Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 7 (12.2.1892)
- Date
- 1892-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Orstrrrrichtfchr Wochenschrift. Sette 111 gestattet, dann ist das Ideal erreicht. — Und erklommen wird dieses Ideal mit Hilfe des Katalogs, darum lautet die Losung: Strenge Censur in dem „Religions"gegenstand, strenge Censur in den Sitten! Ja in den Sitten! 8ine illae lacrimae Wir lassen es uns noch immerhin gefallen, daß man unsere Kinder mit einem ganz unfruchtbaren, Kopf und Herz einschläfernden Lehrstoff martere und sie so rigoros als nur immer möglich, examiuire und classificire — obgleich ihren christlichen Kollegen die Aufgabe des Religionsunterrichtes sanft und milde gemacht wird — aber daß ihnen ein jüdischer Religionslehrer und dies in heutiger Zeit, wo es der verleumderische Antisemitismus zur Genüge besorgt, das Stigma des fehlechten, sittlichen Betragens leichtfertig aufdrückt; das ist mehr als wir zu begreifen, als wir zu ertragen vermögen. Wir wissen gar wohl, daß die von den Religionslehrern eingeschriebenen „Sittennoten" mehr diesem, als dem betroffenen Kinde ein Armuthszeugniß ausstellen. — Wie der Lehrer dem Kinde nicht imponiren, sein Interesse für den von ihm tradirten Gegenstand nicht wecken kann; so wird das Kind der Trägheit, Unaufmerksamkeit k. k. beschuldigt und in der Gereiztheit wird wohl auch nach dem Katalog gegriffen und — die schlechten Censuren und die Sittennote sind fertig. Das wäre also nicht so tragisch zu nehmen. Zudem greifen die Lehrer der profanen Gegenstände nur im äußersten Falle zu solchen Maßregeln .... Wenn aber ein R e l i g i o n s l e h r e r, blos um sich gefürchtet zu machen, leichtfertig schlechte Sittennoten einfchreibt, so ist dieses ein unverantwortliches Vorgehen, welches nur von seinen antisemitischen Collegen, auf deren Mühle er das Wasser treibt, bejubelt wird und deren Sympathie und Protectionen er sicher sein darf, wenn er darnach buhlt, was allerdings auch Vorkommen soll. — Die älteren Professorei', welche aus früherer Zeit einen gewissen menschenfreundlichen Sinn sich gerettet haben, können oft nicht umhin, über diesen sonderbaren jüdischen Religionslehrer, der nicht blos die tüchtigsten und begabtesten, sondern sogar die notorisch bescheidensten Schüler der Classe wegen verderbter Sitten und ungebührlichen Betragens denuncirt, ihre Verwunderung lind ihr Befremden zu äußern, die jüngeren bereits „national" erzogenen, vom Judenhaß angefressenen Professoren freuen sich über derlei Heldenthaten des israelitischen Religionslehrers, dessen Denunckatkonen ihrer inneren Gesinnung, ihren unverhohlenen Antipathien die Rechtfertigung bietet. Hat denn so ein „Religionslehrer" nicht so viel Ueberlegungskraft, zu begreifen, daß er durch ein solches Gehaben in frivolster Weise ins eigene Fleisch schneidet? weiß er nicht, daß es ein Anderes ist, wenn ein Lehrer der profanen Disciplinen, ein Anderes, wenn ein jüdischer Religionslehrer — und dies ohne zwingenden Grund — Sittennoten einschreibt, daß er mit der Sittennote, welche er dem jüdischen Kinde in der Religionsstunde aufhalst, glühende Kohlen auf das Haupt der gesammten, jüdischen Jugend schüttet und gegen dieselbe die schärfste Waffe dem Antisemitismus in die Hand drückt? Haben die lauernden Judenhasser dann nicht volles Recht, auszurufen: „Seht, welch' eine verkommene Jugend doch diese jüdische ist; der Religionslehrer selbst, muß dieses wider willen bezeugen." — Aber das ist pure Verleumdung! Unsere heutige jüdische Schulju gend ist bra v, zum mindesten so brav, wie die jeder anderen Confession — sie ist sogar gedrückt und in jeder Beziehung besser als je vorher; aber der Religionslehrer von heute ist nicht immer wie der von ehemals. Er versteht ebensowenig die Zeichen der Zeit, wie jene der Schrift zu deuten. — Seht doch hin, mit welcher Milde und Sanftmuth der christliche Katechet seine Schüler behandelt, wie diese voll Liebe an ihnl hängen, ihn vor und nach der Stunde umschwärmen, wie Kinder, die sich freudig um ihren Vater schaaren; und wahrlich, diese kluge Behandlungswelse des Katecheten, schlägt nicht zum Schaden des Christenthllms ans! Gehet hin und thnt das Gleiche! Gewiß geschieht bei diesen langverhaltenen Expectorationen vielen Religionslehrern, die wacker in ihrem Beruf arbeiten, Unrecht. Aber warum protestiren diese nicht selb st gegen die hier naturgetreu geschilderten, sich breit machenden Auswüchse? — Ich selbst habe mit zwei braven und sehr bescheidenen Kindern die gleichen traurigen Erfahrungen an zwei verschiedenen Gymnasien gemacht. Warum lehnen sich die redlich strebenden, von ihrem Berufe durchdrungenen Religionslehrer gegen diese moderne Tyrannis nicht auf, deren Losung ist: Den Katalog als Bibel anzusehen, den Schülern Furcht und Schrecken einzujagen? Ja, Furcht und Schrecken! Und da wäre ich denn bei denr Bilde vom „Erlkönig," welches mein Vorgänger von voriger Woche am Schluffe seiner Epistel auf die modernen Religionslehrer angewendet hat. 'Rur hat er es unterlasseil, dasselbe weiter auszuführen: „Erlkönig" ist ganz wesenlos — ein Schatten; aber er wirft Angst in die Seele des Kindes — und diese tödtet es. . . . Es zieht ein eisiger, realistischer Hauch durch unser Zeitalter, der alle, selbst schon die in den jugendlichen Gemütern keimenden idealen Blüten grausam zu zerstören droht. Sollen unsere Kinder w i d e r st a n d s l o s demselben preisgegeben sein? Soll das religiöse Gefühl schon in der Schule erstarren? Wehe einem Geschlechte, das schon in seinen Wurzeln verdorrt ist! Was ist Judenthum ohne Ideal?! . . . Die drei Gewaltigen. Prinz Georg von Sachsen hat im Interesse des Dienstes und wohl auch, weil seinem Soldatenherzen menschliche Empsindungen nicht fremd sind, in einer Instruction an die Tfficiere seines Armeecorps, dem Geiste, der das Ende des Jahrhunderts erfüllt, ein getreueres Bild gegeben, als die Meisten unter Allen, die sonst an die Oeffentlichkeit sich wenden, und in deren Beruf es läge, die Wahrheit zu sagen. Die Journalisten und Schriftsteller der Zeit, die großen Meister an den Hochschulen, die Prediger auf der Kanzel, die Redner in den Parlamenten, sie bewegen sich in conventionellen Lügen und sie werden beschämt durch den Wahrheitsmuth eines ehrlichen Soldaten. Welche Bemerkungen hätten wir von den Chamiten in Afrika, denen wir Humanität und Glasperlen für Elfenbein bringen, zu erwarten, wenn sie von den Vorgängen in den Ländern der Arier Kenntniß erlangen würden? Es geschieht alles Erdenkliche, um das militärische Selbstbewußtsein 31t. steigern und dann ist wieder der Soldat willkürlichen Mißhandlungen preisgegeben, wie kein Regerfclave im Zelte des Arabers sie zu fürchten braucht. In der talmudischen Literatur findet man ausführliche Schilderungen der Sittenzustände, wie sie vor der Sündfluth herrschten und später in den Städten, welche vom todten Meere verschlungen wurden. Farben und Figuren in diesen Schilderungen bieten keine Schwierigkeiten, man konnte sie der damaligen unmittelbaren Gegenwart entlehnen. Von Alexandrien bis Rom, von Babylon bis Athen, überall Lüge und Ungerechtigkeit, überall Laster und Verbrechen und wer heute aus irgend einem egoistischen Motive für die Wahrheit sich ereiferte, war bereit, sie morgen zu verrathen, wenn es zu seinen Zwecken paßte. Die erivähnten Schilderungen würden aber auch für unsere Zeit sich verwenden lassen, gleichviel, ob wir an die Zustände in den sächsischen Kasernen, an gewisse Produkte der realistischen Schule oder an den Antisemitismus in Leipzig und Dresden denken. Der Antisemitismus ist unbedingt die häßlichste Erscheinung dieses Rückbildungsprocesses und unsere Aufgabe bleibt es, zu untersuchen, inwieweit der Antisemitismus beigetragen hat, Scham-, Rechts-und Wahrheitsgefühl zu zerstören, mit einem Worte, den causalen Zusammenhang zwischen Antisemitismus und den übrigen verwandten Erscheinungen zu beleuchten. Immer sind es die Großen und Gewaltigen, welche die Richttmg einer Zett bestimmen. Das sind die Imperatoren, welche, ohne viel nach Formen zu fragen, vermöge der Energie