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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-12 · 7 (12.2.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
7 (12.2.1892)
Date
1892-02-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 114 Vrstrrrriltztschr Wochenschrift. Nr. 7 begann die Polizei, unter directer Leitung dcsGroßfürsten Sergius, des General-Gouverneurs von Moskau, die Verfolgung und Austreibung der Juden, systematisch, aber mit desto unbeugsamerer Strenge. Es wurden dreiTermine festgesetzt an welchem die Juden ohne jeglichen weiteren Aufschub Moskau verlassen sollten, und zwar für den größeren meist, ärmeren Theil der 26. Januar, für den kleineren, bevorzugteren Theil der Juden, das heißt für die, welche im Stand gewesen sind, rechtzeitig die Beamten mit größeren Geldsummen weich zu machen, der 26. April oder der 26. Juli re., je nach der Höhe der Bestechung. Der letztgenannte Tag ist als allerletzter Termin festgestellt, an welchem Moskau von den Juden — mit Ausnahme der oben erwähnten kleinen Zahl — geräumt sein mu ß. Schon vom Sommer an begannen die regelmäßigen Auswanderungen. Der Bahnhof der Moskau-Brester Bahn war jeden einzelnen Tag überfüllt, und die Zahl der Nachziehenden nahm progressiv in dem Maße zu, je näher der erste Termin heranrückte. Wiederum waren es die am wenigsten Bemittelten, die hierbei am schwersten zu leiden hatten. Das hiesige Hilfs- Comite der Juden, welches die rechtzeitige Beschaffung von Billets für arme Familien zu besorgen hatte, damit letztere nicht der Etappenbeförderung (nach russischer Manier!) ausgesetzt sein sollten, konnte mit dem Wegschaffen nicht fertig werden; die Zahl der Hilfsbedürftigen wuchs mit jedem Tage, bis endlich der 26. Januar heranrückte. Ich begab mich absichtlich gestern gegen Abend nach dem am Ende der Stadt liegenden Brester Bahnhof, um nochmals mit anzusehen, was vorgehen würde. Doch das, was ich sah, spottet aller Beschreibung. Es war herzzerreißend, das Weinen der Kinder und Mütter zu vernehmen, die mit Gewalt aus den Wohnungen herausgeschleppt und gezwungen wurden, eine Reise ins Ungewisse zu unternehmen und diese Reise anzutreten bei einer Kälte von sieb enund zw anzig Grab Reaumur, wie sie gestern Abend in Moskau herrschte! Mich schaudert es, daran zu denken, daß diese unglücklichen Familien vorige Nacht in den Waggons dritter Classe der Brester Bahn gereist, wo wir Nachts in der Stadt eine Kälte von 35 Grad Reaumur, in der Umgegend Moskaus von 38 Grad Reaumur zu constatiren hatten. Dazu kommt daß die Wagen dritter Classe der Brester Bahn äußerst mangelhaft sind, oft sind sie gar nicht geheizt; mit jedem Aufmachen einer Thür (die Wagen sind „durchgehend" gebaut), tritt ein eisiger Zugwind hinein; man muß sich einen solchen Wagen, nachdem er einige Stunden unterwegs gewesen ansehen, um eine Ahnung zu bekommen von dem, was namentlich Frauen und Kinder bei einer solchen Kälte auszustehen haben; man findet nicht nur die Fenster, sondern auch die Wände, die Oberlage, ja sogar die Lehnen der Bänke mit einer zwei bis drei Zoll dicken Eis- und Schneekruste bedeckt. Der Andrang zur Abreise gestern Abends war so groß, daß eine Stunde vor Abgang des Zuges bereits 350 Billets für Erwachsene vom Hilfscomite vertheilt waren; die Zahl der mit eigenem Reisegeld Fahrenden läßt sich gar nicht constatiren. Der 7 Uhr-Zug erwies sich zu schwach, um alle Passagiere aufzunehmen und der Rest, darunter allein 50 Personen die Freibillets hatten, mußten Zurückbleiben, um mit dem gemischten Zuge, der erst um 11 Uhr nachts und nur bis Smolensk geht, wegtransportirt zu werden. In Smolensk werden dieselben 22 Stunden bis zur Weiterbeförderung nach Polen warten müffen. Settens der Polizei wird auf nichts Rücksicht genommen. Wie manche Mutter weinte und flehte, man möge sie doch mit ihren, an Keuchhusten oder Influenza leidenden Kindem in Moskau bleiben lassen, bis die Krankheit vorüber und wärmeres Wetter eingetreten; Alle wurden abschlägig beschieden und mußten sich mit Gefahr für das Leben ihrer Kinder der Macht des Gesetzes, das heißt der Knute fügen. Die schrecklichen Szenen, welche sich am 26 Januar bei der Abreise der Juden abspielten, wiederholten sich am %Q.gt darauf in gleicher Weise, wenn auch die Zahl der Reisenden eine etwas kleinere war. Das Thermometer stieg in der Stadt im Laufe des Tages nicht über 26 Grad Reaumur und erreichte gegen Abend wiederum die Tiefe von 28l/2 Grad Reaumur. Die Proteste unter dem Publikum über die Härte der Polizei wurden immer lauter, und zuletzt sah sich der Polizeimeister veranlaßt — angeblich auf Anordnung des Großfürsten Sergius — die weitere Austreibung bis zum 13. Februar d. I. zu verschieben. Aber diese Verordnung erfolgte erst am nächsten Morgen nachdem bereits im Laufe zweier Tage, gerade bei der stärksten Kälte die Massenauswanderung vor sich gegangen war. Dies erinnert an die Zeiten des polnischen Aufstandes, wo die Begnadigung der zum Tode verurtheilten polnischen Edelleute immer gerade in dem Moment einzutreffen pflegte, wo die Hinrichtung bereits vollzogen war. Nichts scheint jedoch merkwürdiger Weise mehr Einfluß zu haben aus unsere oberste Verwaltung, als die Furcht vor der öffentlichen Meinung Europas. Diese ist das Schreckgespenst der russischen Regierung, sei es aus politischen oder aus finanziellen Rücksichten; die russische Regierung sucht deshalb ihre Handlungen mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln in tiefstes Dunkel zu hüllen und, wo das doch nicht geschehen kann, denselben wenigstens eine noble Form zu geben. Als im vorigen Jahre die Schreckensgesetze gegen die Juden einen allgemeinen Protest und Widerwillen in der ganzen civilifirten Welt heroorriefen und daraus dem Kredit Rußlands mancher Nachtheil erwuchs, erklärte die Regierung, daß blos die Handwerker Moskau verlassen müßten, während die Kaufleute bleiben könnten. D6 facto müssen aber alle jüdischen Kaufleute Moskau verlassen, mit Ausnahme der Kaufleute erster Gilde, deren es keine 100 gibt. Diesen dagegen ist es untersagt, auch nur einen Angestellten jüdischer Confession, sei es auch der Prokurist, der seit 20 Jahren und länger bei ihnen dient, zu behalten. Die an anderen Plätzen für die Zulassung zur ersten Gilde zahlenden jüdischen Kaufleute dürfen (dieses alles bezieht sich auch auf Petersburg und das ganze Rußland, ausgenommen Polen und Odessa!) nur einmal im Jahre auf sehr kurze Zeit nach Moskau kommen. Ein Jude kann in Moskau Kaufmann erster Gilde nach vielen Mühen werden, aber er muß vor Allem erst fünf Jahre nacheinander ununterbrochen in Polen seiner offiziellen Heimat, die erste Gilde zahlen (ca. 850 Rubel jährlich!). Früher wurde jedem Juden der Moskau oder einen anderen russischen Ort zu verlassen hatte, ein Stempel aus seinen Paß gedrückt, mit dem Hinweis, daß Betreffender an dem bezeichnenden Tage unwiderruflich abreisen müsse.' Doch die Manipulation war nicht praktisch genug, denn dem Ausgewiesenen war dadurch eine Waffe in die Hand gegeben, mit welcher er beweisen konnte, daß er thatsächlich aus feiner Heimat ausgewiesen war. Er konnte, namentlich wenn er zur Auswanderung außerhalb Rußlands gezwungen war, Dokumente vorzeigen, die jedenfalls die russische Regierung kompromittirten. Heute weiß die russische Regierung sich hierüber hinwegzuhelfen, denn anstatt einen Stempel auf den Paß zu setzen, zwingt sie die Betreffenden, selbst einen Schein zu unterzeichnen, des Inhalts, daß er sich selbst bereit erkläre und sich zugleich verpflichte (!), nach so unb sovielen Tagen oder Wochen ganz abzureisen. Wahrhaftig sehr schlau! Aber wenn Jemand den Muth hat, seine Unterschrift zu verweigern? Ja, dann wird er einfach sofort — „wegen Widersetzlichkeit gegen die Polizei" — auf administrativen Wege eventuell per Etappe hinausttansportirt! Nus dqm Leben dqs verstorbenen Herzogs von Clsrenre. Heute, wo ganz England um den Tod des Prinzen Albert Victor, Herzogs von Clarence und Avondale, ttauert, wird folgender Bericht über den Aufenthalt des Verstorbenen und seines königlichen Bruders Georg zu Jerusalem vom Jahre

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