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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1892-01-29 · 5 (29.1.1892) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
9 (1892)
Issue
5 (29.1.1892)
Date
1892-01-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Orstrrrrichischr WvchrnschrM Sette 79 Nr. L sitzende der heiligen Synode in einem ganz guten Lichte, erfüllt von Wohlwollen für die Juden — allerdings hat das Ding einen hinterlistigen Haken — für die Juden, welche sich taufen wollen. Diese Sehnsucht Pobedonoßzews ist nicht neu. Schon vor einiger Zeit sagte er einmal öffentlich: „Es gibt eine friedlich: Lösung der Judenfrage. Alle Juden sollen sich einfach taufen, sie sollen griechisch-orthodox werden und ich bin überzeugt, daß dies zu ihrem und auch zu unserenl Bortheil sein wird. Die Juden sollen sich taufen und mit dem russischen Volk vermischen. Die Juden sind ein Volk vor höchster Intelligenz, die Russen haben Kraft und Bildungsfähigkeit. Wohl werden die ersten Generationen, welche aus dieser Mischung entstehen werden, noch nicht recht taugen. Das Schlechte, das dem Judenthum anhaftet, kann hier noch nicht ausgrrottet sein. Allein die jüdische Intelligenz, verbunden mit der russischen Kraft und Bildunzsfähigkeit, wird siegen über alle jüdischen Unarten, die den Nachkommen dieser Mischlinge noch im Blut stecken würden — und die spateren russisch-jüdischen Generationen werden jenes Volk bilden, welches die Welt zu beherrschen bestimmt ist ..." Es ist leider traurige Wahrheit, daß diese Worte Pobedonoßzews vielen Anklang auch bei Juden gefunden und Tausende sich verleiten ließen zur Taufe. Ob ihnen die vom Herrn Vorsitzenden,der heiligen Sanode vorgespiegelte Glückseligkeit je zutheil werden wird — das ist eine Frage, die wohl noch unsere Ur-ur-Eakel nicht entschnden werden können. Heute wissen wir nur das eine, daß es selbst den Getauften nicht weniger schlecht geht im heiligen Reich: des Czaren, als den Ungetauften. Daß für die letzteren noch lange nicht das Ende ihrer Leiden heranrückt, zeigt eine andere authentische Aeußerung Pobedonoßzews. Kürzlich trat derselbe vor den Czaren Alexander Alexandrowitsch mit der schlichten Frage: „O Herr, willst Du, daß die russische Rasse, welche 50 Millionen zählt, besteh? oder herrsche, oder soll den 4 Millionen Juden die Führerrolle in unserem Lande Zufällen?" Natürlich eutschied sich Alexander, der Rechtgläubige, für die russische Rasse. Da entgegnete Constantkn Petrowitsch Pobedonoßzew: „Dann, Majestät, vertreibe die Juden völlig. Denn die Juden sind ein Volk von Parasiten. Sie zehren am Mark unseres geliebten großen russischen Volkes, sie verderben unsere einfachen Sitten, sie ruiniren unseren Wohlstand." Und der Czar lobte den weisen Oberprocurateur der heiligen Synode für seinen heiligen Eifer und seine selbstlose Wachsamkeit über das Wohl des russischen Volkes und gab ihm unbeschränkte Vormacht zu thun nach seinem Herzen, Gewissen und Verstand. Wie Constantin Petrowitsch seine Vollmacht zu benutzen weiß, das werden schon die nächsten Zeiten von Neuem traurig lehren. Eines geht aus den beiden Aeußerungen Pobedonoßzews hervor. Consequenz ist nicht seine Stärke. Einmal nennt er die Juden ein Volk von Parasiten, den Verderber der russischen Nation, ein andermal wünscht er ihre Vermischung mit den Rechtgläubigen. Solcher Widersprüche ist Pobedonoßzews ganzes Wesen unb Leben voll. Er lügt und fälscht, wie er kann — und er kann viel. Ich bin mir bewußt, was ich hier sage und will es beweisen; nicht nur in Bezug auf die Juden hält Constantin Petrowitsch es für inöglich, mit Lügen und Fälschungen "zu kommen, er schleudert solche der ganzen Welt in's Gesicht. In einer Schrift, in welcher er die Superiorität der russischen Nation über alle anderen Völker der Welt „beweisen" möchte, behauptet er mit großartiger Unverfrorenheit, daß Rußland es gewesen, welches Europa vor dem Eindrang der Mongolen gerettet habe!!! Als ob nicht jedes Kind wüßte, daß die Wahlstatt von Liegnitz^ der Berg Holstein bei Olmütz und all' die anderen Orte, wo die Mongolen auf's Haupt geschlagen wurden, nicht in Rußland Liegen! Selbst die nationalsten Raffen haben nie solche Behauptungen aufzustellen gewagt. Im Gegentheil zeigt selbst die russische Geschichte, daß die Russen nur mit wenigen Ausnahmen den Mongolen Widerstand zu l-isten gewagt. Feigheit und Verrath herrschten im Lande der Russen, als die Mongolen einbrachen. Me hielt Rußland „in Erfüllung einer göttlichen Miffion Wacht zwischen zwei Welttheilen". Sieht sich ja selbst der große russische nationale Denker Tschadajew zu den beschämenden Geständniß gezwungen: „Wir Raffen gehören zu den Nationen, welche keinen nothwendigen Theil der Menschheit zu bilden scheinen, welche nur da sind, damit die Welt sich an ihnen eine große abschreckende Lehre nehme. . ." Wis sagst du dazu heiliger Constantin Petrowitsch? Einmal sagt Pobedonoßzew: Alle Juden sollen sich taufen — ein andermal erläßt er einen Nkas, daß kein Jude getauft werden solle, der dies aus materiellen Gründen thut. Und doch versucht Pobedonoßzew alle Mittel, selbst die verwerflichsten, um die Juden Rußlands entweder zu ruiniren, oder griechischorthodox zu machen. Er vernichtet ihre Existenz, um diese zu retten, tauft man sich — geschieht das aus materiellem Grunde? Es kommt eben dem Vorsitzenden der heiligen Synode niemals auf Wahrheit oder Consequenz an, sondern nur darauf, alljährlich dem Czaren „günstige Erfolge" vermelden zu können. Jüngst gestattete sich der Kaiser die schüchterne Frage, ob denn die „Bekehrten" für den orthodoxen Glauben gehörig vorbereitet werden." Und Constantin Petrowitsch antwortete: „Jeder, der zunr griechischen Bekenntniß bekehrt wird, erhält durch sechs Monate Unterricht in allen Glaubenslehren, hat dann eine dreitägige öffentlich' Prüfung zu bestehen, und dann erst nimmt man ihn in den Schooß der griechischen Kirche auf." Ich aber sage, im Namen von Tausenden und Tausenden: Constantin Petrowitsch, Du lügst!" Nicht Vorbereitung führt in Rußland zum russischen Glauben, sondern Pomp, materielle Verheißungen bei den Gescheiteren, Weihrauch und Schnaps bei den Niederen, sind deine Helfershelfer für die Taufe!" Die Agitatoren des Oüerprocureurs siegen im Zeichen des Schnapses, nicht im Zeichen des Kreuzes. Sie zahlen den „Heiden" Schnaps, soviel sie mögen und wenn die so Gekaperten aus schwerem Rausch erwachen, sehen sie an ihrem Halse das orthodox-griechische Kreuz baumeln, zum Zeichen, daß sie während ihrer Bewußtlosigkeit zum „Kaiserglauben" bekehrt worden! Nicht nur den Juden geht es so, sondern auch den Katholiken und Lucheranern. Der vollkommen glaubwürdige evangelische Pfarrer Lööralt aus Estland hat in einer Schrift („Baltenhetze", bei Duncker und Humblot) vor Kurzem klargelegt, daß es den zu Bekehrenden beim Bekenntnißwechsel fast nie gesagt wird, welcher Unterschied zwischen den Religionen besteht. Man redet ihnen ausdrücklich ein, daß es sich gar nicht um einen Bekenntnißwechsel handelt, sondern zwingt sie den „Kaiser- und Reichs- Glauben" anzunehmen, um der Vortheile theilhästig zu werden, welche der Kaiser angeblich Allen schenU, die sich zu ihm bekennen, die sich ihm opfern." Selbst von äußeren Formen, welche die russische Kirche doch sonst stark betont, werden die Neubekehrten, besonders die Armen, auf dem Lande entbunden, so vom Fasten. „Ihr armen Leute hungert ja genug", sagen mit erheucheltem Mitgefühl die Popen. „Die Popen!" Wenn die Bekehrer nur immer Popen wären. Oft aber sind, wie Lööralt wenigstens in Bezug auf Estland versichert, abgefeimte Schurken und in besseren Fällen gewöhnliche Handwerker, die weder zu lesen noch zu schreiben verstehen, diejenigen, welche Neubekehrungen vollziehen — im Namen Gottes, im Namen des Czaren, im Namen der Heiligen Synode!! Was sagst du nun, edler Constantin Petrowitsch? Merkwürdig ist, daß man dem edlen Manne äußerlich sein inquisitorisches Wesen gar nicht ansieht. Er macht mit seiner spitzen Nase, den scharfen, von Brillengläsern beschützten Augen, mit der feinen blassen, von spärlichen grauen Haaren eingefaßten Stirn und dem glattrasirten Kinne den Eindruck eines alten Gelehrten, dcr ganz seinen Studien lebt. Im buchstäblichen Sinn des Wortes lebt Constantin Petrowitsch seinem Amte als Oberprocureur der Heiligen Synode, was er zur Schande unseres Jahrhunderts seit elf Jahren ist. Der Vorsitzende der Heiligen Synode ist übrigens nicht — wie gewöhnlich irrig angenommen wird — eine blos kirchliche Persönlichkeit, sondern ein ganz selbstständiger Minister, etwa „Cultusminister für die

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