Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-26 · 9 (26.2.1892) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
9 (26.2.1892)
Date
1892-02-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020909--01150-3025175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Oryrrrrichischr Wochen schrist. Nr 9 Seite 144 satz von 24 bis 26 kr. täglich, und da heißt cs noch weiters: „Die Einkünfte des Gesindes stellen sich aber höher, da außerdem noch jeder Person eine Schlafstelle im Stalle angewiesen ist und dem Gesinde über Tags der Besuch einer eigenen Stube, der „Rattern", frcisteht." - Warum trachtet nicht Prinz Liechtenstein hier einmal Abhilfe zu schaffen, diesen Feudalsclaven zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen? Warum richtet er seine guten Lehren blos an die Adresse der Kapitalisten und Fabrikanten und nicht auch an die der eigenen Standcsgcnoffcn? Wenn die Feudalen beffere Löhne zahlen würden, dann müßten die Fabrikanten sofort mit Lohnerhöhungen kommen, um den Abzug der Arbeitskräfte aus der Fabrik in die Landwirthschast zu hindern, der sonst eintreten müßte. In der That aber hassen die Feudalen die Großstädte blos darum, weil diese eine bessere Entlohnung der Arbeit bewirken. Steuerunterschleife. Herr Schlesinger sprach von Cteuerunterschleifcn der Capitalrstcn und Prinz Liechtenstein nickte beifällig. Wie soll aber e.n reicher Mann wagen, sein Einkommen zu publicircn, wenn er dann fürchten muß, durch alle Gossen geschleift und zum Gegenstände einer Be,chimpfung zu werden. Man stelle sich vor, daß die Fassioncn der wohlhabenden Fabrikanten in den Volksversammlungen und im Parlament dazu benützt werden, die Meute auf die Fersen zu hetzen, den Neid zu entflammen und den Haß zn schüren. Prinz Liechtenstein sollte aber auch in der Geschichte bewandert genug sein, um zu wissen, daß Sleucrunterschleisc Kenn Feudaladel traditionell waren, derart, daß im Jahre 1889 in Preußen einem schlesischen Großgrundbesitzer bedeutet wurde, er möge seinen Wunsch, richtig eingeschätzt zu werden, aus Rücksicht aus seine Standesgenossen zügeln. Der französische Geschichtsforscher Taine erzählt im 1. Band seiner Origines de la France Contemporaine (5. Auflage Seite 24 und 25) über die Auffassung und Praxis des französischen Adels vor der Revolution, nachdem er das Verhalten des gleichfalls stcuerscindlichen Elerus besprochen: „Was die Adligen anlangt, die sich nicht (wie der Elerus) versammeln, Vertreter haben, öffentlich wirken konnten, so wirkten sie auf private Weise, bei den Ministern, den Intendanten, den Eubdelegirten, den Generalpächtern und bei allen mit öffentlicher Autorität bekleideten Persönlichkeiten; man hat für ihren Rang Rücksichten, Schonung, Gefälligkeiten. Zunächst befreit dieser Rang sie selbst, ihre Leute und die Leute ihrer Leute von der Aushebung zur Mil z, von der Einquarlieruna, von der Wegebausrohn. Sodann zahlen st'', da die Kopfsteuer (capitation) nach der Haushallsstcucr (taille) bemessen ist, wenig, indem ihre Haushalte slcuer nicht in Betracht kommt. Noch nie! r, jeder von ihnen hat mit seinem ganzen Einfluß regen seinen Steuersatz reklamirt. „Ihr füllendes Herz", so schreibt einer von ihnen an den Intendanten, „wird rrie zu geben, daß ein Familienvater meines Standes z u r Gr u n d st e u e x(vingtiemes) st rikt s o c i n g e s ch ä tz t wird, wie ein Familienv a 1 e r a u s d e m g ew ö h l i ch en V o l k e." Da andererseits der Steuerpflichtige die Krpfstcuer an seinem thatsächlichen Wohnsitz zchlt, der oft fern ron seinen Gütern licet, und ohne daß man etwas von seinem Einkommen ans beweglichen Vermögen weiß, so braucht er nur soviel zu zahlen, als ihm gut scheint. Eine genauere Nachforschung findet nicht statt, wenn er zum Adel gehört; „man ist unendlich rücksichtsroll gegen die Personen von vornehmem Range in der Provinz: so", sagt Turgot, „hat sich die Kop steucr der Privilegirten allmählich auf einen außerordentlich mäßigen Betrag reningert, während die Kopfsteuer der zur HauLhaltunesstcurr Verpflichteten beinahe dem Satze der Letzteren glcichkr rinnt." Kurz, „die Steuererheber halten sich verpflichtet, in Beziehung auf diese Leute Schonung zu üben," selbst wenn sie im Rückstand sind; „daher kommt cs," so sagt Nrcker, „daß von ihrer Kopfsteuer und ihrer Grundsteuer sehr alte und viel zu große Rückstände vorhanden sind." Auf diese Weise haben sie, soweit sie nicht direkt den Angriff des Fiskus zurückweisen konnten, ihm auszuweichen oder ihn bis zur Harmlosigkeit abzuschwächen verstanden. In der Champagne „zahlten sie von beinahe 1,500.000 Frcs., welche die Kopfsteuer einbrachte, nur 14.000 Frcs.", d. h. 2 Sous und 2 Centimes von demselben Bcstcuerungsobjcct, von welchem der Haushallungsstcuerpflichtige 12 Sous auf den Franc zu entrichten hatte. Nach Calonne „würde die Grundsteuer, wenn man die Concessioncn und Privilegien beseitigt hätte, den doppelten Ertrag gebracht haben." In dieser Beziehung waren die Reichsten am Geschicktesten in der Abwehr. „Ri i t d e m I n t e n d a n t e n", so sagte der Herzog von Orleans, „arrangire ich mich; ich zahle so ziemlich, was ich will", und er berechnete, daß, wenn die Provinzül-Cteuerverwaltun.err ihn streng nach dem Buchstaben des Gesetzes cinschätzten, sie ihn um 300.000 Francs Rente bürgen würden. (Der Herzog von Orleans besaß, wie Taine an einer ai'.dercn Stelle berichtet, 11,500.000 Francs Rente; da war die Rücksicht des Intendanten ganz besonders am Platze!) Man hat festgestellt, daß die Prinzen von Geblüt an Grrlndsteucr 188.000 Francs zahlten, statt 2,400.060 Francs. $ Ja es gibt viel unrechtmäßigen erschlichenen Besitz in der Welt, und die Cache ist es, wo die gewaltsame Enteignung ihren Anfang nehmen soll. Der Abgeordnete Schlesinger hat so wenig zu verlieren wie seine lächerlichen Gesinnungsgenossen; der Prinz Liechtenstein aber spielt mit einem Feuer, das leicht sein eigenes Ahncnschloß in Schutt und Asche legen könnte. Allerdings, wenn er vom unrechtmäßigen Besitz spricht, so meint er den mobilen, wenn er die Lehre von Raub und Plünderung beklatscht, so hofft er, daß nur die Bürgerhäuser und nicht auch die Adelshäuser davon betroffen werden. Tie sozialistische Gefahr soll von den Gütern des Adels abaelrnkt werden, aus das bürgerliche Eigenihrim. Wir fürchten sehr, daß sich Sr. Durchlaucht in der Rechnung irrt. Die Straß.n Wiens waren in den letzten Tagen der Schauplatz ron großen Arbcilerdemonstrationcn. Die Arbertslosen versammelten sich und es erscholl der tausendfache Ruf nach Brod. Von den Juden war dabei keine Rede. Wir empfehlen dem Prinzen Liechtenstein, die Reden bei den jüngsten Arbcitcrvcrsammlur'gcn zu lesen. Noch bewegt sich die sozialistische Bewegung in gesetzlichen Grenzen. Aber wenn diese Bewegung einmal die gebahnten Wege verlassen, wenn an Stelle der Achtung vor dem Gesetze die Gewalt treten sollte, dann wird sie vor den aristokratischen Palästen nicht stehen bleiben. Der edle Prinz mag seine Uhr zur Hand nehmen und berechnen, wairn diese Stunde kommen wird. Unb wenn sie gekommen ist, wo wird der Prinz Liechtenstein stehen: an der Spitze der Plünderer oder in den Reihen der Geplünderten? Zur Raffcnfrage. Die Rassenhetze ist ein sp-cifisch berlinerisches Gewächs. Bei seinem ersten Anstauchen in der neuesten Periode schämte sich der Judenhaß in der brutalen Nacktheit — als Neligionshaß — vor der Öffentlichkeit sich zn präsrntiren, er süichtcte den Spott der civilisirlen Völler, die Entiüstnng des gebildeten Bürgcrthums über den Rücksi.U in eine mittelalterliche Barbarei. Man entlieh der Wissenschaft die neuesten Theorien als Argumente, um der alten Brutal tät ein modernes Gewand zu geben; so wurde denn der Kamps des Gcrmanenlhums gegen eine schädliche fremdartige Rasse proclanrirt. Das Deutschthum in seiner neuen Gtöß', in seiner weltbeherrschenden Macht forderte die Aus- und Abstoßung des Fremden, die Abwehr der semitischen Einflüsse auf die germanische Vollsnalur. Mit dieser Theorie hielt die Judenhetze in Berlin ihren Einzug, Treitschke, Marr, Hxnrici nebst einer Anzahl jüngerer Gymnasiallehrer unternahmen den Karnpf für das „reine Germancnthum" und Herr Georg Schön er er cnt'altete in Oesterreich die Fahne des „unverfälschten Deutschthums". Eugen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.