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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-12 · 7 (12.2.1892) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
7 (12.2.1892)
Date
1892-02-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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'xa*3umc!neKner sjm Seite 112 Orstrrrrrchifchr Wochenschrift Nr. 7 ihres Geistes und der Ueberlegenheit ihres Genies die Zeit beherrschen. Drei Männer sind es, welche auf die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts einen ungewöhnlichen Einfluß geäußert haben. Der Erste der Gewalügen war Charles Darwin, der die Gesetze der organischen Welt ergründet hat, wie Keiner vor ihm und dessen Lehre als eine neue wissenschaftliche Offenbarung betrachtet werden kann. Indem dieser große Forscher und Denker den Krieg nicht nur für den menschlichen Fortschritt, sondern für die Entwicklung der ganzen organischen Welt als den Vater der Dinge erklärte, war er gleichzeitig überzeugt, daß innerhalb der menschlichen Gesellschaft der letzte Zweck des Kampfes ums Dasein nur der sein könne, das menschliche Dasein seinen hohen Idealen nahe zu bringen. Ein gänzliches Mißverstehen Darwin's war es, eine willkürliche Mißdeutung der von ihm erschlossenen Wahrheiten wenn man plötzlich an die Raccntheorie sich anklammerte, um die Errungenschaften der Aufklärung zu verhöhnen, um den Glauben an Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit abzuschwören. Auf dem Boden des Mittelalters und mit dem Rüstzeug des Mittelalters wollte man den Kampf ums Dasein führen. — Merkwürdiger Weise war es ein Meister im Reiche der Töne, der, um die Sache gleich bei ihrem richtigen Namen zu neunen, den Antisemitismus vorbereitete. Richard Wagner, das ist der Zweile der Gewattigen; sein Beispiel gab den Kleinen Muth und bei ihm zeigt sich der Antisemitismus gleich in seiner häßlichsten Gestalt. Der musikalische Werth der Wagnerischen Schöpfungen bleibt hier selbstverständlich außerhalb jeder Erörterung. Der Einfluß Richard Wagners äußerte sich zumeist darin, daß es ihm gelang, eine Seele zu bilden, w iche fanatisch Alles nicderschmctterte, was nicht den Beifall des Meisters hatte. Die deutsche Nation verdankt ihm jene Reche von Opern, welche die deutsche Mythologie, deutsche Rarer- und Sängersagen, deutsches Städtelebcn, zuletzt auch ein religiöses Mysterium des Mittelalters mit musikalischer Macht und mit dem Aufgebote aller Bühnenmittel verherrlichten. Vom nationalen Standpunkte aus verdient das unbedingte Anerkennung. Das sittliche Moment in der germanischen Mythologie läßt sich jedoch dahin dcflniren, daß den Göttern und Helden eben Alles erlaubt erscheint und daß Götter und Helden von ihrem Privilegium den uneingeschränktesten Gebrauch machen. Diese Grundanschauung flirdet sich bei allen Racen und Völkern wieder, die sich auf einer primitiven Civilisationsstuse befinden. Was würde man von den Juden sagen, wenn der Kamps um einen — Goldschatz das Leitmotiv chrer Urlegenden bilden würde. Für das sittliche Moment hatte übrigens Richard Wagner immer seine eigene Auffassung, er war nach dieser Richtung ünmer mythologjsch in seinen Dichtungen. Die deutsche Mythologie ist indessen auch durch die Macht der Wagnerischen Musik nicht populär geworden, wenigstens nicht so populär, wie die Gestalten der semitischen Bibel es heute noch sind. Zur germanischen Mythologie gehören die Wälder, in denen Urochs und Elch hausten, gehören die' Sümpfe, aus denen Rennthierhcerden chr Futter suchten, gehören die düsteren Haine mit dem Tempel der furchtbaren Göttin, welche Menschenopfer verlangte. Auch der Kamps Richard Wagners gegen das Judcnthum in der Musik legt nicht Zeugniß ab für hohe sittliche Eigenschaften. Die O^ern Meyerbeer's und Halevy's haben die Welt oft genug in Entzücken und Begeisterung versetzt, den Werken Mendclssohn-Bartholdy's wird heute noch die Elassicität zuerkannt. Dazu Musiker von unbestreitbaren Verdiensten, deren Väter die Psalmen hebräisch beteten. War es gerecht, diese Musiker zu beschimpfen und herabzuwürdigen? Ist das der Dank der deutschen Nation für Diejenigen, welche der deutschen Musik doch nur Ehre bringen? Hat hier die Wahrheit das Wort geführt oder die Selbstsucht? Das war bereits der echte Anrifimitismus, der Neid in Verbindung mit dem Hasse gegen die Wahrheit. Der Dritte unter den Gewaltigen endlich ist Fürst Bismarck und was unter seinem Regime zur Begünstigung des Antisemitismus geschchen, war ein Verbrechen. Vor Allem muß constatirt werden, daß Fürst Bismarck weder ein Feind des Judenthums ist noch der Juden. Seine Begünstigung der antisemitischen Bewegung steht im Zusammenhänge mit jener Verachtung der Prinzipien, welche ein Grundzug war seinerganzen Politik. Wenn Richard Wagner den Juden Alles erlauben wollte nur nicht die Musik, so wollte auch Fürst Bismarck den Juden jedes Recht einräumen nur nicht das Recht der Opposition. Vor vielen Jahren veröffentlichte die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" einen Artikel des Inhalts, daß Politik und Moral ruiteinander nicht zu vereinigen sind. Wir können diesem Satze nicht zustimmen, trotz aller Erfolge rächt es sich früher oder später, wenn die Politik die Aujlehnung gegen die Gesetze der Sittlichkeit bedeutet. Die Staatsmänner, welche vereinigt mit dem General Washington, für die Unabhängigkeit Nord- Amenka's kämpften und in der Verfassung der Union dafür sorgten, 'daß die Republick dauernd eine Wohnstätte des Rechts und der Freiheit geblieben, diese Staatsmänner, denen die alte und die neue Welt zum ewigen Danke verpflichtet ist, sie waren von sittlichen Ueberzeugungen geleitet und sie hatten ihre Politik nicht von der Moral getrennt. Tort in Versailles, wo Fürst Bismarck wiederholt gewesen, hängt das lebensgroße Bild George Washingtons; man kann cs nicht ohne Rührung betrachten, denn Edelsinn sprechen in idealer Verklärung aus diesen Zügen. Hat unsere Zeit nicht den Abraham Lincoln gesehen, der eine große Mission mit selbstloser Bescheidenheit durchführt? Hat er seinem Vatcrlande durch Abschaffung der Sklaverei nicht mehr Ehre gemacht als wenn erden Rassenhaß proklamirt hätte? Damals als Lincoln die Einheit der Republik vertheidigte, damals führte Fürst Bismarck in Preußen den Verfassungskampf und schon damals hatte er seine Politik von der Moral getrennt. Nicht immer diente die Nothwendigkeit dem Kanzler zrrr Entschuldigung. In den Depeschen, die er den Kriegen voranschickte, in dem Kampfe gegen seine persönlichen Feinde, irr der Behandlung der Parteien, überall und immer blieb bei ihm die Politik von der Moral getrennt. Und so hatte er auch keine Gcwissensconflicte zu bestehen als er den Antisemitismus begünstigte, um sich an Bamberger und Laster zu rächen. Das aber war ein großes Unrecht. Die Juden Deutschlands sind keine Fremden und werden vcn dem Gesetze nicht als Fremde angesehen. Die deutschen Juden sirrd vermöge ihres Patriotismus, ihres Bildungsgrades und ihrer Sittlichkeit ihren christlichen Mitbürgern vollkommen ebenbürtig. Und der Jude, der nur deutsch fühlte und dachte, sah sich plötzlich, zum Fremden gestempelt. Ohne irgend ein Verschulden sah er sich gesellschaftlich ausgeschlossen, er sah sich beschimpft und verachtet und die Verleumdungen nahmen kein Ende. Von Neuem mußte er seine Religion gegen sinnlose Märchen vertheidigen. Es war nicht schwer Vorurtheil und Aberglaube von der Kette zu lassen. Aber die Angehörigen der verschiedenen Gesellschaftsklassen, die den Antisemitismus jubilirend begrüßten, sie fühlten dennoch, daß damit auch die Lizenz ertheiltsei zur Verachtung alles geistig Großen und Schönen. Beamte, Lehrer, Schrislsteller und Journalisten haben diese Bewegung unterstützt und auch die Kathederweisheit der Professoren hat dazu das Ihrige beigetragen. Berthold Auerbach wurde noch bei Lebenszeit beschimpft, Heinrich Heine hatte aufgehört ein Dichter zu sein und Lessing, dem der deutsche Geist seine Wiederbelebung verdankte, wurde zum Judenknecht degradirt. Wir aber fragen: Wer hat mehr für die Ehre der deutschen Nation gethan, Diejenigen, welche die deutsche Gegenwart durch den Antisemitismus schänden, oder Lessing, der Deutschland von der Schmach der Ungerechtigkeit und Unduldsamkeit befreien wollte? Ja der Lessing, der war ihnen immer zu wahrheirsvoll, zu freisinnig und zu verstandesklar. Dieser Lessing ist ganz unnütz für die Kneipstuben der Burschenschaften. Wir wissen es zu würdigen, daß der Antisemitismus wenigstens bei einem Theile des deutschen Bürgerthums einer kalten Zurückhaltung begegnete. Hauptsächlich war cs jedoch den sozialistischen Arbeitern zu denken, daß die Exzesse und Rücksichtslosigkeiten auf ein gewisses Maß beschränkt blieben. Ein

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