den „besten Freund" eines Schneider zu nennen? Der Stampiglienfälscher Schneider war es ja auch, der den Defraudanten Ahlwardt in Wien ein führte, der ihm zu den billigen Triumphen beim Elterlcin in Hernals verhalf, über welche Herr Vergani einen enthusiastischen Bcrichl veröffentlichte. Man sieht, wie die Dinge znsammenhängen. Brüderlich und srcundnachbarlich reicht man einander zwischen Wien und Berlin die rettenden Hände. Als Herrn Ahlwardt, „dem Rector aller Deutschen", der Berliner Boden zu heiß geworden war. ging er nach Wien und Lueger, Schneider und Vergani ebneten ihm den Boden. Und als die Wiener Antisemiten die Hilfe der Kreuzzeitungs- Partei gegen die Handclsvert äge brauchten, eilte Herr Vergani nach Berlin und der Rector Ahlwardt war dort sein Führer und Beralhr. Die moralische Persönlichkeit der Herren Ahlwardt und Lueger hat durch den Lorbeer nichts gewonnen und nichts verloren, die stand schon vorher fest und wird auch dann scststchcn, wenn der süße Pöbel mit oder ohne Handschuhe ihm einmal statt des Lorbeerkranzes einen Strohkranz aus das Tutderhaupt drücken wird. Man spricht von einer rothen, einer schwarzen und einer goldenen Internationale. Die Internationale des antisemitischen Volksbetruges und Gaunerlhums hat keine ausgesprochene Farbe. Aber diese Internationale ist vorhanden, ihre Fäden ziehen sich von Land zu Land, von Metropole zu Metropole. Der Lorbeer sängt an, das Sinnbild dieser Internationale zu weiden. Man wird in Zukunst den Leuten aus dem Wege gehen, die mit Kränzen geehrt wurden, man wird vor ihnen die Christusbilder und Stampiglien versperren, man wird Amts- und Armengelder hüten und silberne Löffel nicht offen liegen lassen. Nus Berlin. Berlin, 23. Februar 1892. („Die Schmach des Jahrhunderts.") Den Rector Ahlwardt kennt jedes antisemitische Kind. In der Nolle des antisemitischen Nußknackers und Nadaupolitikers, der sich als fleißiger Mann keiner Arbeit schämt, und wäre sie noch so schmutzig, hat Herr Ahlwardt seit Jahr und Tag viel von sich reden gemacht. Er ist ein Mann, der den Mund recht kräftig voll nimmt und wenn er einmal in's Schimpfen kommt, dann weiß er kein Ende zu finden. Verleumden, schinrpfen und Ehrabschneiden sind ihm Bedürfnis; — mehr noch als das: er lebt davon. Lebt d^von seit ein Disziplinarverfahren von der Vorgesetzten Dienstbehörde wider ihn eingclritct wurde, welches vorläufig seine Amtsenthebung zur Folge hatte. Eeilher bezieht Herr Ahlwardt nur die Hälfte seines früheren Gehaltes, und da er mtt dem vollen Gehaltsbetrage niemals sein Auskommen fand, so dein stets erbitterte Lohnkämpfe mit Schustern, Schneidern und andern wackenr Leuten durchzukänipscn hatte, vermögen Leser, die in der Mathematik gut beschlagen sind, leicht auszurechnen, daß die Hülste seines früheren Einkommens jetzt erst recht nicht hinreicht, zur Bestreitung seiner zahlreichen Bedürfnisse. Die Bcdürfniffe des Herrn Rektors sind außerdem gewachsen. Früher hatte er wenigstens noch ein Amt, welches ihm gewisse Arbeiten zur Pflicht machte und ihn immerhin täglich einige Stunden beschäftigte. Auch gab cs der Nebenarbeiten gar mancherlei. Herr Ahlwardt hatte Gelder einzukassiren von wchllhätigen Hencn und Frauen. Er veranstaltete Sammlungen zu Wcihnachtsbeschcerungen an bedürftige Schulkinder und sammelte Unterschriften im Jntereffe ordensbcdürfliger Fabrikanten, die ohne seine Intervention an dem ringest.Ilren Sehnen ihrer Knopflöcher zu Grunde gegangen wären. Und Herr Ahlwardt war ein Ehrenmann. Von den gesammelten uulden Gaben blieb, obwohl er schon damals über und über verschuldet war, kein Pfennig an seinen Härrden kleben. Wenn die ihm unterstellten Lehrer ein Mißvcrhältniß entdeckt haben wollen, zwischen den Summen, die er eingenommen, und den Beträgen, über die er hinterher Rechnung legte, so war dies lediglich auf optische Täuschung ihrerseits zurückzuführen. Außer den von ihm veranstalteten Geld- und Unterschriftensammlungen und neben seiner Erzichungsthärigkeit hatte Herr Ahlwardt, so lange er in städtischen Diensten slai d, auch sonst genügend zu thun. Da galt es bald einen Lehrer zu ohrfeigen, bald einen Schuldicner anzupumpen, bald wieder einen anderen Untergebenen um einen bestimmten Betrag zu erleichtern, bald ein paar Wechselchen unterzubringen bei einem Manne, der durch seine (des Herrn Rektors) rastlosen Bemühungen einen Orden erhalten hatte, dafür aber keinen rothen Heller Provision zahlte, sondern einfach die besagten Papierchen am Fälligkeitstage rinlösen mußte. Dennoch aber kam Hcr-r Ahlwardt mit seinem Gehalt nicht aus. Es gieng ihm so schlecht, daß sogar seine Schwiegermutter die Schulder einigung übernehmen mußte, um ja die paar Mark, welche hiefür ausgeworfen waren, nicht einer armen Arbeiterin zufließen zu lassen, die dadurch möglicherweise zu — Schwelgerei und Ueppigkeit verleitet worden wäre. — Der Mann war nunmehr reif für die antisemitische Propaganda. Solange ein Mensch sich noch auf andere Art ernähren kann, wird er selten zur Stufe des antisemitischen Agitators herabsinken. Erst wenn alle Stränge gerissen sind und es einem Menschen, der im Leben Schiffbruch gelitten hat. an der Thatkrast gebricht, die erforderlich wäre, um sich wieder emporzuarbeiren, erst dann wird er Antisemit. Der Antiscmitlsmus ist die Partei der verkrachten Existenzen auf der einen und der geistig rückständigen Massen auf der andern Seite. — Der Kämpfer für Volkswohl und Volksrechte, der überlaute Rufer im Streit der unverfälschten, arischen Moral gegen jüdische Unmoral, wurde mm vor Gericht entlarvt als em Mann, dessen eigene Moral gar durchlöchert und schäbig ist- Zeuge um Zeuge trat vor und sagte Dinge aus, die den blödesten Antisemiten die Augen öffnen müßten über den Unwerth dieses ihns hervorragenden Führers — wenn die antisemitische Menge nicht aus verbohrten Köpfen bestände, die unfähig siird, sich ein eigenes Unheil zu bilden über irgend eine Person oder irgend eine Frag". Es wurde gerichtlich f stgcstellt, daß er im Kampfe mit dem politischen und persönlichen Gegner zu den gemeinsten Kampfcsmittrln seine Zuflucht nimmt, deß er mit Vorliebe zur Lüge greift und zur Verleumdung, daß er in blinder Wuth darauf los schimpft und verdächtigt, ohne auch nur irgend einen stichhaltigen Beweis irr Händen zu haben für die Wahrheit seiner Behauptungen. Ein plappernder Barbier, eine alte Frau, die ihre scharfe Zunge nicht im Zaume zu halten vermag, ein Bicrbankgesprüch, welches gelangweilte Philister aui's Tapet bringen, um sich über die geistige Oede hinwegzutäuschen, die sie umgibt — das sind die Gewährsmänner und die Thatsachen, auf welche ein Ahlwardt die schwerwiegenden Beschuldigungen begründet, die er wider seine Gegner schleudert. In den Augen seiner blindgläubigen Anhänger sieht der Biedermann heute allerdings größer da, als je zrrvcr. Er, gilt ihnen jetzt als Märtyrer der „guten u>d gerechten Cache", an seiner Verurtheilung sind lediglich die Judcrr schrrld. Für einen waschächten Antisemiten ist es über allen Zweifel erhaben, daß die ,alliance israSlite“ die Richter bestechen hat um Ahlwardt unschädlich zu machen. Sehr bezeichnend war auch das Verhalten, welches die Henschaften während des Prozesses beobachteten. Es wurden in dieser Zeit mehrere Volksversammlungen ebgehaltcn, die sich mit dem Verfahren gegen Ahlwardt beschöfti, len, ncch ehe dasselbe abgeschlossen war. Aus den Süulenanschlägcn wurde in marktschreierischer Weise zu diesen Versammlungen eingeladcn. Man sprach da von „I u d a's Rach e" und beschwor

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