Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 8 (19.2.1892)
- Date
- 1892-02-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 138 Orstrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 8 wie ein Schwalbennest ein griechisches Kloster, schwer auf schwindelndem Pfad erreichbar; es ist von fünf Mönchen bewohnt. Und am ganzen Bergeshang in jeglicher Höhe sieht man eine Menge von Höhlenlochern wie schwarze Punke die Felswand durchbrechen: es sind die unzugänglichen Behausungen früherer Anachoreten, die mit Vorliebe diesen Berg zum Aufenthalt wählten. Es schwindelt uns fast, wenn wir nur hinaufblicken;u diesen Horsten, die nur durch Strickleitern oder schwanke, über den liefen Abgrund gelegte Brücken mit der Außenweltverbunden sein konnten. Uns schaudert wohl wenn wir an das Leben dieser weltflüchtigen Höhlenbewohner denken, aber manch wegmüder-, sturmgejagter Mann mag dort seine Ruhe, seinen Frieden gefunden haben. Au Fußen des Ouarantania-Berges stand einst das stolze marmorprächtige Jericho, von Palmcnwäldern umrauscht, von Orangen- und Aitrovengärten, schattigen Sykomoren, Oliven, Feigen und Rosen, von den berühmten Balsawpflanzungen umgeben, eine Landschaft, die ein Zeitgenosse, Jvsephus, eine „göttliche" nennt. In der Mitte dieses Kranzes duftiger Gärten lag die bleihende Stadt, die Winterresidenz Hcrodes des Erstell, der in ihr starb, nachdem er sie mit allem Luxus einer reichen Stadt» mit Palästen, Theatern und Bädern geschmückt hatte. Große Karawanen kamen Tag für Tag von verschiedenen Richtungen durch die Stadt, die eine Hauptstation war auf der großen Karawanenstraße zwischen Arabien und Syrien, eine wichtige Zollstätte zwischen Judäa und Peräa, mit einer Schaar von Zöllnern besetzt, um den Handelsverkehr zu kontroliren und zu besteuern. Heute ist das alte Jericho vom Erdboden weggesegt; kaum daß man seine Stätte noch kennt. Am andern Morgen waren wir vor Sonnenaufgang wieder im Sattel. Die Pferde sprengten lustigwiehernd hinein in die kühle Morgenluft. Die Strahlen der Morgenröthe erschienen über Moab. Bald stieg die Sonne empor in königlicher Pracht und strahlend ging der Tag auf über der Jordanebene und dem Todten Meer. Die Vegetation hörte bald auf. Vorwärts ging's 11/2 Meilen weit über kahle, unfruchtbare Ebene. Da — ein schmaler Vegetationsstreifen, wir sind am Jordan, an Gedenkstätten der Propheten Elias und Elisa, an der Furth, wohin die Tradition — und wahrscheinlich mit Recht — den Uebergaug Israels verlegt. Da eilen sie vor unfern Augen dahin, die Wellen des berühmten Flusses, von dem der jüngst Heimgegangene («erof gesungen: Durch der Erde weit Gefilde Rauschet manch' erlauchter St o»r; Herrlich spiegelt sich im Rheine Rebenhügel, Burg und Dom; An des Tiber gelben Fluthen Thürmt sich stolz das alte Rom, Hoch von Berge» bringt der Ganges Himmelsluft und Waldarom. Doch wie heißt das stille Wasser, Dem das lautste weichen muß? Das der Pilger knieend grüßet Mir entzückter Andacht Gruß? Drin er leise schauernd netzet Stirn, und Wange, Hand und Fuß? Das bist Tu, o Sohn des Hermon, Benedeiter Jordanfluß! Der Jordan, der bei uns ein Fluß dritter Größe sein winde, stießt in einer breiren, sandig-lehmigen Rinne, umsäunit von einem schmalen Streifen urwaldähnlichen Dickichts, das sich aus Schilfrohr und Binsen, aus Tamarisken, Akazien, Silberpappeln, Oleandern, Terebiuthen, Weiden und Mimosen zusammensetzt. Verschlungcue Pfade führen durch den Waldesscharten. Waldvögelein zwischern in den Zweigen. Hier ist die Mntrrresidenz so mancher Zugvögel aus dem Norden, vieler Störche zumal. Zahlreiches Wild birgt sich im dichten Gebüsch. Still stießt der Fluß gerade nicht. Er wälzt in seinem Bett ein schlammiges laues Wasier in ungestümer Hast, in vielen scharfen Windungen, mit starkem Gefälle dahin. Die verticalen Wände des Flußbettes werden durch Lchmschichten gebildet, daher ist die Fluth so gelb und trübe. Es ist nicht mehr das klare Wasser des kleinen Wildbaches am Fuße des Hermon, in dem sich die Farbe des Himmels widerspiegelt. Wild stürmt er zu Thal, von den Schneehöhen des Hermon herab, tiefer als irgend ein Strom der Erde, zum warmen Süden; der See Meroin kann ihn nicht halten, nicht der See Tiberias; unaufhaltsam eilt er weiter, chalab, schnell, unruhig, hastig, in stürmischen Wirbeln, in reißender Strömung, bis er dort unten in jenes leuchtende, schimmernde, tiefblaue Meer sich ergießt, wo er Ruhe, ganze, stille, todte Ruhe findet. Und die dahinstürzenden gelblichen Fluthen des gefeierten Flusses zwingen die Gedanken zum Verweilen. Ich saß in den Zweigen einer breiten Sykornore, die ihre knorrigen Aeste weit über das Wasser des Jordan ausbreitete, in stillem Sinnen. Es liegt etwas unendlich Wehmüthiges in den großen rührenden, oft von der Geschichte vergessenen Erinnerungen des alten Israel, die sich an diese einsamen, schweigsamen User knüpfen, an dieses verschlungene Waldesgrün, in dem heute nebst Hyänen und wilden Mern, deren Spuren wir im Schilfrohr bemerken, die räuberischen Beduinen Unterschlupf finden, wenn sie von den B.rgen des Ostjordanlandes in die Ebene kommen. Der Jordan hat der patriotischen Klage zum Mittelpunk gedient, für die das jüdische Volk im höchsten Grecke Sinn und Ausdruck hat; er hat gleichsam die nationalen Elegien inspirirt, die zu den schönsten Stücken der alten Poesie gehören. Er ist's, der reißende Bach im Thale Juda, den das Volk im Exil so bitter beweinte am Ufer der schönen Flüsse Babylons, den es unablässig wiedersah in der Fata Morgan« des Wüstensandes. Im Morgenland hängt der Mensch mehr am Wasser als am Erdboden der Heimat. Deni . Bewohner der Wüste ist das Land überall gleichförmig und oft wie eine I Stiefmutter; das Wasser aber ist immer seine Wohlthäterin. Vielleicht j lsts dieser Ruf, den ihm die hebräische Poesie verschafft hat, daß der Jordan, dessen Name uns seit frühester Jugend so vertraut ist, wie die Namen der Flüsse und Bäche unserer engeren Heimat, in dem Wanderer, der nach langer Pilgerfahrt an seine Ufer kommt, ähnliche Empfindungen erweckt. Niemand hat an den Ufern des biblischen Flusses gesessen und die Klagelieder aus der Gefangenschaft gelesen, ohne daß sich diesen Bildern bald bekanntere gesellten, ohne daß er in irgend einem vertraute«: ^hal ein Bächlein in schattigen Windungen stießen sähe, überwölbt von einem Baldachin bläulicher Nebel; die langsam schwebenden "Nebelstreifen, die vom Wasser aufsteigen ait dem Oktobermorgen, waren ja die Schleier, hinter dein die Einbildung die Träume des Sechzehnjährigen verkörperte. So erwacht in dem ewig unzufriedenen Menschen, indem er aus dem heiligen Flusse-trinkt, wonach er sich so oft gesehnt hat, ein Verlangen nach der verlassenen Heimat .... Nach einem erfrischenden Bade in den Fluth'n des berühmten Flusses bestiegen wir wieder unsere Pferde. Vorwärts ging's im Galopp über die öde Steppe, unbebaut und unbewohnt, über pflanzenlosen Thonboden, mit einer weißen Salzkruste bedeckt. Nach einer schwacheir Stunde waren wir arn flachen Nordufer des Todten Meeres. Es war noch nicht Mittag, aber die Sonne brannte furchtbar heiß in diesem Kessel. Dieses Thal ist die tiefste Stelle der ganzen Erdoberfläche; der Spiegel des Todten Meeres liegt 394 Meter unter dem Spiegel des nicht weit entfernten Mittelnieeres. Das Todte Meer, in der Bibel „Salzmeer", von den Griechen und Römern „Asphaltsee", von den Arabern „Bahr Lut" (Lots Seel genannt, ist 10 deutsche Meilen lang und 2 Meilen breit. Die größte gemessene Tiefe beträgt 400 Meter. Am Ufer entlang liegt eine Menge Treibholz, vom Meer ausgeworfen; der Jordan hat es herabgesührt; die Baumstämme sind mit weißer Salzkruste überzogen. Das Salz bildet nicht nur die concentrirte Lauge des Sees, sondern setzt auch am Berge Usdum im Süden ganze Gebirgsurassen fester Salzschichten zusammen. Dieser Berg, 6 Kilonreter lang, 1 Kilometer breit und 100 Meter hoch, enthält eine 20 Witter starke Bank von reinen« Salz. Die vertikalen Abstürze der Salzmasse sind zu pseilerförmigen Gestalten verlvittert. Man hat bei den Beschreibungen dieses merkwürdigsten aller Seen, besonders in früherer Zeit, sich bemüht, zu zeigen, daß er einen unheimlichen, finsteren Eindruck mache, der unwillkürlich an Zorn und Gericht erinnere. Es ist gefabelt, keine Pflanze wachse am Ufer, kein Vogel fliege über die Todesfluth. Das ist einfach nicht wahr. Die Landschaft am Todten Meere ist von einer überraschenden ernsten Schö««heit. Von unheimlichem, düsterem Eindruck ist nichts «vahrzunehmen. Der See hat bei wolkenlosem Himmel eine entzückend blaue Farbe. Die garrze Landschaft ist von Licht uird Gluth und Glanz erfüllt. Ein geradezu wunderbares Panorama, diese weite, glänzende, leise wie O.uecksilber zitternde tiefblaue Fläche, zu beiden Seiten, so weit das Auge reicht, von ' hohen Felsen umschlossen. Majestätisch ist der Anblick der 500 Metersteil zum See abstürzcnden Berge Juda im Westen, der doppelt so hohen, wild romantisch zerklüfteten Berge Moab im Osten. Wir stehen an der Nordrvestecke. Am östlichen Horizont über den See hin zieht sich diese Kette der Moabiterberge wie ein Band ohne Ende aus dern zrviefachen blauen (Grunde des Wassers und des Hirnmels, der es unten und oben in zwei scharfen paralellen Linien begrenzt. Unvergeßlich ist der Anblick dieses dunklen, von Schluchten und Spalten durchfurchten, rauhen, wie von zorniger Hand zusammengepreßten und wie verzlveiflungsvoll zrviichen den beiden unbetveglichen, unbiegsainen blauen Linien binwindendeu Streifens. Allerdings ruht eine feierliche Sabbathstille über dem Meer und kein lebendes Wesen ist in seiner klaren Fluth, kein Fisch, keine Muschel, keine Koralle. Aber am Ufer im Gesträuch nisten allerhand Vögel rrnd flattern in den spärlichen Büschen umher, und oberr im blauen Aether ziehen zahlreiche Adler und Geier ihre Kreise. Angenehmer als im Jordan ist ein Bad in den klaren durchsichtigen Fluthen des Todten Meeres. Das Wasser hat 25 Procent Salzgehalt und ist so schwer, daß es den Menschen vollkommen trägt. Ein Untersinken ist rrnmöglich, ein Untertanchen nur mit Kraftanstrengung zu erreichen. Das Schwimmen ist geradezu schwer, weil man die Beine nur mit Mühe unter Wasser halten kann; am Leichtesten kommt man durch einfaches Schreiten vorwärts. Ich nahm wohl einmal die Füße in die Hände und schwamm wie ein Kor kstöpsel oben auf. Der Euriosität halber mag man das Wasser kosten; es hat in Folge des darin enthaltenen Ehlorrrragnesiurns einen laugenartigen, unendlich widerlichen Geschmack. Aber nicht immer ist die Landschaft so still und heiter, wie an jenem sonnigen Oktobertage. Im Winter ziehen oft dicke Regenwolken durch das Thal und über den See, von heftigen Winden gejagt. Gran ist der Himmel und düster das Meer. Der Sturm peitscht die wild empörten Wellen. Sie wogen und branden an den felsigen Flankerr uird schlagen ihren weißen Gischt im Norden auf den sandigen Sttand und überziehen die liegenden Baumstämme mit frischem Salz. . . . Der Führer mahnt zum Aufbruch. Wir haben noch fünf Stunden durch die Wüste zu reiten bis zum Kloster Mar Saba, wo ein leidliches Unterkommen für die Nacht zu finden ist und von wo am andern Tage die Reise nach Jerusalem in einigen Stunden zurückgelegt wird. Der Weg führt, nachdem man etwa 400 Meter hoch bis an den Rand der welligen Gebirgsebene gestiegen ist, über rauhe Höhen von Mergel und Kalkstein durch eine schauerliche Einöde, wie sie trostloser nicht gedacht werden kann. Meilenweit nichts als Fels und Sand, versteinertes Meer, ein Ehaos von Hügeln, ohne Ordnung, ohne Plan. Nirgendsein grünes