Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 6 (5.2.1892)
- Date
- 1892-02-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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r¥l9V vr*DJt^‘X'F'^S+fS . J^KdScWl Sette 100 . Orstrrreichischr Wochenschrift. Nr. 6 In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch erreichte die Emeute ihren Höhepunkt. Das massive Newgate-Gefängnis wurde erstürmt, die darin befindlichen fünfhundert Gefangenen, darunter vier zum Tode verurtheilte Verbrecher, befreit und das Gebäude angezündet. Dann wurden die Wohnungen einiger Friedensrichter geplündert und endlich das Haus des obersten Richters Lord Mansfield angegriffen. Nur mit schwerer Mühe gelang es ihm und seiner Frau sich zu flüchten. Sein ganzes Mobiliar, seine kostbare Bibliothek und sein Familienarchiv wurden auf die Straße geworfen und angezündet. Während diese kostbaren Scheiterhaufen brannten, drang die Menge in die Keller und berauschte sich an den edlen Weinen des Lords. — Endlich ergriffen die Flammen auch das Gebäude und während dem stand in der nächsten Straße eine Compagnie Soldaten, dem Treiben ruhig zuschauend. Der Offizier, der sie befehligte, erklärte, er dürfe nicht einschreiten, bevor nicht ein Civilbeamter die Aufruhracte verlesen habe. Die Friedensrichter waren aber alle davongelaufen, und so konnten die Mordbrenner ungestört ihr Werk fortsetzen. Als endlich ein Beamter erschien und die Aufruhracte verlas, war nichts mehr zu retten. Die Soldaten rückten vor und gaben eine Salve, trafen aber nur die Betrunkenen, welche sich nicht mehr hatten flüchten können. Aehnliches geschah vor dem ausgeplünderten und brennenden Hause eines katholischen Spiritüosenhändlers, wo Rum und Brantwein in den Straßen rann und von der Menge gesoffen wurde. Am Mittwoch den 7. Juni wurden die Gefängnisse der King's Bench, Fleck und Marshalsea erbrochen und die Verbrecher befreit. Der Pöbel setzte fein Zerstörungs- und Plünderungswerk mit Muße fort, unterstützt von den Befreiten Sträflingen, von denen manche noch die Ketten an den Füßen trugen. Dr. Johnson sch einen Jungen von 15 Jahren die Möbel aus einem Hause' werfen, welche zwei noch kleinere Jungen auf der Straße anzündeten. Andere ließen sich Lösegeld für Unterlassung von Plünderung und Brandstiftung zahlen, während wieder viele Bürger zu chrer Sicherheit blaue Fahnen heraushiengen, oder „kein Papismus!" „Hier wohnen echte Protestanten" auf ihre Hauschüren schrieben. Zur Vermehrung des Schreckens trug noch das Gerücht bei, daß die Tumultanten beabsichtigen, auch die Irrenhäuser zu erbrechen und alle Wahnsinnigen freizulasten. Auch das Haus des Ministerpräsidenten Lord North, wurde bedroht und seine Tochter, Lady Lindsay, hat ein halbes Jahrhundert später dem Historiker Macaulay erzählt, wie sie damals als kleines Kind um 2 Uhr nachts geweckt und in die Bettdecke gehüllt an brennenden Häusern vorbei in das Generalconunando, als dem verhältnismäßig sichersten Zufluchtsort getragen wurde. Dort wurde sie in einer von Offizieren gefüllten Wachstube auf einen Tisch gelegt. Es war die schreckliche Nacht des 7. Juni, in der London an dreißig Stellen brannte. Ein furchtbar schönes Schauspiel bietend, das noch furchtbarer hätte werden können, wenn nicht glücklicherweise völlige Windstille geherrscht hätte. Noch eine andere Gefahr drohte in dieser Nacht, nicht London allein, sondern dem ganzen Lande. Die Plünderer wollten sich nicht mehr mtt dem Ausrauben von Privatwohnungen und Handlungen begnügen, sondern warfen sich auf die Bank. Einen oder zwei Tage früher wäre es vielleicht gelungen, sich der dort aufgespeicherten ungeheuren Schätze zu bemächtigen, aber am sechsten Tage des Aufstandes hatte die Regierung endlich die nöchige Energie und den Muth gesunden, mtt Hinwegsetzung über die constttutionellen Formen, Leben und Eigenchum der Bürger zu schützen. Und daß dies endlich geschah, hatte man nur dem Monarchen zu verdanken. „Wenn die Beamten ihre Pflicht nicht gethan haben, so will ich die meinige thun" sagte König Georg dein versammelten Ministerrathe. Und bereits waren auf seine Veranlassung bei zehntausend Soldaten in' der Stadt concentrirt und die Milizen der benachbarten Bezirke aufgeboten worden. Aber noch immer hatten die Minister constitutionelle Skrupel und wollten das Militär nicht zum selbstständigen Einschreiten ermächtigen. Endlich erklärte der vom Könige herbeigerufene Generalanwalt Wedderbure, daß wenn offener Aufruhr und Brandstiftung nicht anders als durch Gewalt verhindert werden könne, solche angewendet werden dürfe, ohne Verlesung der Aufruhracte oder sonstige vorgeschriebene Förmlichkeiten. „Ist das die Erklärung des Gesetzes von Amtswegen? fragte der König, worauf Wedderbure mit „Ja" antwortete. Nun wurde sofort die nöthige Ordre an den Obercommandanten der Truppen, Lord Amherst, ausgefertigt und vom Könige eigenhändig unterzeichnet. Die Soldatm konnten noch zu rechter Zeit in Lombard-Street eintteffen um die Bank zu retten. Am Buckinghamhouse, der Residenz der Königin, waren 3000 Mann aufgestellt und dahin verlegte der König sein Hauptquartier. Von dort erließ er eine Proclamation, in der er alle Familienhäupter aufforderte, ihr Gesinde, Lehrlinge und Gesellen nicht aus dem Hause zu lassen und zugleich verkündete er, daß die Truppen nun selbstständig und mit Aufbietung aller Energie vorgehen werden. Und nun kam die schaurige, letzte Nacht des Aufruhrs — das Militär gieng zur Offensive über, beim Lichte der brennenden Häuser. Ein Detachement der Garden verjagte das Gesindel, das sich der Blackfriarsbrücke bemächtigt hatte, die Miliz von North umberland drang gleich nach ihrem Eintreffen muthig in das Flammenmeer von Holborn ein und leistete gute Dienste. Im Allgemeinen war jedoch der Widerstand der schlecht bewaffneten Aufständischen nicht bedeutend, da sie sahen, daß endlich Ernst gemacht wurde. Am Donnerstag Früh war die Ruhe wieder hergestellt. Nach der officiellen Liste waren 200 Personen erschossen und 250 verwundet in die Spitäler gebracht worden, von denen dann der dritte Theil starb. Die wirkliche Zahl der Opfer war aber eine weit größere, da in der Liste die in der Themse Ertrunkenen, die in den brennenden Häusern und Weinkellern und verbrannten Bettunkenen nicht enthalten waren. Mit Recht hat der ausgeplünderte Lord Mansfield später wiederholt gesagt, „es ist die größte Menschlichkeit eine Emeute gleich beim Beginn zu ersticken." Am 19. Juni votirten beide Häuser des Parlaments dem Könige Dankadressen, die er redlich verdient hatte. Die Stadt London aber mußte den Privaten den mit 130.000 Pfund ermittelten Schaden ersetzen. Von den gefangenen Uebelthätern wurden 59 zum Tode verurtheilt, aber nur 20, worunter der Henker selbst, hingerichtet. Auch Lord Georg Gordon, der Hauptanstifter, war schon am 8. Juni eingesperrt worden und erschien im nächsten Jahre des Hochverraths angeklagt, vor Gencht. Es gelang ihm aber, durch eine der Maschen des englischen Gesetzes durchzuschlüpfen und Dank der glänzenden Verteidigung durch Thomas Erskine von den Geschworenen freigesprochen zu werden. Wer weiß ob sich nicht unter diesen einige geheime Antikatholiken befanden. Die Schotten feierten demonstrativ seine Freisprechung und veranstalteten eine Sammlung, um ihm die Prozeßkosten zu ersetzen. Aber der wackere Vorkämpfer des wahren Protestantismus bereitete seinen Anhängern bald eine schwere Kränkung — er trat zum Judenthum über. Und auch'der verdienten Strafe entging er nicht. Erveröffentlichte nämlich eine Schmähschrift auf die Königin von Frankreich und diesmal 1788 wurde er zu sechsjährigem Kerker verurteilt. Er entfloh nach Holland, kehrte von dort ausgewiesen nach England zurück, ttat in Birmingham öffentlich zum Judenthum über und ward endlich im December 1788 ins .Zuchthaus gebracht, wo er ant 1. November 1793 von seinen Gefängnisgenoffen allgemein tief bettauert als Jude starb. — Ich habe die Vorgänge der ersten Juniwoche des Jahres 1780 hier nach historischen Duellen dargestellt; aber mit viel lebhafteren Farben hat sie Dickens in seinem Roman „Bar-