Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 5 (29.1.1892)
- Date
- 1892-01-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 78 Orsterreichifche Wochenschrift Nr. 5 so oft die öffentliche Aufmecksamkeit gefesselt, daß wir nur aus Rücksicht für unsere Leser die ganze Liste dieser illustern Gauner nicht wiederholen. Allein es kommen immer neue Fakten dazu. Die Directoren der Baseler „Allgemeinen Creditbank" Wüst und Kling sind durchgebrannt. Beide speculirten. Einer Drahtnachricht zufolge sind die Ausreißer in Ostende verhasst worden. — Aus Zürich wird berichtet: „Gegen den durchgebrannten Bankier Walker von hier, welcher des betrügerischen Bankerottes in bedeutendem UmMge beschuldigt ist, wurde Berhastsbesehl erlassen." Die Directoren dä Züricher Bankvereines haben demissionirt. Sie wurden wahrscheinlich dazu gezwungen. Das Geschäftslokal der Baseler „Allgemeinen Creditbank" wird polizeilich bewacht. Die Auftegung in Basel ist groß. Ueb?r den Umfang d:s Deficits fehlen genaue Angaben. Erst jetzt wird in weiteren Kreisen bekannt, daß Wüst, der durchzebrannte Director der Allgemeinen Creditbank, vor einer Anzahl Jahren wegen verschiedener Vergehen zu Basel und Luzern Gefängnißstrafen abgeseffen hat. Man glaubt, das Actiencapital der Berner Bodencreditanstatt, welche Geschäfte mit der Baseler Creditbank machte, sei vollständig ruinirt. Auch die Directoren der Bank in Winterchur wurden verhaftet. Es sind die angesehensten arischen Bürger. Auch der Fall des Pastors Müller-Goldenstedt steht noch immer im Brennpunkt des allgemeinen Interesses und noch immer neue Schwindeleien kommen an den Tag. Eine Verwandte des Müller, eine Witwe, hatte ihm ihr ganzes Vermögen übergeben, nachdem er sich erboten, dasselbe bei einem Bankier der größeren Sicherheit wegen zu deponiren, er ncchm aber das Geld einfach mit nach Hause. Auf die später erfolgte Frage der Witwe, wo er das Geld deponirt habe und wann sie die Zinsen haben könnte, gab er ihr so viel Zinsen, die er jetzt dafür erzielt zu haben vorgab, daß sie, was sie sonst nicht vermochte, mit ihrer Tochter eine Badereise unternchmm konnte. Nach seiner Verhaftung suchte ihn ein Neffe der Witwe im Gefängniß auf, um chn wegen dieses Geldes zu befragen. Er gab einfach zur Antwort: „Ja, das ist auch weg!" Ebenso hat er das Vermögen seiner alten Tante, ferner das seiner beiden Schwestern verpraßt, die dadurch ganz in die Armuch getrieben sind. Eine arine Frau aus Goldenstedt, weühe nach Amerika ausgewandert ist, soll, ihnr vor chrer Abreise 3000 Mari in Verwahrung gegeben haben, daß er.ihr dasselbe im December v. I. nachschicke, auch das Geld ist verschwunden. Ueber 100 arme Knechte und Mägde aus seiner Gegend haben ihm ihre sauer erworbenen Sparpfennige anvertraut. Auch werden noch einige eclatante Fälle bekannt, wie raffinirt er bei seinen Schwindeleien bei den hiesigen Bankgeschäften zu Werke gegangen ist. Er kam zu einem hiesigen Bankier, um 75.000 Mark zu erheben, welche ihm jedoch nicht ohne genügende Bürgschaft ausgehändigt werden sollten. Er ftagt, ob eine Bürgschaft von 40.000 Mk., welche gerne von einem chm befreundeten Pastor in Großenkneten, welcher als recht wohlhabend gilt, übernommen werden würde, genüge, und als die Bürgschaft für ausreichend erklärt wurde, schrieb er in Gegenwart des Bankinhabers an seinen Freund, schloß den Brief und steckte ihn vor den Augen desselben in den Briefkasten des nach dort fahrenden Zuges. Dann stieg Müller in denselben Zug, um angeblich vorläufig nach Hause zu fahren — er mußte auch thatsächlich den Zug benutzen — aber in Großenkneten angekommen, steigt er aus, geht zur Post, um den Brief zurückzufordern, weil, wie er angiebt, die Sache, um welche es sich in dem Brief handle, bereits ihre Erledigung gefunden hatte. Der Brief wird ihm auch ausgehändigt, well er sich auf der Rückseite desselben als Absender angegeben hatte. Dann schreibt er selbst eine gefälschte Antwort mit der gewünschten Uebernahme der Bürgschaft seitens des Pastors in Großenkneten und schickt dieselbe von dort aus an den hiesigen Banker. Wie er nun am anderen Tage sich hier wieder einfinddt, wird ihm das Geld anstandslos ausbezahtt. — Zum Schluffe möge noch ein Brief, den M. im Gefängniß geschrieben hat, hier Erwähnung finden. In demselben heißt es: „Ich habe nicht „die Stirn gehabt", den Oberkirchenrath zu bitten, für Frau und Kinder zu sorge t, sondern eines der Mitglieder des Oöerkirchenraths. Warum darf ich denn nicht Jemand bitten, ftlr Frau und Kinder git sorgen? Sind die denn unwürdig? Sind es nicht die bedauernswerthesten Menschen, die man sich denken kann? Meine Person mag Abscheu ei-regen, aber was kann ich jetzt noch thun, als für die Meinigen bei den Menschen bitten?" So gibt selbst der Stöcker'sche „Reichsbote" jetzt anläßlich der Schwindeleien des Oldenburger Pastors Müller ein ganzes Sündenregister oldenburgischer Pastoren zum Besten. Er läßt sich aus dem frommen Ländchen schreiben: „Dem Dämon unserer Zeit, der Genußsucht, verbunden mit dem Hange groß zu thun und über seine Verhältnisse zu leben, sind in den letzten Jahren in dem kleinen Großherzogthum Oldenburg drei Geistliche zum Opfer gefallen, indem sie, um diesen Hang befriedigen zu können, sich unrechtmäßiger Weise in den Besitz ihnen nicht zugehörigen Geldes setzten. Der eine von ihnen, Namens Holm, der schon sehr jung eine reich dotitte Stelle im östlichen Holstein erhalten hatte, stellte sich, von Gewissensbissen gettieben, selbst dem Gericht und büßt nun seine Strafe im Gefängniß zu Mechten ab, der andere W e l l h a u s e n, wie Holm ein Holsteiner von Geburt, wurde seines Amtes entsetzt und weilt, wie wir hoffen, reuig und gebessert in Amerika. Beide wurden durch das üppige Leben der reichen Bauern ihrer Gemeinden in Versuchung geführt. Dergleichen Versuchungen war Pastor Wilhelm Müller von Goldenstedt nicht ausgesetzt. Er war der Seelsorger einer kleinen Gemeinde im Münsterland, die sich mit schweren Opfern der Landeskirche selbständig gemacht hatte; das Leben in dortiger Gegend ist einfach und billig." Und nun folgt die Schilderung von dem bodenlosen Aufwand, den der neueste geistliche Schwindler des. Ländchens Oldenburg trieb. Also nur das üppige Leben der oldenburgischen Bauern hat diese geistlichen Herren zum Betrug verleitet. Gott sei Dank, daß die Bauern keine Juden sind, die doch sonst füralle Sünden verantwortlich gemacht werden. Bei dem neuesten Prachtexemplar dieser Gattung von Geistlichen trifft dies nun schon nicht zu," da derselbe in einereinfachen Gegend lebte, das gesteht aber der „Reichsbote" selbst ein; jener Grund ist aber durchaus nicht richtig. Erstens kommen auch außerhalb der reichen Bauerngegenden fortlaufend geistliche Scandale vor. In diesen Tagen lesen wir er-st zwei aus Thüringen, von denen der eine lautete: „Am Mittwoch Abend ist in Gotha, wie das dortige „Tageblatt" meldet, der Pfarrer von Tüngeda, Namens Rüge, der sich dort zum Besuch aufgehalten hatte, hinter Schloß und Riegel gebracht worden, weil er im Verdacht steht, ein Dienstmädchen aus seinem Ort zum Meineid verleitet zu haben." Vermuthlich dreht es sich hier um die Zahlung von Alimenten und einem Sittlichkeitsscandälchen nebenbei, zu dessen Vertuschung dem frommen Herrn die Verleitung zum falschen Anruf des Namens seines Gottes gerade recht war. Also die Fäulniß im Stande der Geistlichen bricht überall hervor, auch wo diese nicht mitten unter „üppigen Bauern" leben. Wir könnten diese Beispiele noch um das Doppelte vermehren, wenn wir uns die antisemitischen Zeitungen zum Muster nehmen wollten. Wir könnten auch einen Vergleich anstellen zwischen diesen Geistlichen und den Rabbinern, deren es in Deutschland etwa 300 gibt und ftagen: Wo hat jemals ein Rabbiirer existirt, — die doch wahrlich mit wenigen Ausnahmen keine fette Pfründe haben — der anvertraute Gelder unterschlagen oder derartige Betrügereien verübt hätte? Kehre jeder vor eigener Thür! Const. Pekrowiksch PobedonoUew. In der jüngsten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" berichret eine Londoner Corresponden; über eine von Pobedonoßzew zu dem bekannten Finanzmanne Poljakoff gemachte Aeußernng über die Juden. Hier erscheint der Vor-