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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-02-05 · 6 (5.2.1892) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
6 (5.2.1892)
Date
1892-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Oestrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 95 Confession. Wir erlebten es ja, daß die Antisemiten im Gemeinderathe gegen die Subvention für die von einem jüdischen Redacteur geschaffene Institution zur Verköstigung armer Schulkinder arbeiteten, und diese Institution kommt doch fast nur christlichen Kindern zu gute. Die Gefühlslosigkeit der Antisemiten selbst gegen ihre engeren Gesinnungsgenossen illustrirt am besten die aus den reichsdeutschrn Zeitungen ersichtliche Thatsache, daß die Sammlungen für die Witwe Perrots, eines Bahnbrechers des Antisemitismus den Betrag von 237 Mark ergeben haben. Gerade wie sie in Wien die Witwe und Waisen des im Jrrenhause verstorbenen Antisemitensührers Bartl in Elend verkommen ließen. Und die deutschen wie die Wiener Antisemiten haben doch genug reiche aristokratische Hintermänner, die Hunderttausende für die Agitation hergeben.' Fürwahr, die Humanität steht wie die Religion weit ab und trauert bei dein Treiben der Antisemiten, die den Namen des Herrn und der Humanitas aus den Rippen führen, aber handeln wie Barbaren. Wenn auch nicht bei Jedem die Heuchelei auf den ersten Blick so drastisch zu erkennen ist, wie in folgendem Falle, den die „Sächsische Dorfzeitung" erzählt: „Nicht weit von dem reizend gelegenen Loschwitz (Sachsen), das mit Blasewitz jetzt durch eine im Bau begriffene Brücke verbunden wird, steht eine stattliche Billa, die einem in Dresden sehr bekannten Pietisten tStündler) gehört. Auf der Vorderfront über dem Hauptportal befindet sich die einladende Inschrift: „Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid" während an dem Außengitter zu lesen ist: „Der Eingang ist verboten, der Hund beißt!" Wenn man sie genauer ansieht, sind sie alle so, wie dieser Ständler in Dresden oder unser Lueger, der vorgibt für die Mühseligen und Beladenen einzustehen und anderseits den Armen noch ärger als ein beißender Hund, den Armen das Beuschel herausreißen will. Armenanstalten, Krankenhäuser, Waisenpftege, Ausstattung armer Bräute, Auslösung der Gefangenen, Leichenbestattuna, Tröstung der Leidtragenden — das sind Erfindungen des jüdischen Geistes. Wenn man aber das Judenthum verachtet, muß man auch alle diese Erfindungen verachten. Kein Gesetzbuch cxistirt noch bis heute, das suMArmenversorgung so ausführlich behandelt, wie die GesetzmMr der Juden, wie Bibel und Talmud, und wenn man diese Gesetzbücher fortwährend verhöhnt, so muß man die Barbarei als das Ideal ansehen. Wer kann also leugnen, datz die Antisemiten um Menschen zu werden, in die Schule des Judenthums gehen müssen? Die Mitschuld der Antisemiten an der Christenhetze in China Ernst Vergani hat nun einmal die bezopften Söhne des hiuunlischen Reiches in sein Herz geschlossen, in dieses große weite Herz, das dem Polenthum wie dem Deutschthum, dem Moskowiter wie dem Chinesen mit gleicher Liebe entgegenfchlägt, das den Gulden, wie den Thaler, den Rubel wie den Fr'anc gleich inbrünstig anbetet. In China genießen die Reptilien göttliche Verehrung, der Drache ist ein geheiligtes Thier, Herr Vergani mag daher raisonniren, daß in einem Lande, wo die Reptilien in so hohem Ansehen stehen, auch das Institut des Reptilienfonds nicht ganz unbekannt sein mag. Anders kännen wir uns den glühenden Eifer, den das „Deutsche Volksblatt" plötzlich für das öffentliche Wohl des Reiches der Mitte und für dessen schlitzäugige Bewohner entwickelt, nicht gut erklären. Vor einer Woche brachte Herr Vergani einen stammenden Entnistrtdgsartikel über die Fremdenhctze in China. Wir haben die innere Verlogenheit und Heuchelei dieses Artikels nachgewiesen, wir haben constatirt, daß Vergani selbst vor Jahresfrist diese Hetze geschürt hat, indem er zur Austreibung der in China ansässigen „Juden" aufforderte. Nachträglich stellte es sich heraus, daß die vermeintlichen Juden Christen seien, die Chinesen aber sahen in den Einen wie in den Anderen nur Fremde und begannen die blutige Ausrottung der Christen. Noch war die Tinte nicht trocken, mit der wir diesen Ursprung der Fremdenverfolgung in China enthüllten, da erschien im „Deutschen Volksblatt" ein neuer Artikel mit der Ueberschrift „Juden in Chin a". Derselbe Vergani, der wenige Tage zuvor Krokodilsthränen über die Verfolgung der in China ansässigen Fremden im Allgemeinen vergossen batte, druckte nun mit Behagen ein antisemitisches Flugblatt ab, in welchem ein Russe namens M y r e s und ein Deutscher namens Mandl der ärgsten Betrügereien gegenüber der chinesischen Regierung beschuldigt und — als '\ uden bezeichnet werden. Herr Vergani ist ein notorischer, gewerbsmäßiger Lügner, das haben wir oft und oft bewiesen. Ein Lügner aber sollte wenigstens ein gutes Gedächtniß haben, und das hat dieser Schwärmer für moskowitische und chinesische Barbarei nicht. Dieselbe Geschichte von den beiden betrügerischen Juden in China hat Vergani schon vor Jahresfrist seinen Lesern aufgetischt. Er hat sich selber abgeschrieben und nachgedruckt, an das Wichtigste aber hat er vergessen, daß er schon vor einem Jahre seine eigenen Lügen widerrufen mußte. Kurz nachdenr das „Deutsche Volksblatt" die ersten Mittheilungen über die anrüchigen Geschäfte des Russen M y r e s und des Deutschen Mandl veröffentlichte, brachte es eine Richtigstellung, in welcher diese beiden dunklen Ehrenmänner feierlich von allen diesen Uebelthaten freigesprochen und — als Chri st e n proklamirt wurden. So lange sie für Juden galten, gab es kein Verbrechen, das ihnen Herr Vergani nicht zugeschrieben hatte. In dem Augenblicke, wo es sich herausstellte, daß sie ebenso gute oder eben so schlechte Christen seien, wie Ernst Vergani, waren sie weiß und unschuldig wie die Lämmer. Die Leser des „Deutschen Volksblatt" haben schon damals über diesen plötzlichen Scenenwechsel herzlich gelacht. Sie werden nun nicht wenig darob belustigt sein, daß das edle Dioskurenpaar, welches Herr Vergani im Vorjahre so glänzend von alleni Judenthum und Verbrecherthum reingewaschen hat, sich heuer wieder in nichtsnutzige „Juden" und Gauner verwandelt hat. Das sind so kleine Hexenstücke, die der wackere Vergani mit derselben Geläufigkeit prakticirt, mit der er seinen Uebergang vom Nationalpolen zum Nationaldeutschen und von diesem zum begeisterten Parteigänger der russischen Knute und des chinesischen Zopfes vollbracht hat. Der gewerbsmäßige Lügner hat sich wieder einmal in seiner eigenen Schlinge gefangen und wir können seine Brandmarkung ruhig dem öffentlichen Urtheil überlassen. Wir haben schon in unserer letzten Nummer betont, daß die Chinesen sich noch nicht ganz zu der stolzen Höhe arischer Cultur und arischer Weltanschauung aufzuschwingen vermocht haben. Die Bewegung gegen die Fremden ist eine nationalreligiöse, wenn man will, auch eine volkswirthschaftliche, aber die tiefsinnige Unterscheidung zwischen arischer und semitischer Abstammung ist ihnen dabei fremd, Herr Vergani hetzt gegen die Juden, die in China nicht vorhanden sind, der chinesische Stöcker aber, namens Schen, hetzt gegen die Fremden überhaupt, d. h. also gegen die Christen, deren es im Reiche der Mitte viele Tausende gibt. Und bezeichnender Weise bedient sich Herr Schen dabei derselben schurkischen Mittel, deren sich die europäischen Antisemiten gegen die Juden bedienen. Die B l u t l ü g e wird auch in China tausendfach variirt, und die Affairen von Tißa-Eßlar und Corfu sind daselbst ins Christliche übersetzt worden. Vor uns liegt ein Bericht über die gegen die chinesischen Christen verübten Grcuelthaten. Er ist gleichfalls dem „Deutschen Volksblatt" entnommen, stammt daher aus einer Quelle, auf die jeder Arier schwören kann, sofern er Herrn Vergani für einen ehrlichen Mann hält. In diesem Berichte heißt es, daß die Tsai-ly-ti oder die Partei der Nationalisten — ungefähr dasselbe, wie unsere deutschnationalen Antisemiten — die Ausrottung der Christen beabsichtigen, von denen sie glauben, daß sie mit den Fremden verbündet seien.

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