Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 7 (12.2.1892)
- Date
- 1892-02-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 122 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Nr 7 wohnt ist, lebte in Unfrieden mit seinem Weibe Marja. Sie kam eines Tages, die Wangen vor Zorn geröthet, zum Popen gerannt, und schrie: „Hochwürden, das kann nicht länger so fortgehen." „Hat Dich Dein Mann geprügelt?" „Nein, das würde ich ihm nicht rachen; aber er ist niemals nüchtern. Er küßt vor meinem Beisein die Magd und vernachlässigt die Schweine. „Das zeigt gerade von Nüchternheit. Nicht nüchtern wäre er, wenn er die Schweine küßte und die Magd vernachlässigte", lachte der Pope aus vollem Halse, daß er sich die überaus ansehnliche Mitte halten mußte. Die Popensrau warf einen grimmigen Blick auf ihren hochwürdigen Mann und — winkte dann der Bäuerin, mit ihr hinauszugehen. — Draußen sagte sie zu ihr: „Mein Mann ist gerade so ein leichter Vogel wie der Drüsige; bei ihm wirst Du feine Hilfe finden. Ich ratbe Dir zum Rebbesch*) zu gehen, er ist ein weiser Mann, der auch Wunder rhun kann, er kann Dir helfen, nur er." Die Bäuerin dankte für den Rath und als ihr Mann am Abend betrunken auf der Ofenbank lag, schlich sie aus dem Haus. Scheu betrat sie die ärmliche Stube des Rebbesch, der gebeugt über einen, Folianten saß. Mara klagte ihm ihr großes Leid und bat ihn um Rath und Hilf«. — Der Rebbesch horte gelassen zu und fragte daun: „Was soll also mit Deinem Manne geschehen?" „Schass ihn aus der Welt!" „Ganz gut, sehr gut," murmelte der Rebbesch, „eine Kleinigkeit für mich, nichts leichter, als einem Menschen durch ein einziges Wort das Lebenslicht auszüblasen;.aber dann ist es um so schwerer, ihn wieder lebendig zu machen, wenn es Dich gereuen sollte. Würdest Du Dich nicht begnügen, wenn ich ihn lahm machen würde?" „Za, er soll lahm werden." „Also lahm — aber was fängst Du mit einem lahmen Manne an? Wäre es nicht besser, ihm ein Auge zu nehmen? „Sei es denn — ein Auge." „Gut — wird er Dir aber dann gefallen?" „Ja soll er denn ganz straflos ausgehen, ries die Bäuerin aus. — „Nein", sagte der Rebbesch, „daran denke ich nicht; er soll gestraft werden, er soll büßen, aber vor Allem muß er von seinen Fehlern geheilt werden." „Das ist nicht so leicht," gab Mara zur Antwort, „ich wollte ihn schon kuriren, ich, wenn ich Deine Macht besäße." „In welcher Weise?" „Ich würde ihm alle Kraft nehmen, daß ich seiner jederzeit Meister werden Könnte und würde ihm dann tüchtig das Fell klopfen, bis mein Zorn verraucht und bis er kurirt wäre." Der Rebbesch dachte nach, endlich lächelte er: „Wenn Du nichtanderes verlangst, das ist leicht zu machen. Sende ihn mir morgen her. Ich verspreche Dir, daß ich Dir ihn für einen ganzen Monat überliefere, so daß Du ihn nach Herzenslust prügeln kannst, bis er mürbe ist." >. „Wirklich?" Der Rebbesch nickte und die Bäuerin entfernte sich dankend. Am nächsten Morgen kam der Bauer zitternd zum Rebbesch, der ihm tüchtig ins Gewissen redete, und als er sich zerknirscht zeigte und Besserung versprach, fuhr er fort. „Was soll ich mit Dir beginnen? Soll ich Dich tödten, wie es Dein Weib von mir verlangte, oder soll ich Dich aller Kraft berauben für einen ganzen Monat, so wie ich es ihr zuletzt versprochen habe und es ihr sodann überlassen, Dich durch Hunger und Prügel zu heilen?" — „Nein, nein, heiliger Mann, ich werde nicht mehr in meine Fehler verfallen, schone mich nur diesmal." „Aber ich muß doch Wort halten," sagte der Rebbesch. „Du wirst einen Ausweg finden." „Wie war es, wenn ich Dich in einen Esel verwandelte?" „Erbarme Dich, heiliger Mann." „Oder in einen Hund?" „Gott steh' mir bei!" „Ja, in einen Hund, bleiben wir dabei." „Erbarme Dich!" Der Rebbesch stand auf, holte einen Folianten und gieng feierlich auf den Bauer zu. „Verschone mich!" schrie dieser auf, indem er sich vor dem Rebbesch niederwarf, „nur diesmal noch, nur diesmal noch." „GS sei," gab der Rebbesch zur Antwort, „doch nur unter der Bedingung, daß Du sofort aus dem Orte verschwindest, und erst genau nach einem Monat in der Nacht heimkehrst, heimlich und unbemerkt in mein HauS, wie Du Dich jetzt fortstehlen mußt." „Und meine Frau?" „Deine Frau wird Dich in Deiner Abwesenheit prügeln, ohne daß Du es fühlst." „Mag sein!". *) Es ist nichts Seltenes, daß Bauern einen Rebbesch der Ehassidien aufsuchen. „Und jetzt fort mit Dir!" Damit schob er ihn zu einer Hinterthür hinaus. Es währte nicht lange, so kam die Bäuerin, seelenvergnügt, einen Strick und einen Stecken in der Hand. „Nun, weiser Mann," rief sie, „wo ist er?" Der Rebbesch befahl seinem Schames, dieser gieng mit der Bäuerin hinaus in den Hof, öffnete einen Bretterverschlag und ließ einen großen, zottigen Köter, wie sie dort in jedem Hause der Sicherheit wegen gehalten werden, heraus. Der Hund zog sich beim Anblick des Steckens wieder scheu zurück. „Da ist Dein Mann! Der Rebbesch hat ihn in einen Hund verwandelt, in einen. Monat soll er wieder seine Menschengestalt zurückbekommrn, bis dahin kannst Du ihn kuriren." „Was sagst Du nun, Nestor," begann Mara, den linken Arm resolut in die Seite gestemmt, „das hast Du nicht erwartet, was? Aber warte nur, Dir soll jetzt der Lohn Deiner Sünden zu theil werden. Da — zu mir her — kusch!" Der Hund, ein geschüchtert durch die Energie, die sich in Blick und Stimme des Weibes aussprach, kam mit zurückgelegten Ohren und eingezogenem Schweif bis zu ihr gekrochen und legte sich zu ihren Füßen nieder. „Aha!" ries sie, während sie ihm den Strick um den Hals legte, und den Knoten zuzog, „Du hast jetzt endlich Furcht vor mir, so ist es ganz recht!" Sie gab dem Köter einen kräftigen Fußtritt und als er heulend aufsprang, begann sie ihn mit dem Stecken das zottige Fell tüchtig zu bearbeiten. „Genug, genug!" sagte der Schames, „schlage ihn nur nicht gleich todt." Das Weib hielt inne, zerrte das Thier mit sich fort und ries noch zum Fenster dem Rebbesch hinein: „Ich danke Dir weiser Mann, ich bin für iinmer Deine Schuldnerin." — Stolz und glücklich zog sie von dannen, den Hund am Stricke hinter sich. Lächelnd sagte der Rebbesch zum Schames: „Daß doch die Menschen heute noch so einfältig sind, an Gott nicht, aber an Wunder;u glauben." Ein Monat war vergangen, während dessen der verwunschene Nestor, der Köter, in Maras Hof an der Kette gelegen, wenig zu essen, dafür aber reichlich Prügel erhalten hatte. In der Nacht des letzten Tages war der Hund plötzlich verschwunden. Der Rebbesch ließ ihn heimlich wegführen. Mara erstaunte nicht im Mindesten darüber, als sie des Morgens darauf den Hund nicht fand, sondern zog sich rasch an, und gieng zum Rebbesch, um sich ihren Mann zu holen. Sie fand ihn auch in der That beim Rebbesch, verlegen und wie es schien, furchtsam lächelnd. „So", begann sie, „da ist ja der saubere Patron, nun kannst Du mir ja endlich sagen, wie Dir die schmale Kost und die Schläge bekommen haben?" „Sehr gut, mein goldiges Weibchen," sagte Nestor, sehr gut, Du hast mich ganz und gar kurirt." „Das hoff' ich zu Deinem eigenen Wohl," sagte der Rebbesch, „denn ein zweites Mahl könnte es Dir schlimmer ergehen." Der Bauer erbleichte. „So," versetzte der Rebbesch, jetzt gehet heim und lebt in Eintracht und Frieden." Und Nestor und Mara lebten seitdem im l esten Einvernehmen, und Ihr Wohlstand mehrte sich von Jahr zu Jahr. Das war das Werk des weisen Rebbesch. Das Waifen-Kaddisch-Gebet. von Ad. Frey Han, Vorsitzender des Vereines „Schlesische Dichterschule" in Breslau. Man hat den Vater in die Gruft gesenkt. Mit thränenschwerem Auge steht sein Knabe Den Blick zum Himmelsdom emporgelenkt, Sein erstes Kaddisch schluchzend vor dem Grabe, Und graut der Tag, und sinkt der Abend nieder, Erhebt im Tempel sein Gebet sich wieder: „Dich preis' ich, der Du Erd' und Himmelszelt Erschaffen einst nach Deinem mächt'gen Willen; O wolltest Du, mein Gott, die ganze Welt Mit Deines Friedens lichtem Strahl erfüllen!" Und in die sturmbewegte Seele ziehen Auch ihm des Friedens sel'ge Harmonien. Da ist es ihm als öffne sich das Thor- Des Himmels seinem brünstig heißen Flehen, Als riefe tröstend ihm der Engel Chor: „Dir lebt ein Vater liebend in den Höhen, Der Mose einst der Fluth des Nils entrückte, Und Esther mit der Königskrone schmückte!"