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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-05 · 6 (5.2.1892) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
6 (5.2.1892)
Date
1892-02-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 98 Orsterrrichischr Wochenschrift. 'Itr. 6 bringen wird, als die abgelaufene Legislaturperiode, während welcher die mit so viel Ach und Krach gewählte himmelstürmende Antisemitenpartei so klägliches Fiasko gemacht und wie ein trüber Nebel zerflossen ist. Amygdalus. Das Urbild desPrmrenLierhtenstem. Während meines Aufenthalts in Rom im Herbst des vorigen Jahres hatte ich Gelegenheit eine „Hetz" mit anzusehen. Das skandalöse Benehmen eines jungen französischen Seminaristen am Grabe des Königs Victor Emanuel hatte den Unwillen des Volkes erregt; das Gerücht übertrieb den verübten Unfug, Feinde der Klerikalen und Freunde von Unruhen schürten das Feuer, und regten das Volk gegen die in großer Zahl in Rom befindlichen Pilger und Geistliche aus Frankreich auf. So wurdm denn ganz Unschuldige, die den jungen Uebelthäter gar nicht kannten, vom Pöbel auf dllr Straßen mit Pfeifen und Lärmen verfolgt und mit Thätlichkeiten bedroht. Ich konnte vom Fenster meines Hotels diese Pilger- und Kacholikenhetze ganz gut beobachten, und wenn ich auch die Verfolgten und Bedrohten bemitleidete, so hatte ich doch wieder das angenehme Gefühl der Sicherheit in dem Bewußtsein, daß ich diesmal nicht zu ihnen gehörte. Bei einer derarttgen Hetze zu den unbetheiligten Zuschauern und nicht zu den Gehetzten zu gehören ist für einen Juden eine ganz ungewohnte Situation. Dabei machte ich nun die Bemerkung, daß das in dem Rufe eines freien Landes mit freiem Versammlungsrecht stehende Italien eigentlich ein Polizeistaat ist. In andern wirklich freien Ländern läßt man Hetzreden ungestört hatten und wenn diese ihre Wirkung gethan haben, schreitet die Polizei eist ein, nachdem der souveräne Pöbel durch Blutvergießen und Plünderungen seine polttischen und religiösen Antipathien klar dargelegt hat. In dem „von den Piemontesen geknechteten Rom" waren aber gleich Gendarmen und Polizei zur Hand, und man konnte neben dem mit großer Schnelligkeit fahrenden, mit Pilgern oder Geistlichen besetzten Fiakern, athemlos die Sicherheitswachmänner laufen sehen, um die Insassen vor Thätlichkeiten zu schützen. In der That scheint es auch nicht weiter als zu Schreien und Pfeifen gekommen zu sein, und ist jedenfalls nicht geplündert und ^ein Tropfen Blut vergaßen worden. Anders ging es in London vor mehr als einem Jahrhundert zu, wo Schwäche und Unfähigkeit der Behörden constitutionelle Skrupel und vielleicht auch böser Wille die anfangs gegen eine schwache Minorität gerichtete, mit dem Mantel der Religion bedeckte Agttation, zu einer furchtbaren Emeute anwachsen ließen, so daß nicht blos die anfänglich bedrohten wenigen Andersgläubigen, sondern die ganze besitzende Bevölkerung in der größten Gefahr schwebte und nur sehr wenig fehlte, daß das große reiche London mit allen seinen Schäden und Kunstwerkm eine Beute des wüthend gemachten Pöbels, der Betrunkenen und Mordbrenner ward. Und die Sache fieng anscheinend so harmlos an: Das „Voll" wollte nur beim Parlament um Wiedereinführung eines eben abgeschafften Gesetzes um Wiederherstellung der Beschränkungen für eine gewisse sehr gefährliche Eonfessson, um Schutz vor der „Versklavung" durch Andersgläubige petitioniren. Müßte da nicht jeder wackere Antisemit, jeder fanatische Pfaffe vom Herzen zusttmmen? Und wie, muß es solche Leute, wenn es deren vor 112 Jahren gab, erfreut, haben als sie in mehreren Londoner Zeitungen am 8. Juni 1780 die Notiz lasen; „Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß der königl. Hofstrump Händler Herr Bicknell ein eben so guter und treuer Protestant ist wie irgend einer in Großbritannien, und dasselbe können wir vom Weinlieferanten Sr. Majestät des Königs versichern." Der moderne Leser, der dies liest wird wahrscheinlich vermuthen die Erklärung sei veröffentlicht worden um eine von Böswilligen verbreitetes Gerücht, die königlichen Hoflieferanten seien horribile dictu Semiten zu widerlegen. Die böse Welt hatte behauptet diese Hoflieferanten seien — römische Katholiken! Und es konnte ja jedes Kind einsehen, welche Gefahr der königlichen Familie, der Constitution, ja dem ganzen englischen Staatswesen drohe, wenn der König seine Strümpfe bei einem Manne kaufe der den Papst als das Oberhaupt der Kirche anerkenne, oder sich seinen Weinkeller von einem Menschen versorgen laße, der manchmal die Meße höre. Und hatte eben nicht eine ganze Woche lang London in der größten Gefahr geschwebt? Hatte man nicht tagelang in der Hauptstadt Englands geraubt, gesengt und geplündert? Wieder wird der nwderne Leser meinen die Katholiken hätten so arg in der Weltstadt gehaust. Aber weit gefehlt. Die Plünderer und Mordbrenner waren echte unverfälschte Protestanten, und die Katholiken hatten sich an den Schandthaten jener Woche nur als Leidende betheiligt. Ja auch dies nur im geringen Maße, da es in London überhaupt nicht viele Katholiken gab und die Wuth des fanatisirten Pöbels sich hauptsächlich gegen Diejenigen richtete, welche man der Toleranz und Milde gegen die Katholiken beschuldigte, und die man im modernen Antisemitenjargon hätte „Katholikenknechte" nennen können. Solche Leute mochten noch so sehr ihren guten protestantischen Glauben und ihre Abstammung von protestantischen Eltern bethenern, sie mochten zu den Zierden der Natton gehören, Erzbischöfe und Bischöfe der anglikanischen Kirche sein, sie mochten Burke oder Rockingham heißen — es half ihnen nichts. Sie wurden Papisten und Jesuiten geschimpft, ausgepfiffen, geschlagen und die Kleider wurden ihnen vom Leibe gerißen. Man nannte sie Venmther von Religion und Vaterland, welche Old England dem Papste verkaufen, die Inquisition wieder einführen und die Protestanten als Ketzer verbrennen wollten. In Karrikaturen stellte man Edmund Burke in Mönchskleidung einen Scheiterhaufen anzündend dar. Was jetzt von antisemitischen Hetzern über die Alliance israelite gelogen wird, das wurde damals von antikatholischen Hetzern über den Papst gelogen, obwohl Pius VI., der zwei Jahre später die berühmte Reise nach Wien unternahm an alles Andere eher als an eine Einführung der Inquisition in Großbritannien dachte. Aber dort existirten seit einem Jahrhundert die strengsten Gesetze gegen die Katholiken. Sie durften keine unbeweglichen Güter erwerben, sie verloren ihr Erbrecht wenn sie im Auslande erzogen wurden; ihre Geistlichen unterlagen der Strafe des Hochverraths wenn sie katholischen Gottesdienst verrichteten u. s. w. Nun aber begann sich in ganz Europa der Geist der Toleranz und Aufklärung zu regen. Bald sollte Kaiser Joseph seine Toleranzpatente erlassen und sein Schwager Ludwig XVI. sein Beispiel nachahmen, und für England hatte man schon 1778 die Strafgesetze gegen die Katholiken aufgehoben. Die betreffende Bill war fast einstimmig in beiden Häusern des Parlaments durchgegangen, selbst die Bischöfe hatten dafür gestimmt. Dadurch kühn gemacht, wollten die „verkappten Jesuiten" nicht etwa die Katholiken vollständig emancipiren — so weit ging selbst ein Burke nicht — sondern auch hie für Schottland geltenden Strafgesetze gegen die Katholiken aufheben. Da erhob sich in dem bigotten, für seine Glaubenseinheit fanatisirten Lande ein so furchtbarer Sturm dagegen, daß die erschreckten Katholiken selbst baten die Bill für Schottland nicht einzubringen, da sie dort noch ärgere Verfolgungen dadurch heroorzurufen fürchteten. Die Schotten waren damals in England durchaus unbeliebt, aber wie sich jetzt fanatische Deutschnationale mit eifrigen Jungczechen als Brüder im Antisemitismus gerührt in die Anne fallen, so fanden sich intolerante Engländer und Schotten im Katholikenhaß zusammen. Die antikatholische Bewegung pflanzte sich von Schottland nach London fort wo sie bald gigantische Dimensionen annahm. Sie fand in der Reichshauptstadt einen leicht aufzuregenden Pöbel, wie ihn jede Großstadt besitzt, und einen zum Führer einer solchen Bewegung geschaffenen Mann vornehmen Standes.

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