Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 6 (5.2.1892)
- Date
- 1892-02-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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»aj» --»«rofgiy JHBiBM Seite 106 Oestrrrrichifchr Wvchrnfchrist. Nr. 6 Bolkspartri und eine Aristokratie. Jene bestand aus den Dorfgehern, diese aus den Productenhändlern. Der politische Kamps artete aber wie bei allen Naturmenschen in persönlichem Haß aus, so daß die Urfehde zwischen den einzelnen Familien nie aushorte. Zur Zeit dieser Erzählung hatten in Galantha die „Whigs" die Zügel der Regierung in Händen. Der Vorsteher gehörte zwar seiner geschäftlichen Thätigkeit nach nicht zu ihnen, aber er harte sich aus Herrschsucht zu dieser Partei geschlagen und setzte seinen Fuß auf den, Nacken der Gegner, indem er unnöthige Ausgaben für die Gemeinde machte, die er auf die Reichen repartirte, welche aber mit dem äußersten Mittel einer Opposition, mit der Steuerverweigerung gegen ihn kämpften, so daß er selbst die Auslagen vorstrecken mußte und mit seinem ganzen Vermögen schon darin steckte. Seit zehn Jahren behauptete sich Reb Morsche Saborski bereit in seiner Vorstandswürde, trotz alles Processirens der Gegenpartei. Jetzt war die Angelegenheit bei der letzten Instanz anhängig und sah ihrer Entscheidung entgegen. Selbstverständlich daß die Aufregung in der Gasse gestiegen war, vor allem aber im Hause des Vorstehers selbst, denn, wenn er den Proceß verliert, ist er ein doppelt geschlagener Mann — finanziell ruinirt und von beiden Parteien gehaßt. Auch Vögele, das schone Töchterchen des Vorstehers ist in den Parteikampf hineingezogen worden. Jeden Sabbathnachmittag wurde sie von den jungen Männern der Partei ihres Vaters umschwärmt. Aber sie verachtete fie, wie ihr Vater, doch war sie weniger diplomatisch als dieser. Sie zeigte ihre Verachtung. Allein die jungen Leute glaubten als Anhänger ihres Vaters ein Anrecht auf ihre Liebenswürdigkeit zu haben und ließen sich nicht abschrecken.. Bald entstand aber das Ger.de, daß das MArchen öfters die Besuche von Schime Stegrr, dem Sohne des Enragirtesten der gegnerischen Partei, empfange. Eß wurden dem Vorsteher die bittersten Vorwürfe gemacht, daß er seine Partei verrathen und sich durch diesen jungeuMann eine Brücke zu dem Gegner schaffen will. Es konnte jedoch dem Vorsteher kein größeres Unrecht als mit dieser Insinuation geschehen» denn er haßte die andere Partei gründlich und klammerte sich mit aller Zähigkeit an seine Stellung. Er sagte die Wahrheit, daß er Schime noch nicht in seinem Hause gesehen habe. Aber die jungen Leute munkelten, daß wenn er sein Vögele einmal hinter den Häusern aufsuchte, so würde er Schime schon gesunden haben. „Wißt ihr übrigens", sagte er zu ihnen verächtlich, „wo diese Zusammenkünfte stattfinden, so habt den Muth ihn auszupassen und ihm einen Denkzettel zu geben." Schime war bekannt als der stärkste junge Mann in der Gasse, dennoch glaubten die Anderen der Aufforderung des Vorstehers Folge leisten zu können und verabredeten sich für den nächsten SabbathuachmiUag. Der Sabbathnachmittag kam. In dem Schatten eines der vereinzelten Bäume auf der großen Wiese hinter den Häusern und Gärten der Gasse saß Vögele und erwartete Schime. Ihr Herz pochte. Böse Ahnungen beschlichen sie. Sie stand auf, schlug die Arme um den Stamm der Weid« und stellte sich auf die Fußspitzen, um weiter den Weg zu sehen, auf dem er kommen mußte. Aber sie sah nichts; die ganze Natur lag still da und schien Sabbathruhe zu halten. Sie setzte sich wieder nieder. Endlich drangen verworrene Töne an ihr Ohr. Sie sprang auf und warf den Blick in die Richtung des Stegcr'schen Hauses. Mn ängstlicher Schrei entrang sich ihrer Brust. Sie sah Schime mit einem ganzen Haufen junger Leute ringen, die aus einem Hinterhalt m den Gärten auf ihn losgestürzt sein mußten. Sie warf sich nieder aus den Rasen, um den verzweifelten Kampf ihres Geliebten gegen eine solche Uebermacht nicht zusehen zu müssen. Sie ergriff das Gras mit beiden Händen, als sei sie es, welche das, woran sie festhielt, nicht loslassen dürfe. Sie vergaß, daß Sabbath ist, die Graswurzeln ließen los. sie schrie und griff tiefer und tiefer hinein. Sie bat Gott den Allmächtigen, ihm beizustehen, allein dann fiel es ihr ein, daß dieser Kampf Schime's Gott versuchen heiße und er auch keine Hilfe von oben erwarten könne. „Nur dies eine Mal!", betete sie, „blos dies eine Mal, o Gott, erhöre mich und hilf ihm!" Und nun umarmte sie den Baum, als ob es Schime wäre, den sie festhalten wolle. Zn ihrer Verzweiflung schien ihr die Zeit endlos. Da schlugen Schritte an ihr Ohr, nahe schon genug nahe, uud Schime lag in ihren Armen, ohne daß eins von Beiden im Stande war, ein Sterbenswörtchen zu reden. Schime hatte sich tapfer der acht Jungen, die ihn überfielen, erwehrt. Sie schlichen oder hinkten einer nach dem andern vom Schauplatz ihrer Heldenthal, und in der Gasse wurde nach dem Abendgebet in allen Zirkeln dieses Ereigniß besprochen. Dabei kam der Vorsteher schlecht weg. Seine Gegner sagten„Was kann von Maische Saborski Gutes kommen; sein nichtsnutziges Mädel verführt unsere Kinder, es ist die höchste Zeit, daß wir ihn ausrotten." Aber auch seine eigene Partei murrte über ihn: „Das ist der Dauk, daß wir ihn so lange stützen und halten. Nun hetzt er noch unsere schwachen Jüngels in einen Streit mit dem Bengel von Cchmaje Steger hinein, um krumm und lahm geschlagen zn werden. Sein Sturz würde ihm ganz schön anstehen!" Morsche Saborski war gegen alle Welt erbittert. Er sah ein, was er von der Volksgunst, die ihn bis jetzt getragen, zu erwarten habe, falls er seinen Prozeß verliere, und die Entscheidung darüber sollte dieser Tage fallen. Noch an demselben Abende nach dem soeben geschilderten Ereigniffe faßte er Schime und sagte zu ihm: „Hör', Junge, Du hast es mit mir zu thun, wenn Du Dich noch einmal bei meinem Vögele blicken laßt, so länge ich Vorsteher bin; hast Du jedoch den Muth, von dem Madel nicht zu laffen,. auch wenn ich meinen Prozeß verliere, ein armer und von beiden Parteien vereinsamter Mann bin, so soll sie Dir gehören. Merk Dir's!" Ganz Galantha war in Pest, um noch am Tage der Verhandlung des so sensationellen Prozesses beim obersten Gerichtshöfe den Ausgang zn erfahren. Zu Hause harrten die Frauen und Kinder in der größten Aufregung. Vögele suchte allerlei Beschäftigungen auf, um sich zu zerstreuen und ihr Herzklopfen zu stiaen. Sie vermochte es nicht. Ihr Vater und Schime waren die beiden Pole ihrer Gedanken. In dem Augenblicke, in dem sie bei dem Vater weilte, betete sie, der Prozeß möge für ihn günstig ausfallen, denn sie verzweifelte schier bei der Vorstellung des Bildes dieses Marines, wenn sein Stolz gebrochen und wenn sie wieder an Schime dachte, flehte sie mit den Feinden ihres Vaters, der Prozeß solle für ihn verloren gehen, denn sie wußte von der Bedingung ihres Vaters, daß Schime nur in diesem Falle um sie werben dürfe. Der Verhandlungstag dieses Prozesses war ein Sabbath im Hochsommer. Es konnte also heute Niemand mehr die Kunde von seinem Resullate nach Galantha bringen, denn der letzte Zug dahin ging un, 6 Uhr Abends von Pest ab. Und welcher Galanthaer wäre am Sabbath gefahren, selbst wenn es die Befriedigung des Hasses galt! Die Liebe ist jedoch stärker als der Haß und Schime, der auch in Pest war, durchbrach das Sabbathverbot und benützte noch diesen Zug, um nach Hause zu eilen. — Galantha lag wie ausgcstorben, als der Zug um 11 Uhr Nachts daselbst ankam. Schime rannte durch die stockfinstere Gasse direkt auf das Saborski'sche Haus zu. Vögele schlief nicht, sie hörte die sich nähernden Schritte und gleich darauf ein leises Pochen an das Fenster und den allen Schrecken in Entzücken verwandelnden süßen Ruf Schime's: „Vögele, Vögele! Du bist mein!" Die Veranlassung dazu: Dein Vater hat verloren, sprach er aus Schonung des kindlichen Gefühles nicht aus. Aber Vögelc hatte ja in diesem Augenblicke an alle Welt, auch an ihren Vater und an die conventionellen Gesetze vergessen. Sie sprang vom Bette, öffnete das Fenster und neigte ihr Köpfchen dem Geliebten hinaus, der lange, lange stumm an ihrem Munde hing. Am nächsten Tage kamen sie alle wieder von Pest zurück. Die siegende Partei jubelte, die andere zeigte keine besondere Trauer, von Schmerz gebeugt war nur Maische Saborski, der gewesene Vorsteher. Er hielt Schime Wort und sein Schwiegersohn war sein einziger Freund in seiner Armuth und Verzweiflung. Literatur. Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden von Dr. Zunz. Zweite nach dem Handexemplare des Verfassers berichtigte und mit einem Register vermehrte Auflage, im Aufträge der Zunz-Stiftung herausgegeben von Dr. N. Brüll. Frankfurt am Main. (Kaufsmann) 1892. Sie leben Beide nicht mehr, der ursprüngliche Autor und der Herausgeber der zweiten Auflage. Es ist an und für sich ein Verdienst die ..Gottesdienstlichen Vorträge" zum zweitenmale herauszugeben und Brüll wäre der Berufene gewesen, wenn nicht ein plötzlicher Tod seinem fruchtreichen Schaffen ein jähes Ende bereitet hätte. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man das unsterbliche Werk Zunzens in der Oefsentlichkeit anpreisen; kein gebildeter Jude möchte es missen. Hunderten ist rin Herzenswunsch erfüllt, nachdem die erste Auflage der „Gottesdienstlichen Vorträge" total vergriffen und nur um höchste Preise zu beschaffen war. Wer sie besitzt, besitzt einen Schatz. Nun kann das bedeutende Buch Jedermann kaufen. Leider sind Brüll's Supplemente, die sich in seinem Nachlasse unvollendet vorfanden, noch nicht verwendbar gewesen. Hingegen ist eine große Anzahl, nach dem Handexemplare des Autors eingefügte Stellen h'nzugekommen, Insbesondere sind viele Quellennachweise neu abgedruckt und wer genau zusieht, wird manches Interessante finden nnd literarisch verwegen können. Bei der ungeheueren Mannigfaltigkeit der verschiedenen Interpellationen und Noten ist es fast unmöglich, auf Besonderheiten hinzuweisen. Größere neue Notizen sind S. Illee; S. 130 d, S. 160 e, S. 142 f, S. 161 a, S. 177 b, S. 241, 244, 253, 255, 257, 278 an welchen angeführten Stellen überall literarhistorische Nachweise geliefert werden; für Specialuntersuchungen, welchen die „Gottesdienstl. Vorträge" stets eine Fundgrube waren, wird demnach neues Material geboten. Ich nenne noch S. 306 aa, die zahlreichen Addita S. 319, 321, 361, ferner S. 371 t, 399, 412, 413, 426, 429, 434 b, 438, 449. Inhaltlich viel bedeutender als es ursprünglich war, konnte das Buch schwer werden, obzwar jede weitere geschichtliche oder kulturgeschichtliche Anmeldung mit Dank angenommen werden muß. Seit dem Erscheinen der ersten Auslage sind sechzig Jahre verstrichen, ein Zeitraum, in welchem manches Datum in der Literaturgeschichte corrigirt worden ist, gar viele neue Funde gemacht wurden. Leider war es Brüll nicht vergönnt, seine sicherlich reichen Ergänzungen druckfertig zu machen und hoffentlich wird es den Vertretern der Zunzfliftung bald gelingen, die geeignete Kraft zur'Wiederaufnahme der Arbeit Brülls bei einer dritten Auflage der „Gottesdienstl. Vorträge" ausfindig zu machen. Steinschneiders Vorwort vertröstet auf diese Zeit und wir wollen hoffen. Herr Dr. Löwenthal hat sich durch die beigegebenen Register verdient gemacht. Ein kleiner Tadel trifft die mangelhafte Accenluirung in den vorkommenden gricchischen Texten. Auf S. 31 e sind d r e i, Seite 161 ä drei Fehler, welche in der eckit. xrino. nicht stehen.