Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 7 (12.2.1892)
- Date
- 1892-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 110 Vrstrrrrichifchr Wochenschrift. Nr. 7 Die Direction hat es allerdings dafür auch für dringend angezeigt gehalten, das armselige, und arme „Deutsche V o lks b l a tt" durch gut bezahlte I n s e r a t e zu u n te rst ü tz en war gerne bereit, den Antisemiten, gelegentlich ihrer Ausflüge nach Preßbura, festlich beflaggte Schiffe zur Verfügung zu stellen. Das vergessen Sie, Herr Dr. Lueger, der Gesellschaft wohl nie! Nicht wahr? Die alten Fchler und Mängel, die einstigen Sünden und Gebrechen der Gesellschaft, erbitterten Herrn Dr. Lueger und nicht nur, daß er ihr keine Subvention gönnen will, er möchte den reichen Directoren und Actionären mit unbeugsamer Grausamkeit die Millionen nur so mir nichts, dir nichts wegnehmen. Man sieht, wie sich Dr. Lueger im Laufe der Zeiten geändert, und zwar so vortheilhaft geändert hat. Nicht immer waren es die Großen und Reichen gewesen, denen Dr. Lueger das Geld nehmen wollte. Einst waren es die kleinsten und ärmsten des Volkes, denen er — im Dienste der Reichen — die letzte Habe, das Crmzifix an der Wand pfändete! Damals, in seiner „Beuschel"- Zeit, verkaufte Dr. Lueger die Armen und Aermsten, nachdem sie bis aufs Hemd gepfändet worden waren, noch extra an den Juden Liechtenstein, damit dieser pfänden könne, falls sie, Gott behüte, mittlerweile wieder zu ein paar Groschen gekommen wären. Demselben Herrn Liechlenstein, dem der Dr. Lueger Grundstücke, die einen sehr bedeutenden Werth repräsentirten, für einen wahren Pappenstiel verkauft hatte! Nun ja, Herr Dr. Lueger ist jetzt ein ganz anderer. Er hat später sein Herz für die Armen entdeckt und er will höchstens, daß man das Geld den Millionären wegnehme. Umsomehr darf er glauben, daß auch die D.-D.-S.-G. seither eine andere geworden! D.r Lueger hat sich colossal geändert und bekämpft nunmehr die Donau-Dampfschiffahrls-Gesellschaft, wohl hauptsächlich wegen der antisemitischen Corruption, die sich daselbst einst breit gemacht. Da müssen wir ihm ein herzliches Bravoi zurufen. Warum glaubt er aber den Versicherungen der neuen Lettung des Donauschiffahrts-Unternehmens nicht, daß auch sie sich — gebessert hat? Ein Work füll unsere Kinder. ii. Zuschrift an den Herausgeber. Endlich wurde, Dank Ihrer allezeit anregenden und fruchtbringenden Initiative, der Finger auf eine klaffende Wunde gelegt, an welcher die ohnehin vom ' äußern Feinde zu Tode gehetzte jüdische Familie seit Langem krankt, endlich hat ein jüdischer Familienvater den Much gefunden, sich in einem, wenn auch stark gedämpften, Stoßseufzer Luft zu machen, über die moderne Geißel, welche eine strafende Vorsehung über unsere armen Kinder gesandt hat. — Es ist aber auch endlich schon hoch an der Zeit, daß wir uns im Angesichte einer ganz verkehrten, ganz u n religiösen und höchst verderblichen Unterrichtsmethode, deren gcmüthsoerwüstende Spuren wir so tief in den Herzen unserer Heranwachsenden und bereits herangewachsenen Kinder eingegraben sehen,ausunserersträflichen Lethargie ausraffen und ungestüm Abhilfe gegen dieses pilzartig um sich greifende Uebel verlangen. Wer hatte es geglaubt, daß es soweit kommen werde, daß das Mische Haus Schutz werde suchen müssen vor einer Unreligion, welcher der heutige Religionsunterricht in der Schule erzeugt, während früher, noch vor kaum zwei Decennien umgckehrt der Religionslehrer in der Schule es war, der das religiöse Gemüth des Kindes in Schutz nahm gegen die Unreligion und den religiösen Indifferentismus des Hause s, der an der Hand des — allerdings wohl verstandenen — besten Erziehungsbuches, der Bibel, Ideale im kindlichen Gemüche weckte, die nicht mehr zu verwischen waren. Wohl darf nicht übersehen werden, daß der Religionslehrer von damals wirklicher Religionslehrer war, während es dem heutigen sogar widerstrebt, sich „Religionslehrer" nennen zu lassen; er ist „Gymnasiallehrer" etc. und confequentermaßen muß er auch wie ein Gymnasiallehrer unterrichten; er diktirt. dem Kinde hebräische Vocabeln, welche mit — lateinischen Lettern transcribirt werden, obgleich dabei ein ganz unglaublicher Gallimathias herauskommt und das Ganze für das Kind keinen anderen Zweck hat, als es unnütz zu quälen und ihm einen Widerwillen, einen unbezwinglichen Horror vor dem Religionsunterricht einzuflößen; hat es doch für den „Religionslehrer" d i e große Bedeutung, daß er als Professor einer alten Sprache figuriren kann, der die Gleichberechügung mit dem Lehrer des Lateinischen beanspruchen darf. Die biblische Geschichte wird genau so wie die profane behandelt. Sie stellt den „Religionslehrer" auf das Piedcstal des Professors der Geschichte und Geografie. Die Wanderungen Abrahams, Isaaks, Jacobs etc. werden auf der Karte pedantisch und mechanisch verfolgt; a b e r d i e l e b e n d i g e n, ewig a nregenden idealen Wege, welche diese bib tischen H c l d e n gegangen, und deren Enthüllung befruchtend auf die empfänglichen j u g e n d l i ch e n Gemüter w i r k e n k ö n n t e, bleiben den Kindern verschlossen; und warn nr? N u n, weil sie eben a u f d e r g e s g r a s i s ch e n K a r t e n i ch t v e r z e i ch n e t st e h e n. — Geschichtliche und geografische Kenntnisse lassen sich classificiren; aber der ideale Inhalt der jüdisch. Religion. Pah, wozu hätte denn der Religionslehrer — den Katalog und Bleistift? Katalog und Bleistift! sie sind die Geißel des modernen Religionsunterrichts. Seitdem der Religionslehrer nicht mehr aus der' Fülle des Geist und Gemüth erhebenden jüdischen Schriftthums zu schöpfen vermag, seitdem er sich seine ganze, religiöse Offenbarung aus mühselig, bei gehirnvertrocknendem Lampenlicht zusammengestoppelten Eompendien holt; seitdem ist auch die Religion aus dem Religionsunterricht verschwunden, und als Aequivalent dafür haben Catalog und Bleistift die Herrschaft angetreten. Natürlich! Diese Werkzeuge find ungleich leichter zu handhaben als die Bibel, die sich nur den wissensdurstigen und ideal Veranlagten enthüllt. Ein neues Schlagwort wird seither als oberstes Heil lancirt: „Disciplin!" Als ob die echte Religion nicht echte Disciplin (mussar) wäre. Aber „eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zu rechter Zeit sich ein." Diese sogenannte „Disciplin", welche die Ohnmacht mit Hilfe des Katalogs in den Religionsunterricht verpflanzt hat, wurde das Grab der Religion. Sie ist heute das Nur und Auf des Religionsunterrichts, das erhabene Ziel, danach der moderne Religionslehrer strebt — und da hat, um gleichsam diese ganze Unterrichtsmethode aä adsuräum zu führen, die Erfahrung schlagend gezeigt, daß gerade der an Glauben und Wissen schwächste Religionslehrer im „Disciplinhalten" (dies der technische Ausdruck) der stärkere ist. Woher mag das wohl kommen? Die Philosophie bringts heraus. Man besitzt die Fähigkeit nicht, die Schüler für den man sollte glauben, das kindliche Gemüth leicht erwärmenden — Gegenstand der Religionslehre zu interessiren, die einen oder andern werden zerstreut, verlieren jedes Interesse für einen Unterricht, der anstatt zu erheben, tödtliche Langweile erzeugt, und büßen selbstverständlich auch die Verehrung ein, die sie dem Lehrer des Heiligsten schuldig. So geartet ist das Verhältnis das sich im Lause der Zeit zwischen Religionslehrer und Schüler herausgebildet. Der Erstere sieht in dem Letzteren feinen natürlichen Gegner und tritt ihm von vornherein, gleichsam zum Spmnge ausholend, mit vorgehaltenem — Katalog entgegen. Es entsteht ein langwieriges, oft verzweifeltes, stilles Ringen, davon nur ab und zu einzelne schrille Töne in die Oeffentlichkeit dringen. Und dieser ganze Kampf wird einzig und allein um eines armseligen Gedächtnißkrames willen geführt, welcher keinen andern Zweck hat, als strenge examinirt und noch st r e n g e r claffisicirt zu werden! Denn das ist der höchste Ruhm, wonach so ein moderner Religionslehrer geizt: daß er als „sehr streng" gelte; bringt er es nun gar zu einem „Gefürchteten", was nicht jedermanns Naturell