Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 6 (5.2.1892)
- Date
- 1892-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. 6. Wien, 5. Februar 1892. IX. Kahr-ang Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. Eigenthümer: Arichsralhs-Abgeordneter vr. Kloch -- R. k. PofisParcssstnaml Clearingverkehr Nr. 81V.S76. AeLartion u. Adminifiratwn: L Wien I, Aolhrnthurmstrahe 39. Inhalt: Leitartikel: Ein Wort für unsere Kinder. — Die Mitschuld der Antisemiten an der Ehristenhetze in Ehina. — Der Antisemitenkrach in Paris. — Briese aus Budapest. — Das Urbild des Prinzen Liechtenstein.— Correspondenzen: Wien, Brünn, Breslau, Brandenburg a. H., Berlin. — Vermischtes: Wien, Prag, Budapest, Podgorze, Fiume, Nordhausen, Neapel, Warschau, New-Aork. — Feuilleton: Politik und Liebe in der Gasse. — Literatur. — Briefkasten. — Wochenkalend^r.— Eingesendet. — Publikationen der Wiener israel. Cultusgemeinde. — Inserate. Ein Wort für unsere Rinder. Ein Brief an den Herausgeber. „Da bin ich. Hoch hinauf. getragen auf das Verdeck Ihrer Redaction, bitte ich Sie, Herr Doctor, mein Packet Beschwerden mit der Flagge zu decken, unter deren Autorität Sie segeln. Sie machen mich aufmerksam, daß der tobende Sturm alle Kräfte in Anspruch nimmt. Die Wellen gehen hoch bis an den Bord des Schiffes und in den Wellen schwimmen plumpe Seeungeheuer. Ich weiß es, man muß sich hinsichtlich der inneren Angelegenheiten die größte Zurückhaltung auferlegen, wenn man nach Außen sich im Kriegszustände befindet. Aber nicht immer darf man diese Regel befolgen. Das Arsenal muß wenigstens in Ordnung sein, für die Vertheidigung muß gesorgt werden und gerade im Kriegszustände ist das die dringlichste Aufgabe. Unsere Jugend ist die Bürgschaft unserer Zukunft. Wir werden namentlich auf jene werthvollen Kräfte nicht Verzicht leisten wollen, welche gestählt in der Schule der Wissenschaft zu allen Lebensaufgaben sich tüchtig erweisen. Der Religionsunterricht in den Mittelschulen ist daher gewiß von einer ganz besonderen Wichtigkeit. Umso berechtigter erscheint aber auch die Forderung, daß der Religionslehrer — ich rede selbstverständlich nur von unseren Religionslehrern — seine Aufgabe begreife und daß der Religionsunterricht -die Knaben und Jünglinge nicht der Religion entfremde. Es muß aufrichtig beklagt werden, daß einige unserer Religionslehrer sich mit einer schweren Verantwortlichkeit belasten, indem durch den Religionsunterricht das Gegentheil dessen erreicht wird, was damit hauptsächlich bezweckt werden soll. Absicht und Resultat bilden aus diese Art einen solch grellen sonderbaren Contrast, daß die Vermuthung sich hervorwagt, der negative Erfolg sei dem Lehrer so unerwünscht nicht. Ein Religionslehrer, welcher ohne die geringste Regung von Liebe den Unterricht leitet, der den Kindern zum Schrecken geworden, dem es Befriedigung gewährt, dem besten Schüler durch eine schlechte, offenkundig ungerechte Fortgangs- oder gar Sittennote das Zeugniß zu verschandeln, ihn in seinem Vorwärtsschreiten zu hindern, oder, wie das auch schon vorgekommen, aus der Schule, ja aus dem Studium hinauszudrängen, — der sollte lieber einen anderen Berus wählen. Von ihrem Unterrichte bleibt nichts übrig, als die Erinnerung an ein überstandenes Martyrium, im Gedächtniß bleibt nichts haften, als das Bild eines feindseligen, übelwollenden, liebeleeren Patrons, welcher „Religion" lehrte. Ohne Liebe, ohne echte, warme Menschenliebe läßt sich Religion weder ü b e n noch lehren. Ich will diesen Religionslehrern eine wahre Geschichte erzählen. Eines schönen Morgens wurden in Frankfurt am Main die Besucher der Synagoge durch den Anblick eines jungen Mannes überrascht, der mit schwärmerischer Andacht die vorgeschriebenen Gebete verrichtete. Dieser junge Mann kam direct aus Neapel, wo er keineswegs in orthodoxen Gewohnheiten erzogen war, und er gehörte jener vom Glücke begünstigten Familie an, welche in der haute finance den berühmtesten Namen besitzt. Dem Lehrer und Führer, dm ihm sein Vater gegeben hatte, wurde das Verdienst zugeschrieben, daß der junge Baron sich für die Religion begeisterte. Der Religionslehrer hat es in seiner Macht, religiöse Gefühle bei der' Jugend zu erwecken. Freilich, wenn der Schüler in dem Religionslehrer nur einen Feind sieht, der aus einen Fehler lauert, um ihn bestrafen zu können, dann wird der Religionsunterricht nur aus Widerstand und Abneigung stoßen. Hat der Schüler dann von seiner Religion nichts Anderes kennen gelernt, als diesen Religionsunterricht und diesen Religionslehrer, dann kann man sich vorstellen, mit welchen Vorsätze,! und Empfindungen er ins Leben tritt. Jean Paul sagt, daß Moses im Punkte der Erziehung das Größte geleistet habe, denn die Juden hätten die Hautfarbe gewechselt (es gibt nämlich in Afrika schwarze Juden), nicht aber den Glauben. Bei uns tritt eine andere Erscheinung zu Tage: Die Schüler lassen sich confessionslos erklären, blos um dem Religionsunterricht zu entgehen. Es sind doch nur zwei Fälle möglich: Entweder der Schüler hat im elterlichen Hause eine ausreichende religiöse Erziehung empfangen, dann ist übermäßige Strenge beim Religionsunterricht gewiß etwas ganz Ueberflüssiges. Oder aber der Schüler ist ausgewachsen, daß Spuren einer religiösen Erziehung an ihm schwer zu entdecken sind, dann hat der Religionslehrer erst recht daraus zu achten, daß der Religionsunterricht nicht zu einer Quelle des religiösen Indifferentismits werde. Ich will, um die Aufgaben des Religionslehrers zu beleuchten, nur ein Beispiel ansühren. Die religiösen Feste bilden bekanntlich ein wesentliches Moment in der religiösen Erziehung. Nun kann es in unseren Tagen Vorkommen, daß ein Schüler im elterlichen Hause von den jüdischen Festen gar nichts erfährt. Die mannigfachen freudigen Erinnerungen, die anziehenden Bilder, die sich an die verschiedenen Feste knüpfen, sind für ihn überhaupt nicht vorhanden. Erst beim Religionsunter-