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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-29 · 5 (29.1.1892) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Ce tle 80 Orsterrekchischr WochenfchrM Nr. 5 Staatskirche". Als „Vertreter des Kaisers" mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet, ist der Oberprocureur - der Heiligen Synode, das einzige weltliche Mitglied dieser aus den Metropoliten von Nowgorod-Petersburg, von Moskau-Kolomea und von Kiew und aus neun zeitweise berufenen Bischöfen und ObergeisLchen bestehenden höchsten Kirchenbchörde des Reiches. Kein Beschluß derselben tritt ohne vorgangige Zustimmung des Oberprocureurs in Kraft, der in wichtigen Fällen die Entscheidung des Kaisers einhott und unmittelbar an denselben berichtet. Unter seiner Aufsicht und Leitung stehen die kirchlichen Lehranstalten, Akademien und Seminarien, orthodoxen Bekenntnisses; direct von chm ressortiren die Kanzleien der Eparochial-Consistorien. Er ist Mitglied des Ministercomitäs und deS Reichsraches, steht den Ministern im Range gleich und muß in jeder, das Interesse der Staatskirche berührenden Ar^elegenheit votgängig gchört werden. Neuerlich scheint es chm auch zu gelingen, die Oberaufsicht über die Schulen und Gotteshäuser der anderen Confessionen in die Hand zu bekommen. Die Wichtigkeit dieses von Peter dem Großen geschaffenen Amtes ist zu allen Zeiten eine bedeutende gewesen, am bedeutendsten ist sie aber unter dem jetzigen Regime geworden. Als einstiger Lchrer des gegenwärtigen Czaren besitzt Pobedonoßzew dessen ganzes Vertrauen, das er dazu gebraucht, um sein Vaterland vollständig von der „westlichen" Cultur zu entfernen und Rußland in die halbasiatische Barbarei zurückzuschleudern. Dabei dient chm'seine Bildung — er ist als Zurist und und Rechtsgelehrter heraufgekommen und als solcher Lehrer Alexanders IlL gewesen —' nur als Aufputz seiner gerade gegen die Bildung gerichteten brutalen Kämpfe und Wühlereien. Mt ruhiger pedantischer kalter Strenge unter Zuhülfenahme einer juristischen Sophistik, die den Schein der Gewaltthätigkeit nach Möglichkeit vermeidet und dabei Jnteipretationskünste spiäen läßt, die den uttheilslosen russischen Massen und der gesinnungslosen Presse wohl imponiren, vollführt er seine Heldentaten. Sein Werk sind die Verfolgungen der Katholiken und der Unirten in Polen, Kleinrußland und Lithauen; sein Werk ist die Auchebung der Ordre vom Jahre 1664, durch welche Alexander II. die Consesston der in den baltischen Provinzen aus gemischten Ehen Entsprossenen fteigegebcn hatte; sein Werk ist die unerhörte Bedrückung der Juden und Protestanten; sein Werk ist der moraüsche und materielle Ruin, welcher Tausende und Abertausende im heiligen Rußland bedroht. Dabei ist er so ehrüch, so fromm, führt er immer Gott und die Bannherzigkett im Munde, und oft ist er Einsiedler in besonders httligm Klöstem, um frommen Uebungen und tieffinniger Andacht sich ungestört widmen zu können. So ist Constanttn Petwwüsch Pobedonoßzew, Oberprocureur der Heiligen Synode' Minister im Lande der Willkür. Lesteru. Ein Nachspiel zur Iudenhetze in Korfu. Vor den Assisen von Pattas haben soeben zwei Procefso gegen die Helden der korfiotischen Judenhetze stattgefunden, ung zwar deshaÜ in Pattas und nicht in Korfu, weil die Stimmunauf der letztgenannten Insel, wo die antisemitische Partei Tri cupis dominirt, noch immer nicht völlig ruhig geworden ist- Der erste der beiden für die trikupistisch-antisemittsche Partei geradezu vernichtenden Processe bettaf die am 13. Mai erfolgte meuchlerische Ermordung zweier jüdischer Arbeiter. Als der Anstiftung zum Made verdächtig hatte der Staatsanwalt die reichen Brüder Damiri, einflußreiche Oelhändler, verhaften lassen; die eigentlichen Mörder aber, darunter der frühere Galeeren-Sträfling und spatere Antisemit Stini, waren, dank dem Geld und dem Einflüsse chrer Auftraggeber, iu's Ausland entwischt und zwar soll ihre Flucht von gewissen griechischen Firmen in Alexandria begünstigt worden sein, um zu verhindern, daß dre Werkzeuge der Antisemitenpartei vor Gericht reden und vielleicht noch weit höher gestellte Leute als die Brüder Damir compromittiren könnten. Der als Belastungszeuge vernommene Corfiotische Untersuchungsrichter F a r s i brandmarkte denn auch mit höchster Entrüstung die Vorfälle vonCorfu, die ihren Ursprung allein in politischen und commerziellen Interessen gehabt hätten. Man habe nämlich durch Aufstachelung der niedrigen Volksleidenschaften die Juden zur Auswanderung zwingen wollen, um sich so um billiges Geld in den Besitz ihrer Habe zu setzen. Was den angeblichen Ritualmord betteffe, so handle es sich um eine infame Lüge, denn es sei heute erwiesen, daß die ermordete Rubina Sarda ein Judenkind war. Der famosen Corfiotischen Polizei wies der Untersuchungsrichter nach, daß sie, statt den Brand zu dämpfen, absichtlich Oel in's Feuer gegossen, die Excesse zu bestimmten egoistischen Zwecken ausgenutzt und die Justiz durch freche Lüge irre geführt hat, — eine Darlegung die vom Staatsanwalt Apostolides mit den Worten bestätigt wurde: „Die Corfiotische Polizei habe, wie es scheine, aus lauter Spitzbuben und Verräthern des Vaterlandes bestanden." Auch der in der Folge vernommene Vice-Jnspector der Polizei vonCorfu, Maritza, erklärte auf das Bestimmteste, Rubina Sarda sei Jüdin und der Ritualmord eine einfältigeTendenzlüge gewesen; was indessen die Polizei betteffe, so könne man ihn nicht für die Machinationen seiner Vorgesetzten verantwortlich machen. Da sich die Zeugen vielfach in Widersprüche verwickelten und namentlich die Polizeiagenten offene Lügen vorbrachten, so wurde der Proceß bis Mai vertagt. Im zweiten Proceß, der dem ersten auf dem Fuße folgte, handette es sich um den Mordversuch, den zwei griechische Fanatiker, Nicandro und Balambacco, an der Jüdin Misan begangen hatten. Die letztere war, als sie Hilfe suchend nach der Polizei eilen wollte, unterwegs ohne jeden Grund von den beiden Antisemiten mehrmals an geschossen und schwer verwundet worden. Auch in diesem Processe zeigte sich der Staatsanwalt Apostolides durchaus seiner schwierigen Mission gewachsen; er erklärte die Antisemiten für Feinde der Verfassung, da in Griechenland jeder Confession volle Toleranz gewährleistet sei, verurtheilte von Neuem das schnöde Treiben der Hetzer von Korfu und ihrer Hintermänner und verlangte für die beiden Angeklagten das h ö ch st e S t r a f m a ß von 12 bezw. 10 Jahren Zuchthaus. Ein Antrag, dem das Gericht sofort vollständig entsprach. Der zwar etwas spät, aber doch nicht allzu spät gekonlmene Gerechtigkeitsact gereicht den Geschworenen von Pattas, die nicht, wie die Corfioten, von engherzigen und egoistischen Absichten erfüllt sind, zur Ehre. Zu wünschen ist nur, daß auch die Regierung auf die Zustände in Corfu ferner ein wachsames Auge haben möge; denn die Insel ist, was nnn auch sagen möge, noch keineswegs vollständig pacificirt. So konnten sich beispielsweise bei den letzten Gemeinderaths- und Bürgermeister-Wahlen die durchweg zur Partei De ly annis gehörigen Juden noch immer nicht aus dem Ghetto hervor und zur Wahlurne wagen, weil sie in diesem Falle sicherlich das Opfer neuer Pöbelexcesse geworden wären, ein Zustand der den tricupistischen Candidaten natürlich zu Statten kam und ihren Sieg in der Stadtverwaltung bestimmte. Von einer definitiven Wiederherstellung der Ordnung auf Korfu sprechen zu wollen, wäre dämm kaum etwas Anderes als Optimismus. Vom Antisemitenmarkk. In den „Politischen Fragmenten" Nr. 4 vom 25. Jänner lassen die Anttsemiten über den Zweck und die Ursache der Valutaregulttung Nachstehendes verbreiten: „Es soll der haute finance Seufzer abgerungen haben, als letzthin der Staatsrechnungs-Ausweis pro 1890 veröffent-

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