Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 8 (19.2.1892)
- Date
- 1892-02-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 8. Men, 19 Febrnar 1892. IX. Jahrgang Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. -#- EigenLhmner: Reichsralhs-Abgeordneler Dr. Stoch. -- Erscheint jeden Freitag. Wsn adormirt brr sllrn PofiLnMllen drs In- und Nuslsmdrs. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Mnzelexemplare SS kn Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzeile 12 kr. K. Ir. Pofispsrcafsensml ClrnringvrrKrlxr Nr. 810.S76. Nrdwction u. Administration: - Wir« I, Sothrnthurmstraste 39. *■■■-— - -W Inhalt: Leltartikel: Das fünfte Gebot. — Meister Stampiglius auf der Wanderung. — Tanten und das „Deutsche Bolksblatt". — Er ist ein Gegner des Duell's. — Aus der Zeit. — Ein holländischer Bürgermeister über den Ant.semitismus. — Einin. — Goethe über die Strebsamkeit der Juden. — Corres pondeuzen: Wien, Broda, Fiume, Berlin, Posen, Tanger. — Vermischtes: Wien, Brünn, Pirnitz, Prerau, Hronow, Krelce, Sniatyu, Sarajevo, Berlin, Kattowist, Paris, London, Corfu, Khiva. — Feuilleton: Am Jordan und am Tobten Meer. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Inserate. Das fünfte Gebot. Aus den letzten ungarischen Wahlen ist uns ein Bild int Gedächtniße zurückgeblieben, ein Bild, das in seiner allgemeinen Bedeutung aus dem Rahmen der Wahlbewegung und der ungarischen Verhältniße heraustritt und daß bei Manchem einen tieferen Eindruck zurückgelaßen haben mag, ohne daß er sich über die Natur desselben ganz klar geworden wäre. Wir meinem die Kandidatenrede des Grafen Julius Andrassy in der Theresienstadt, wobei wir sofort bemerken, daß die Rede nicht viel mehr war als ein schlichtes politisches Glaubensbekenntniß und daß sie mit den Meisterleistungen ungarischer Rhetorik nicht entfernt in Vergleich gebracht werden kann. Tie Ungarn sind geborene Redner, Jahrhunderte lang sind sie durch die lateinische schule gegangen; aus dem Landtage hörte man die Sprache Roms, die Advokaten schrieben ihre Prozeßakten lateinisch und bei dem Comitatsversammlungen fehlte es nicht an lateinischen Citaten. Das allein gab nicht den Ausschlag; die Hauptsache war, daß die glänzendsten Universitätszeugnisse noch lange nicht eine glänzende (Saniere sicherten. Die Richter wurden gewählt, die Beamten wurden gewählt und man war nichts, wenn man nicht die Stimmen hatte. Jeder Bewerber um ein öffentliches Amt war gezwungen, sich an die Wähler zu wenden. Auf dem ganzen Continent regierte der geschriebene Buchstabe, die Zungen waren gebunden; in Ungarn allein regierte wie in Großbritannien das freie lebendige Wort. So wurde ihnen die Redekunst anerzogen. Tritt nun ein junger Mann zum ersten Male vor die Oeffentlichkeit, so hat er den Vortheil, alle erdenklichen Dinge von Neuem durchsprechen und sich als Schöpfer einer neuen Aera seinen Wählern vorstellen zu können. Im Reden wie im Hören entwickeln die Ungarn eine rühmliche Ausdauer. Gerade beim ersten Versuche ist man nach Kräften bemüht, eine außerordentliche Wirkung hervorzubringen. Der junge Zukunfts-Staatsmann muß die Alten in den Schatten stellen; er muß zeigen, wie fehlerhaft Ungarn seit Arpads Zeiten regiert wurde und wie es jetzt Dank seiner bescheidenen Mitwirkung und durch die patriotische Weisheit der verehrten Wähler besser werden soll. Die Rede gibt sich grandios und imposant; sie gleicht einem Magnaten in vollem Costüm, Alles ist Farbe und Glanz, der ererbte Familienschmuck kommt zu neuen Ehren, es grüßt die Reiherfeder gehalten von kostbarer Agraffe und auf den Flügeln seiner feurigen nicht mehr zu beherrschenden Beredsamkeit fühlt der Redner sich willenlos fortgetragen wie der Reiter auf dem zügellos gewordenen Renner der Pußta, bis die Cortes, denen der junge Mann anvertraut wurde, die Situation erfaffen und durch betäubende Beifallsrufe Roß und Reiter noch rechtzeitig zum Stillstände bringen. Die Rede des Grafen Julius A n d r a s s u aber entbehrte jeder Ausschmückung; es fehlten die blendenden Phrasen, die farbenprächtigen Gleichniße, cs fehlten auch die Citate von unfehlbarer Wirkung. Tie ungarischen Wahlen; man weiß, daß sie das Land in eine Art Kriegszustand versetzen und daß ganze Regimenter ausrücken mäßen, um das Ansehen der Gesetze zu wahren. Stets muß der Sieger die Rache der Besiegten fürchten. Bei den letzten Wahlen, waren die zahlreichen Wahlexzesse blutig genug; der wüste Lärm ist vorüber und man kann wohl über die meisten Wahlreden zur Tagesordnung übergehen. Eine Ausnahme machen allerdings die Kundgebungen der Hetzkapläne. Die politischen Agitatoren unter den niederen Geistlichen lehnen sich auf gegen die Regierung der Kirche und gegen die Regierung des Staates. In offener Austehnung mißbilligen sie die Mäßigung, welche die Bischöfe zur Regel für das politische Verhalten des Clerus machen wollen. Diese sonderbare Erscheinung im öffentlichen Leben Ungarns soll jedoch von uns heute nur oberflächlich gestreift werden. Der ungarische Staat fühlt sich noch stark genug gegen das anarchistische Treiben der Hetzkapläne und die Ausschreitungen einiger vom politischen Ehrgeize erfüllter Priester können nicht die Freude an der Thatsache trüben, daß der Liberalismus in der jüngeren Generation Ungarns überzeugungstreue Vertreter findet und daß die Söhne sich der Vaterwürdig erweisen. Graf Andraffy hat, wie gesagt, es nicht versucht, sich mit den großen Rednern des Landes zu messen, er dachte nicht daran, durch irgend eine gewaltsame Aufregung Effekt zu machen und dennoch liegt in seinem Auftreten etwas, was den Beifall der Wählerversammlungen überdauert und dennoch erkennt man, daß man seinen Eintritt ins öffentliche Leben und die Art, wie er diesen Eintritt vollzogen, nur dann richtig beurtheilt, wenn man einem Gedankengange Raum läßt, der uns den Parteikämpfen entrückt, uns über das Niveau der Parteieifers emporhebt. Nicht um zufällige Fragen handelt es sich, sondern um die Vererbung der Gesinnung, um die Treue, welche der Sohn den Ueberzeugungen des Vaters bewahrt. Zu unserem Bedauern sind es gewisse Erscheinungen auf cisleithanischem Boden, die dem Auftreten des ungarischen Magnaten ein besonderes Lustre verlechen. An der Wiege des österreichischen Liberalismus standen zwei Gestalten die nicht der Vergessenheit anheim fallen können. Giskra und Berger, die beiden jungen Abgeordneten aus Testen eich waren das Wunder des Frankfurter Parlaments. Man erkannte an chnen, welche Macht der deutsche Geist in Oesteneich besitzt und gewiß waren