Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 10 (4.3.1892)
- Date
- 1892-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 158 Orsterrrkchischr Wochenschrift. sJir. 10 taten^ schrieb Kaiser Wilhelm I. an den Feldmarschall von Roon: „Diese Gottesleugnung geht Hand m Hand mit der Sozialdemokratie, und so sind wir mitten im Frieden dahin gekommen, wohin die französische Revolution in der Schreckenszeit gerieth, d. h. Gott abzuschaffen und dann wieder einzusetzen, obgleich letzteres unsere Gottesleugner noch nicht thun!" — Und am 26. Dezember: „Wohin wir gekommen wären ohne den 2. Juni (Attentat Noblling) ist nicht zu berechnen, und wie ich cs öffentlich ausgesprochen, will ich gern geblutet haben, wenn Manchem die Augen geöffnet sind und wir zum' Besseren steuern! Der Anfang ist gemacht durch das neue Gesetz, aber nun muß noch der gelockerte Boden der Kirche bcsestigt werden." Das ist nun das Programm, aus welchem heraus die neue Politik in Deutschland verständlich wird, der Bund des Protestantismus mit dem Jesuitismus. Weil man sich nicht genug mit der Wehr und Waffe des Diesseits, mit Sttafgesetz und Polizei gewappnet glaubt, um die Bedrohung der Monarchie von Seiten der Sozialdemokratie erfolgreich überwinden zu können, hat man die Schreckmittel der Hölle herbeirufen zu müssen geglaubt und diese von Grund aus herbeizuschaffen, soll durch die Schule die Kirche besorgen. Das ist des Pudels Kem, welcher ein Teufelspudel ist. Und die alte vornehme Fallacie, daß der Teufel Schildwache stehen müsse, damit kein Schaden geschieht, ist wieder zum Vorschein gekommen. Mit dem saden Tränklein der sozialpolitischen Versorgungsgesetze und mit dem scharfen Schwert des Sozialistengesetzes hat man es versucht, den Schaden der Sozialdemokratie zu kuriren. Es ist nicht geglückt. Jetzt soll die Furcht vor dem höllischen Feuer zu Hilfe genommen werden. Quod medicamenta non sanant ferrum sanat, quod ferrum non sanat, ignis sanat. Die Abschreckungsrheorie feiert die Auferstehung. ' ‘ Mit der Furcht vor den Schrecken der Hölle ist es aber ein eigenes Ding. Sie stehen noch im Nachtheil gegen die Schrecken der diesseitigen Strafen. Ein kluger, erfahrener Mann stellte einmal folgende Betrachtung an: Wie mag ich nur darauf rechnen, daß ein gewöhnlicher Mensch aus Furcht vdr den entfernten und ungewissen Strafen einer künftigen Welt den Versuchungen des Augenblicks 'widerstehen wird, wenn 'ich >fo oft erlebe, daß die geschertesten und gebildetsten Leute sich den Magen verderben? Die üblen Folgen einer Unmäßigfeil in Speise und Trank stehen doch so sicher fest und unmittelbar hinter dem Vergehen, daß sie ungleich viel unabwendbarer erscheinen als die einer anderen Welt, die Niemand kennt. Und wenn eine Indigestion auch mit geringerer Pein droht, als das höllische Feuer, so ist doch andererseits der Widerstand gegen die Versuchung der Tafelfreuden so viel leichter, als der gegen die Verführung zu großen Sünden — von der Gewißheit im einen und dem Zweifel im anderen Fall nicht zu reden. Wer will behaupten, daß, wenn es eine Hölle gäbe und ein oder der andere Sünder zeitweise aus derselben auf diese Welt znrückkäme, ein solcher nicht auch wieder rückfällig werden Nnnte? Wie gering mag aber die Zahl derer sein, welche so ganz ohne Ar.wandlung von Zweifel an die Hölle glauben? Frau von Motteville erzählt, Papst Urban VIEL habe bei der Nachricht vom Tode des Kardinals Richelieu bemerkt: „Nun, wenn es einen Gott gibt, so wird er bald seine Strafe zu zahlen haben; aber, in der That, wenn es keinen Gott gibt, so war er ein Ehrenmann."*) Da sie das als etwas eben Gemeldetes niederschreibt, muß es chr und ihrem Kreis nicht -unwahrscheinlich geklungen haben, und dem eleganten, für seine Zeit modern zu nennenden Florentiner sieht es auch nicht unähnlich. Wenn das in den Zeiten Ludwig des Dreizehnten ffo beilausig einem Papst nachgesagt werden konnte, so mag -man darnach berechnen, welche Nahrung diesen Zweifeln seit 'zweihundertfünfzig Jahren zugeführt worden sein muß. Indessen fr am man in der Religion eine Stütze der Monarchie sucht, so muß man vor Allem dem Antisemitismus den Nährboden 'entziehen. ..... *) „Ah! ehe se gli e nn Dio, hen tosto lo pagarA; ma vera- - mente, se non c’e Dio e galantuomo.“' Uns Juden war die Treue gegen den Herrscher seit je als dogmatlscher Lehrsatz eingeprägt worden. „Mein Sohn, fürchte Gotr und den König", lautet ein biblischer Lehrsatz. „Selbst in Deinem geheimsten Kämmerlein fluche nicht einem Könige", wird in einer zweiten Stelle eingeschärft. „Du sollst beten für das Heil des Königsthums, denn ohne dessen Furcht würden die Menschen sich gegenseitig lebendig verschlingen" — lehrten die Rabbinen im Talmud. Unser Religionsgesetz gebietet, beim Anblick eines welrlichen Herrschers in einen Segensspruch Gott zu pr eisen, „daß er an seiner himmlischen Majestät einem irdischen Herrscher Antheil gegeben hat." Die Antisemiten vom Schlage des Berliner Hosderwisch Stöcker und seiner treuen Genossin, der „Kreuzzeitung", weiden nicht müde, die Juden in höheren Sphären als die Träger des unreligiösen Geistes, als Atheisten und Religionsgegner zu declariren. Wie schamlos diese Lüge ist, ergibt sich zum Beispiel aus den in der letzten Nummer der „Oesterr. Wochenschrift" erwähnten Vorgängen im Amsterdamer Gemeinderath. In Amsterdam ist es seit alten Zeiten Sitte, daß der Gemeinderath seine Sitzungen mit einem Gebete beginnt. Eine schöne Sitte, die jedenfalls, weit empfehlens- und nachahmenswcrther ist als die Gepflogenheit, die bei Gemeinderalhssitzungen manch anderer Städte lerrscht, wo die Gemeinderathssitzungen gewöhnlich mit einem Ccandal enden. In der allerjüngsien Zeit wurde nun von der radicalen, anticlericalen Partei, unter Führung des protestantischen Advocaten Uein ecken, ein heftiger Kampf wegen Abschaffung dieses Gebetes inscenirt, der aber von der Majorität zurückgeschlagen wurde. Bei der Abstimmung, an welcher von den 39 Mitgliedern des Gemeinderathes sich 33 betheiligten, wurde mit 18 gegen 15 Stimmen die Beibehaltung des Gebetes beschlossen. Für die Aufrcchterhaltung des Gebetes stimmten die beiden Katholiken, und der katholrsche Schöffe ReckerH, drei orthodoxe Protestanten und — vier liberale Juden. — Man erinnere sich des famosen Toastes, welchen bei dem Festessen, mit dem die Versammlung des Schriftsieller-vereines zu Leipzig, im Sommer 1845 schloß, ein gewisser W. Jordan aus Königsberg ausbrachte. Es war ein Toast „aus die Atheisten", ein Toast „auf den freien deutschen Geist", der noch ein zukünftiger ist, der sich einst befreit haben wird, von aller Gewalt, der wirklichen auf Erden, und der eingebildeter Spukgewalt im Himmel." Eine eiskalte Schicht hatte sich während jenes Toastes über die Versammlung gelegt, und am Schlüsse herrschte Todlenstille. — Erst als ein Theilnehmer des Festes, Berthold A u e r b a ch, das Schweigen gebrochen und das Wort des Protestes gefunden hatte; erst als er als Jude erklärt hatte, „das ist eine wahnsinnig gewordene Vernunft, die so von der Zukunft träumt"; erst als er „die wahre Freiheit" leben ließ mit dcn Worten: „wir alle erkennen cs, daß es ein Gesetz gibt, welches uns ganz gewiß zum Ziele führen wird, in und außer uns, in der Natur und in dem Geiste, der Gott sicher kennt," erst da war der Bann gelöst; und H. Laube der damalige Tischpräsident, berichtet: „Es fand ein Ai klingen, Rufen und Umarmen statt, als wenn man eine verloren geglaubte Heimat wiedergefundcn hätte." (Judenthum und Christenthum und ihre Zukunft. Vortrag, gehalten im Berliner Unions-Verein, am 30. Januar 1891 von Dr. Albert Friedrich Berner, Geheimer Justizrath, Professor an der Universität in Berlin, S. 25.) Die Niedertracht der Antisemiten in erlogener Denunciation der Juden, zeigte sich klar bei Gelegenheit der Errichtung eines Denkmals für G i o r d a n o Bruno in Rom. Giordano Bruno ist einer der antisemitischen Heiligen, seinen Haß gegen die Kirche übertrug er auf die Bibel und die jüdische Race. Das offizielle Organ der deutschen Antisemiten in Leipzig, die „deutsch-socialen Blätter" Nr. 110 vom 21. September 1890 schreiben über Bruno: „Dieser geniale Denker, der 13 Jahre lang in Frankreich, England, Deutschland und Italien gereist war und