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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-05 · 6 (5.2.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
6 (5.2.1892)
Date
1892-02-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 6 Oryrrrrrchifchr Wvchrnschrifi Seite 99 Und auch hier drangt sich uns die Analogie mit Verhältnißen der Gegenwart unwiderstehlich auf. Ja die ganze Persönlichkeit des Antikatholikenführers würde uns kaum begreiflich erscheinen, wenn wir nicht ähnliche „Volksführer" in der Gegenwart kennen möchten. Der im Jahre 1750 oder 1751 geborene Georg Gordon war der jüngere Sohn des schottischen Herzogs Cosmo George Gordon und wurde, wie es in England üblich, par courtoisie Lord Gordon titulirt, obwohl er nicht Pair war. Mit wenig Geist und Wißen begabt, aber voll Eitelkeit und Größenwahn konnte er sich leicht für irgend eine Sache ereifern, durch seinen ehrlichen Fanatismus Andere fortreißen, aber auch das bequeme Werkzeug schlauer und eigennütziger Leute werden. Obwohl einer der vornehmsten Familien Schottlands angehörend liebte er es doch mit dem Pöbel zu verkehren, der sich durch die Herablaßung des hochfürstlichen Herrn geschmeichelt fühlte und dessen niedriggeborene Führer wieder den Lord unterthänigst verehrten und ausnutzten. Vom Flecken Ludgershall in Wiltshire in das Unterhaus gewählt, schloß sich Lord Georg keiner der bestehenden Parteien an, ward, wie man heute sagt, ein Wilder. Im Parlament ward bald der Antikatholicismus sein Steckenpferd, daß er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ritt. Er unterbrach alle Debatten mit seinen antikatholischen Zwischenreden und beschuldigte die Minister der Förderung des Papismus Dabei war er ein ungeschickter Redner mit sonderbaren Manieren und es paßirte ihm manchmal vor leeren Bänken zu reden. Um so willigere Zuhörer fand er unter den niedrigen Volksklassen, in Schenken und auf öffentlichen Plätzen, besonders nachdem er die „protestantische Allianz" gegründet hatte, an Leren Versammlungen er stets theilnahm. So errang der früher kaum beachtete, mitunter ausgelachte Georg bald eine gewiße Berühmtheit und es gelang ihm einen Sturm des Fanatismus zu erregen, den er dann selbst nicht mehr beruhigen Konnte. Mit Hilfe dieses von ihm gegründeten Vereines begann er die Agitation um durch einen Petitionssturm beim Parlament die Annullirung der „den Papismus begünstigenden Bill", das heißt die Wiederinkraftsetzung der kurz vorher aufgehobenen strengen Gesetze gegen die Katholiken zu erzwingen. In einer am 29. Mai 1780 gehaltenen Versammlung seines Vereines erklärte er, daß er die Petition nicht überreichen werde wenn ihm nicht mindestens zwanzigtausend Gesinnungsgenossen zum Parlament begleiten würden. Am Freitag den 2. Juni fand sich auch die gewünschte Zahl von Begleitern, nach manchen Angaben sogar bei fünfzigtausend Personen, als Erkennungszeichen blaue Kokarden tragend, am Versammlungsplatze in St. George Filds ein. Der Platz wurde vielleicht wegen des Namens „Sanct Georg" gewählt. Gordon hielt an die Versammelten eine aufregende Rede und dann marschirten sie unter .Vorantragung der angeblich 120.000 Unterschriften zählenden Petition zum Parlament. Eine erzprotestantische Zeitung berichtet an jenem Tage: „Es war ein großartiges herzerfreuendes Schauspiel so viele unserer Mitbürger mannhaft für die protestantische Religion eintreten zu sehen, die von unsern Bischöfen so kleinmüthig im Stich gelassen worden war." Freilich, zwei Tage später, als neben und an Stelle dieser wackecn Protestanten das Verbrechergesindel der Hauptstadt die Agitation in die Hände nahm und in seiner Weise betrieb, da sang dieses Blatt aus einem anderen Ton. Wir haben es ja auch in unseren Tagen erlebt, wie Zeitungen, die wiederholt das Volk aufgehetzt hatten, als dieses dann dreinschlug, sich über die Wirkung ihrer Hetzereien entsetzten oder wenigstens entsetzt stellten. Obwohl man von den Absichten Gordons schon seit einigen Tagen wußte, hatte die Polizei doch nicht die geringsten Vorsichtsmaßregeln getroffen. Der Zug gelangte ungehindert bis zum Oberhause und die zur Sitzung kommenden Lords fanden nicht den geringsten Schutz. Sie wurden insultirt und mißhandelt, manche arg zugerichtet, ihrer Perrücken, ja auch ihrer Uhren und Börsen beraubt. Trotzdem gieng das Haus an seine Tagesordnung und der Herzog von Richmond begründete seinen Antrag aus — Einführung des allgemeinen Stimmrechtes und einjähriger Parlamente. Da aber das Volk außerhalb des Hauses seine Reife für diese Reform ganz ungebärdig bekundete, mußte die Sitzung bald aufgehoben werden. Man konnte nicht mehr als sechs Constabler zum Schutze des Oberhauses bekommen, und die Lords benutzten das einbrechende Dunkel um zu Fuß und unerkannt nach Hause zu schleichen. Noch schlimmer gieng es beim Unterhause zu, wo das Volk unter dem Geschrei: „Kein Papismus! Zurücknehmen! Znrücknehmen!" in die Corridore eindrang und den Berathungssaal stundenlang belagercke. Während dem überreichte Gordon seine Petition und verlangte sofortige Berathung darüber. Dann hielt er während der Verhandlung abwechselnd innerhalb und außerhalb des Hauses seine Reden. Dem Minister Lord North rief er zu, er könnte ihn in Stücke reißen lassen, wenn er wolle. Dann ermahnte er wieder die außenstehende Menge, standhaft auszuharren und nannte chr die Namen der Deputirten, welche gegen die Petition sprachen: „Hört Ihr! Jetzt spricht Herr Burke, der Deputirte von Bristol, gegen Euch," schrie er. Dann wieder: „Lord Norch sagt, Ihr wäret nur ein Pöbelhaufen." Die Deputirten erwarteten jeden Augenblick den Einbruch der Volksmassen, und erwogen schon, ob es nicht gerathen wäre, einen Ausfall zu machen und sich mit denr Degen in der Faust, einen Weg zu bahnen. Erst als Oberst Muray zu Gordon sagie: „Wenn Ihr Gesindel eindringt, werde ich mich gegen dasselbe nicht vertheidigen, aber Ihnen selbst werde ich meinen Degen in den Leib stoßen", ward der Demagog still und hörte zu Hetzen auf. Nun ward auch die Volksmasse etwas ruhiger und als endlich um 9 Uhr Abends ein Gerichtsbeamter mit einigen Soldaten erschien, gelang es, die Menge durch gütliches Zureden zu bewegen, das Parlamentsgebäude und dessen Umgebung zu verlassen. Dann beschloß das Unterhaus mit 194 gegen 8 Stimmen in der nächsten Sitzung am Dimstag, nicht sofort, wie Gordon verlangt hatte, über seine Petition zu berathen. — Die Deputirten giengen hierauf ruhig nach Hause, aber das Gefolge Gordons begann nun erst recht zu wüthen. Die Kapellen der sardinischen und der bayerischen Gesandtschaft wurden angezündet und die herbeigeeilte Feuerwehr am Löschen verhindert, bis alles ausgebrannt war. Der Sonnabend verlief verhältnismäßig ruhig, aber am Sonntag nachmittag begannen die Kravalle auf's neue. Wohnungen und Gotteshäuser der Katholiken wurden geplündert, die Möbel auf die Straße geschleppt und angezündet. Von Polizei war noch immer nichts zu sehen; ein großer Theil der Civilbeamten war davongelaufen, der feige oder im Herzen antikatholische Bürgernleister verhielt sich ganz unthätig. Aber auch das Ministerium unterstützte die Gefahr und traf keine ernsthafte Maßregeln. Das Aeußerste wozu man sich auftaffte, war die Ausschreibung einer Belohnung von fünfhundert Pfund für die Entdeckung der Brandstifter. Durch solche Unthätigkeit der Behörden kühn gemacht, giengen die „blauen Kokarden" am Montag noch eifriger an ihr Zerstörungswerk, ohne auf Gordon zu hörm, der nun zur Ruhe zu ermahnen begann. Einige Kaustäden sowie das Haus des Sir George Savile, des Urhebers der Bill zu Gunsten der Katholiken wurden ausgeplündert unter den Rufen: Nieder mit den Jesuüen! Tod den Papisten! Am Dienstag wurde daS Parlament wieder bedroht, Gordon aber, der mit der blaum Kokarde am Hute zur Sitzung gekommen war, von Oberst Herbert gezwungen, dieselbe abzulegen. Mittlerweile hatten aber andere Leute die Leitung der Volksmafsen übernommen, deren Zusammensetzung auch eine andere ward. Außer den blauen Kokarden, hatte das Gesindel auch tüchtige Knüppel und Eisenstangen, und verband mit dem Haß gegen die Katholiken eine besondere Vorliebe für bares Geld und Pretiosen, gleichviel ob sie einem Katholiken oder Protestanten gehörten. ••ntrjiannpcn

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