Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 9 (26.2.1892)
- Date
- 1892-02-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-«.«.Mi.- iit*v wh. gll Seite 150 Veflrrrrichische Wochenschrift. Nr. 9 ein Gesuch an die niederösterreichische Regierung um abschriftliche Hinausgabe der auf ihre Gemeinde Bezug habenden Normalien, namentlich des erftoffenen Dekretes wegen Errichtung eines eigenen Bechauses in der Leopoldstadt, eines angeblichen Decretes der Banco-Deputation vom 17. Juni 1878 mit Regulirung chrer Gemeindeverhältniffe und eines bezüglich ihres Bethauses unterm 7. Juni 1803 erlassenen Regierungsdekretes. Da sich die niederösterreichische Regierung nicht im Besitze der gewünschten Akten befand, sandte sie unterm 29. Jänner 1843 daS Gesuch begutachtend an das k. k. Hoskammer-Archiv. Damals fungirte der Dichter Franz Grillparzer als Archivs-Director und erledigte das Gesuch durch folgende in dem so eben erschienenen „Grillparzer Jahrbuch" zum erstenmal bekannt gewordene Mittheilung: „Die Archivs-Direction hat zu bemerken, das; von allen, sowohl von der Gemeinde selbst, als von der Polizei-Ob erdirection und der niederöstewichischen Regierung zitirten Vorschriften sich keine einzige in den hierortigen Akten vorfindet. Zn Bezug auf die erste Errichtung des Bethauses vor 108 bis 110 Jahren sind die Fascikel und Bücher fruchtlos durchgegangen worden. Die Verhandlung vom Jahre 1803 ist, wie aus dem von der Regierung mitgetheilten Reseratsbogen ersichtlich, gar nicht bis an die hohe Hofkammer gelangt. Diesogenannte Banco-Deputationsverordnung vom Jahre 1778 ging, wie die beiliegeicke Abschrift ausweist, gar nicht von dieser oben genannten Behörde aus, sondern von einer Deputation Cancalio in justitialibus, oder wie sie auch genannt wird Niederösterreichische Justiz-Banco-Deputation, von deren Existenz man bisher nichts gewußt hat, vielweniger, daß sich ihre Verhandlungen im Hofkammer-Archiv befänden. Vielleicht wird man nicht irren, wenn man dabei an die niederösterreichisch«. Landrechte denkt, zu deren Forum in Justizsachen die türkischen Unterthanen von jeher gehört haben. Bei dieser Sachlage erübrigt nichts als sämmtliche Verhandlungen hierüber ehrerbietigst zurückzuschließen. Wien, am 17. Februar 1843. Grillparzer." ^orresMäenLen. Wie» . Der von den Wiener Antisemiten erst jüngst so gefeierte Berüner Häuptling Ahlwardt wurde soeben in Berlin zu viermonatlicher Haft verurtheilt. Man schreibt darüber aus Berlin: Der antisemitische „Heros", der ehemalige Rektor Ahlwardt, wurde von der Strafkammer nach einer viertägigen Verhandlung wegen verleumderischer Beleidigung zu vier Monaten Gefängniß verurtheilt, nachdem der Staatsanwalt ein Jahr beantragt hatte. Geradezu vernichtend für Ahlwardt war das Plaidoy?r des Staatsanwaltes v. Rheinbaben, welcher ausführte, das; alle von der Anklageschrift Ahlwardt zur Last gelegten Strasthaten durch die Gerichtsverhandlung bewiesen worden sind, so daß man sich betreffs der Verleumdungen, welche Ahlwardt gegen seine früheren Kollegen vorgebracht hatte, beinahe ftagen möchte, ob Ahlwardt zurechnungsfähig sei. Leichtsinnig, gewissenlos hat Ahlwardt ganz unbeglaubigte, vom Hörensagen erfahrene Gerüchte als positive Thatsachen aufgestellt. Bei den Verleumdungen der Stadtverwalkung zeigte Ahlwardt bodenlose Unkenntniß der geltenden Einrichtungen. Alle Gelegenheit war ihm geboten, seine ungeheuerlichen Behauptungen zu beweisen! Ahlwardt wollte klarmachen, daß durch den Bruch des Amtsgeheimnisses die Juden bei unserer fortschrittlichen Stadtverwaltung oft in die Lage kommen, die städtischen Gelder bei Seite zu schaffen. Keine Spur dieser Beschuldigungen ist erwiesen. Selbst durch seine antisemitisch en Gesinnungsgen offen, die ihn entlasten sollten, wurde Ahlwardt kompromittirt, insofern der Anschein entstand, daß Ahlwardt mit unlauteren Mitteln auf ihrZengniß einzuwirken gesucht habe, wie andererseits die Verhandlung positiv ergab, daß Ahlwardt dem Lehrer Klopfsteg einmal den Gehalt unterschlagen habe. Durch nichts vermochte Ahlwardt darzulegen, daß er in gutem Glauben gehandelt habe. Durch die städtische Schuldeputation erfuhr Ahlwardt die allerlangmüthigste Behandlung, statt dankbar dafür zu sein, behauptete er, daß das System zu seiner Vernichtung bestanden habe. Noch weniger ist erwiesen, daß ein politischer Terrorismus in der Stadtverwaltung bestehe. Die schauerlichen Enthüllungen seines antisemitischen Freundes Dopp über die angebliche Korruption erwiesen sich als in der Weinlaune gemachte Mittheilungen eines Stadtverordneten. Leichtfertig und frivol hat Ahlwardt ans Grund von unverbürgten Gerüchten, auf die Autorität seines Barbiers beinahe, wissentlichfalscheBehauptungenmitUeberlegung aufgestellt und seine Broschüre so geschrieben, daß dieselbe den Lesern einen Kitzel darbicten und ihm Geld einbringen sollte; Ahlwardt's Machwerk fällt unter das Kapitel gewerbsmäßiger Ehrabschneiderei. Die Bestimmungen des achten Gebotes hat er planmäßig überschritten, Afterreden und bösen Leumund besonders lüstern aus gestreut. Der Proceß währte mehrere Tage hindurch und Herr Vergani berichtete in vielen Spalten täglich über den Verlauf der Verhandlung. Am Schlüße aber wurde Herr Vergani merkwürdig kurz, er unterschlug die wichtigsten, interessanten Episoden. Den Plaidoyers des Staatsanwaltes, der Vertreter der Privatbetheiligten, des Vertheidigers und des Angeklagten, einschließlich der Ürtheilssprechung .widmete Herr Vergani 3 Zeilen, sage drei Zeilen, die wörtlich lauten: „und es folgen die Plaidoyers w. und schließlich die Urtheilsverkündigung, in der Ahlwardt zu vier Monaten Gefängniß vn - urcheilt wird. Der Staatsanwalt hatte ein Jahr beantragt." Kiirzer war noch kein Referat über eine fatale Situation und Herr Vergani sucht in folgender Art den „Helden" abzuschütteln : „Dieses Urtheil wird von der Judenpresse selbstverftändlich wieder zu infamen Schmähungen gegen die antisemitsche Partei ausgenützt. Ahlwardt wird als antisemitischer „Heros" bezeichnet und die antisemitische Partei für sein Vorgehen verantwortlich gemacht. Daß dies in keiner Weise gerechtfertigt ist, wissen die Leser des „Deutschen Volksblattes" aus den Berichten unseres Berliner Berichterstatters schon seit lange. Ahlwardt hat mit der antisemitischen Partei nichts zu thun." Indessen erlauben wir uns an eine Thatsache zu erinnern. Anfangs Decembw war Herr Ahlwardt Gast der Wiener Antisemiten und wurde in Versammlu ige.i als „Heros" gefeiert. Das officiclle Antisemitenorgau brachte über die „Ehrung" folgenden Bericht: „Der Saal war gedrängt voll, als der verehrte Gast mit seiner Frau Gemahlin in Begleitung des Herrn Reichsrathsabgeordneten Schneider den Saal betrat. Hochrufe erschollen und lange wollten sich dieFrendeskundgebungennichtlegen. Rector Ahlwardt ist eine sympathische Erscheinung mit vollem runden Gesichte, ein Bild kraftstrotzende c Gesundheit. Nur eine solche Constitution, wie sich deren Rector Ahlwardt erfreut, konnte alle die Torturen ungebrochen übcrstehen, welche die Judenbande über ihn verhängte. Die Juden, welchen in Ahlwardt einer der gefürchtetsten Gegner, der scharfe Waffen führt, erstand, täuschen sich sehr wenn sie glauben, diesen Mann sobald zu Grunde richten zu können. An seiner Seite saß dessen Genlahlin, eine echte deutsche Frau, welche in -treuer Hingebung in allen Leidensepochen ansharrte, von denen Ahlwardts Buch „Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judenthume" Kunde gibt." „Während der Rede des Herrn Psenner erschien Herr Reichsrathsabgeordneter Dr. Lueger." „Nun betrat unter größter Spannung Dr. Ahlwardt die Rednerbühne: sein Erscheinen weckte einen Sturm der Begeisterung. Als er mit klangvoller Stimme seinen Vorträg begonnen hatte und aus jedem Worte der Brustton der Ueberzeugung hervorgiug, da hatte er bereits alle Herzen gewonnen'" Die „Oesterr. Wochenschrift" No. 49 vom 11. December 1891 schrieb damals: „Der Empfang, welchen Herr Ahlwardt bei den Wiener Antisemiten gefunden, muß uns Juden mit großer Genugthuung erfüCCen. Der Anticorruptionist Dr. Lueger lväre ganz und gar unverständlich und unvollständig, wenn nicht Herr Ahlwardt ihin an der Seite stünde. Arm in Arm mit Henir Ahlwardt bietet Dr. Lueger erst ein vollendetes