Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 6 (5.2.1892)
- Date
- 1892-02-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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>mmr-wm«mMftiwrmng «ST7-S'^S?^r«v.^L0kS> Seile 94 nchte macht er Bekanntschaft niit dem jüdischen Kalender und alle Festesfreude concentrirt sich für ihn darin, daß er über Kalenderbestimmungen und Festgebräuche Aufschluß geben muß, während diese Dinge ihm so ferne stehen, wie Feste in Indien, oder China. Ist hier nun pedantische Strenge wirklich das richtige Mittel, damit die Phantasie der Jugend sich mit den religiösen Erinnerungen befreunde? Soll das Fest des Auszugs aus Egypten, das Fest der Offenbarung auf dem Sinai dem Schüler nur dadurch im Gedächtniß bleiben, daß die Wunder der Vergangenheit chm — ein schlechtes Zeugniß eingetragen haben? Der Religionsunterricht soll die Herzen gewinnen und das unentbehrlichste Wissen kommt von selber, wenn ein lebendiges religiöses Jntereffe vorhanden ist. „Prophete rechts, Prophete links, das Weltkind in de^. Mitten." So schrieb Goethe in jenem Gedichte, welches Lavater und Basedow auf gleichem Fuße behandelt. „Antisemite rechts, Antisemite links, die Religionsstund in der Mitte;" so kann einer unserer jungen Glaubensgenossen dichten, welche in ihrer kleinen Welt die Gegensätze der großen Welt vollkommen kennen lernen. Aus dem Wege zur Schule begegnet ihm bereits der Antisemitismus, er sitzt neben unseren Schüler aus der Schulbank und der Lehrer von seinen erhabenen Sitze aus kann bei allem Streben nach Objektivität, innerste Ueberzeugung nicht ganz verleugnen. Nun kommt zur Erholung gleichsam die Religionsstunde. Hier wird es dem Knaben nicht zum Vorwürfe gemacht, daß er Jude ist." Im Gegentheit, es reden die hohen und lieben Gestalten in der Sprache der Bibel mit chm und trösten ihn über alle Unbill der Gegenwart. Und doch hat der Schüler oft das Gefühl als wäre er vom Regen in die Traufe gekommen. In allen Unterrichtsgegenständen hat er vortreffliche Noten; nur in der Religion erfährt er die Censur, daß sein Wiffen ungenügend sei und zu seinen, seiner Mitschüler und der anderen Lehrer Erstaunen wird chm auch schriftlich bezeugt, daß sein sittliches Betragen kein schulgerechtes gewesen ist. Anderswo findet er nur Lob, in der Sphäre des Religions Unterrichtes nur Tadel. Und der hart bestrafte Schüler ist wirklich nur des Lobes werth. Er ist ein fleißiger, begabter, gut gesitteter Knabe. Er vemachläffigt auch den Religionsunterricht nicht. Er hatte in einem einstündigen Examen und bei einer einzigen Frage die Fähigkeit des ruhigen Ueberlegens verloren. Ein Profeffor hat den braven Schüler auch rechtzeitig gewarnt, er solle sich vor dem Religionslehrer in Acht nehmen. Ist das Wiffen die Hauptsache, das in der Religionsstunde dem Schüler beigebracht werden kann, oder die Religion? Welchen Eindruck soll es auf die Schüler der Religionsstunde machen, wenn der Dircctor sie in Schutz nehmen muß gegen den ungerechten Tadel seines Religionslehrers? Sind die Empfindungen des Schülers denn etwas Gleichgiltigcs? Sind die Anforderungen der Schule denn nicht an sich stark genug, ist es da nicht ein großes Unrecht, wenn man das Kind noch durch eine überflüssige Strenge quält? Nimmt man dmn keine Rücksicht auf die Familie, der die Erziehung des Kindes ohnehin Sorge genug bereitet? Im Namen der Schüler, im Namen der Familie, im Namen des Judenthums und mit Berufung auf die pädagogischen Traditionen des Judenthums muß ich gegen ein solches Verfahren protestiren. Ich will die Motive nicht untersuchen, welche bei einzelnen Religionslehrern vorwalten. Ich will auch nicht vor der Abgrenzung des Unterrichtsstoffes sprechen. Die Reform der Mittelschukn steht ohnehin auf der Tagesordnung; soll man daneben eine Reform der Religionslehrer ventiliren? Zwischen den Lehrer und den Schülern muß ein anderes Verhältniß sich Herstellen als dasjenige welches jetzt Raum zu gewinnen droht. Soll gerade im Leben Derjenigen aus unserer Mitte, welche die Stufen eines höheren Wiffens erklimmen, der Religionsunterricht eine bleibende Erinnerung des Hasses bilden? Paßt es den Religionslehrern die Rolle des „Erlkönigs" zu bekleiden, I so daß der Knabe weinend nach Hause kommt und weinend > ausruft: Alle Lehrer sind mit mir zufrieden; nur „Erlkönig! hat mir ein Leid gethan?" - k Nr. 6 Wo ist Menschlichkeit? Die Menschheit ist ja doch schon so weit vorgeschritten daß man im Allgemeinen das Herz als Maßstab für die Menschenschätzung anerkennt. In der Fähigkeit dss Gebens offenbart sich die innere menschliche Natur! In Nummer 45 vom vorigen Jahrgange der „Oesterr. Wochenschrift" berichteten wir von einenr Heldenstück, dessen sich zwei Brüder, beide Communallehrer in der Leopoldstadt, in einem „Eingesendet" im „Deutschen Nolksblatt" rühmten: „Von einem Armenrath ist uns eine Anzahl von Eintrittskarten zu einer im Earltheater statlsindenden Wohlthätigkeits-Vorstellnng übergeben worden mit der Bitte dieselben zu kaufen oder anderweitig an Mann zu bringen. Diese Vorstellung aber wurde veranstaltet zum Besten derWaisea des II. Bezirkes ohne Unterschied der Eonfession. Ans dieses auf ganz private Weise an uns gestellte Ansuchen anwortcten wir auf ebenso private Weise, daß wir grundsätzlich uns nur an solchen Woh.thätigkeitsakten betheiligen, die ausschließlich unserem christlichem Volke zu Gute kommen." So handeln Lehrer der modernen Schule, deren oberster Grundsatz ist, Menschen zu erziehen, und die daher selbst von der Menschheitsidce beherrscht sein müssen, mithin diejenigen unter den Antisemiten, die noch einige Rücklicht auf ihren Stand wahren müssen; den anderen Antisemiten ist das Verhungern- und Erfrieren lassen der armen jüdischen Waisenkinder gewiß noch zu mildherzig, sie würden dieselben gleich spießen und braten. Und wie handeln Juden gegen arme christliche Kinder? Die „N. F. P." dieses bestverleumdete aller „Judenblätter" brachte am 17. Jänner d. I. den Hilferuf der Lehrerin Wilhelmine Semler in Ottakring für sechs arme christliche Kinder, deren Mutter, eine Witwe Namens Obillsch, im Spitale liegt. In wenigen Tagen liefen an Spenden für dieselben bei der Administration dieses „Judenblattes" fl. 1675°6l und bei der Lehrerin Wilhelmine Semler fl. 4874'73, zusammen fl. 6555 34, so daß die armen 6 christlichen Kinder dem momentanen Elende entrissen und noch einer glücklichen Existenz zugeführt werden. Und wer waren die meisten dieser Spender? Man lese nur die in mehreren Nummern der „N. Fr. Pr." fortlaufende Spendenliste für die sechs armen Kinder,, ob nicht neunzehntel davon Juden sind. Wir wollen nur einige als Proben hervorheben: Eine Sammlung an der Budapester Börse fl. 100; „Ein jüdisches Herz" fl. 20; Sammlung unter reisenden Kaufleuten in Mähr.- Ostrau fl. 11; Ergebniß einer Sammlung in Ungar's Oedenburger Csarda, (Koscher). IX. Bezirk, Grüne Thorgasse fl. 20 50; Ergebniß einer Sammlung unter den Beamten der Credit- Anstalt fl. 40; Gesellschaft des Vereins Union fl. 27; und die Antisemiten, die sich doch auf Namen verstehen, werden gewiß auch an den Spendern: Katy, Stein, Augenfeld, Oser, Schiller, Brody, Freiberg, Kohn, Trebitsch, Rubenstein und vielen Anderen, Juden entdecken. Dasselbe Verhältniß ist in der 36 Folioseiten fahnde Liste der Lehrerin Wilhelmine Semler zu finden. Das Herzerhebendste aber ist, daß der größere Theil der Spenden von Kindern, von jüdischen Kindern für die armen christlichen Kinder einliefen. Die jüdischen Kinder leerten ihre Sparbüchsen für die christlichen Kinder, die jüdischen Kinder sparen sich einige Kreuzer vom Münde ab, für die armen christlichen Kinder-, die ihnen vielleicht „hep! hep!" Nachrufen oder Steine nachwerfen oder gar ein Auge ausstechen, wenn sie zusammen aus der Schule gehen — als ob dem großen Kinderfreunde, der da sagte: „Lasset die Kleinen zu mir kommen," bei seinem Satze: „Liebet, die euch Haffen" das Beispiel dieser jüdischen Kinder vorgeschwebt hätte. Das oben erwähnte saubere Lehrer-Bruderpaar log aber, wenn es in dem von ihm erzählten Heldenstück dem Armenrath sagte, daß cs sich grundsätzlich nur an solchen Wohlthätigkeits- I acten betheilige, die ausschließlich dem christlichen Volke zu!i gute kommen. Wer mit einem solchen „Grundsätze" sich verschanzt, gibt Niemanden etwas, denn die Humanität kennt nur Menschen, ohne Unterschied des Standes, der Rasse, der Oeprn-eichifchr Wochenschrift