Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 6 (5.2.1892)
- Date
- 1892-02-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 6 Oestrrrrichischr Wochenschrift. Seite 103 Brandenburg a. H., 21. Jänner. Der „Jüd. Pr." wird nachstehender Vorfall gemeldet: Unser Cantor, Herr Ziegelroth, hatte auf dem hiesigen Schlachthof einen Ochsen geschlachtet und denselben für „koschkr erklärt; doch kaum hatte er dem Fleisch die Siegel angeheftet,- als der Schlachthaus- Jnspector die polizeilich vorgeschriebene Untersuchung vornahm und das Fleisch als für die Gesundheit schädlich verwarf. Der, Fall erregte in den betheiligten Kreisen umso größeres Aufsehen, als man bisher immer angenommen hatte, daß das für koscher erklärte Fleisch vollkommen gesund sei. Herr Cantor Ziegelroth hatte das Bewußtsein, sich streng an die religionsgesetzlichen Vorschriften gehalten zu haben und unterbreitete deshalb die Sache unserem Rabbiner, Herrn Dr. Rosenberg. Auf Grund des mitgetheilten Thatbestandes erklärte sich dieser ganz mit seinem Urtheil einverstanden und erklärte, daß jenes Fleisch unmöglich der Gesundheit schädlich sein könne und daß somit der Bescheid des Schlachthaus-Jnspectors ein unrichtiger sein müsse. Der Gemeinde-Vorstand sah sich daher veranlaßt, dem betreffenden Fleischer den Rath zu ertheilen, mit dem Erkenntniß des Schlachthaus-Jnspectors sich nicht zu begnügen, und eine abermalige Untersuchung durch den Kreisthierarzt vor der Polizeibehörde zu verlangen. Diesem Verlangen wurde auch insofern stattgegeben, als ein hiesiger Oberstabsarzt mit der nochmaligen Untersuchung betraut wurde, und nach dessen eingehender Untersuchung stellte sich dann heraus, daß das Fleisch völlig unschädlich und ganz gesund sei, weshalb dem Fleischer der uneingeschränkte Verkauf desselben gestattet wurde. Dieses Vorkommnis; ist umso beachtenswerther, weil gewöhnlich der jüdische Schächter etwas für „trefah" erklären muß, was vom Fleischbeschauer als gesund befunden wird, während hier das Gegentheil der Fall war. Berlin. Die deutschen antisem'tischen Anarchisten sind an der Arbeit, die schönste preußische Tradition umzustürzen, den Müller von Sanssouci mit seinem Worte : „Cs gibt noch Richter in Berlin" zum Lügner zu machen. Sie stempeln keinen Geringeren, als den Juftizminister v. Schelling selbst, zum Judenknecht. Die „Reue deutsche Zeitung" in Leipzig, welche den „Ruhm" für sich in Anspruch nimmt, das erste Blatt gewesen zu sein, welche den Fall in -kanten antisemitisch verwerthete, schreibt: „Zunächst ist es Sache des Justizministers v. Schelling dahin zu wirken, daß die Buschoff's, die sich beweisbar wiederholt gerade seiner Protektion gerühmt haben, auf Grund der vorliegenden, zum Theile beschworenen Zeugenaussagen vor das Schwurgericht gestellt werden. Da man gerade diesen Minister — ob mit Recht oder Unrecht, sei dahingestellt — mehrfach ein gewisses Sympathisiren mit Israel vorgeworfen hat, so böte sich für ihn hier die beste Gelegenheit, solche Unterstellungen durch ein recht entschiedenes Eingreifen ein für allemal zu dementiren". Selbstverständlich pfeifen sämmtliche antisemitische Blätter in demselben Tone nach, insbesondere zeichnen sich darin die katholischen Blätter aus, welche seit dem Tode Windhorst's wieder auf den Standpunkt des nackten Judenhasses herabgesunken sind, und denen bei dem allerueuesten Curs, der sich auf die clericale Centrumspartei stützt, der Kamm gewachsen ist. Es dürfte aber gerade diese clericale Judenfresserei eine Spaltung in der conservativen Partei Deutschlands Hervorrufen und die humaner Denkenden in derselben zu den National-Liberalen lenken. Die „Kölnische Zeitung" im Vereine mit der „Nordd. Allgem. Zeitg." bereitet darauf vor, indem sie auf die Auslassungen gewisser conseroatioer Blätter gegen den Richterstand, speciell bei dem Fall Buschoff in kanten schreibt: „Mit Lebhaftem Bedauern haben wir wahrnehmen müssen, daß bisher nicht ein einziger der conservativen Parteigenossen den Math gehabt hat, gegen die neuliche Behauptung des früheren Hospredigers Stöcker Stellung zu nehmen, „daß man überall das Gefühl habe, daß etwas wackele, wenn die Juden vor Gericht stehen". Sind solche, die Autorität des Staates und des Thrones untergrabenden Erklärungen wirklich die Ergebnisse einer^ neuen conservativen Grundanschauung, dann scheint in der That die Forderung der endlichen Aufstellung eines neuen conservativen Parteiprogrammes dringend wünschenswerth." Die neueste Judenhetze in Deutschland wird also doch auch ihr Gutes haben — sie wird die eigentlichen Judenfeinde völlig isoliren. Berlin, 26. Jänner. Der „Hamburgische Correspondent", welcher bekanntlich nicht selten ofsiciös bedient wird, veröffentlicht unter der Ueberschrift „Ein gefährlicher Mann" folgende Zuschrift aus Berlin: ..Unter den Lesern von Blättern, die keine ausgesprochene antisemitische Tendenz verfolgen, gibt es gewiß nur wenige, die etwas von dem Namen und Thun des Rectors Ahlwardt in Berlin wissen. Allenfalls ist ihnen der Name einmal in Berichten über den Prozeß wider den ehemaligen Hofrath Manche oder bei Erwähnung des Falles Croner und der daraus hergeleiteten schweren Beschuldigungen gegen den Geheimen Commercienrath von Bleichröder aufgestoüen. Und doch spielt dieser Mann in dem öffentlichen Leben Berlins eine ganz besondere Rolle. Seine Broschüren gehen, obgleich zum Theil beschlagnahmt, in vielen Exemplaren von Hand zu Hand, die antisemitischen Versammlungen, in denen er spricht, sind überfüllt und ziehen auch Kreise an, die keiner der beiden antisemitischen Fractionen zugethan sind. Schriften und Reden des Mannes, der sich rühmt, zur Aufdeckung vom Ordensschrcher im Prozesse Manche das Seinige beigetragen zu haben, strotzen von den schwersten Anklagen, die er durch Nennung von Namen und Daten glaubhaft zu machen versucht. In seiner neuesten Broschüre macht er z. B. Angaben zur Geschichte des Nobiling'schen Attentats, durch die ganz bestimmte, in Berlin lebende Personen in den schwersten Verdacht gerathen. Es ist vorgekommen, daß er sich als Dersammlungsredner nach den aufregendsten Behauptungen an den überwachenden Beamten kehrte und ihn e >ram pablico erinnerte, ihn (Ahlwardt) sofort zu verhaften, sofern er sich in seinen Beschuldigungen eines Vergehens schttldig gemacht habe. Diese sind der Art, daß uns ein Zuhörer den Eindruck wie folgt schilderte: es sei ihm gewesen, als könne er jeden Allgenblick die feste Hand eines Polizisten im Nacken fühlen, blos weil er solche Dinge mit angehört habe. Wäre nur ein Theil der Anklagen wahr, so wird schon viel zu beklagen sein. Das weitaus Schlimmste aber ist das schleichende Mißtrauen, das durch das Austreten Ahlwardt's und mehr noch dadurch erzeugt wird, daß keilte richterliche Feststellung dessen erfolgt, was wahr, was im Parteihaß gefärbt, was erfunden llnd erlogen an den Angaben eines '.Mannes ist, der herausfordernd und aus seine Beweise pochend, über bestimmte Fälle klagt. Das Mißtrauen frißt weiter und ist am wenigsten dllrch Todschweigen in Blättern zlt beschwichtigen, die sonst die Rechte des »Forums der Öffentlichkeit"«»? alles Wurmstichige und Pikante nicht weit genug ausdehnen können. Selbst kühle Beobachter sagen: „Lieber die Gefahr, daß in einem Prozesse aus der Fluth ven Schmähungen, da oder dort etwas hängen bleibe, als dieses öffentliche, nur durch eine oder die andere Beschlagnahme wenig beschränke Geschichtentragen, das in manchem ehrlichen Bürger das Vertrauen in die gerechte Ordnung untergräbt." Der hier ausgesprochene Wunsch ist bereits erfüllt, denn wir können die Mittheilung eines hiesigen Blattes, daß Ministerpräsident Graf Caprivi Namens des Staatsminifteriums Anklage gegen den Rector Ahlwardt erhoben hat, dahin ergänzen, daß bereits Zeugenvernehmungen stattgefunden haben. Berlin, 26. Januar. In der antisemitischen Hexenküche gährt und brodelt es weiter. Es soll eine Millionen- Adresse (in den deutschen Kaiser um Aufhebung der Emancipation der Juden gerichtet werden! WerdieGeschichtederantisemitischenBewegunginDeutschland kennt, der weiß, daß eine solche Adresse bereits vor etwa zehn Jahren colportirt wurde. Sie wurde an den Fürsten Bismarck gerichtet, der aber, wie es schien, im letzten Augenblick den Eolporteuren entschieden abgewinkt hat. Der Haupt-Colporteur, Dr. Bernhard Förster, -ging darauf nach Paraguay, wo er ein schmähliches Ende nahm, und die Adreßangelegenheit verlief im Sande. In einer antisemitischen Versammlung wurde der folgende Adreß-Entwurf vorgelesen: „Dem Throne Cw. Majestät nahen sich die Unterzeichneten Bewohner des Deutschen Reiches in tiefster Ehrfurcht und unwandelbarer Treue mit nachfolgender unterthäniger Bitte: Während die letzten erlauchten Vorfahren Ew. Majestät für die Freiheit und Größe des deutschen Vaterlandes ruhmreich arbeiteten, hat sich ein fremdes orientalisches Volk bei uns eingeschlichen und durch allerlei List und Künste, die dem Germanen widerstehen, den besten Theil des Nationalvermögens sich angeeignet. Wir Deutschen sind von unserem Grund und Boden gejagt und größten - theils Knechte eines fremden Volkes geworden. Der Adel ist verarmt. Ofstciere und Beamte sind verschuldet und dadurch Sclaven des Wucherers geworden; der Bauernstand ist erschüttert und der Handwerker ganz zu Grunde gerichtet. Diejenigen Arbeiter, welche den berechtigten Wunsch haben, ihre Lage zu verbessern, werden durch jüdische Berführungskunste in eine Bahn gelenkt, von der ihr Herz nichts weiß. Die Juden wissen den gerechten Haß, welchen sie verdienen, geschickt von sich abzulenken