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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-26 · 9 (26.2.1892) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
9 (26.2.1892)
Date
1892-02-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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hm iiwnfliwaga Seite 154 Oestrrreichifchr Wochenschrifi Nr. 9 Polizei Hab' ich nie was zu thun gehabt, ehrlich währt am längsten. Auf Betrügereien sitzt kein Pfennig Verdienst, Horst De? Was das betrifft, kannst Du mir gestohlen werden — aber dcch sollst De gesund bleiben, bis hundert Jahr! Siehst De, ich bin nur ein armer Kerl, der nicht viel gelernt hat. Lesen? Nu ja! wenn's gedruckt ist. Schreiben? für den, drr's lesen kann. Aber doch Hab' ich so bei mir selbst gestudirt und aus meinem eigenen Kopf gedacht, wenn ich an der Cchuhbank beim Monument steh' und nichts zu thun habe: Isaak, Mann, Du kennst den Damm, Du weißt, was zu verkaufen ist und was hier vorgeht den ganzen lieben Tag, alles siehst de. Wissen denn die Amsterdamer, was der Damm eigentlich ist? Sie rennen darüber weg, Zeit ist Geld. Denkst de, daß sich einer umsieht? I bewahre! Nur Isaak thut das. 'sMorgens um halb sechs bin ich da. Gott soll euch alle bewahren vor so'n leeren Magen, wie ich gewöhnlich mitbringt. Nu! 's ist gesund, sagen de Doktoren, ein bischen zu warten vor's Frühstück. Dann setz' ich meine Bank ins Monumentdecken. Das Monument ist 'ne schöne Pfefferbüchse, die mitten auf dem Damm steht. Jungfrau Eintracht steht oben. Hab' ich schon oft gedacht: sind die Menschen meschugge? Setzen de Eintracht auf'n Monument, das durch die Zwirttacht gekommen. Wie ne Meschugas. Nu, ich hab's nicht bauen laffen; mein Sorg'! Weißt de, was ich so durch de Bank am frühen Morgen zuerst sehe? De Nachtschwärmer. Psui, wie sehen die aus! Blos blaue Ringe um die Augen und stöhnen und ächzen thun se. Wo se die Nacht gewesen, brauchst de erst nicht zu fragen. Wenn ich se dann so hin und her wanken sehe, denkt Isaak an seine Familie, an seine lieben Jungens. Za, es sind wahrhaftig auch alte Kerls dabei — dann wird mir miserabel, denn Isaak ist auch Vater. Gott laß' mir die Kinder gesund! Und dann denk ich, ehe ich so 'n Rumtreiber hätte werden sollen, i's bester, daß ich keine Cente habe. Was glaubst de nu, was ich mit de sauberen Herrchen thue? Ich laus' se nach und ruf so laut ich kann: ..Putzen, mein Herr, abbürsten, reinmachen!* Und wenn ich se dann abbürste oder die Stiefel rcinmache, kann ich mich nicht bezwingen, um ihnen nicht einen Stoß mit der großen Bürste zu geben, obgleich se Kunden sind, die ein Dübbeljc bezahlen. Später kommen dann die Arbeiter, die auf Arbeit gehen, brave, anständige Menschen, die nach der heiligen Schrift leben, denn es heißt, im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brod verdienen. Wenn ich se denn so mit ihre Handwerkszeuge gehen seh, dann denk ich: da gehen se, schwitzen thun se, aber Brod verdienen — das ist noch die Frage. Aber Isaak hat mehr Respekt vor die Menschen als vor die anderen, die aus »de Ncs" kommen. Wenn so'n Arbeitsmann geputzt sein will, mach' ich ihn blitzblank für drei Cent. Grade so schrn wie andere für ein Dübbelje. Für'n Arbettsmann muß man was über haben. — Dann kommen de Damen. Das sind meine Eoncurrrnten — se putzen dcch auch! Aber ich bin nicht ängstlich, ich lach' mich aus, denn oftmals machen se's noch schmutziger, als es schon ist, und dann verdiene ich wieder von wegen de schmutzigen Füße, die die Leute kriegen. Wenn die Wagen kommen, sagt Isaak: Achtung vor der Stadt und Obrigkeit. Wenn se auch ihre Arbeit nur halb machen — Isaak nimmt seine Mütze ab vor de Herren, die de Wagen gestellt. — Inzwischen sehe ich mich um, ob nicht Jemand mit dem Omnibus nach dem Rheinbahnhof will. Sch' ich einen Fremden oder auch ein Dauern auder Warmor- oder Kalverstraße anstürmen, daun laß' ich meinen Putzkasten am Monument, oder bring ihn ins Eommandantenhaus und lauf zu ihm hin. »Nach dem Rheinbahnhof? Herrchen! Da ist der Omnibus, eil Dich nur nicht. Du kommst schon noch hin!" und dann lauf ich mit ihm und schreie: »Helo, he, Eonducteur, hier ist ein Passagier, der muß noch mit." Das ist 'ne Spekulation von mir, denn se geben mer ein Dübbelje oder ein paar Cente für meine Mühe. S' passirt aber auch, daß sie sagen, geh weg, Jude. Aber es ist nicht arg, ich denke dann immer, die Menschen können nichts für ihre Erziehung. Vor einer kurzen Zeit kommt mal des Morgens ganz eilig ein Herr mit einem Päckchen in der Hand. »Tragen, mein Herr?" ftage ich, ..für ein paar Cent tragen?" Da sagt der Mann mit einer Stimme wie ein Eisbär: »Lauf zum Teufel, Jude!" Sehr ungebildet von ihm, nicht wahr? Weißt de, was ich gethan Hab'? Hab' ihm nachgerufen: »Hei! Ho! Da hat er sich umgesehen; da Hab' ich auf meine Mütze gezeigt, als ob aus seinem Hut was wäre. Da hat er ihn abgenommen, um zu sehen, was daran sei. Nu Hab ich gerufen: „So gehört es sich, Herrchen, wenn Se meinen Dienst nicht nöthig haben, känn se doch höflich sein, Ihren Hut abnchmen und sagen, danke Jude." O weh, o weh, der hat mich angesehen! Und Isaak gab ihm noch umsonst 'ne Anstandslehre! So gegen acht Uhr kommen die Pferdebahnwagen und Omnibusse auf den Tamm, dann beginnt für mich das Geschäft. Ich nehme meine Schuhbank in eine Hand und in die andere ein Pappkästchen mit Pferdebahnbillets und schreie: »Kärtchen, mein Herr, Omnibus- und Tramwaykärtchen?" Bei mein Gesund, Hab' ich dcch nicht gedacht, daß ich noch im Leben werde Antheil haben an eine Aktiengesellschaft und Actienscheine verkaufen werde. In de Wartehäuschen, Kiosken nennen se de Dinger, verkaufen sc auch Kartjes, und wie se damit begannen, dacht ich: Isaak, das ist kein Schacher für dich, se werden die Dinger für'n Dübbelje verkaufen und dann bist de geschachten. Aber de Direction ist menschlich gewesen und verkauft sie auch mit'n Eent Verdienst. Gott soll sie leben lassen davor in Gesundheit. Um halb neun Uhr kommen die Herren über den Damm, die auf die Bureaus gehen. Viele sind dabei wie geleckt. Mit Glacehandschuhe und Zigärrchen im Mund. — Aber die Meisten, ... au weh mir! Isaak hätt' gern eine neue Jacke, aber für solche Jacken dankt er. Gewöhnlich glattes, grünes Tuch mit einem armseligen Schimmer. Daß kein Pfennig an se zu verdienen ist, kannst de denken. Tie Cente fürs Putzen verdienen se selbst, und doch sind se Herren! Weißt de, mit den Leuten tauscht I aak auch nicht. So'n ganzen Tag mit der Nase in ein Buch, oder in de Papiere auf ein dunkles Konror — danke — dann lieber auf den Damm in unserem lieben Herrgotts freier Luft. Wenn's schönes Wetter ist, kannst du nischt Besseres haben, und wenn's regnet, nu, dann ist bei Gcnd & Los ein großes Thor, wo man sich unterstellen kann. — Es muß schon schlimm kommen, wenn ich inzwischen noch nicht mein Frühstück verdient habe. Dann gehe ich in den Schaftkeller neben dem großen Zigarrenladen, da bekommt man Alles koscher und gut. Dort laß' ich mir ein Brödchcn und eine Taffe Kaffee geben, und ehr du dich's versiehst, spült Isaak sein Frühstück runter, denn Zeit ist auch für ihn Geld. Verstehst de? Nun wird es langsam zehn Uhr, dann ist es häßlich auf dem Damm, dann kommen die Begräbnisse herüber. Nebbich! — Bei mein Leben, wenn de so oft und so lange Zeit, wie ich hier stehe, da wärst, könnst de de Klaffen gut unterscheiden. Denn es sind zwei Sorten von Begräbnissen, weist de? Erstens von de Sterbekasse und zweitens von de Pariikuliere. Die von der Kaffe begraben werden, mit denen rennen se über den Tamm, gerade, als ob se sich trauen lassen, oder als ob se sagen: „schnell nur, nach dir fahren wir noch zwei andere!" Und wie sie angezogcn sind — mit ein' Wort: schofel, und Gesichter machen sie, wo de von ablesen kannst: angemiethetes Werk. Bei de Partikulierr ist'» ganz anders. So'n Begräbniß ist vornehm, langsam fahren se, de Leichen bitter lausen gravitätisch mit gebeugte Häupter. Denkst de, aus Mitleid? Keine Spur! sie rechnen aus, wie viel Trinkgeld se im Sterbehaus kriegen werden." Nu ift's bald elf Uhr, dann kommen de Auswärtigen, das ist fette Brühe für Isaak, da fällt wohl mal was extra ab. Wie? Nu ja, der Bauer ist nur ein halber Mensch, und wenn de den nicht zu fassen weist, wenn willst de denn? — Kürzlich kommt ein Bauer, so ein rechter, mit offenem Mund zu mir hin. »Putzen, schön machen, abbürsten?" ruf ich. »Nein Jude," sagt er. „Verlier Dein Athem," sage ich. Da fängt er schrecklich an zu lachen, ich lach' auch. Heißte Bauer Er geht ein paar Mal den Damm auf und nieder, kommt dann wieder zu mir und sagt: »Kannst De mir sagen, wo von Gend & Loos wohnt?" „Ob ich's sagen kann? Warum nicht, warum soll ich's nich sagen können?" „Nu." sagt er, »sag's denn?" »Wenn Du mir fty Kwartje gibst. Für was hörst de was. Kannst mich doch auch was verdienen lassen für meine Zeitversäumniß. Ich Hab auch Frau und Kinder." Fängt der Lümmel wieder an zu lachen und sagt: „Ich werd Dir ein Dübbelje geben." „Ein Kwartje," sag ich. »Ein Dübbelje" er. „Ich kann nicht für'n Dübbelje, Bauer, wahrhaftig, es kost' mir cingekauft mehr." Endlich geht er über seine Tasche und gibt mir ein Kwartje. Gott soll ihm sein Athem behalten lassen! Ich steck' mein Kwartje in de Westentasch und sag: »Dreh Dich nur um, Alter, denn de stehst gerade vor's Geschäft von Gend & Loos." 's war bei mein Leben zwei Kwartjes Werth, um zu sehen, was der Bauer für'n Gesicht gemacht hat. Au weh, hat der geschimpft. Nebbich, wenn er hätte lesen können» wär's ihm nicht passirt. Spaß, hat er mich ausgescholten! Und ich? Weißt de, was ich gethan Hab'? Ich Hab' inir mit's Kwartje das Ohr zugehalten und Hab' nischt geantwortet Warum sollt' ich auch. Wir haben doch alle Beide unseren Willen, gehabt. Zwischen elf und zwölf Uhr Hab' ich immer viel zu thun, da kommen die Kunden, die sich putzen laffen, um zur Börse zu gehen. Wenn de Börse um ein Uhr geöffnet wird, nehme ich meinen Kasten und geh zur Börse, 's ist ein schönes Gebäude. De Außenseite — de meinst Wunder was, aber von hinten? Au weh, wie die Arche Noah! In de Zeitungen schreiben se binnen Kurzen soll ne neue Börse kommen, d. h. wenn sie Geld genug haben. Wie 'ne Dummheit von de Amsterdamer, se verdienen doch Geld aus de alte. Sie sollen nur vorsichtig sein! 's ist besser, daß von der alten Börse was in ihre Börse kommt, als daß erst aus ihrer Börse eine neue Börse kommen muß. 's ist zwar meine Sache nicht, aber Isaak sagt gern, was er denkt.

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