Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-12 · 7 (12.2.1892) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
7 (12.2.1892)
Date
1892-02-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3020900-3020907--01122-3025145
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 118 Oesterreichischr Wochenschrift. Nr. 7 3. Dagegen haben alle übrigen, gegenwärtig angeftellten Cultusfuncüonäre, welche, sei es unter dem Titel von Rabbinern, sei es unter welchen immer anderen Titeln selbständig Rabbinatsfunctionen ausüben — im Falle sie als Rabbiner in Niederösterreich weiter fungiren wollen — binnen sechs Monaten vom Tage der Kundmachung der vorliegenden Verordnung im Landesgesetzblatte für Niederösterreich, die oberwähnte Nachweisung über die erlangte allgemeine Bildung beizubringen, es sei denn, daß ihnen über ihr diesbezügliches Einschreiten diese Nachweisung vom Eultusminister erlassen wird. Gautsch m. p. djürrespndenzett. Wien. (Ein Bruder mahl der „Eh e w r a Kadischa".) In der Saison ist die Ankündigung oder Vorbesprechung von Festen an der Tagesordnung in den Blättern; allein das Fest, welches wir heute unseren Lesern ankündigen, von dem w i r heute sprechen, ist keines der saisongemäßen, nur der Zerstreuung und Unterhaltung dienenden Feste, sondern ein hehres, ein religiöses, speciell ein jüdisches Fest, denn Arrangeur desselben ist die Ehewra Kadischa. Nicht um uns unserer journalistischen Pflicht zu entledigen, sondern selbst davon gehoben, benachrichtigen wir, daß Heuer wieder nach dem üblichen Eyclus von sechs Jahren das Brudermahl der Wiener Chewra Kadischa ftattsinden wird. Braucht für dieses Fest erst Stimmung gemacht zu werden? Ist nicht von jeher in jeder jüdischen Gemeinde die ..Chewra Sudair: jedesmal ein freudiges Ereigniß der Gesammtheit? Denn die Institution der Chewra Kadischa ist der ^tolz des Judenthums. So natürlich auch die Ehrfurcht vor der Majestät des Todes ist und so sehr es auch zu den schnlichften Wünschen jedes Menschen gehört, würdig begraben zu werden, mußte die Menschheit doch erst die brüderliche Leichenbestattung von dem Judenthume lernen und hat dies bis heute noch nicht genug gelernt. Nur als Leichenbestattungs- Gesellschast trat das junge Christenthum lange Zeit in Rom auf, weil es sich mit dieser Cardinaltugend des Judenthums am Meisten vom Heidenthume unterschied, in welchem die Leichname der Armen in gemeinschaftliche Gruben und die Körper der Sclaven auf den Schindanger geworfen wurden. Das Chnstenthum hat sich jedoch auch in dieser Beziehung mehr vom Judenthume abgesondert. Allerdings spricht die Kirche über die Leiche des Armen dem Wesen nach dieselben Gebete wie über den Reichen; allein die Art und Weise des Begräbnisses bildet dort einen grellen, in's Herz schneidenden Contrast zwischen Arm und Reich. Die christlichen Leichenbestattungsoereine, die aus dem Herzen des Volkes entspringen, das aber nur in einer „schönen Leiche" sein Genügen findet, ohne darauf zu achten, ein eigenes Grab zu haben — die christlichen Leichenbestattungsvereine sorgen nur für ihre MitgKeber. Der Arme, der einem solchen Vereine nicht angehört, ist auch heute nicht viel besser daran, als in der vorchristlichen Zeit. Nur der jüdische „Heilige Verein", die Chewra-Kadischa, die der Jsraetite mit sich geführt durch die ganze Welt, die Israel errichtet und getreulich ausgeführt, sobald und wo ihm nur ein Fuß Landes für seinen flüchtigen Ballen gegönnt ward — nur die Chewra-Kadischa hat sich die Aufgabe gestellt, die allgemeine Brüderlichkeit zu vertreten, jeden Juden menschenwürdig zu bestatten, den Bettler wie den Reichen, jenen nicht liebloser und kälter als diesen; mag auch von den Hinterbliebenen der Eitelkeit und Prunksucht auch noch im Tode gefröhnt werden, die Ceremonien der Chewra-Kadischa bleiben doch die gleichen, sie kennen keinen Unterschied der Stände, wie das Judenthum selbst, die Religion der Bruderliebe. In der Chewra-Kadischa spiegelt sich das Judenthum am klarsten, am sichtbarsten für alle Welt ab. Die Brüdermahle der Chewra- Kadischa sind daher immer und überall Feste für die Gesammtheit der Gemeinde, und wem in Wien noch ein jüdisches Herz schlägt, der wird sich gewiß auch für das heuer hier stattfindende Fest interessiren. Wer diesem Feste in Wien vor sechs Jahren beigewohnt, der wird sicherlich noch eine erhebenbe Erinnerung davon bewahrt haben: Heuer verspricht es aber sich noch großartiger zu gestalten. Nach erfolgter Vereinigung der Vororte-Gemeinden mit der Altwiener w i rd d a s d i e sj ä h r i g e Brud ermahl einVer einig ungsfe st der neu gebildeten CultusgemeindevonGroßwien sein! Dieser besondere Gedanke hat die Verfügung bedingt, die der Vorstand der Chewra- Kadischa für diesmal getroffen, daß alle Eultusgemeindemitglieder nämlich an demFeste theilnehmenkönnen, und es doch zu erwarten steht, daß von dieser Concession der weiteste Gebrauch gemacht werden wird, zur Ehre des Judenthums, das der alle Ursache hat, auf die Institution der Chewra-Kadischa überhaupt, speziell aber auf die Wiener, die eine mustergiltige Organisation hat und das Großartigste in wahrer Menschenliebe leistet, mit Stolz hinzuweisen. Es soll dieses Fest einen Markstein bilden in der Entwicklungs- Geschichte der Wiener Cultusgemeinde und in den Annalen derselben ein hervorragendes Blatt einnehmen. Der 7. Adar des Jahres 5752 soll ein denkwürdiger Tag auf Generationen hinaus sein. Wien (Synagogenbau). Wie wir seinerzeit berichteten, hat der Kaiser dem Comite zur Erbauung einer polnisch-jüdischen Synagoge in Wien für die vom Finanzministerium bewilligte Gold-, Silber- und Esfecten-Lotteric einen prachtvollen Treffer gespendet. Dieser hochherzige Act kaiserlicher Huld hat viele wohlthätige Damen veranlaßt, dieser Lotterie zahlreiche Spenden zu widmen, wodurch der Absatz der jetzt zum Verkaufe gelangenden Lose sehr gefördert, da auch der kleinste der für diese Lotterie bestimmten tausend Treffer ein werthvolles Andenken bilden wird. Auch die Sammlungen nehmen einen günstigen Verlauf und so ist das Baucomite bereits in der Lage einen geeigneten Bauplatz anzukaufen, um darauf eine Synagoge nach den vom Hem: Baurath Stiaßny entworfenen Plänen zu erbauen. In dieser neuen Synagoge wird der polnisch-jüdische Ritus, der hier bisher zumeist in sanitätswidrigen Winkelbethäusern regellos geübt wurde, eine Stätte finden, in welcher der Gottesdienst unter der Leitung eines gebildeten Seelsorgers in geregelter Weise abgehalten werden wird. In erster Linie wäre es Pflicht unserer vermögenden Glaubensgenossen Galiziens ihr Schärflein zu diesem Synagogenbau in Wien beizutragen, entweder durch directe Geldspenden, oder durch Spenden für die Lotterie, oder aber durch Abnahme von Loosen derselben; denn welcher galizische Jude kommt nicht einmalinGeschaftsangelegenheiten nach Wien, und gibt es dann für ihn eine höhere Befriedigung, als hier ein Gotteshaus besuchen zu können, in welchem er seinen heimatlichen Ritus und gewiß auch Heimatsgenossen findet? Für den Patriotismus der galizischen Juden wird übrigens auch die Spende des Kaisers zu diesem Synagogenbau ein Sporn zur Betheiligung sein. Lemberg: Sämmtliche polnische Journale bringen eine Correspondenz über eine an einem Juden begangene Leichenschändung, welche deshalb hier wiedergegeben werden mag, weil sie beweist, welche Tollheit die Phantasie den Juden anzudichten vermag. Unter der Ueberschrift „Der Aberglaube des Volkes" heißt es: „Aus Ranizow (Kolbuschauer Bezirk) meldet man uns unter dem 22. d. M.: Vor einigen Tagen bemerkten die Einwohner unseres Städtchens mit Bestürzung, wie einige Hunde eine Menschenhand durch die Straße schleiften. Die dortige Gendarmerie, welche von dem Vorfälle verständigt wurde, begab sich sogleich sowohl auf den christlichen Friedhof als auch auf den der deutschen Colonisten, wo sich jedoch keinerlei Spur eines geschändeten Grabes entdecken ließ. Erst als man auch den jüdischen Friedhof durchsuchte, fand man dort ein zerstörtes Grab und darin einen Leichnam, dem Kopf und Hände abgeschnitten waren. Der Vorfall wurde dem Sokolover Gericht zur Untersuchung übergeben. Diese höchst strafbare und empörende That dürften wahrscheinlich unsere , Bauern verübt haben. Es herrscht nämlich bei denselben der Aberglaube,! daß das beste Mittel gegen Typhus das Beräuchern des Kranken mit | den Leichentheilen eines Juden sei. In Ranizow selbst sind eben zwei

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.