Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 5 (29.1.1892)
- Date
- 1892-01-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 84 Wrstrrrrtrhisthr brachte eine Notiz, die in wörtlicher Uebersetzung nachstehendes enchält: Ein Kindesmord aus rituellen Beweggründen? Zn Preußen erweckt große Beunruhigung die dkrchricht von der Ermordung des Joachim Hagmann, welche That die dortigen Zeitschriften dem jüdischen Schächter B uschofs zuschreiben, der auch verhaftet aber wieder freigelassen wurde. Des Volkes Stimme bezeichnete den Juden Buschoff als Tbäter. Es besteht der Verdacht, daß ein Angehöriger jener Rasse, deren 700.000 Seelen sich der Gastfreundschaft Deutschlands erfteuen, das Kind zu jüdisch-rituellen Zwecken ermordet hat. Das Wohlwollen gegen das Judenthum, welches in unseren Beamtenkreisen sich schon längst eingenistet hat, darf nicht so weit reichen, daß die allgemeine Forderung nach Aufklärung dieses Vorfalles überhört werden könnte — das ist eine sehr verständliche Sprache." In einem Schreiben an die Redaction des „Cech" wurde der Verwunderung Ausdruck verliehen, daß diese Notiz von einem Blatte veröffentlicht wurde, das vorgibt, religiösen Interessen zu dienen, nachdem mehrere päpstliche Bullen die Fabel von rituellen Morden als eine Erfindung hinstellen, nachdem erwiesenermaßen diese Fabel von den heidnischen Römern den ersten Christen zuerst angedichtet wurde und selbe neuester Zeit in China zu den Christenverfolgungen führte. Die Veröffentlichung dieser Notiz müsse umsomehr Wunder nehmen, da Zeit und Ort des angeblichen Mordes nicht angegeben sind, daß denselben nicht nachgeforscht werden kann, nachdem die Angabe, es sei in Preußen geschehen, ein viel zu allgemeiner Begriff ist. — Die Redaction des ,,Cech" erfüllte wohl nicht den Wunsch des betreffenden Briefschreibers, auch die Widerlegung zu veröffentlichen, sondern schrieb in die Correspondenz der Redaction: Herrn . . . m P. „Die betreffende Noüz entnahmen wir der Berliner „Germania" und haben sie nicht als absolut wahr ausgegeben, indem wir unsem Zweifel an derselben durch das Fragezeichen an dem Titel zum Ausdrucke brachten." Diese Antwort wirft ein klares Licht ans die Kampfesweise solcher clericaler Organe. Die Redaction hegt Zweifel an der Wahrheit einer Mittheilung, veröffentlicht sie aber doch, sie hat sich ja salvirt, indem sie dem Titel ein „Fragezeichen" beifügte. Sollte ihr diese Ausrede von antisemitischer Seite verdacht werden, so wird sie wieder darauf Hinweisen, daß sie zur Noüz der „Germania" die eigenen Worte beifügte „das ist eine sehr verständliche Sprache". — Durch ein solches Vorgehen hat sich die Zeitschrift „Cech" aus einem Niveau mit Herrn Huschek von der « „Ceske Zäjen“ gestellt. Dieser Herr veröffentlicht in der Nummer vorn 15. Jänner die Lüge von den Stanislauer Bäckern, trotzdem Herr Dr. Uhl als Präses des Vereines gegen den Antisemitismus diese Nachricht durch das Schreiben des Stanislauer Bürgermeisters schon viel früher demcntirt hatte. Gibt es denn kein Mittel gegen dieses Strauchritterthum? ■ Gelten für uns Juden nicht die Staatsgrundgcsetze? Dürfen solche allarmirende Nachrichten verbreitet werden, ohne daß die muth- und böswilligen Verbreiter solcher Nachrichten nach dem Gesetze gestraft werden) Es wäre schon die höchste Zeit, daß gegen die Verbreiter solch' unwahrer Gemchte energisch eingeschritten wird. J. 8. Kraus. Horazdowitz, In der verflossenen Woche wurde der Landesgerichtsadjuncr I. U. Dr. Ferdinand Unger, unser Glaubensgenosse, zum Rathssecretär des k. k. Krcisgerichtes Tabor ernannt. Dr. Ferdinand Unger ist in Oberroczov (Ober- Roczov^ in Böhmen als Sohn des dortigen Stadt- und Herrschaftsarztes geboren. Er absolvirte das Kleinseitner Staatsgymnasium zu Prag mit Auszeichnung und wurde nach Ablesung der juridischen Staatsprüfungen und Erlangung des Docrorgrades zum k. k. Auskultanten in Prag ernannt. Er avancirte bald zum Adjuncten und war in dieser Eigenschaft bemr k. k. Bezirksgerichte zu Rakonitz drrrch mehrere Jahre thästg. Hierauf wurde er zum k. k. Landesgerichte nach Prag versetzt, wo er durch eine erkleckliche Reche von Jahren in vorzüglicher Weise wirkte. Er gilt als ausgezeichneter Jurist, pflichtgelreuer Beamter und liebenswürdiger College. Zu Nr. 5 bemerken wäre noch, daß Herr Dr. Unger gegenwärtig der älteste israel. Adjunct (in Cisleithanien) war. Sambor, den 16. Januar 1892. Der Thatkraft des um die hiesige Stadt so hochverdienten Herrn Nehemias Ranunkel ist es gelungen, die hochherzigen Stiftungen des sel. Osias Gotthelst der für seine Glaubensgenossen so warm fühlte und ihre Bedürfnisse so richtig erkannt, zum wahren Segen seiner jüdischen Mitbürger zu machen. Das von ihm ins Leben gerufene Spital der Osias Gotthelf'schen Stiftung ist eine wahrhafte Musteranstalt, so daß die Juden, die ursprünglich gegen dieses Spital waren, jetzt auf dieses Institut stolz sind. Selbst die christliche Bevölkerung sieht dasselbe als Musteranstalt an und nennt es jetzt — statt des früheren verächtlichen „Judenspital" — „Israelitisches Spital." Auch die von Herrn Ranunkel eingerichtete Handelsschule der obgenannten Stiftung hatte anfangs, vielfach mißverstanden, große Anfeindungen zu erleiden; allein Herr Ranunkel verfolgte unentwegt das ihm von bcm Testator vorgezeichnete humanitäre Ziel und schuf eine Anstalt, die die Heranwachsende Jilgend dereinst in die Lage versetzen soll ihr Auskommen auf andere Weise zu finden, als dies bis jetzt der Fall war. Wie ablehnend die Bevölkerung sich gegenüber der Eröffnung der Schule verhielt, beweist schon der Umstand, daß am 12. October v. I. sich noch kein Schüler gemeldet Halle, während der Einschreibungstermin mit den 15. ablief. Es kostete viele Anstrengungen, um 18 Schüler zusammenzubringen. Ein ebenso trauriges Bild bot die Ausnahmsprüfung. Von 17jährigen, selbst den besseren Ständen ungehörigen Burschen konnte man nicht einmal die Elemente der Orthographie, geschweige denn die der Grammatik verlangen, Auch im Rechnen gieng das Wissen über das Addircn und Subtrahiren kaum hinaus. Die erste Arbeit des Lehrer mußte sich aber hauptsächlich aus die Beibringung einiger Manierlichkeit und auf Weckung des Reintichkeitsunb Ordnungssinnes erstrecken. Der Fortschritt der in der kurzen Zeit erzielt wurde ist ein wahrhaft erstaunlicher. Die Schüler gewöhnten sich rasch an die Disciplin und strenge Ordnung. Auch in den Unterrichtsgegenständen ist der Erfolg ein bedeutender. Die wichtigste Errungenschaft aber ist, daß die Bevölkerung sich für die Schule zu interessiren beginnt. Die Schüler schaffen sich bereits die nöthigen Schulreguisiten an, was sie früher unterließen, da ihnen von den Eltern das Geld zu diesem Zwecke verweigert wurde. Viele junge Leute haben sich schon für das nächste Jahr vormerken lassen. Diese Erfolge sind wohl der beste Lohn für uneigennütziges Wirken; auch die Anerkennung der Bevölkerung wird nicht ausbleiben. Ein verdienstvolles Werk wird es auch sein, ivenn, ivie ich vernehme, seitens der Baron Hirsch-Stiftung in Anlehnung au die genannte Handelsschule die Errichtung eines Abendcurses für die vielen jüdischen, ganz ungebildeten Handwerkslehrlinge geplant wird. Herr Ranunkel, der Obmann des Local-Comites der Baron Hirsch-Stiftung in Sambor soll bereits die nöthigen Schritte gemacht haben, doch scheint derselbe leider auch hier mit Schwierigkeiten kämpfen zu müssen, da der Sache nrerkwürdigerweise selbst in Lemberg Hindernisse bereitet, die hoffentlich bald überwunden sein werden. Frankfurt a. M. (Wie man Antisemit wird.) Ein hiesiges Bankhaus empfing kürzlich folgende Postkarte: Basel, den 20. Deccmber 1891. Besten Dank für die jeweilige Zusendung Ihres Berichts. Bitte ihn nicht mehr zu senden. Besaß schon längere Zeit 4 St. schweiz. Wechsel- und Effectenbank Basel Und da solche seit Monaten immer fielen, ftagte jeweilen die Bank an und hieß es behalten, da solche wieder besser werden, bis ich gestern solche 670 Franken, statt wie bezahlt 565 an der Börse abgab. Hermann Weiß als Präsident des Verwaltungs-