Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 7 (12.2.1892)
- Date
- 1892-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 Oestrrrrichischr Wochenschrift. Seite 113 Bebel und ein Liebknecht hatten den Muth den Antisemitismus zu brandmarken; wo blieb der Kanzler? Damals hatte er die Ehre der deutschen Nation nicht gerettet, er hüllte sich in Stillschweigen; er war gekränkt, weil Dr. Stöcker in London keine Vorträge halten konnte. Der Arbeiter in seinem Kittel war zum Repräsentanten der Sittlichkeit und der Gerechtigkeit geworden gegenüber den höheren Gesellschaftsklassen, gegenüber vielen Funktionären des Staates und gegenüber vielen Universitäts-Professoren. Fühlt man nicht das Gefährliche eines Zustandes, der dadurch entsteht, daß der gebildete, wohlhabende mit Ehrenzeichen ausgestattete Theil der Gesellschaft seinen Beruf so gänzlich verkennt? Ans diese Art haben die moralischen Ideen einen Theil ihres Geistes verloren und ist selbst für die Vermächtnisse der größten Geister theilweise die Empfänglichkeit geschwunden. Aus diese Art sind die Verwünschungen des Faust und der Fluch Manfreds znm Glaubensbekenntniß der Berliner Realisten geworden. Was wurde erreicht? Was ist aus dem Reiche der Gottesfurcht, der Zucht und frommen Sitte geworden? Das Ideal eines preußischen Abgeordneten, daß' der Unteroffizier dem Soldaten als Stellvertreter Gottes erscheinen solle, dieses Ideal wurde nicht verwirklicht. Statt dessen stoßen wir auf Unteroffiziere, deren Wollust die Menschenquälerei ist und die eine sittliche Entartung verrathen, die mit dem Worte Grausamkeit nicht vollständig desinirt ist. Von einen Berliner Realisten ist ein Buchdrama erschienen, das die schmutzigsten Schandschristen der Franzosen überbietet. Die confessionelle Frage soll Hilfe bringen, man erkennt die Gefahren des Jahrhunderts; aber man macht den Bock zum Gärtner, man ruft Diejenigen zur Rettung herbei, welche, vornehmlich durch den Antisemitismus, die Gefahren heraufbeschworen haben. Anti semitische Brutalität. Als der Viehhändler Markus Stolper einen Omnibus benützte umzumSt.-Marxer Viehmarkt zlt fahren, kam er mit einem, ihm bis dahin gänzlich unbekannten Herrn in ein und demselben Koup6 zu sitzen, welcher beim Anblicke vorübergetriebener Schlachtpferde ausrief: „Die Rösser d ersch lagen s' aber die Juden lassen st leben." Stolper verließ den Stellwagen, erhielt aber zum Abschiede von diesem Reisegefährten einen Faustschlag in's Gesicht. Es gelang ihm festzustellen, daß der Reisegenosse der Cafetier Johann Wirth im III. Bezirke sei und er klagte denselben wegen Mißhandlung. Bei der Verhandlung vor dem Bezirksgerichte Landstraße (Adjunkt Dr. Röttinger) wurde obiger Thatbestand durch einen weiteren Fahrgast, seines Zeichens Eisenbahnarbeiter, vollkommen bestätigt und auch festgestellt, daß Wirth ohne die geringste Veranlassung in solcher Weise vorgegangen sei. Der Klagevertreter Dr. Ehrentheil fand, es sei traurig, daß es mit der Gemüthsrohheit so weit stehe, daß ein Mann von einem ganz Unbekannten blos deshalb mißhandelt wurde, weil dessen Physiognomie eine orientalische sei. Der Vertheidiger des Angeklagten, Dr. Brzobohaty, wandte zwar ein, das Ganze sei nur ein „gewöhnlicher" Vorfall, der Richter aber verurtheilte Wirth mit Berücksichtigung der Brutalität der Handlungsweise zu fünfundzwanzig Gulden Geldstrafe. Das „Neue Wiener Tagblatt" machte dazu nachstehende Bemerkungen: ..Was sie zu bedeuten haben, ist mit wenigen Worten gesagt, und die Erklärung hat den Vorzug, daß sie amüsant ist. In einem Omnibuswagen fuhren eines Tages zwei Männer, der eine hieß Slolper und der andere hieß Wirth, der eine hatte eine gerade und der andere hatte keine gerade Nase, der eine liebte nur die geraden Nasen und dem anderen war dies total Wnrst. Da machte der mit der geraden plötzlich die Bemerkung: „Die Rösser derschlagens und die Juden nicht" und weiter streckte er seine Hand aus und versetzte dem Ungeraden einen Faustschlag ins Gesicht. Weiters ist nichts geschehen, und Dr. Brzobohaty, der Advokat, der Vertheidiger, der zur Findung der Wahrheit und des Rechtes mitbernfene Mann, sagte als Vertheidiger des geraden Herrn Wirth vor Gericht: er könne sich nicht genug wundern, daß der Vertreter der Privatklage den Fast als einen so außerordentlichen darstelle, das sei ein ganz gewöhnlicher Vorfall, wie jeder Tag einen gebiert. . . . »So wäre denn also das Hinterwäldlerrecht, das Recht des Einbruchs wie in fremde Häuser, so auch in fremde uns unbekannte Gesichter, in eine klare unv bestimmte Formel gebracht. Und es war auch höchste Zeit. Als seinerzeit — wenn wir nicht irren, in Gegenwart des Herrn Abgeordneten Pattai — ein Herr Wilhelm und Frau in Grinzing von einer Bande elender Sp ktakulanten überfallen und halbtodt geschlagen wurden, da ging ein Aufschrei der Empörung durch ganz Wien und Alles fragte: warum? Warum? fragte man dann auch, als ein Bürgerssohn in schmählicher Gesellschaft die Straßen von Kierling durchzog, Frauen anfiel, Schlafend; heraustrommelte, vor den Fenstern Kranker und Sterbender Revoloerschüsse abfeuerte." Dann ist es vorgekommen — wer erinnert sich dessen nicht?.— daß int Namen desselben Rechtes in später Nacht unbekannte Personen auf offener Straße angefallen und mißhandelt wurden; daß in Wirthshäusern von Tisch zu Tisch blutiger Schimpf hinüberflog und dem Schimpf blutige Schläge nachfolgten, und immer war es ein Unbekannter, der dem andern Unbekannten gegenüber so - wie sagen wir nur? — so ungeheuer intim und vertraulich, wie unter gm bekannten Brüdern verfuhr. Denunziationen, Schlägerei, von gut ausgewachsenen Ziegenhainern herrührende Striemen und Wunden, von Messern versetzt, die sehr brauchbar waren — das Alles war ja leider eine zeitlang bei unS zu Haufe. Und wenn man fragte, warum das Alles, so war daratlf die einfache, Alles besagende und von Niemandem bestrittene Amwort: Antisemitismus. „Man braucht sich heute nicht mehr zu echauffiren, wenn man davon spricht: der Antisemitismus ist ganz gewaltig im Niedergang. Rosenau ist ein stiller Ort geworden, zu dem keine Pilgrrschaaren mehr wallen, Doktor Pattai ist nicht mehr dabei, wenn ein Herr Wirth einem Herrn Stolper mit der Faust ins Gesicht fährt, und selbst „der schöne Karl" spricht heute schon in Privatgesprächen Worte, aus denen hervorgeht, daß der Heißhunger seiner Partei wenn nicht ganz, so doch halb gesättigt ist. Gesättigt — sie sind im Punkte der Messer, Stöcke und Fäuste wenigstens gesättigt. Aber ein Volk hat kein schlechtes Gebückt» iß und man beginnt mit ihnen abzurechnen, die dem schönen, herrlichen gesitteten Wien eine zeitlang den Schimpf ihrer Lehren und ihrer Thaien. ihres wüsten Predigerthums und ihrer durch die Straßen wandernden Gewallthat zusügten. Der selige Lorenz von Stein sagte einmal, daß das Demagogenthum nie weiß, was es lhut, und da» seine Kraft schon im Sterben ist, wenn es endlich das Wort da'ür findet, was es thut. Nun denn, Herr Dr. Brzobohaty, der Sie einst ein liberaler Wähler waren. Sie haben das Wort gefunden für die Thatcu Ihrer im ganz entschiedenen Niedergänge befindlichen Partei: wenn es nach ihr gegangen wäre, so wären Anfall, Ueberfall und was es dann noch weiter an Steigerungen hievon gibt, noch heute das tägliche Frühstück, noch heute ein ganz gewöhnlicher Vorfall, ein alltägliches Ereigniß. Wir wiederholen, solche und ähnliche Fälle kommen immer vereinzelnter vor. Es wird weniger geohrfeigt, geschimpft, gestochen, als in den sechs oder sieben Jahren, in welchen der Antisemitismus in seiner Vollkraft grassirte. Was Herrn Srolper passirte, wird sich nicht mehr oft wiederholen: und der arme Gewerbeschüler Färber wird nicht viele Nachfolger im Leidensgeschick meh' finden. prvpos Färber — wer kennt die Geschichte dieses armen Judenbuben nicht? Sein Kollege Edelmüllcr kündigte nach der Aussage mehrerer Zeugen eine her. ische Thar an, er schrie: „Dem Judenbuben muß ich was anthun", und als Färber das Schulzimmer betrat, gab's gleich die dickste Rauferei, in deren Verlatife Edelmüller ihm mit dem Federmesser das Auge ausstach. Gestern wurde der Prozeß zum soundsovielten Male vor Gericht verhandelt und infolge der schwankenden Zeugenaussagen wurde Edelmüller frei gesprochen und Färber's Vater mit seinen Ansprüchen per 427 fl. auf den Rechtsweg verwiesen. Gewiß, der Richter Dr. Poll konnte nicht anders, und bei Herrn Wirth, der den Herrn Stolper mir nichts dir nichts mit der Faust ins Gesicht schlug, konnte der Richter wohl auch nicht anders, als den Mann, der den unverschämten Wegelagrrerstreich vollführte, zu 25 fl. Geldstrafe vernrtheilen. Die Richter sind durch das Gesetz gebunden." Die Iudenaustyeibungaus Moskau' Man schreibt dem „Bert. Tageblatt" aus Moskau: „Der 36. Januar wird in der Geschichte der Juden in Rußland einer jener Gedenktage sein, die durch ihre schrecklichen Ereignisse einerseits herzliches Mitleid mit dem traurigen Geschick tausender unschuldiger, arbeitsamer, ihres Glaub ns wegen verfolgter Familien erregen, andererseits den Abscheu Hervorrufen über die Art und Weise, mit welcher diese Verfolgungen durch die ruffische Polizei, von den höchstgestellten Beamten bis zum Gorodowoj, zur Ausführung gebracht werden. Nach Erlaß des kaiserlichen Ukases in der Osterzeir vorigen Jahres haben alle Juden, sowohl Handwerker, wie Kaufleute und Angestellte (mit Ausnahme der kleinen Anzahl der Kaufleute erster Gilde und der mit Diplom einer Universität Absolvirten) Moskau binnen kürzester Frist zu verlassen. Mit dem Moment wo das kaiserliche Wort gesprochen war,