Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 8 (19.2.1892)
- Date
- 1892-02-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 128 Orstrrrriltzischr Wochenschrift Nr. 8 geheiuien Druckerei wurden neben aufrührerischen Proclaurationen an Soldaten, Bürger und Arbeiter auch antisemitische Hetzschriften fabr-icirt. Ein hervorragender französischer Staatsnrann schrieb damals: „Die Doppelstellung eines Marquis als Anti/emit und gleichzeitig Anarchist ist interessant und charakteristisch. Das politische Gauner- und Freibeuterthum, in das sich adelig« Lumpen mit den niedrigsten Abenteurern mengen, findet es allerorten bequem, die antisemitische Maske vorzustecken; ein wenig Emeute, Umsturz, für Einzelne Bereicherung — das ist das Ziel; sei es nun in der beschränkteren Fonn, daß die Emeute sich nur gegen die Juden kehrt u nd daß die Bereicherung sich nur auf ihre Kosten vollzieht, oder in jen kr ausgiebigeren Gestalt, die sich gegen die Besitzenden überhaupt richtet und dann klangvoll Anarchismus heißt. Der französische Marquis fand es augenscheinlich zweckmäßig, den Antisemitismus und den Anarchismus des leichteren Fortkommens wegen gleichzeitig vor seinen Wagen zu spannen, und der Zweck der Fahrt dürfte der Wunsch gewesen sein, mit diesem merkwürdigen Gespann den Pariser Bourgeois in die nöthige Angst zu bringen, um so die Bevölkerung für die Rückkehr eines allerkatholischesten Roy empfänglich zu stimmen. Anarchismus, Antisemitismus, Dynamit und Empörung als Bahnbrecher der — „Legitimität"! »Zn welcher Weise der zum Volke herabgestiegene Marquis den Zielen seines Eifers zu dienet! suchte, dafür liefert eine seiner autisemitischen Broschüren den Beleg. Das Schriftstück ist an dir Mütter kleiner Kinder gerichtet und führt aus: Während das Volk Hunger habe, hätten sich die Juden mit dem Safte der Nation gemästet, und jetzt, da sie sich vor dem I. Mai fürchten, suchten sie das ihurn drohende Unheil durch ihr blusiges Kinderopfer zu beschwören; die Mütter sollten daher in diesen Tagen ja recht auf ihre Kinder Acht geben und sie nicht aus den Augen lasten. »Dann heißt es wörtlich: „Wenn aber am 1. Mai eure Gatten und Brüder sich erheben wollen gegen ihr« Bedrücker, welche, nicht zufrieden damit, vom Schweiße der Männer sich zu masten, auch noch das Blut der Kinder trinken wollen, so thut nichts, um sie zurückznhalten, und sagt nichts, was ihren Zorn mildern und ihren Muth herabstimmen konnte'." „Auf diese Weise diente der Antisemitismus den eigentlichen Zwecken des Herrn Marquis, seiner anarchistischen Genossen und royalistischen Hintermänner." Bei der Verhaftung dieser Pariser Anarchisten fand man bei chnen nicht blos Mordwerkzeuge, sondern auch Correspondenzen — mit Wiener Antisemiten, wie denn auch über die Beziehungen des Herrn Schneider zu Peukert eigenhändige Briefe des Ersteren in unserem Besitze sich befinden. Tanken und das „Deutschs Nolksblatt.« Man muß es nur verstehen, sich die Sachen so zurechtzulegcn wie n an sie braucht, dann kann man Herausgeber eines echten, würdigen antisemitischen Tageblattes sein. Herr Vergani versteht's; das muß man ihm zugeben. Es gibt keine Schurkerei, kein Verbrechen, das ein Antisemit begangen, denn Herr Vergani verschweigt entweder die Thatsache oder escamotirt sofort einen wesentlichen Bestandtheil aus dem Charakter des verbrecherischen Individuums, indem es denselben plötzlich des Antisemitismus beraubt. Wie viele Schandthaten und Verbrechen seitens der „Gesinnungsgenossen" in Wien hat Herr' Vergani so aus der Welt zu schaffen verstanden! Entweder war die betreffende Gerichtsverhandlung, welche diese Subjecte im Lichte der Wahrheit zeigten im „Deutschen Volksblatt" verschwiegen, oder der waschechte Antisemit, welcher den Mittelpunkt desselben bildete, war — ganz ohne Mithilfe Schneidens — zum Liberalen gestempelt worden. Das ist aber nur die eine Seite der genialen Kanrpfmechode, welche das „Deutsche Volksblati" verfolgt. Es sieht kein einziges Verbrechen der Antisemiten, auch wenn sie in der Nähe vembt wurden, dafür aber alle Missethatcn und Verbrechen der Juden, die diesem wo immer in der Welt a ngedichtet wurden. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit. Das „Deuffche Volksblatt" hat, wie notorisch bekannt ist, im Laufe seiner mehrjährigen Schandcarriere in sträflichen! Leichtsinn,^oder in noch sträfiicherer Bosheit eine ganze Reihe von „rituellen Verbrechen" der Juden zur Kenntniß der Oeffentlichkeit gebracht, deren Unwahrheit sich glücklicherweise alsbald herausstellte. Wir weisen nur auf den jüngsten „Schurkenstreich" aus Stanislau hin, den das „Deutsche Volksblatt" als Original- Lüge in die Welt setzte, so wie auch die „rituellen Morde" in Krems und in St. Anna die alle von diesem Blatte entdeckt — und aber auch erlogen worden waren. Ueber alle diese Fälle schweigt das „Deutsche Volksblatt" beschämt, nachdem seine Mittheilungen als nichtswürdige Verläumdungcn und Lügen entlarvt worden waren, dafür aber revanchirt sich Herr Vergani in letzter Zeit mit der Fructifizirung des angeblichen Kindesmordes in kanten. Da watet er seelenvergnügt im Schlamm des Verbrechens, da gönnt er sich spaltenlange Artikel in welchen aller Unrath, alle schamlose, niedrige Gemeinheit über die dieses Blatt verfügt, über die Inden ausgeschüttet ivird. Ueber Stanislau, Krems, St. Anna schweigt Vergani; die Lüge von kanten aber rst nicht vom „Deutschen Volksblatt" ausgeheckt oder zunt erstenmale verbreitet worden und da denkt der bescheidene Herausgeber des „Deutschen Volksblattes" vielleicht, man kanns nicht wissen, ob an dieser Geschichte nicht doch etwas wahres ist. Xanten wird von Herrn Vergani ausgebeutet, so weit es nur die Kräfte seines Blattes gestatten; es bringt miserabel geschriebene Originalartikel über diesen Fall und schneidet mit großartiger Virtuosität jede Zeile herauf, die über diese Affaire in der „Kreuzzeitung", in der „Germania" oder auch in dem letzten antisemitischen Sudelblatte Deutschlands zu lesen ist. Natürlich hat sich Herr Vergani es auch nicht entgehen lassen, die Rede, in der Herr Stöcker, der große deutsche Judenfresser, im preußischen Landtage den Fall von Xanten erörterte, auszunützen. Allerdings gerieth da Herr Vergani in die peinliche Lage seinen Lesern die unangenehme Thatsache verrathen zu müssen, daß Stöcker, den Glauben an den Ritua lm o rd der Juden von sich weise und auch seine Anhänger davor warne. Wir glauben selbst, daß es dem ingrimmigen Judenhasser Stöcker schwer siel diese Versicherung zu geben, allein der Theologe, der Gelehrte in ihn! gewann diesmal die Uebermacht über den Agitator und Hetzer. Theologie und Gelehrsamkeit sind aber Dinge mit denen ein Vergani etwa so viel zu schaffen hat als ein edler, vornehmer Geist mit den: Antisemitismus. Er läßt daher die Verwahrung Stöckers gegen den Ritualmord nicht im geringsten gelten, er verdreht dem Prediger das Wort im Munde und unterschiebt ihm mit gewohnter Frechheit einen ganz anderen Gedanken als den er ausgesprochen. Stöcker, so meint Herr Vergani habe nur aus „Vorsicht" so über den Ritualmord gesprochen, aus Vorsicht „die ihm dazu ttieb, alles an so hervorragender Stelle zu vermelden, was die ohnehin herrschende Aufregung vielleicht noch nähren ivürde." Wir würden sagen: wie edel denkt Herr Vergani von Stöcker, wenn wir nicht genau wüßten, daß es ganz andere, entgegengesetzte Motive sind, die den falschen Gedankenleser Vergani leiten! Aber er, Herr Vergani, kann und will den Gedanken an den Ritnalmord nicht so weit von sich weisen! „Im Grundsätze" meint er „aber halten wir daran fest, daß die Frage des „Rittialmordes" nach wie vor eine offene ist; daran kann weder durch irgend einen Ausspruch noch durch Dutzende von Gutachten etwas geändert werden, die von Stubengelehrten auf Grund selbst des umfassendsten Materials abgegeben werden." Da haben wir's schwarz auf weiß. Herr Vergani will sich nicht überzeugen lassen, für ihn bleibt die Frage des „Rittialmordes" wie er sich vorsichtig ausdrückt „offen." - Vertreter der Wissenschaft, Bischöfe und Päpste, wie Fürsten und Kaiser haben in unzweideutiger Weise Zeugniß dafür abgelegt, daß der Glaube an den „Ritualmord" stets nur durch verbrecherische Verleumdung seine Nahrung wie seinen Ursprung gefunden. Herrn Vergani kümmert das nicht im geringsten; er läßt sich nicht überzeugen, er hetzt und schürt weither ermüdet nicht, die giftige, gefährliche Saat des Hasses auszustreuen, welche die Gemüther erbittert, die Herzen venoht, die Geister verblödet. Mahnt dieser fanatische, wahnwitzige Verfolgungswahn nicht an die geschichtlich feststehende Thatsache, daß in früheren Jahrhunderten Judenhaffer ihre eigenen K-ind er ab schlachteten um den Versuch zu machen das Verbrechen den Juden in die Schuhe zu schieben? Wenn aber das Kind scheintodt war rrnd infolge einer Fügung der Vorsehung am Leben blieb, da kani das wahre Verbrechen an's Tageslicht, über