Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 7 (12.2.1892)
- Date
- 1892-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 7. Wien, IS. FebruarZl89S.? IX. Jahraang. CentrslorgM für die gessmmten Interessen des Iudenthums. -$- Eigenthümer: Reichsralhs-Abgeordneler Dr. Kloch. -ES- Erscheint jeden Freitag. X Man abonnier bei allen Vofianfialten des Innnd Auslände». Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 25 kr. Anzeigen: Die 4m al gespaltene Petitzeile 12 kr. -X s --X R. ft. Poflsparralfen-nnl Vlearingverftelzr Nr. 81V.S76. 1 Lrdartion ». Administration: i « Wien l, LothentyurmflraKr 39. . x- - - ~ X Inhalt: Leitartikel: Antisemitische Corruption. — Ein Wort für unsere Kinder. — Die drei Gewaltigen. — Antisemitische Brutalität. — Die Judenaustreibung aus Moskau. — Aus dem Leben des verstorbenen Herzogs von Clarence. — Streitbare Juden im Mittelalter. — Berthold Auerbach und Friedrich Spiclhagen. — Ein antisemitischer Reichsraths-Candidat. — Verordnung des Ministeriums für Eultus und Unterricht vom 27. Deccmber 1891, Z. 17164. — Eorrespondenzen: Wien, Lemberg, Hohenbruch Berlin, Nordhausen, Moskau, Jaffa. — Vermischtes: Wien, Döbling, Fiume, Kolomea,Wreschen, Berlin, Loslau, Niederolm, Paris, Brüssel, Rom, Neapel, London, Galatz. — Feuilleton: Beim Rebbesch. Das Waisen-Kaddisch-Eebet. — Literatur. — Briefkasten. — Wochenkalender. — Jnsercüe. Antisemitische Corruption. (Zur Debatte über die D. D. S. G.) Wir mußten schon wiederholt Herrn Tr. Lueger das aufrichtig gemeinte Complimcnt machen, daß er im Verein mit seinen Busenfreunden Vergani und Schneider mehr zur Discreditirung der „heiligen Sache" des Antisemitismus geleistet, als man billigerweise von den Führern der antisemitischen Partei hätte verlangen können. Sie waren redlich, oder sagen wir lieber unermüdlich und unerschrocken bemüht, diese Herren, durch Thaten und Handlungen, durch ihr Schaffen und Wirken zu zeigen, welche Früchte die antisemitische Bewegung zeitigt und namentlich Herr: Dr. Lueger, der sich nicht wie Schneider und Vergani davor scheute, im Gcrichtssaal zu erscheinen, kann es sich zum hohen Verdienst anrechnen, daß gar mancher, der unheilbar der wahnwitzigen Idee des Antisemitismus verfallen zu sein schien, doch plötzlich die Fähigkeit fand, wieder gesund und nüchtern zu denken. Der Mensch aber wächst mit seinen höheren Zwecken und Hern? Dr. Lueger insbesondere, zu dessen vorzüglichsten Charaktereigenschaften kühner Ehrgeiz zählt, wollte sich offenbar nicht mehr damit begnügen, durch eigenes Thun und Lassen die Corrmption des Antisemitismus in's rechte Licht zu stellen, er stellte sich nunmehr die Aufgabe die antisemitische Corruption allüberall zu entlarven zu bekämpfen und zu geißln, wo sie anzutreffen ist. Und wo ist sie es nicht? Es ist wahr, daß Herr'Dr. Lueger aus edler Bescheidenheit es verschmäht, dieses Streben coram populo zu bekennen, aber wem wird es darum entgangen sein, daß z. B. seine jüngste Philippika gegen die Donaudampfschiffahrts-Gesellschaft gleichfalls auf die erwähnte ideale Intention zurückzuführcn sei? Herr Dr. Lueger hat in seiner letzten Parlamentsrede einen schier „beispiellos" vehementen Angriff gegen die Mißwirtschaft gerichtet, welche bis vor nicht allzulanger Zeit die ganze Geschästsgebahrung dieser Gesellschaft charakterisirte. Kein gutes Haar läßt Herr Dr. Lueger an ihr; sie hatte, führt er aus, schlechte Fahrpläne, schlechte Tarispolitik, schlechte finanzielle und schlechte technische Leitung! Falsche Bilanzen, corrupte Verwaltung und Diebe als Directoren! Mehr, oder richtiger gesagt, weniger kann man von einem Institut wohl nicht verlangen! Der sittliche Ingrimm, die ethische Empörung, die das Herz des Herrn Dr. Lueger gegen diese Gesellschaft erfüllt, kennt kein Maß. Seine Rache bleibt nicht bei den Sündern allein stehen, er verfolgt ihre reuevollen Nachfolger bis in's zweite und dritte Geschlecht. Dr. Lueger kennt kein Erbarmen, keine Schonung; er hat nur die alten Sünder vor Augen und für diese wäre ihm keine Strafe zu arg, keine Sühne zu furchtbar. Schwefel und Feuer möchte er auf ihre Häupter regnen lassen, oder was noch einfacher wäre, sie in den Fluthen der schönen blauen Donau ertränken, dort wo sie am tiefsten ist und von ihren Schiffen am besten befahren wurde. Diesen sittlichen Ingrimm, dieser leidenschaftlichen Empörung hat Herr Dr. Lueger laut im Parlamente Ausdruck verliehen; er hat nichts „aber auch nicht das geringste" von den Mangeln und Gebrechen der Leitung der alten Donaudampfschiffahrts-Gesellschaft verheimlicht. Halt! Herr Dr. Lueger hat doch Einiges aus dem Sündenregister dieser Gesellschaft, was vielleicht am meisten empörte, vorzuführen vergessen. Aber gerade diese verschwiegenen Sünden sind zu interessant, als daß auch wir sie verächtlich übergehen sollten. Die Donaudampfschiffahrts-Gesellschaft war in jenen Zeiten, in denen sie all das gethan, was ihr Dr: Lueger nachsagte, von einem antisemitischen Geiste durchweht, der eigentlich über den Wässern der Donau niemals hätte schweben sollen. Die Bureaux dieser Gesellschaft waren zur Zeit der Blüthe des Antisemitismus wahre A g itations-Locale fürdie Anhänger dieserPartei. Freilich, diese konnten sich hier recht gut fühlen, denn sie waren ja ganz „unter sich". Die Direction der Gesellschaft war nämlich peinlich aber erfolgreich bemüht gewesen, jeden jüdischen Bewerber um eine Beamtenstelle, zurückznweisen, so daß die antisemitischen Beamten ungestört die schönsten Conventikel abhalten konnten, Bei den Wahlen stimmten die Männer d er D. D. S. G. ein m üth ig für die Antisemiten! Und das Herr Dr. Lueger hat Sie wohl am meisten empört! Nicht wahr? Die Leitung der Gesellschaft hatte es überhaupt darauf abgesehen, selbst den geschäftlichen Verkehr mit Juden auf das Geringste zu reduciren. Jüdische Kaufleute zogen es mituntervor, um Chicanen zu entgehen, den Transport ihrer Waaren auf anderen, wenn auch theuerer bezahlten Wegen zu bewerkstelligen. Selbst die Fahrpläne der Gesellschaft wurden ausschließlich in Druckereien hergestellt, welche antisemtifchcn Parteigenossen gehörten und man zahlte dafür Preise, welche von jüdischen oder liberalen Buchdruckereibesitzern kaum beansprucht worden wären. Andererseits schien die Direction freilich bemüht, auch die ärmsten Juden im Lande zu erhalten, denn sie war zumeist hart genug, auch dem ärmsten, in der unglücklichsten Lage sich befindlichen Juden, der um eine Ermäßigung des Fahrpreises bat, dieses Gesuch rundweg abzuschlagen. Und das hat Ihr warrnfühlendes Herz, Herr Dr. Lueger, wohl mit der größten Bitterkeit erfüllt! Nicht wahr? Warum sagten sie das nicht?