Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 8 (19.2.1892)
- Date
- 1892-02-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 8 Orstrrrrichifchr Wochenschrift Eeilc 137 Paris. Die Herren Gebrüder Rothschild und Baron Hirsch haben je 100.000 Francs in Folge des von dem Grand- Rabbi» von Frankreich erlassenen Aufrufes für die russischen Juden gespendet. London. Die 11jährige Bertha Z ander Iosep h aus Sunderland, welche die Prüfung an der hiesigen Musikschule glänzend bestanden, wurde durch Verleihung eines Ehrendiploms ausgezeichnet. London. M iß Florence M en k May e r, die talentvolle australische Componistin und Pianistin wird demnächst in unserer Hauptstadt erwartet. In jüngster Zeit spielre sie in Stuttgart mit außergewöhnlichem Erfolge. London. Ihre Majestät die Königin von England hat über Vorschlag des Lord-Kanzlers unter Anderen auch zwei jüdischen Mitgliedern des Barreau den Rang eines Dueen's Counsel verliehen, nämlich Mr. David Lindo Alerander und Mr. Lionel Edward Pyke. Corsu. Der Schlußact der „Blutbeschuldigung," welche im vergangenen Jahre 311 ernsten Unruhen Anlaß gab, hat sich jüngst vor dem Gerichtshöfe in Patrns abgespielt. Die Anstifter der Judenhetze wurden schuldig evfaunt und zur Gefängnißstrafe in der Dauer von 12—15 Jahren verurtheilt. Die Untersuchung ergab zur Evidenz, daß das tobte Mädchen jüdischer und nicht christlicher Abstanimung war, wie die Judenfeinde behaupteten. Khiva. Ein Correspondent der Daily :Aem's berichtet aus Khiva, daß mehrere jüdische Familien, welche aus Rußland ausgewiesen wurden, nach Kundrat am Anni Daria gewandert sirrd, uni sich daselbst niederzulassen rnrd haben diesfalls eine Petition an den Emir gerichtet. Gegenrvärtig leben in Khiva keine Juden, da im Jahre 1864 alle gezwungen wurden, zum Islam überzutreten. Emir Said Moharned Khan ist zwar kein Gegner der Juden, trägt jedoch mit Rücksicht auf Rußland Bedenken, ob er dem Begehren stattgeben dürfe oder nicht und hat deshalb den Eingewanderten lediglich gestattet bis auf weitere Emscheidung in Kundrat zu bleiben. Diese Juden wandelten von Rußland nach Khiva rn 18 Tagen auf Kameeleir, indem sie einer Karawane von Trirkmenien folgten: sie beabsichtigen sich der Seidenzucht und dem Handel zu lvidmen, da der Boden irr ihrer neuen Heimat für Ackerbau nicht geeignet ist. Feuilleton. Am Jordan und am Todken Meer. Von H. Grashoff. Es war ein sonniger klarer Herbstmorgen, als unsere kleine Karawane zum Stephansthor aus Jerusalem Hinausritt „gen Jericho", voran der Beduinenstab, der als Sicherheitswache mitgenoininen war. Der Weg führt durch die Wüste Juda, das Gebiet der raublnstigeil Beduinen. In dem ganzen felsigen Wüstendistrikt diesseits und jenseits des Todten Meeres, sowie in der Jordanebene Hausen diese Nomaden, elende Hungerleider, die sich in der unfruchtbaren Einöde ans das Kümmerlichste ernähren, und denen es gar nicht so sehr zu verübeln ist, wenn sie sich gelegentlich des Geldes und der Kleidung unvorsichtiger Europäer bemäck/igeu, denn der Hunger lhut weh. Sie sind vortreffliche Schützen und wissen den Vogel im Fluge zu treffen. Je näher dem südlichen Theil des Todten Meeres, um so verwegener sind ihre Raubansälle. Oft sind ihrer mehrere Hundert beisammen, alle bis an die Zähne bewaffnet. Um aber vor den Räubern sicher zu sein, ist es nur einfach erforderlich, einen Räuberhauptmann als Schutz mitzunehmen, der gegen eine mäßige Vergütung — etwa 3 M. pro Tag und Person — die Reisenden dann sicher durch das ganze Gebiet des Stammes führt. Für die in Palästina Reisenden ist das eine ganz selbstverständliche und geschäftsmäßige Sache. Der so wie so nothwendige, als Führer fungirendc Dragoman (Dolmetscher) benachrichtigt den Schech von Abu Tis, einem Dorfe unweit Bethaniens, welcher von der türkischen Regierung das „Recht" die Reisenden an den Jordan zu geleiten, gepachtet hat. Cs ist das eine Art Fremdensteuer, oder wenn man so will, eine von der Regierung privilegirte notarische Beraubung der Fremden, eine nicht unbedeutende Einnahmequelle des Häuptlings, der allerdings einen hübschen Theil dem Gouverneur in Jerusalem als Pacht „abgegeben" und außerdem seine Stammesgenossen zum Ersatz der nun nicht stattsindrnden Beraubung entschädigen muß. Dafür geleitet der braune Wüstensohn die seiner Obhut Anvertranten, für deren Sicherheit er nach empfangener Bezahlung der Regierltng gegenüber hastet, gut und sicher durch die Wüste und bringt sie wohlbehalten wieder nach Jerusalem zurück. Mall weiß das von vorn herein und muß, was des Landes der Brauch ist, respektiren. Will es Jemand versuchen, sich stolz darüber hinwegznse ist, so sei ihm gerathen, eine möglichst umfangreiche Zeitung mirzunehmen. Vor einigen Jahren nämlich wagte es ein Engländer, allein aris gutem Pferd nach Jericho zu ^reiten. Ihm wurde sein Gaul und alles, was er auf dem Leibe trug, genommen. Nur die Nummer der „Times" die er bei sich harte, ließen ihm die Beduinen, und der Sohn Albion's machte aus der Noch eine Tugend, d. h. aus der „Times" einen Mantel, uitb kam so, etwas kleinlaut zwar, aber doch stolz in seine papierene Toga gewickelt, in Jerusalem wüoer an. Besser erging es vor etlicher Jahren einem Berliner Kandidaten, namens Ohnesorge, der auch von Jerusalem ans die Reise nach dem Jordan unternahm, und, weil er arm war, ohne den Tribut zu zahlen allein seines Weges ging. Die Räuber zogen auch ihn buchstäblich aus. Eine Zeitung hatte er aber nicht. Da setzte er sich, entkleidet wie er war auf einen Felsen und sang mit lauter Stimme das Lied: „Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' gute Wehr und Waffen." Als das die Beduinen hörten, gaben sie ihm, weil sie ihn für einen Wahnsinnigen hielten, unb ein solcher nach ihrem Glauben nicht angetastet werden darf, mit vielen Verbeugungen und Entschuldigungen seine Kleider wieder zurück. Mein Reisegefährte und ich hatten aber als Männer der Ordnung und des Rechts den Sitten und (besetzen der Gegend, deren Gastfreund chaft wir genießen wollten, uns gefügt und daher den mit Dolch, Säbel und langer Flinte bewaffneten, vom kameelshaarencn Mantel umwallten, braunen Kerl rechtzeitig von Nttserer Absicht benachrichtigt, uns für drei Tage ntner seinen Schutz zu begeben. Wir bogen um den Oelberg, ritten durch Bethanien und bald immer tiefer in dir bergige Wüste hinein. Der Weg war nicht der beste, aber cs war doch „Weg"; später hörteer aus, und es ging halsbrecherische Pfade bergauf bergab, oft nur der Rinne eines ausgetrockneten Baches entlang. Die dürrcn Hügel der Wüste leuchteten, von der glühenden Sonne bestrahlt. Es war sehr heiß. Nirgends Schatten: kein Baum und kein Strauch, kein Dorf, kein Haus; so weit der Blick reichte, nur kahle Wüste, icackier Fels. Hunderte von Schluchten und Thälern laufen hier wirr durcheinander. Im März freilich überziehen sich diese Hügel mit eincnr Blumentcppich in leuchtenden Farben. Millionen scharlachrother Anemonen und schöner Alpenveilchen stehen bis in die Berge hinauf: aber im Mai ist schon alles wieder vertrocknet. Und jetzt war es Oktober, und seit vergangeilrn Winter Pein Tröpfchen Regen gefallen, und vcrsengt, verbrannt, verdorrt waren längst die Kinder des Frühlings. Der Weg von Jerusalem nach Jericho ist öde und menschenleer Selten begegnet mau einigen Beduinen. Da und dort sieht man auf den Hügeln ihre Zelte, die „schwarzen Hütten Kedars." Auf diesem Wege zogen einst die Pilgerschaaren von Jericho her zum Fest, „hinauf nach Jerusalem." Auf diesem Wege flüchtete Davio vor Absalom: in dieser Wüste irrte er umher, von Saul verfolgt. Nach vierstündigem Ritt machten wir Halt bei einem zerfallenen Chan und frühstückten. Die zweite Hälfte des Weges ist noch wilder als die erste. Felsen steigen bis zu 1000 Futz aus dem schmalen, zerrissenen Bett des Kidron auf; der Pfad führt oft an gähnenden Abgründen dicht vorbei. Nach einer Stunde waren wir am Wadi Kelt, einer Erinnerungsstätte an den Propheten Elias. Es ist der alte Bach Krith, der tief unten während der Regenzeit in einer wilden Felsschlucht dahinbraust, im Sommer aber vertrocknet. Plötzlich bei einer Biegtlng des Weges kommt die Ebene von Jericho in Sicht. 'Der Blick ist überaus schön. In der Ferne ein dunkler Streifen» es ist der Jordan mit waldigen Ufern. Mitten in der Ebene schimmert der alte Aquädukt Jerichos niit weißem Bogen. Drüben winken die blauen Moabiterberge herüber. Oer Weg hinab wird aber so steinig und steil, daß man mehr auf Felsblöcke und Abhänge zu achten hat, als auf die Aussicht. Die Senkung der Wüste Juda zur Jordanebene endigt mit einem Absturz, dessen höchster Punkt der Ouarautania-Berg, arabisch verderbt Dschebel Kurantel ist. Bald sind wir im Thal, und rasch geht es nun vorwärts, dem Ziel des Tages entgegen. Wir halten unweit des O.uarantania-Berges bei den Ruinen des alten Jericho an der schönen Elisa-O.uelle. In der freundlichen Umgebung eines Wäldchens von Akazien und grünen Büschen sprudelt sie hell und klar hervor. Ein Bach ergießt sich aus dem natürlichen Bassin und bewässert diese Oase. Niedliche Turteltauben mit aschgrauem Grsieder und braunem Halsband sitzen girrend in den Zweigen. Steinhühner laufen am Boden zwischen den Stränchern. Die Sonne ist schon gesunken, und in der weichen Al cndlust zirpen die Grillen im Grase. Nicht weit von der O.uelle liegt ein Bedninenlager malerisch zwi'chen den Bogentrümmern der alten Wasserleitnug. Für einen Backschisch sührenetwa zwanzig der braunen Gestalten mit wilden Gestikulationen ihren Schwertertanz auf. Eine Viertelstunde von den Fundamenten des alten liegt das neue Jericho, das Dörfchen Er Riha, eines der elendesten und schmutzigsten Dörfer Palästinas, ein Hausen erbärnilicher Lehmhütten und zerlumpter Zelte, überragt vcn einem arabischen Thurm. Nur wenige Steinhäuser heben sich von der ärmlichen Umgebung ab, die europäischen Hotels und Pilgcrhospize. Nach dem Abcndbrod promenirte ich noch ein wenig bis auf eine Anhöhe am Dorfrande, Es war Vollmond, und die weite Ebene lag vor mir, von den bleichen Strahlen erhellt, in der Ferne das wdre Meer, von den dunklen Konturen der steil abfallenden Berge umsäumt. Gebirge, Ebene und Meer schienen zu träumen im Zauberlicht deS Mondes, welches diese geheimnißvolle Welt beleuchtete und auf den deutlich sichtbaren, weiß schimmerilden Fluthen des Todten Meeres blitzt«. Finster ragte in der Nähe der Onarantania-Berg in die Luft, unheimlich, gespensterhaft. Mit mächtigem Ruck springt er aus der Wüste hervor, steil aufgerichtet. Oben an der Felswand des Ouarantania-Berzes klebt