Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 6 (5.2.1892)
- Date
- 1892-02-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 6 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 97 aber donnert dasselbe in seiner Sonntagsnummer wieder einmal gegen Rothschild, der angeblich die beiderseitigen Finanzminister für die Valutenregulirung gewonnen hat, um dabei seinen Profit zu machen. Es ist unfaßbar, daß eine solche fortgesetzte Discreditirung dieser großen staatsfinanziellen Operation und damit die Untergrabung des österreichischen Staatscredites noch immer geduldet wird. Oesterreich-Ungarn ist bisher gottlob von den Species der Laurent und Menou verschont geblieben, die Diebstähle unserer Antisemiten beschränken sich vorläufig noch auf etliche Armengelder. Zur Plünderung des Staatsschatzes hat es ihnen aber nur an der Gelegenheit gefehlt. Die Pariser Vorgänge aber beweisen deutlich genug die Berechtigung der Worte Schönerer's, daß die antisemitischen Anticorruptionshelden vom Schlage Vergani's weitaus corrupter sind, als die von ihnen verläumdeten Juden. _ Briefe aus Budapest. Budapest, 31 Jänner. Die Wahlschlachten sind bereits auf allen Hauptlinien geschlagen und nur noch hie und da in einigen entlegenen Winkeln des Landes wird um einige Mandate geplänkelt werden. Binnen Kurzem werden dann die gewählten Landesväter zusammentreten und der neue Reichsrath eröffnet werden. Wie sich dann die Konstellation der drei Hauptparteien gestalten und wer in der Zukunft ungarischer Ministerpräsident sein wird, dies zu besprechen gehört wohl nicht in den Rahmen dieses Blattes, allein bei dem Umstande, daß parallel mit der Wahlbewegung auch die Agitation behufs Rezipierung der jüdischen Religion in Fluß gekommen, richten sich jetzt gewiß die Augen aller unserer Glaubensgenossen mit der Frage nach Ungarn: Welche Hoffnung knüpft die dortige Judenschaft an die Wirkung des zu eröffnenden Abgeordnetenhauses? Daß wir cs gleich von vorne herein sagen: Der Liberalismus ging aus dem letzten Wählkampfe siegreicher und glänzender denn je hervor. Ja, dies war schon eine ausgemachte Sache, noch ehe gar eine Stimme abgegeben wurde, denn aus der Fluth der Programmreden, die sich in den letzten Wochen über die Häupter der Wähler ergoß, schimmerte und glitzerte der Liberalismus in allen möglichen Farben, wie die Strahlen einer Fontaine lumineuse und unter den vielen hundert Abgeordneten-Candidaten gab es kein halbes Dutzend, das nicht die Gleichheit und den Frieden zwischen allen Confessionen als Postulat seiner politischen Ueberzeugung aufgestellt hätte. Mag auch mancher der gewählten Abgeordneten dem Talleyrand'schen Ausspruche huldigen, daß die Sprache dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen. Die stramme Disziplin der Regierungs-, National- und Unabhängigen-Partei wird eine reactionüre Strömung gewiß nicht aufkommen lassen und cs nicht dulden, daß ihre niit so vielem Aplomb und auch proklamatorisch verkündeten liberalen Prinzipien von einzelnen Parteimitgliedern desavouirt werden. In dein von der Nationalpartei kurz vor Beginn der Wahlen erlassenen Manifeste heißt es wörtlich: „Wir wünschen die vollständige Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied der Religion und dieRezipirung aller Confessionen mit allen ihren Conseq uenzen. Ganz im selben Sinne erklärte sich auch die Unabhängiakeitspartei, die die Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bisher noch immer, schon aus Pietät für die Freiheitskämpse hochgehalten. Daß auch die Regierungspartei mit Fug und Recht erwarten kann, daß man an ihrem Liberalismus nicht zweifle, das braucht nach Hinweis auf ihren Namen (Liberale Partei) und in Anbetracht ihrer bisherigen von wahrhaft liberalem Geiste durchwehten legislatorischen Schöpfungen nicht erst bewiesen zu werden. Wir wollen dabei auch noch auf die beiden in diesen Blättern bereits abgedruckten hochbedeutenden Enunziationen unserer Minister vom Unterrichts- und Handelsressort Hinweisen, welche ein glänzendes Zeugniß von der im Ministerium herrschenden edlen und vorurtheilslosen Gesinnung ablegen. Bedenkt man, daß diese goldenen Worte zu einer Zeit gefallen wo hüben die Wellen her jüdischen Bewegung behufs Beseitigung der letzten politischen Scheidewand zwischen den Confessionen sehr hoch gingen, und drüben eine judenfreundliche AeußerungalsVaterlandsverrath und Judenknechtschaff gestempelt wird, so muß man sie besonders bezeichnend finden und wir können der kommenden Reichsrathsperiode mit vollster Beruhigung entgegensehen. Scenen, wie sie in der abgelaufenen Legislaturzeit von dem antisemitischen Häuflein bei jeder Gelegenheit bis zur Widerwärtigkeit aufgeführt, wird es nunmehr zuversichtlich nicht mehr geben, denn eine Antisemitenpartei als solche gibt es in Ungarn nicht mehr. Wie Spreu vor dem Winde, stoben sie vor dem kräftigen Hauche des Liberalismus auseinander und verkrochen sich wie lichtscheues Gervürm vor dem wieder hellstrahlenden confessionellen Frieden. Noch vor fünf Jahren traten 60 Abgeordneten-Candidaten offen mit antisemitischen Programmen auf, hetzten das ruhige Volk gegen die Juden, schürten den Religionshaß und inszenirten Orgien mittelalterlicher^ Judenverfolgungen. Das ganze Preßburger- und Neutraer-Comitat war damals vom Antisemitismus aufgewühlt und das fanatisirte Volk stand in hellem Aufruhr gegen die Behörden. Die Herren Jstözy, Zimündy, Komlüssy und Rath hatten den Schauplatz ihrer volksbeglückenden Thätigkeit nach Ober-Ungarn verlegt und es war ihnen auch gelungen, den schnapsseligen Wählern die Lehren ihrer Theorie einzugießen und durch die Majorität einiger Dutzend beduselter rurd unzurechnungsfähiger Stimmen drei Mandate zu erlangen. Und heute wagte es im 'ganzen großen Lande der Stefanskrone kein einziger Candidat mit antisemitischem Programme aufzutreten. Jstoczy selbst, der die antisemitische Brut auf den Mistbeeten des Malcontentismus aufwuchern ließ, Onody der sich in seiner Tisza Eßlaer Lügen - Blutjauche weiter züchtete und einen Berhovay großzuziehen vermochte — sie mußten sich nach jahrelangem Schlafe der Vergessenheit häuten, um unter anderer Flagge in's Abgeordnetenhaus gelangen zu können. Der Eine schwört jetzt zum Liberalismus, der Andere zur Unabhängigkeitspartei, ein Dritter denkt jetzt irgendwo fern vom Parlament über die Hinfälligkeit des Antisemitismus nach. Welche Wendung durch Gottes Fügung. Wir erlebtm es sogar schon, daß ein Obergespan, ein hochangesehener Aristokrat, bei den jüdischen Wählern eines Bezirkes um ihre Stimme für einen gewesenen antisemitischen Candidaten ansuchte, indem er ihnen betheuerte, daß Hen' Hortovünyi keine antisemitischen Gelüste mehr hege. Daß aber der Antisemitismus bei uns so jämmerlich in die Brüche gegangen, das hat Ungarn seiner ritterlichen und mit der Logik der praktischen Vernunft denkenden, magyarischen Bevölkerung zu verdanken, die es sieht, wie das Land trotz — oder wie unbefangene Arier sagen möchten mit Hilfe — seiner 700.000 jüdischen Bewohner in Handel und Wandel, in Kunst und Wissenschaft immer gewaltiger vorwärts schreitet. Ungarn hat die Gefahr des Antisemitismus noch rechtzeitig erkannt und — wie Baron Kaas, ein hervorragendes Mitglied der Nationalpartei und bedeutender Publieist erst dieser Tage einer jüdischen Deputation sagte — „Diesen widerlichste n Auswuchs der modernen Intoleranz schon zu einer Zeit zurückgedrängt, in welcher andere Staaten und andere Regierungen die dem Staate und der Gesellschaft verderblichen Tendenzen dieser gefährlichen Strömung noch nicht erkannten." Mögen die arischen Schildknappen der junkerlichen „Kreuzzeitung" immerhin ihre Bettelbnefe um Gelder ergehen taffen, mit welchen der bereits erloschene Antisemitismus in Ungarn wieder angefacht werden soll. Ihre kläglichen Tiraden werden selbst bei den „unterdrückten" Deutschen und Slaven keinen Widerhall finden, denn die bittere Erfahrung, die sie bisher mit ihren ihnen goldene Berge versprechenden antisemitischen Vertretern gemacht haben, wird ihnen gewiß die WoUe in den Mund legen: O Herr, schürze mich vor meinen antisemitischen Freunden, vor meinen semitischen Feinden werde ich mich schon selber schützen. Hoffentlich erfahren sie es auch noch, daß ihnen der kommende Reichstag, in dem zehn bereits g e w ä h l t e j ü d i s ch e A b g e o r dnete Sitz und Stimme haben werden, weniger Enttäuschungen