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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-26 · 9 (26.2.1892) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
9 (26.2.1892)
Date
1892-02-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Orfirrrrichische Wochenschrift. Seite 145 Dühring schrieb sein großes Buch zur Vertheidigung der Berlincr Rassenhetze und selbst der Hofrerwisch Stöcker erklär:« das Judenthum nickt als Confession sondern alß Nation zu bekämpfen. Herr Qua: refages hatte nun allerdings längst nachgcwiesen, daß nur die Mittelstaaten wirklich germanisch 1 seien und la race prussienne eine Masse darstelle, zu der verkommene Slaven und allerlei anderer Abfall der Menschheit sich vereinigt haben, derart, daß der Berliner Mob und seine Demagogen thalsächlich der germanischen Nasse gar nicht angehören. Indessen die Stimme dieses französischen Naturforschers, der eine europäische Autorität genossen hat, wurde, wie Alles was von jenseits der Vogesen vernommen worden, als Ausdruck einer nationalen Antipathie, als Ausfluß politischer Voreingenommenheit abgewiesen. Selbst die mahnenden Worte gutmcinender Christen verhallten ungehört, welche die bereits längst vollzogene geistige Vermischung des Judenthums mit dem Deutschthum durch die christliche Cultr.r bloslezten. Professor Dr. Carl Fischer in Frankfurt a. M. schrieb damals: „Angesichts der Thalsache, daß Chriitus aus jenem Voike entstanden ist, daß die heiligen Schn ten des Neuen rvie des Alten Testaments von Juden geschrieben sind, daß die Juden einen großen Theil des religiösen K rnons mit uns gemein haben, daß viele Sprüche und ganze Bücher des Alten Testrments in unser Leben und Denken ausgenommen sind; Angesichts dessen, daß viele Reformatio: swerke und Wirkungen auf alttestamentliche Stellen gegründet sind; scheint mir das wirklich nur ein Streit um Worte, wieviel vom semit sehen Geist durch das Christenthum in uns Deutsche übergcfi'ihrt s i, wieviel das heutige Judenthum specifisch Semitisches mehr enthalte, als die Bücher des alten Blindes, auf denen Christus seiire Lehre erbaut, auf denen das Judenthum sein Leben cmwickelt hat." „Fühlt der Jude etwas Anderes, wie der Christ, wenn er sein: „Der Herr hat's ergeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt" mit betendem Munde spricht? Beruht nicht ciir großer- Theil unserer erhabendsten Musik auf Wort und Geist des Juden? Haben nicht die Eomwell'schen Dragoner und nach ihnen mancher preußischer Grenadier mit den Streitern des Alten Bundes ihren kriegerischen Geist genährt und gestärkt aus den gewaltigen Worten der Psalmisten und Propheten?" Der Urheber dieser Ketzereien wurde damit bestraft, daß man ihm selber die Zugehörigkeit zum deutschen Volke kurzweg abgefteitten — ein Geschick, das einem Größerem vor ihm, Golthold Cphrain Lessing nicht erspart geblieben. Das Preußenthum wollte ihn als „Germanen" nicht sürder gelten lassen. Der Antisemitismus wurde als die „natürliche Neaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element" gepriesen, als eine Agitation zur Reinigung des Deutschthums. Herr Georg Schönerer verlangte Jedermann auf seinen „Feingehalt an deutschem Hirn und Blut" zu prüfen. Ein Jahrzehnt ist seitdem vorüber, die Folgen der Bismarckschen Wirtschaftspolitik haben den nationalen Enthusiasmus in Deutschland vielfach erkalten und ein ruhigeres Erwägen ans allen politischen und wissenschaftlichen Gebieten eintreten lassen. Nun vernehmen wir eine Stimme in Deutschland, die merkwürdig genug klingt, alz daß sie ganz überhört werden könnte. „Die Gesellschaft" Monatschrift für Literatur, Kunst und Socialpolitik. Begründet von M. G. Conrad, ist das vornehmste Sprechorrar der neuen realistischen Schule irr Deutschland, der man „P.stlosemitismus" oder „Judenliberalismus" nicht zur Last legen kann. Die realistische Schule bekämpft die Ausschreitungen des Kapitalismus mit Geschick und Energie und steht mit einem Fuße in der Socialdemvkratie. In dem soeben arrsgegebenen II. Heft des VIII. Jahrganges dieser Zeitschrift finden wir an leitender Stelle einen geistreichen Essay: „Erbtheile von Falk Schupp (Berlin)", aus welchem wir die wichtigsten Partien nachstehend rcproduciren: „Man fängt an zu begreifen, daß der ,,reichs"dentsche Patriotismus, wie er sich seit dem Einheitskrieg in den biederen Hirnschädeln der Masse eingenistet hat, eigentlich nur ein großer Humbug war. Ein niederträchtiger Humbug sogar, n)ie ich behaupte, die unerhörteste Niederlage, die das germanisch^ Deutschthum seit je erlitten. Der Tal.nivatriotismus der ersten zwei Reichsdecennien war ja nichts anderes, als ein glückliches Geschälsmanöver, mit welchem das großmäulige Slavokeltenthum sich unter dem Vorwand der germanischen Deutschtümelei die Hegemonie zu erhalten suchte. „Wß Stammes Leute sind denn in Berlin die Parvenüs des Bürgerstandes, die reichen Handwerker, die Schlachter, Bäcker, Brauer u. A.? Es sind zur reichlichen Hälfte Hereingeflossene aus den östlichen Provinzen, aus Posen und den beiden Preußen. Leute, deren Altvordern noch ein biederes Gemisch von ihren ererbten Slaven lauten und einigen angelernten Germanismen durch die Zähne gerasselt haben. Ihre Söhne aber sind blutarm nach Berlin gekommen und haben dort sich „emporgearbeitet". Das ist ja nationalökonomisch sehr anzuerkennen, aber es kommt noch ein anderer Gesichtspunkt in Betracht, und das ist die stammespsychologische Vergewaltigung und die Nationalitätenheuchelei, die durch diese Umstände in Berlin geradezu ins Niesenharte gediehen sind. „Wer, frage ich, hat diese Leute reich gemacht? Der Güterzufluß aus ihrer Heimat, wo die Kartoffel kaum in der kläglichsten Jämmerlichkeit gedeiht und der Schnaps letzter Ordnung das „Nationalgetränk" ist? Spürt man da nicht die Seelenverwandtschast mit dem Wutkyland? Es ist ja notorisch, daß das Berlinerthum sich zu reichlich vier Siebentel aus slavokeltischem Geist zusammensetzt. Für mich gab es daher in Berlin bei jeder öffentlichen Gelegenheit Ursache, mich ironisch über das neue Germanenthum auszulächeln, wenn ich einen biederen Paroenubecliner aus der slavischen Mark oder aus Posen sich auf die enge Slavenbrust schlagen sah und ausrufen hörte: Wir Germanen in der Kapitale des Germanenthumes! Derselbe Kerl steckt dann das deutsche Dreifarbenbanner heraus und besucht die Nadauversammlungen des Erzreaktionärs Stöcker allwo er über die Invasion des Judenthums kräftig mitschimpft und sich seinen vermeintlich arisch-germanischen Berzel mit den fadesten Rassenschmeicheleien behaglich kratzen läßt! „Das sind die deutsch-aermanischen Hyperpatrioten in Berlin! Das ist der Typus „Schneidig", den der vortreffliche Conradi so famos gekennzeichnet. Menschen, die den slavischen Knechtsinn und die slavische Gelenkigkeit in dem Militarismus vereinigten und damit eine Zeitlang Weltgeschichte machten. Das sind die Kriegsstatisten, die Friedrich der Große, bei weitem Preußens bedeutendste Hcrrschergestalt, mit dem ganzen Sarkasmus seines Lächelns in Potsdam mit der Wachparadenkomödie beschäftigte. Das Slaventhum der Paradengllenkigkeit und der organisirten Knechtschaft, welche diepreußische Gamasche zur historischen Utensilie gemacht hat. Dieselben, die die „großeSchnauze" weitaufreißen und im ganzen Entrüstungsfalsett des ^laventhums loskreischen, wenn sie sehen, daß man in Süddeutschland nicht gewillt ist, nach der slavokeltischen Manier zu traben! Dieselben die überhaupt die Süddeutschen, wie die Schwaben, Franken, Chatten, für einen inferioren Menschenschlag halten und höchstens noch die Sachsen neben sich als „Germanen" dulden wollen. Im Jahre 1889 kritistrte der Pariser „Figaro" einmal einen geistreichen Aussatz aus „Macmillans Magazin", worin sehr ausführlich von dem Berlinerthum gehandelt wird. Damals war Bismarck, die große Heldengestalt der slavokeltischen Gamaschenhegemonie, noch primu8 vmmum, daher es für einen Süddeutschen, überhaupt für einen wirklichen Germanen, der nicht ge„geffket" sein wollte, schwer war, ein Wörtchen Wahrheit zu sagen. Zu den etwas scharfen Ausführungen des „Magazins", erinnere ich mich, bemerkte der „Figaro": „In Berlin gibt es nahezu zwei Millionen Deutsche, aber noch keinen Berliner. Der Londoner, der Pariser, der Wiener sind specielle Typen — der Berliner existirt nicht, er ist erst ln der Bildung begriffen". Als sehr richtiges Zeichen führt er dann den Mangel an Tradition in Sachen des Kleidungsgeschmackes an. Weiter meint der „Figaro": „Das kommt daher, weil die mittleren Klassen des Berlinerthums sich noch nicht genügend von den Traditionen des Mili» tarismus zu befreien vermochten, um Zeit gehabt zu haben,

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