Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 10 (4.3.1892)
- Date
- 1892-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 10, Wien, 4. Mär; 1892. : IX. Iahr-a»«. 1 Centralorgsn für dir gefammten Interessen des Iudenthmns. L. k. Pofisparrassen-nnr TleardtAverkrtzr Dr. 610.976. ArdsrNon u. Ndminiflrslion: wie« 1. Lothrnthurmstrsgr SS. -^- Eigrnthümer: Reichsralhs-Avgeor-neter Dp. KLoch. -- Erscheint jeden Freitag. re Wan abmnrtrt bei allen ppganftiilfra den In- und Ruslnndr». spreiS: Haldjähria 4 fl. ülzelexemplare 25 fr. Hnjeigen: Die 4mal geflwTtete Petitzeike 13 fc Inhalt: Leitartikel: Thron und Altar. — Zwei Lorbeerkränze. — Aus Berlin. — Aus dem Lager der Jungczechen. — Zur Recrptionsfrag» in Ungarn. — Modelliren und Zeichnen in der Bl.ndenschule. — Correspondenzen: Wien, Raudnitz, Kolomea, Budapest, Prag, Ducarest. — Vermischtes: Wien, Tulln, Brünn, Prag, Postelberg, Brür, Krakau, Lemberg, CZroß-Kikiuda, Temesvar, Breslau, Friedberg, Frankfurt a. M., Darmstadt, Paris, London, Rom, Asti, Petersburg. Kairo, Corsu, N w-Pork. — Feuilleton. DaS Gebet. — Literatur. — Wochenkalender. — Inserate. — Inhalt der Beilage: Leitartikel: Der alte und der neue Friedhof der Juden. — Berliner Vorlesungen. — Correspondenzen: Wien, Jungbunzlau, Petersburg, Neu-Seeland. — Publikationen der israelitischen Cultuflgemeinde in Wien. Thron und Nlksr. u. Während der Papst mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit der französischen Republik seine Gunst bezeugt und die Vertreter der Kirche offiziell erklären, daß sie keineswegs einer speciellcn Negicrungsforrn z. V. der monarchischen einen Vorzug znrrkennen, flüchtet sich die vor der sozialen Revolution geäncstigte Monarchie aller Länder unter den Schutz der Kirche und sucht Zuflucht in dem Bündniß mit einer Macht, welche noch immer mit jeder siegreichen Revolution paktirt und Frieden geschlossen hat. L. Bamberg er hat dieser merkwürdigen Erscheinung unserer Zeit einen eigenen politischen Essay gewidmet („Die Nation" Nr. 22), in welchem er daran erinnert, daß die Gedankenverbindung zwischen Erhaltung der Religion und Erhaltung der Monarchie nicht zu allen Zeiten bestanden hat. „Monarchen und Monarchieen wurden von Verschwörern angegriffen und gestürzt, ohne daß die Gottlosigkeit dafür verantwortlich erklärt worden wäre. Ja der hervorragendste Fall und vielleicht der einzige im Alterthum, wo der Unglaube als ein Verbrechen gegen die Staalserhaltung mit der Strafe des Hochverrats geahndet wurde, ist in einer Republik vorgekommen, die Hinrichtung des Sokrates. Die Königs- und Fürstenmörder deren Thaten das neuere christliche Zeitalter ausgezeichnet hat, waren, soviel man weiß, keine ungläubigen Menschen, viele von ihnen waren sogar sehr fromm oder gar fanatisch — man denke an Jaqucs Clement, Ravaillac, Balthasar Gerard, Damiens oder gar an Oliver Cromwell und seine Heiligen. Der fromme Dichter des verlorenen Paradieses, der sich doch von Berufs wegen mit Himmel und Hölle eingehend genug beschäftigt hatte, mar der eifrigste Vertheidiger der Hinrichtung des Königs von England. Zu seinen berühmtesten Schriften gehören die Abhandlungen zur Rechtfertigung dieses Verfahrens; in der zweiten dei selben, der vekensio secunda pro populo anglicano contra infamum libellum annnymum, cui titulus: Regii sanguinis clamor ad coelum adversus paricidas anglicanos (von dem Franzosen Salmasius verfaßt) heißt es unter anderem: „es entspricht dem Gesetz und ist zu allen Zeiten so beobad)tet worden für alle, welche die Macht dazu besitzen, einen Tyrannen oder schlechten König zur Verantwortung zu ziehen und ihn, nach richtiger Ueberführung abzusetzen und vom Leben zum Tode zu bringen, wenn die ordentlichen Obrigkeiten verweigert oder vernachlässigt haben, das zu thun". Auch daß Anckarström oder die Orloffs und Genessen besonders gottlos gewesen, wird nicht berichtet. Bekanntlich vcrtheidigte die Kasuistik Mariannas und Bellarmins den Fürstenmord von Glaubens wegen. Das halbe Dutzend entthronter Herrscher, welche Candide in Venedig versammelt findet, weiß bei der ^Erzählung seiner Schicksale noch nichts von den bösen Wirkungen des Unglaubens zu erzählen. Erft mit der französischen Revolution wendet sich die Sache. Da ihr die Periode der philosophischen Aufklärung vorangegangen war, da der Kampf gegen das Königthum — gewiß in innerem Zusammenhang — mit dem Kampf gegen die Kirchen verbunden ward, so verbanden sich natürlich auch die Ideen des Royalismus und der Rcchtgläubigkeit in der gemeinsamen entgegengesetzten Anschauung. Ihr vollendetes Prototyp erstand in dem Grafen Joseph de Maistre, dem Sohne des Savoyerlandes, welches die natürliche Brücke vom päpstlichen Italien zum bourbonischen Frankreich bildet. Der Begriff der Legitimität, welcher in seiner staatsrechvlichen Bedeutung auch erst der neueren Zeit entstammt und in der heiligen Allianz seinen vollendetsten Ausdruck gefunden hat. erhob die Identität von Monarchie und Religion zum Prinzip. Aber bis zur Februar-Revolution des Jahres Achtundvierzig blieb die ganze Jdcenverbindung lediglich im Zustande einer allgemeinen Weltauffassung, welche darauf hinausging, daß Kirche und Thron das gemeinsame Interesse und die Mittel hätten, einander zu halten. In Deutschland haben sich die freidenkerischen und die politisch-liberalen Bestrebungen bis in die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts durchaus nicht gedeckt. Die berühmten deutschen Philosophen waren sämmUich gute Unterthanen und der weltlichste und letzte von ihnen, Arthur Schopenhauer, war ein überzeugter Reaktionär. Andererseits hatten die Liberalen der Demagogenzeit nach den Befreiungskriegen ebensowenig wie die der dreißiger Jahre einen Zug zur Freigeister«. Die Verbindung von philosophischem und politischem Radikalismus beginnt erst mit den Ausläufem der junghegelischen Schule, den Arnold Rüge, Ludwig Feuerbach und Gebrüder Bauer. Aber noch David Friedrich Strauß war ein guter Konservativer. In unmittelbaren strengen Zusammenhang miteinander traten überall die beiden Faktoren erst mit dem Eintritt des sozialistischen Programms. Die einzige Ausnahme davon macht das von Mazzini, welches, ohne dem Wesen nach sozialistisch zu sein, die Formel verkündet: „Ni Dien ni maitre“, während noch sein viel wirtsamerer Mitarbeiter Garibaldi den Ruf „Dio e Popolo“ zu seinem Feldgeschrei machte, d. h. Gottes» glaube und Republik. Am 13. März 1378 aber, noch vor dm beidm Attm-