Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 5 (29.1.1892)
- Date
- 1892-01-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 5 Orstrrrrichifchr Wochenschrift. Seüc 81 licht wurde und einen Uebcrschuß von 22 Millionen Gulden ergab, „Wenn Oesterreich so fortwirthschastet — soll Baron Rothschild geäußert haben — so können wir bald unsere Bündel schnüren und übers große Salzwasser gehen. Es gibt für uns hier nichts mehr zu verdienen und wir laufen noch Gefahr, daß man uns auch die geborgten Anlehen zurückzahlt. Dem muß vorgebeugt werden, Oesterreich muß wieder Schulden machen." Und wie Rothschild sagte, wird es auch geschehen! Zur Valutaregulirung brauchen wir Geld, viel Geld. Zuerst eine große Goldanleihe von 450 Millionen Gulden, um die in Cireulation befindlichen 370 Millionen Gulden Staatsnoten einzulösen und der „Oesterr.-ungar. Bank" das Darlehen von 84 Millionen Gulden zurückzuzahlen. Dann muß die Zettelbank ihren Silberschatz verkaufen und dafür Gold an schaffen." Und derlei Lügen werden nicht nur ersonnen, sondern auch geglaubt. Wilhelm Marr's Bekenntnisse. Wilhelm Marr ist der Patriarch, des deutschen Antisemitismus, aus seiner Feder kamen die ersten aufreizendsten Flugblätter und er ist auch jahrelanger Mitarbeiter der Wiener antisemitischen Schandpresse. Nun hat der vormalige Chefredacteur des antisemitischen „Leipziger Tagesanzeiger" eine Brochüre publicirt. „Ein Jahr im Centrum der deutsch-socialen Partei", welche über die antisemitische Lumpenbande erbauliche Mittheilungen enthält, dazu auch einige charakteristische Stellen aus Briefen von Wilhelm Marr. Wir wollen sie hier wiedergebcn - „Im klebrigen, nachdem wir von luiec und lioe geplaudert haben, lassen sie mich in Ruhe mit der „Judensrage". Der moderne Antisemitismus — reeteFabrikg e schästsschwindel-Antisemitismus ist für mich „gegenstandslos" geworden. Er belügr stch selbst, um andere zu belügen und zu beschwindeln. Cr bläht sich auf, wie der Frosch in der Fabel und wird wie dieser platzen. Sei ihm die Erde so schwer als möglich, daß er sobald nicht wieder aufsteben kann. Mit rechtschaffenem deutsch-antisemitischem Gruß W. Man-. Hamburg, im Juli 1801. „Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie habe ich mehr Erz s ch e lm e n b a n d e gesunden als unter den heutigen Geschäfts- Antisemiten. Das aber dürfen sie privatim erklären, daß ich nach 30 jährigem Judenkrieg inich mit Cckel bis zum Erbrechen abwende von dem ganzen heutigen Geschäftsschwindel-Antisemitismus. Ich werde diese Behauptung nicht widen-usen." „Sie verlangten vielleicht einen Httngerlohn für Ihre Arbeiten. Und damit darf man den modernen Geschäfts-Antisemiten nicht kommen." „Das einzige, was mich wirklich ärgert, ist, daß Leute, wie Fritsch, von geistiger Begabung und einen prächtigen Styl schreibend, in meinen Augen immer mehr als schlaue „Trödelkram" -Antisemiten erscheinen müssen, die in der Praxis den Juden noch 10 Doublüd vorgeben könnten." 237 Mark. Aus den deutschen Zeitungen ersehen wir, daß die Sammlungen für die Wittwe Perrot's den fürstlichen Betrag von 237 Mark ergeben haben. Perrot war einer der Bahnbrecher des Antisemitismus, die „Antisemitische Correspondenz" Hatz ihm auch einen schönen Nachruf gewidmet — aber in Geldsachen hört die Gemächlichkeit auf, wie der Arier Hansemann gesagt hat. Dabei fehlt es doch gerade der- „Kreuzzeitung" und ihren Freunden nicht an Geld. Es ist noch nicht lange her, daß iie für 150.000 Mark das „Deutsche Tageblatt" gekauft l at — lediglich um es aus Parteitaklik eingehen zu lassen. Kurz darauf war die „Kreuzzeitung" im Stande, ein Haus für nahezu 3/4 Millionen Mark zu erwerben. Auch ihren antisemitischen Freunden stehen große Geldmittel zur Verfügung; ihre Agitation kostet jährlich viele Zehntausende von Mark. Aberwenn einer tobt ist, so kaun er nicht mehr agitiren. Und da die Frauen ebenfalls nicht agitiren können, so muß die Witlwe eigentlich noch sehr dankbar sein, daß man ganze 237 Mark für sie gesammelt bat. Antisemitische Sittlichkeit. Das Pariser- Zuchtpolizeigericht hat vorige Woche wegen schweren V e r g eh e n s g e g e n d i e öffentliche Sittlichkeit ein Snbject namens de E h irac zu sün szehn Mona ten Gefängnis; verurtheilt. Die gesammte Presse der Welt hat über diesen Skandal berichtet. Das Vergehen bestand, wie bekannt sein dürfte, in einer Vorstellung, die vor drei Wochen in einem Winteliheater der Rue Rochechouart, genannt „Theütrk Räatiste", vor einem angeblich geladenen, in Wirklichkeit zahlenden Publikum < in welchem Frauen vorherrschten.') stattfand, und in welcher aus der Bühne eine Liebcsscene in unverhülltester Wahrheit aufgesührr wurde. Dieser Chirac, obschon erst 22 Jahre alt, hat bereits eine Vergangenheit. Er begann seine öffentliche Laufbahn als Verfasser antisemitischer Schriften von einer Heftigkeit, gegen die gehalten, A. Drumont's T emperamenrzahin und s a n s t erscheint. Trotz seiner tollwüthigeir Uebertreibnngen machte er mit seinem Eleschimpf kein Geld und so verfiel er auf ben Gedanken jener Schaustellung, die ihm seine Verurtheilung eingebracht hat. Er wollte „den Grundsatz des Realismus,die Naturwahrb eit, in unerschrockener Folgerichtigkeit anwenden" der lose Schäcker! Er verlangte als „suchender und strebender Schriftsteller, als überzeugter Jünger eurer bestimmten literarischen Schule, nicht als unsittlicher Speculam" behandelt zu werden. Diese Phrasen verfingen aber bei den Richtern nicht. Der Staatsanwalt sagte ihm, daß er ihn als einen Menschen ansehe, der mit denselben Mitteln Geld machen wolle, wie die Besitzer öffentlicher Häuser, und die Richter bewiesen durch ihr Urtheil, daß sie diese Altschauungen theil en. Diese Strafsache bat eine weit größere Bedeutung, .als die einer beiklen Pariser Tagesneuigkeit. Sie bezeichnet offenbar einen Wendepunkt. Die öfientlichen Gewalten haben endlich gesunden, daß man es nicht länger gleichgiltig mit ansehen dürfe, wie die übelriechende iKftjauche der Fäulniß-Literatur und Verwesungskunst immer höher steigt, immer weitere Gebiete bedeckt und das ganze französische Volksleben zu überschwemmeir droht. Diese Verquickung von Antisemitismus und Pornographie, wie sie bei Herrn de Ehirac zum Ausdruck kommt, steht nicht vereinzelt da. Das in Fürrh erscheinende Antisemitenblatt cultivirt in bohem Grade das pornographische Gebiet; das gleiche galt vorr dem Theaierbtatte „Avollo", welches vor Jahren der antisemitische Agitator Eunow in Berlin herausgab. Für uns selbst bat dieser Act abstoßendster Entartung irur wieder die Erkenntnis; gebracht, daß diese Prediger von Sitten und Sittlichkeit, diese begeisterten Vorkämpfer aus allen Gebieten der öffentlichen Moral, die alles und jedes nur judenrein machen wollen, nichts Arideres sind, als die Pfleger einer Eloaken-Literatur, vor der man selbst irr Frankreich voir Granelr erfüllt wird. (fchrre?jponäen^en. Wien. (Die S ch neid er rec lame d es „Deutsch e n D o l k sb l a t t".) Am Tage, der dem Jupiter und dem alten deutschen Gott Thor geweiht ist, am 21. Jänrier,