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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-19 · 8 (19.2.1892) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
8 (19.2.1892)
Date
1892-02-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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S«te 126 Oesterreichischr Wochenschrift. Nr. 8 sie die würdigsten Repräsentanten ihres Volksthums. Die Rede floß von ihren Lippen mit seltener Kraft, mit deni Gleichklange und Wohllaute eines Gedichtes, mit jenen Rhytmus, der nur entsteht, wenn der Gedanke die Form durchgeistigt. Dr. Giskra sprach immer im Pathos, aber so rasch, daß die Stenographen kaum folgen konnten, mit jener lebensvollen Wärme, daß man unwillkürlich an die Wahrhaftigkeit des Redners glaubte. Dr. Berger war schon durch sein Organ darauf angewiesen, mit dem Appel an das Gefühl sparsam zu sein - er durchwürzte seine Reden mit geistreichen Sarkasmen, mit scharf pointirten Epigrammen; aber seinen Reden wohnte stets ein hoher Ernst inne und auch er verstand cs die Begeisterung zu wecken. Ist es gerecht, daß unsere Zeit keine Denkmäler hat für die großen Redner, daß sie Vorgängern den Tribut der Dankbarkeit verweigert, deren wohlthätigcs Wirken fortlebt in unseren freiheitlichen Institutionen und Gesetzen? Diese beiden Redner hielten sich weit entfernt von allem Gemeinen und Niederen; ob sie im Gerichtssaale sprachen oder im Parlamente, immer warm ihre Reden ein Ereigniß und nie ließen sie das Ziel aus dem Auge, daß sie in ihrem Idealismus sich vorgezeichnet hatten. Und die Erben dieser stolzen Namen, wie ehren sie den Ruhm chrer Väter? Das, was dem Lebensbilde der Väter Glanz und Bedeutung verliehen, wird verleugnet und angefeindet von den Söhnen. Der Antisemitismus hat es ihnen angeihan und es ist gleichgiltig, unter welchen verlogenen Phrasen unb Programmen der Antisemitismus seine Geschäfte besorgt. Ein Herz, das edlen Empfindungen zugänglich ist,' konnte sich niemals dem Antisemitismus gefangen geben. Jetzt ist er in seiner ganzen Erbärmlichkeit dem Urtheile der Welt bloßzestellt. Und dieser Antisemitismus, dieser krankhafte Wahn, den gewissenlose Agitatoren in roher, schamloser Weise ausnützten, konnte für einen Giskra, einen Berger etwas Verlockendes haben, ohne daß sie sich der Verpflichtungen erinnert hätten, welche ihnen das Vermächtnis; der Väter auferlegt. Man schämt sich und man schämt sich doppelt wenn man an Ungarn denkt. Seit Franz Deak waren Andrassy und Tisza die Sterne erster Ordnung am Himmel des ungarischen Liberalismus. Beiden Staatsmännern war der Liberalismus ein Glaubensbekenntnis;, auf's Innerste mit ihrem ganzen Wesen verwachsen; sie konnten nicht anders als liberal denken und handeln, der Anschluß an ein entgegengesetztes politisches System wäre ihnen eine Unmöglichkeit gewesen. Sie waren duldsam gegen Alles, nur nicht gegen die systematische Unduldsamkeit, nur nicht gegen den Antisemitismus. Der Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten Herrn Tisza hat schon vor mehreren Jahren sich in energischer Weise gegen den Antisemitismus ausgesprochen, der Sohn des Ministers des Aeußern Grafen Andrassy hat bei seiner ersten Mandatsbcwer bring bekundet, daß das politische Glaubensbekenntnis; des verstorbenen Vater-s auch das seinige ist. In Ungarn steheir die Söhne treu zu dem politischen Glauben der Väter. Der Begriff der unerschütterlichen „germanischen Treue" wird aber dadurch illustrirt, daß die Söhne Giskra's und Berger's von dem politischen Glauben der Väter abfallen. „Du sollst Vater und Mutter ehren"; das fünfte Gebot nach dem Urtext, das vierte nach dem christlichen Katechismus, ein heiliges und unantastbares Gebot der Natur bleibt es allen Völkern, sobald der Mensch sich über das Thier erhebt. Alan erkennt, daß in diesem Gebote das Geheimniß eingeschlossen ist, um die menschliche Freiheit mit den natürlichen Entwicklungsgesetzen in harmonischen Einklang zu bringen. Die Grundlagen der Geslttung, die Formen für die Befriedigung des metaphyschen Bedürfniffes, die Anschauung vom Staats- und Gesellschastslebm, die politische Gesinnung, das Alles wird ein Theil der von den Vorfahren übernommenen Erbschaft, es bilden sich bestimmte Traditionen aus in den Familien, und dem ganzen öffentlichen Leben wird dadurch eine gewisse Sicherheit gegen willkürüche Schwankungen und leidenschaftliche Verirrungen gegeben, wie eine momentan hervorbrechende falsche Strömung sie zu erzeugen vermag. Allerdings darf die Bewegung des Geistes nicht durch die Vergangenheit sich gefeffelt fühlen. Der menschliche Geist sucht sich neue Bahnen; die Höhen und Tiefen werden vor ihm aufgeschlossen. Aber kann es jemals eine Rechtfertigung finden, daß er vom mühsam erklommenen Gipfel in den Abgrund zurücktaumelt, daß er vom Lichte sich abwendet, um niit der Finsterniß und ihren Gestalten einen Bund zu schlichen. — Der Abfall vom politischen Glauben erscheint hier ebenso verurtheilenswerth, wie der Abfall von der Religion. Das Renegatenthum schadet nicht sowohl dem religiösen Bekenntnisse, das der Abtrünnige in seiner Selbstsucht und Frivolität verlassen hat, sondern der Religion in: Allgemeinen, ist eine Entweihung der idealen Gedankensphäre des Menschen. „Keimt ein Glaube neu, wird oft Lieb' und Treu' wie ein böses Unkraut ausgerauft." So verhält es sich auch mit dem politischen Renegatenthum, es leidet darunter nicht sowohl die einzelne Partei als vielmehr das gesummte öffentliche Leben, namentlich dort, wo die Freiheit noch jung ist, wo die Ansätze zur Ueberzeugungstreue und Charakterfestigkeit noch der Schonung bedürfen. Für den Verfall des öffentlichen Lebens sind diejenigen verantwortlich, welche durch den Mangel an Treue, durch das Beif«nd des Abfalles zuerst den politischen Glauben des Volkes erschüttert haben. Ist der Ahnencultns etwa nur eine semitische Jnstitlltion und wenn das fünfte oder vierte Gebot auch semitischen Ursprungs ist, haben die Antisemiten deswegeir den Mnth, vielleicht auch diesem Gebote die Anerkennung zu verweigern? Von dem Standpunkte aus, den wir gewählt haben, gewinnt das politische Parteileben, gewarnt auch die Gesinnung, welche ein gesundes Parteileben bedingt, eine höhere Bedeutung. Da kann nicht mehr von Zufälligkeiten die Rede sein und nicht die Erwägungen des Opportunismus allein geben mehr derr Ausschlag. Die wichtigsten Erscheinungen im öffentlichen Leben ergeben sich vielmehr mit logischer Consequenz arrs der Thatsache, daß der Mensch ein politisches Wesen ist. Auch hier waltrn Naturgesetze ob, die der Mensch beobachten muß, wenn er seine Aufgabe als politisches Wesen erfüllen will. Der Liberalismus modificirt sein Actionsprogramm nach den Zeitverhältnissen; der Liberalismus als Grundanschauung wird immer eine Nothwendigkeit bleiben. Denn der Liberalismus bedeutet ja nichts Anderes, als daß man im Menschen den Menschen achtet, daß man diese Achtung in den Gesetzen und Institutionen des Staates zu bethätigen sucht und daß mau menschliche Empfindungen schont, soweit nur eine Schonung möglich erscheint. Die Bürgschaften für Freiheit und Recht, die Cautelen gegen den Mißbrauch der Gewalt ergeben sich daraus ganz von selber. Der Abfall von: Lieberalismus ist daher ein schweres Verschulden gegen das eigene Selbst, ist ein Act der Treulosigkeit gegenüber den höchsten Aufgaben. „Du sollst Vater und Mutter ehren"; erfüllt man dieses Gebot, wenn man sich der Sccte derjenigen anschließt, welche beit Vätern feindlich gegenüber steht, ihren Namen und ihre Schöpfungen mit fanatischem Hasse verfolgt? Ja Giskra und Berg erleben nicht mehr, das erkennt man, wenn man ihre Söhne betrachtet. In Ungarn aber wie in England bewahren die Söhne die Traditionen der Väter; dadurch kräftigt und läutert sich die politische Gesinnung des ganzen Volkes. .Aus den ungarischen Wahlen bleibt uns das Bild zurück, wie der junge Andrassy vor seinen Wählern erscheint. Wirsehen den alten Andrassy wieder lebendig vor uns, wie er über den Antisemitismus sich äußerte; da gab es nicht jene Vorbehalte wie bei anderen Liberalen, rächt ein Hinüberschielen zur antisemitischen Richtung, da sprach eine ganze und volle Ueberzeugung, unbedingte Anerkennung und echter Liberalismus. Julius Andrassy hält das Bermächtniß des Vaters in Ehren; er sprach so wie sein Vater gesprochen haben würde. Festgewurzelte Traditionen, politische Glaubenstreue, Charakterfestigkeit, das hebt hinweg über das Tohu Wabohu der ungarischen Wahlen. Der Geist höherer Gesittung schwebt über den Wassern. Meiste^ Stampiglius auf der Wanderung. Herr Ernst Schneider wird in einigen Tagen den Berlinern einen Besuch absiatten, und um sich bei diesen Gemmm

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