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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-12 · 7 (12.2.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
7 (12.2.1892)
Date
1892-02-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 116 OrNrrrrichischr Wochenschrift. Nr. 7 kowtter einen Juden nennt". — Wenn man mit solchen Augen die Juden ansah, so wird es erklärlich, daß man sie nicht werth halten konnte, in Reih' und Glied mit christlichen Kriegern zu stehen, um auf Schlachtfeldern die Ehre todesmuthig-r Kämpfe mit ihnen zu theilen. Die Juden waren daher nicht kriegspslichtig und erst unsere Zeit hat in den meisten Ländern Europa's auch den Juden wieder die Waffen in die Hand gegeben, deren man sie Jahrhunderte lang nicht werth gehalten hatte. Dafür nun, daß das frühere Mittelalter ausnahmsweise auch die Juden zum Kriegsdienst heranzog, hat Vulpius (Journal der Vorzeit, Bd. 1, S. 266 ff.) mehrere Belege zusammen gestellt, in welchen sich jedoch meistentheils eine sagenhafte Uebertreibung nicht verkennen läßt; wir wollen nun zunächst diese Mittheilung näher ansehen, dann aber dort zwei nicht vermerkte und bedeutendere historische Zeugnisse folgen lasten, welche darchun, daß Juden im Mittelalter und noch zur Zeit der Landsknechte, zuwetten als Soldaten nicht allein geduldet, sondern auch als tapfere Krieger belohnt und anerkannt werden konnten. — Als Beispiel jüdischer Streitbarkeit und Waffenführung erwähnt das Journal der Vorzeit zunächst das um 1384 zu Weißenfels ^gehaltene Juden-Turnier nach Spangenbergs Mansfeldischer und einer handschriftlichen Chronik; diesen ritterlichen Spaß mußten die Juden aber theuer bezahlen, denn als sie vom Turnier heimritten, wurden sie von christlichen Edelleuten überfallen, niedergeworfen und ausgeplündert. Auch die Fortsetzung des Amadis erwähnt eines Juden, der mit ritterlichen Waffen tapfer stritt, es muß eine solche Figur in der Wirklichkeit nicht ganz unmöglich gewesen sein, sonst würde die Erfindung des Dichters allzu absurd erscheinen. Wie aus der wettern Entwicklung des Gedichts heroorgeht, so wollte man frettich nicht dulden, daß ein Jude sich ritterliche Waffen anmaße: „Ihr seid des ritterlichen Ehrentitels nicht würdig", sagt Don Silves zu den streitbaren Juden, „denn ihr seid Juden, Leibeigene und fremder Gewalt gänzlich unterworfen".— Wenn man nun auch die Juden nicht als milites katexochän d. h. als Ritter, dulden konnte, so hinderte sie das nicht, sie doch unter Umständen als gemeine Krieger, „Wäppner", „Soldener", zum Kriegsdienst heranzuziehen und dies mag zu der von Cuspinian mitgetheilten Sage Veranlastung gegeben haben, daß Adolf von Nassau auf der Heerfahrt gegen Frankreich 30.000 Juden mit sich geführt habe. Cuspinian meint freilich, daß der Kaiser diese jüdische Armee nur, wie wir uns ausdrücken würden, als Kanonenfutter gebraucht habe: duvenio apud autore», qui ex fide tradunt, in hoc exercbu triginta millia Judaeorum extitisse, quod rex primum exponere cogitabat. — Als ein historisches Factum kann die fabelhafte Chronikennotiz natürlich nicht angesehen werden, doch war sie als Sage, die immerhin durch einen historischen Anstoß begründet und ensttanden sein wird, der Anführung werth. Verbürater ist es, daß der Jude Salomon Ben Jochai, im Jahr 1190 eine Armee in Portugal mü Erfolg und Glück befehligte, und daß Juden um 1346 die Stadt Burgos tapfer und glücklich vertheidigtcn. Auch wird erwähnt, daß die Juden den Christen herzhaft zur Vertreibung der Räuber aus Böhmen beigestanden und zur Belohnung ihrer Tapferkeit eine Synagoge in Prag erhielten. — Nach diesen im Journal der Vorzeit gegebenen Notizen wollen wir nun zwei andere historische Zeugnisse ansehen, welche verbürgter erscheinen und deutlicher für die Möglichkeit einer ausnahmsweise ehrenvollen Stellung der Juden in der damaligen Gesellschaft sprechen. Beide Zeugnisse gehören der deutschen Städtegeschichte an. Die practischen Bürger machten sich nicht viel Sorge darum, ob einer der ihre Fehden mit ausfocht, zu Schildesamt oder überhaupt zu den Waffen geboren war; wer in ihrem Nutzen tapfer Schwerdt und Morgenstern führte, ward anerkannt und belohnt, ohne daß man viel nach seiner Religion oder Nation fragte. Die Städte, welche unsere beiden kriegerischen Juden zu chren Waffengenosten zähtten, waren beide Bischofssitze, Köln und Hildesheim. In Köln finden wir einen streitbaren Juden auf Seiten der gegen das bischöfliche Regiment empörten Bürger zur Zeit der Kämpfe gegen die Erzbischöfe Conrad und Engelbert, welche Kämpfe 1270 durch einen für die meist siegreichen Bürger vortheilhaften Vertrag beendigt wurden. Ueber diese Kölner- Kämpfe besitzen wir in der Reimchronik des Stadtschreibers Gottfried Hagen, eine wichtige und zuverlässige Quelle, diese Reimchronik feiert nun unter ihren Kölner Helden mit allen damals üblichen dichterischen Beiwörtern einen Bürger, Namens Daniel, der Jude war und an der Seite der Ooerstolzen und anderer angesehener Patrizier focht. Dieser Jude wird als ein wahrer „Weigand" hingestellt; er heißt: „Herr Daniel, ein Bürger kühn und schnell; er streitet wie ein Löwe, die Feinde vermeiden ihn gem, er durchbricht den Feind wie ein Falke, der den Vogel schlägt" u. s. w. Die hieher gehörigen Verse lauten: Da was Her Hermann der Rode, De gewont was zo dem dode, Und der Jude Herr Daniel Ein kone Burger und snel. Her Mattheis Querstulz was ir ein, Her Daniel der Jude, desen engein Ensuich men viande vermyden, Man saich sy alse lewen stryden. Der Tag blieb den Kölnern, aber der Jude Daniel und seine Mitstreiter, welche sich zu weit gewagt hatten, wurden gefangen, entwaffnet und zu „Brechen" auf ein festes Haus des Bischofs gebracht; hier ehrt selbst der Bischof an dem gefangenen Feinde die Tapferkeit und stellt ihn den Seinigen als Muster vor. Gottfried läßt den Bischof sprechen: Sich mogens alle myne schämen Dat under desen ein enich Mann, Die kome strydes e begann, Dat is der Jude Daniel, Hadde sy dur brachen also snel, Als ein valke der eynen Vogel sleit. Daniel wie du ouch gefangen sijs. Des strydens gein ich dir den prys, Drissich ritter sint mir gevangen ave Und ich byn bas an uch have. — Ob nun außer dieser angeblichen Anerkennung des Bischofs und der unverkennbaren von Seiten des Dichters und Historikers, dem tapfern Daniel auch von Seiten der Stadt eine besondere Anerkennung oder Belohnung wurde, vermerkt die Chronik weiter nicht, doch läßt sich das vermuthen. Dagegen ist historisch festgestellt, daß der jüdische Landsknecht, welcher 1520 tapfer, in der Hildesheimischen Stiftsfehde focht, eine nach den damaligen Umständen sehr bedeutende Vergünstigung von Seiten des Raths erhielt. Dieser jüdische Landsknecht hieß der „lange Michel" und (vergl. Gründliche Rett und Behauptung der Stadt Hildesheimischen Freiheiten, derselben anklebenden Regalien hoher Gerechtigkeit u. s. w. Hildcsheim 1733) weilen er insonderheit 1520 währender Stiftsfehde ein guter Soldat gewesen, ist er vom Rath ausgenommen und dadurch wieder der Anfang zu Toleranz der Juden gemacht, welchem Michael Agno 1542 ein anderer Namens Leifmann succediret, den der Rath tolerirt, weilen er der hebräischen Sprache trefflich kundig gewesen und die damals angenommenen protestantischen Lehrer unterrichten können u. s. w. — Der Jude Daniel und der Jude Michael zeigen auf's deutlichste, daß selbst das vor-urtheilsvolle, bunte und wilde Mittelalter hin und wieder von seinen Vorurtheilcn abgehen konnte, während die späteren Jahrhunderte des Absolutismus und der polizeilichen Bureaukrakie eingewohnte Ansichten und Vorurtheile mit einer Pedanterie sesthielten, welche unter allen Umständen kein Abgehen davon zuließ, bis dann in unserem Jahrhundert die in den Massen mächtig vorschreitende Bildung und Kultur das starre Festhalten am Vorurtheil energischer anficht und pedantische Engherzigkeit gründlicher und weitgrcifender, als es das Mittelalter vermochte, beseitigt und mehr und mehr beseitigen wird. —

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