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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-19 · 8 (19.2.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
8 (19.2.1892)
Date
1892-02-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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wrniiruMjmattjmMBrmBmamuanmBam: -jem •&*mes&zgf&yMM'J?SS£0g*I Seite 130 Oestrrreichischr Wochenschrift. Nr 8 Aus drr Zeit. Berlin, 5. Februar 1892. Wenn der christlich-germanische Mensch kein Geld mehr hat, fängt er an zu „mauscheln". Er spricht dann mit großer Sachkenntniß von dem „Dalles", dem er anheimgefallen, und von dem „Schlamassel", in das er gerathen. Trotzdem aber. wird er alsbald Antisemit, falls er es nicht vorher schon ge-! wesen. Es taucht nämlich der Wunsch in ihm auf, „einen reichen Juden todtzuschlagen", um seinem Dalles ein Ende zu machen. Die Redewendung von dem reichen Juden, der todtgeschlagen werden muß, hat sprüchwörtliche Geltung erlangt. Und sprüchwörtliche Redewendungen haben ihre tiefere volkspsychologische Bedeutung. Im vorliegenden Falle haben wir es mit einem sprachlichen Ausdruck zu thun, in dein sich eine letzte Erinnemng an weit zurückliegende geschichtliche Ereignisse verkörpert — nämlich die dunkle Erinnerung an die Juden- Berfolgungen früherer Jahrhunderte. Gemeinhin sind die Leute, welche der verzweifelten Ansicht Ausdruck geben, daß sie einen reichen Juden umbringen müssen, um einigermaßen anständig leben zu können, harmlose Menschen, die ihr Galgenhumor völlig unschädlich macht. Wer über ein Ungemach, welches ihn betroffen, zu scherzen vermag, befindet sich keineswegs in einer verzweifelten Stimmung, die geeignet wäre, ihn zu gewaltthätigem Thun zu veranlassen. Trotzdem aber zittert in dem angeführten sprachlichen Ausdruck ein letzter Ueberrest nach von jenem thatkräftigen Antisemitismus der vergangenen Zeiten, welcher als edelste Blüthe christlichen und germanischen Gefühls- und Geisteslebens die Judenverfolgungen hervorbrachte mit allen ihren Greueln, als da sind: Mord und Todtschlag, Raub und Brandstiftung, Weiberschändung u. s. w. Und es findet sich mitunter ein mit besonders brutalen TriÄen ausgerüsteter waschächter Germane, der sich instinktiv auf die Geschichte seines Volkes besinnt und in dessen Thun dieselbe dann wieder neu auflebt. Der Mann übersetzt die sprüchwörtlich gewordene Redensart von dem zu ermordenden reichen Juden in die Praxis, indem er thatsächlich einen Juden erschlägt und sich seine Habe aneignet. Solch' ein praktischer Antisemit war der Raubmörder Ernst Wilhelm Gustav Wetzel, mit dem sich soeben das Schwurgericht beim Landgericht Berlin H. zu befassen hatte. Die Werner, Böckel, Ahlwardt, Liebermann und Konsorten mögen sich begraben lassen; — mit Wetzel verglichen, sind sie elende Stümper. Blutleere, blasse Theoretiker sind sie gegenüber diesem rücksichtslosen Mann der That, der mit unbeugsamer Energie die letzten Schlußfolgerungen zog aus der antisemitischen Lehre, indem er den Juden Siegfried Hirschfeld in Spandau erschlug und dessen Baargeld sowie seine Werthpapiere an sich nahm. Ernst Wilhelm Gustav Wetzel aus Grabow im schönen Lande der Obotriten ist der wahre, ist der ächte Antisemit! Er allein ist ein Mann, seine Gesinnungsgenossen aber, die von Versammlung zu Versammlung laufen und hier den Mund sich fast verrenken, um ihren Zuhörern klar zu machen, daß die Juden das Grundübel sind, welches man ausrotten müsse,, sie alle sind Waschlappen, während Wetzel als Held dafteht, der mit kühnem Wagemuth eine That gethan, die jedes rechtschaffene Antisemitenherz erfreuen muß. Und solch' einen Musterjüngling konnte der Gerichtshof zum Tode vemrcheilen. Die Schwurgerichte scheinen alle Fühlung mit dem Rechtsbewußtsein des Volles verloren zu haben, sonst hätten sie Wetzel nimmermehr als gewöhnlichen Mörder betrachten und demgemäß behandeln können. Der Mann ist ein Opfer seiner Ueberzeugung geworden, ihm gebührt die Bürgerkrone, welche man natürlich nur dann tragen kann, wenn einem der Kopf nicht abgeschnitten wird. Jndeß ven Geschworenen, die ja zum großen Theil ihr Amt a8 Bürde empfinden, will ich aus ihrem Verdikt keinen Vorwurf machen. Ich bin überzeugt, sie haben nach bestem Wissen und Gewissen ihren Wahrspruch gefällt und zu etwas Anderem sind sie ja nicht verpflichtet. Aber den Herrn Staatsanwalt begreife ich nicht. Als Staatsbeamter müßte dieser einstußreiche Mann immerhin wissen, daß wir täglich mehr rückwärts steuern in den allerältesten Kurs hinein und daß es übel vermerkt wird, wenn ein Diener des Staates nicht alle Vorurtheile theilt, welche in den maßgebenden Kreisen gang und gäbe sind. Trotzdem hat Herr Woytasch uns die Blutthat Wetzels in einem recht abscheulichen Lichte gezeigt. Einen Mann, der durch eisernen Fleiß, durch emsige Thätigkeit, durch anständige Arbeit Etwas vor sich gebracht habe, nannte er den ermordeten Kaufmann Hirschfeld, während er von dem Mörder ein weniger schmeichelhaftes Bild entwarf. Der Ermordete aber war ein Jude und der Mörder ein Christ. Es ist weit gekommen mit uns, wenn solche Dinge einem christlichen Staatsanwalt passiren können, wenn ein Mann von solcher Bedeutung und solchem Ansehen von einem Juden, der noch dazu ein todter Jude ist, in so sympathischen Ausdrücken öffentlich spricht, ohne auch nur die leiseste antisemitische Wendung seiner Rede beizumischen. Trällert Ihr Antisemiten llnd thuet Buße in Sack und Asche — die höchsten Güter der Nation sind in Gefahr. („Die Schmach des Jahrhunderts"). Der Staatsanwalt leitete seine Rede in denl Proceß gegen den Mörder Wetzel mit folgenden Worten ein: „Es ist ein außerordentlich schweres Verbrechen, das zum Himmel schreit. Ein Mann, der durch eisernen Fleiß, durch emsige Thätigkeit, durch anständige Arbeit etwas vor sich gebracht hat, er wir^> in der Blüte seiner Jahre, im kräftigsten Mannesaltrr in seinem eigenen Geschästslokale durch einen Mordbuben dahingerafft, in der scheußlichsten Weise ermordet. Und jener junge Mensch, der die grause That verübte, beging sie lediglich, um seinen gemeinen Sinneulüsten fröhnen zu können. Ich kann nicht umhin, bei dieser Gelegenheit hervorzuheben, daß nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Ländern die Irreligiosität immer mehr um sich greift. Es ist dies eine tief betrübende Erscheinung. Ueberall erscheinen Sendlingc, welche die Religion als etwas Ueberflüssiges schildern, welche den Standpunkt vertreten: Macht Euch das Leben hienreden so angenehm wie möglich und kümmert Euch nicht um ein Jenseits! Ich will nicht behaupten, daß diese Sendlingc sich darüber klar sind, welche Folgen durch ihre Lehren entstehen können. Der schöne Spruch: „Bete und arbeite", lvird immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Das Resultat dieser Irrlehren wird sein, daß Verbrechen, die begangen werden, um sich die Mittel zu schnödester Genußsucht zu verschaffen, immer häufiger Vorkommen werden. Möge der Fall Wetzel für uns Alle eine erilste Mahnung sein, die Religion wieder zu Ehren zu bringen und gegen die Religionslosigkeit anzukämpfen. Ich richte an die hier so zahlreich erschienenen Vertreter der Presse die Mahnung, daß sie besonders diesen Punkt, die Irreligiosität und ihre Folgen, bei Besprechung dieses ProcesseS in den Bereich ihrer Betrachtungen ziehen werden, und wenn dies geschieht, wäre schon.viel gewonnen." Die in Magdeburg erscheinende „Wochenschrift" kommt in ihrer jüngsten Nummer der Mahnung des Staatsanwaltes Woytasch, bei der Besprechung des Processes Wetzel die Irreligiosität und ihre Folgen in das Bereich ihrer Betrachtungen zu ziehen, nach, indem sie u. A. schreibt: Wir kommen dieser Aujsorderung um so lieber nach, als wir jedes dieser Worte gern unterschreiben, wenn wir auch zu einem anderen Resultat wie der Herr Staatsanwalt kommen. Mit dem Rufe „Bete und arbeite" ist noch lauge nicht Alles gethan. Auch derDinbrecher fleht zu seinen Heiligen, daß er sein schweres Werk gelingen lassen möge, er „betet und — arbeitet" also auch. Es ist vielmehr die Aufgabe der Kirche und Schule, neben den Pflichten gegen Gott besonders auch die Pflichten gegen unsere 9kebenmeuscheu auf das Nachdrücklichste den Kindern einzuprägen. Es ist wahr, die Irreligiosität und die Sucht, auf eine möglichst leichte Weise viel Geld zu erwerben, um gut zu leben, hat weite Kreise ergriffen und überall Verbrechen gegen das Leben und Eigenthum hervorgerufen. Man macht gewöhnlich die Socialdemokraten für diese Irrlehren verantwortlich, weil diese nach eigenem Geständniß den Atheismus in Wort und Schrift bekennen. Viele derselben glauben allerdings nicht an Gott und an die göttlichen Lehren, aber sie suchen doch nicht die niederen Leidenschaften anzufachen, sie sind vielniehr von Humanität gegen die Unterdrückten erfüllt. So wenig wir den socialdemokratischen Principien huldigen, so müssen wir doch bekennen, daß dieser Unglaube bislang noch keinem Menschen direct gefährlich geworden ist. Viel schlimmer wirken die demagogisch-antisemitischen Organe. Sic hetzen nicht allein das Volk gegen die besitzhabende Elasse, sondern sie erfinden zn diesem Zwecke haarsträubende Geschichten, um ihren Lesern weis zu niachen, daß die Juden Leben und Eigenthum

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